Die mit dem Hai putzt
von Andreas Nowotny
Links nähert sich ein Sandtigerhai, von rechts ein
Stachelrochen. Da schießt von hinten an Ammenhai heran und
schwimmt knapp einen Meter über der Taucherin. Diver Jen sieht
nach vorne, holt einmal tief Luft und gibt das OK-Zeichen. 40 Kinder
und Erwachsene antworten ihr, indem sie das OK-Zeichen erwidern. "Hallo
und willkommen zur Tauchshow im Newport Aquarium", begrüßt
Diver Jen die Zuschauer im Theatersaal hinter der Plexiglasscheibe.
Newport Aquarium
Das Gebiet um Cincinnati in Amerikas mittlerem Westen ist nicht
unbedingt ein Eldorado für Taucher, hunderte Kilometer von der
nächsten Küste entfernt, die Distanz zu den Great Lakes im
Norden fast ebenso weit und die nächsten betauchbaren Seen
mindestens eine Autostunde weit weg. Eine Attraktion aber gibt es
für Taucher, das Aquarium von Newport in Kentucky gegenüber
der Downtown von Cincinnati, am Ufer des Ohio Rivers.
1990 begann die Planung des Aquariums, geboren aus der Vision von 5
örtlichen Geschäftsmännern, die ihr Interesse an UW
Flora und Fauna mit ihren Mitbürgern teilen wollten. Es dauerte 7
Jahre bis zur Grundsteinlegung, dann aber nur noch 18 Monate, bis das
Aquarium schließlich am 15. Mai 1999 seine Pforten öffnete.
Der Rundgang führt durch Flusslandschaften aus aller Welt, durch
Ausstellungen über bizarre Lebewesen, wie farbwechselnde
pazifische Oktopusse, durch die überschwemmten Wälder des
Amazonas bis hin zu einem Korallenriff mit tropischen Fischen.
Höhepunkt ist der Haifischtunnel, ein Plexiglastunnel durch das
Haifischbecken, eine tolle Gelegenheit um Haie, Rochen und
Schildkröten trocken aus nächster Nähe zu beobachten.
Die Besonderheit dabei ist, dass die Tunnel, im Gegensatz zu den
meisten anderen Tunneln dieser Art, nahtlos in einem Stück gebaut
sind, so dass der Blick in das Becken nicht durch die Nähte, wo
die Teile zusammengesetzt wurden, gestört wird.
Freiwillig unter Haie?
Die Tunnel sind wirklich erstklassig, zum Teil ist man drüber
und drunter, links und rechts von Wasser umgeben, ganz so als
schwämme man mit den Haien. Leider ist es halt nur ein "als ob" -
zwischen dem Besucher und dem Hai ist nicht nur Wasser, sondern auch
Plexiglas und Luft. Wäre es nicht toll, einmal richtig in einem
Haifischbecken unterzutauchen? Für Taucher aus dem Großraum
Cincinnati bietet sich die Möglichkeit im Newport Aquarium!
Ein großes Aquarium wie dieses kann nicht funktionieren, ohne
dass eine große Menge an Ehrenamtlichen bei der täglichen
Arbeit hilft. Newport Aquarium bietet zwei Möglichkeiten als
freiwilliger Helfer zu arbeiten: Als "Dry Volunteer", ist es ihre
Aufgabe dafür zu sorgen, dass die Gäste einen angenehmen und
informativen Aufenthalt im Aquarium haben. Teil dieser Aufgabe ist es,
Fragen zu beantworten, auf besondere Exemplare hinzuweisen und das
freundliche Gesicht des Aquariums zu sein.
Die zweite und für uns natürlich besonders interessante
Gruppe besteht aus den "Wet Volunteers". Als ausgebildete und besonders
trainierte Taucher kümmern sie sich hinter den Kulissen und in den
Becken um alles, was innerhalb der drei großen Becken passiert.
Jennifer Rehberger, die Tauchkoordinatorin dieser Helfer,
erläuterte mir Entstehung Entwicklung und Aufgaben dieses
Programms.
Das Ehrenamtlichenprogramm
Während der Bauzeit des Aquariums wurde überlegt, wie das
Ehrenamtlichenprogramm aufgesetzt werden sollte. Während dies in
den meisten anderen Aquarien intern geschieht, beschloss man, die
Organisation der Helfer an die Cincinnati Tauchfirma Scuba Unlimited
zu outsourcen. Man konnte dadurch auf das Know-how einer etablierten
Firma zugreifen, die das benötigte Equipment warten kann und
Erfahrungen in der UW-Wartung mitbringt. Zusätzlich ins Boot
geholt wurde die Firma Mares, die die Organisation mit Equipment
unterstützt und deren Vertreter vor Ort auch ein "Wet Volunteer"
ist.
Wie wird man ein nasser Helfer?
Jennifer Rehberger gibt auf diese Frage lachend die Antwort: "Mit
viel Glück, denn im Moment gibt es eine Liste mit ca. 100
Anwärtern!" Die Attraktivität der taucherischen
Tätigkeit in einem solchen Aquarium zeigte sich bereits am Anfang
des Projekts, als sich über 500 Bewerber meldeten. Ein weiterer
Indikator dafür ist, dass die Fluktuation sehr gering ist. Von den
35 Helfern die seit Anfang an bis heute dabei sind, sind 29 "Wet
Volunteers", etwas mehr als ein Viertel der derzeit beschäftigten
Taucher. "Das Schöne ist auch, dass unsere Taucher keine homogene
Gruppe bilden, sondern aus Menschen fast jeden Alters und aus
verschiedenen Lebensbereichen besteht.", antwortet Jen auf die Frage
nach dem "typischen" Helfer. "In unserer Organisation finden sich
Hausfrauen und Mütter, Manager, Lehrer, Air Traffic Controller und
anderes Personal des nahe gelegenen Flughafens, Studenten und Rentner,
alle im Alter zwischen 18 und 75 Jahren. Momentan gibt es mehr
männliche als weibliche Mitglieder, aber das ändert sich
langsam."
Die formalen Voraussetzungen für eine erste Bewerbung sind
nicht besonders hoch, man muss über 18 Jahre alt sein, braucht
Advanced Open Water und die Bescheinigung über einen HLW und einen
Erste Hilfe Kurs.
Anschließend folgt eine schriftliche Prüfung zur
Tauchtheorie, die auch Fragen zur UW Flora und Fauna mit
einschließt. Dann kommt ein praktischer Teil, der
hauptsächlich eine Tarierungsprüfung ist. Wer so weit
gekommen ist, wird noch einmal interviewt, um zu sehen, ob der Kandidat
auch in das bestehende Team passt.
Die Ausbildung
Hat man es geschafft, in den Kreis der "Wet Volunteers" aufgenommen
zu werden, wird man jedoch nicht sofort ins Haifischbecken gelassen,
sondern muss erst eine speziell auf dieses Aquarium abgestimmte
Ausbildung durchlaufen. Das dafür notwendige Trainingsprogramm
wurde intern entwickelt und im Laufe eines Jahres stetig verfeinert. In
der Anfangsphase, ehe die ersten Freiwilligen ausgewählt wurden,
fuhren die Ausbildungsleiter auch zu anderen Aquarien, um zu sehen, wie
dort entsprechende Programme gehandhabt werden und um sich Anregungen
zu holen. Über die Jahre hat sich diese Ausbildung als sehr
effizient herausgestellt und alle Anforderungen erfüllt, die daran
gestellt wurden, so dass die Verantwortlichen mehr als zufrieden sind.
Das Programm besteht aus einem Theorieteil mit selbst erstelltem
Handbuch und Video, einer Beobachtungsphase und praktischen
Tauchübungen. Wie man sich vorstellen kann, sind in einer so
fragilen Umgebung wie diesen großen Becken die praktischen
Tauchfähigkeiten, insbesondere exzellente Tarierung,
unerlässlich. Daher verwundert es nicht, dass exakte Tarierung
sowohl bei der Erstauswahl, in Form eines zu durchtauchenden
Hindernisparcours, als auch bei der Ausbildung eine große Rolle
spielt. Ein anderer Bereich des Trainings ist der Umgang mit den
Lebewesen im Aquarium, nicht nur den schwimmenden Exponaten, sondern
auch mit den zahlenden Gästen. Die Wet Volunteers müssen auch
außerhalb des Wassers den Besuchern Auskunft über die
Bewohner des Aquariums geben können und sollen auch - im Gegensatz
zu vielen anderen Aquarien - mit den Besuchern in Interaktion treten,
wenn sie sich in den Becken aufhalten.
Ist die Arbeit denn das Vergnügen?
Hört sich bis jetzt alles ganz toll an? Ist es auch!
Darüber darf man aber nicht vergessen, dass die freiwilligen
Helfer eine wichtige Rolle im täglichen Betrieb des Aquariums
spielen. "Von unseren Ehrenamtlichen wird erwartet, dass sie mindestens
einmal monatlich 4-5 Stunden dem Aquarium widmen," erklärt Jen
Rehberger, "obwohl die meisten Taucher mehr Zeit investieren."
Ein typischer Tag?
Nachdem sich die Ehrenamtliche zu Arbeitsbeginn an einem Computer
mit ihrem persönlichen Code einchecken, können sie am
Nachrichtenbrett nachsehen, was es für allgemeine Nachrichten gibt
und ob es an diesem Tag Besonderheiten gibt, die erledigt oder beachtet
werden müssen. "Obwohl es natürlich viele Routinearbeiten
gibt, gibt es nicht wirklich den typischen Tag mit immer gleichen
Arbeiten, unsere Helfer machen das, was gerade anfällt." Ein
typischer und regelmäßig zu erledigender Job ist die
Herstellung des Fischfutters. So attraktiv sich die Tätigkeit
eines "Wet Volunteers" anhört, in diesem Fall besteht sie u.a. aus
dem Zerkleinern von Fischköpfen. Im Zubreitungsraum liegen
für jedes der Einzelaquarien die Anweisungen aus, die bestimmen
wie viel Futter welcher Art hergestellt werden muss. Nach getaner
Arbeit wird das Futter bis zur Verwendung in einem Kühlraum
zwischengelagert. Aber auch das eigentliche Füttern der Fische
wird von den Helfern erledigt.
Neben Füttern ist Reinigen eine der Hauptaufgaben. Wer zu Hause
ein kleines Aquarium hat, kann sich vorstellen, wie viel Mühe
notwendig ist, um die vielen Tanks unterschiedlichster Größe
in sauberem Zustand zu halten. Pflanzen zu säubern, die
Plexiglastunnel perfekt durchsichtig zu halten und den Böden zu
staubsaugen, bzw. zu hydro-reinigen, sind daher regelmäßige
Tätigkeiten für die Helfer. Dabei umfasst der
Zuständigkeitsbereich die Hai-, Korallenriff-, Kelpwälder-
und Amazonasbecken.
Arbeit, Sport und Spiel
Neben diesen eher manuellen Tätigkeiten gibt es auch noch den
Bereich Edutainment. Die Taucher sollen die Besucher unterhalten und
ihnen Wissen über die Tier- und Pflanzenwelt vermitteln. Dies
geschieht zum größten Teil durch die in der Einleitung
angesprochene Tauchshow. In einem Kinosaal nehmen die Zuschauer Platz
und eine Moderatorin erklärt ihnen die Taucherzeichensprache und
bringt ihnen das große OK Zeichen bei. Dann hebt sich die
Kinoleinwand und man hat durch eine riesige Plexiglasscheibe freie
Sicht auf das große Haibecken. Im Sand vor der Scheibe kniet ein
Taucher mit Vollgesichtsmaske und Mikrophon, dahinter kniet der
Sicherungstaucher. Nachdem Taucher und Publikum das OK-Zeichen
ausgetauscht haben, erklärt der Taucher kurz, was es alles zu
sehen gibt, gefolgt von einer Fragerunde. Während der Taucher die
Fragen beantwortet und die Haie gemächlich ihre Runden über
den Köpfen der Taucher ziehen, kann es schon mal sein, dass das
Publikum (in diesem Fall der Autor des Artikels) Zeuge wird, wie der
Sicherungstaucher eine zu aufdringliche Schildkröte abwehren muss!
Später, wenn das Publikum im Plexiglastunnel Taucher sieht,
tauschen besonders jüngere Kinder begeistert das OK Zeichen mit
ihnen aus, und man kann sich vorstellen, dass hier vielleicht der
Grundstein für zukünftige Taucherkarrieren gelegt wird.
Um den Zuschauern dieser Shows, die es seit knapp einem Jahr gibt
und die mit großem Erfolg bereits an 4 Tagen der Woche laufen,
oder auch sonst erschöpfend Rede und Antwort stehen zu
können, muss man sich natürlich sehr gut auskennen. Daher ist
die Ausbildung nach Absolvieren des Trainingsprogramms nicht
abgeschlossen, sondern wird kontinuierlich weiter betrieben. Teil der
täglichen Arbeit ist auch eine Beobachtungsstunde. Die Helfer
studieren bei jedes Mal detailliert ein anderes Tier, so dass sie sich
mit der Zeit ein profundes Wissen über alle Tiere im Aquarium
aneignen, das sie dann an die Besucher weitergeben können.
Teil dieses Weiterbildungskonzeptes ist auch das Programm zum
Taucheraustausch mit anderen Aquarien. Taucher bekommen dadurch nicht
nur die Möglichkeit, auch andere Aquarien in Amerika besser kennen
zu lernen, sondern durch einen Einblick in andere Freiwilligenprogramme
ihren Horizont und durch kennen lernen andere Fische ihr Wissen zu
erweitern.
Mehr als nur ein Ehrenamt?
Zum Schluss fragte ich Jen noch, was die Leute bewegen würde,
ihre Freizeit dem Aquarium zur Verfügung zu stellen (mal abgesehen
von dem Thrill im Haifischbecken tauchen zu dürfen). "Taucherisch
ist hier rund um Cincinnati nicht so viel los, die ersten Baggerseen,
in denen man tauchen kann, sind mindestens eine Autostunde entfernt.
Viele unserer Mitglieder sehen die Zeit im Aquarium daher auch als
Ausgleich zu ihren Jobs und nutzen sie, um einfach mal wieder tauchen
zu gehen und sich zu entspannen. Besonders morgens, ehe das Aquarium
für Besucher offen ist, ist es für einige Mitglieder eine
tolle Gelegenheit, um einfach einmal abzutauchen!" Und was geben die
Leute als Hauptmotivation an? "Ich denke," sagt Jenny nach kurzem
Überlegen, "die meisten würden angeben, dass das Beste an
ihrem Job ist Besucher, besonders auch Kinder zum Staunen und Lachen zu
bringen." Trifft das auch auf sie zu? "Ja, natürlich, aber der
größte Kick für mich," gesteht Jen, "ist es neue
Taucher in unser Programm aufzunehmen und zu sehen, wie sie völlig
in diesem Job aufgehen!"
Wer sich in der Gegend von Newport oder Cincinnati befindet, dem
kann ich nur empfehlen, das Aquarium zu besuchen. Einen ersten Eindruck
erhält man auf der Website des Aquarium
Newport. Die Volunteer Divers werden unterstützt von Scuba Unlimited
und koordiniert von Jennifer Rehberger, bei der ich mich für das
ausführliche Gespräch bedanke.
© 2004 Text & Bilder von
Andreas Nowotny |