Ich erinnere mich noch gut an jenen Vormittag auf den
Malediven: Plötzlich stürzte eine junge Frau im Bikini in die
Tauchbasis, auf der ich meinen Dienst tat. Sie hatte starke Schmerzen
und ihr war schwindelig. Ihr rechter Arm sah aus, als wäre sie
gerade ausgepeitscht worden. Die Haut war gerötet und mit etwa
einem Dutzend dunkelvioletter Striemen übersät, die langsam
aber sicher anschwollen. Beim Schwimmen in der Lagune sei es passiert,
berichtete sie.
Vernesselungen von Schwimmern und Schnorchlern sind in
tropischen Meeren an der Tagesordnung.
Hier der Arm eines Opfers nach 3 Tagen. Das Nesseltier konnte nicht
identifiziert werden. (Südpazifik)
Im Apothekenschränkchen fand ich eine Pinzette,
mit der ich vorsichtig eine lange transparente Schleimspur entfernen
konnte. Diese Methode entfernt zunächst einmal die meisten
Killerzellen, die noch in den Tentakeln auf ihren Abschuss warten. Auf
keinen Fall sollte man an den verletzten Stellen kratzen und reiben –
auch nicht mit nassem Sand: Diese Technik führt garantiert zu
einer weiteren Entladung intakter Nesselzellen.
Die Patientin war noch nicht einmal vollständig versorgt, da flog
die Tür schon wieder auf! Ein zweites Opfer mit ähnlichen
Symptomen stürmte in den Behandlungsraum. Während ich nach
Kreislauftropfen und Lidocain-Salbe (ein Schmerzmittel) und
Insektenstichsalbe suchte, überlegte ich, wer wohl für diesen
Angriff in Frage käme, denn von der Art des Nesseltiers hängt
die weitere Erste Hilfe entscheidend ab!
Berüchtigt sind vor allem die schnellen, fischfressenden
Würfelquallen („Seewespen“). Wenn sie schwärmen, sorgen sie
im Australischen Flachwasser jedes Jahr für schreckliche
Verbrennungen und Herzstillstände. An den Stränden findet man
in regelmäßigen Abständen Kanister mit 5%-Essigwasser,
das es großzügig über die betroffene Extremität zu
giessen gilt. Seewespen und ihre Verwandten haben zwar das
stärkste Nesselgift im Tierreich, kommen auf den Malediven aber
nur sehr selten vor. So kam als Täter fast nur noch einer in
Frage: die „Portugiesische Galeere“ (Physalia physalis). Dieses
staatenbildende Wesen segelt mit Hilfe einer gasgefüllten Blase
oft in großen Gruppen an der Oberfläche warmer und
gemäßigter Meere. Immer wieder gelangen sie durch
unvorhersehbare Ström... In diesem Moment flog die Tür zum
dritten mal auf! Hassan, ein Hotelangestellter, berichtete freundlich
lächelnd, daß auf der gesamten Windseite der Insel kleine
durchsichtige „Plastiktütchen“ im Wasser schwömmen. Jetzt war
es soweit: der Angriff der Portugiesischen Armada! Wir mussten alle
Leute so schnell wie möglich aus dem Wasser bekommen und den
Strand sperren!
Ich flitzte an den Tatort. In der Lagune schaukelten
tatsächlich die silbrig bis blau-violetten Schwimmblasen der
Portugiesischen Galeeren. Bis zu 30 cm Länge und 10 cm Breite
können sie erreichen, waren aber in meinem Fall mit fünf
Zentimetern eher winzig. Wahrscheinlich eine verwandte,
kleinwüchsigere Art. Trotzdem war Vorsicht geboten. Als ich
versuchte, ein Exemplar an Land zu bugsieren, blieb ein Tentakelfaden
an meinem Finger hängen. Der Kontaktschmerz war so stark, als
hätte ich in eine brennende Steckdose gefaßt!
Eine Portugiesische Galeere (Physalia spec.) am Strand.
Foto: Martin Vavrinek
Die Portugiesische Galeere ist ein Gemeinschaftswesen, das viel
enger
mit seßhaften Feuerkorallen verwandt ist als mit
herkömmlichen Quallen. Der Gründungspolyp des treibenden
Tierstaates liegt dabei waagrecht unter der gasgefüllten Blase. An
ihm hängen spezialisierte Einzeltiere wie Nährpolypen,
Geschlechtsträger und Fangfäden. Durch Sprossung entsteht ein
dichtes, fast bartähnliches Gewirr, in dem alle Individuen
miteinander in Verbindung stehen. Deutlich ragen aus diesem Stock die
nesselzellentragenden Fangfäden heraus. Bei den größten
Portugiesischen Galeeren können die kontraktilen, fast
unsichtbaren Tentakel eine Länge von sage und schreibe 30 Metern
erreichen! Die Bio-Treibnetze der Ozeane!
Ein Exemplar der im Text beschriebenen Physalia-Art
- im Zahnputzglas
Die zellulären Wunderwaffen, mit denen die zarten
Tentakel der Portugiesischen Galeere größeres Zooplankton
und selbst Fische erbeuten (Touristen gehören seit der Kreidezeit
nicht mehr zum natürlichen Nahrungsspektrum von Staatsquallen),
zeichnen fast alle Nesseltiere aus: Tausende von Mini-Sprengkapseln,
jede nur 0,05 mm groß, für die ein Zellfortsatz an der
Oberfläche als Zünder dient. Wird er ausgelöst, steigt
der Druck in der Nesselzelle schlagartig auf 150 bar an, und der Deckel
der Kapsel springt auf. Ein zusammengesetztes Stilett rast heraus,
durchschlägt die Körperwand der Beute und klappt als
Enterhaken aus. Sofort wird ein hohler Faden mit einem
mörderischen Giftcocktail nachgeschleudert. Bis dahin vergehen nur
drei Tausendstel Sekunden. Die Geschwindigkeit des Auswurfs wächst
in der letzten Millisekunde von 0 auf über 1400 km/h an. Die
Explosion der Nesselkapsel ist mit ihrer 40.000fachen Erdbeschleunigung
der schnellste Vorgang, der jemals in der belebten Welt gemessen wurde!
Die Explosion einer Nesselzelle innerhalb von 5 Millissekunden
nach Reizung ist eine bio-technische Meisterleistung
Nachdem Lagune und Strand von den kleinen Biestern gereinigt waren,
konnten wir am späten Nachmittag eine vorläufige Entwarnung
geben. An der Bar zeigten wir Nesselopfer uns immer wieder unsere
Wunden, diskutierten die variablen Erste-Hilfe-Empfehlungen, die durch
die Taucher-Literatur geisterten, und nach der Applikation von zwei
oder drei Bierchen (innerlich) brannte und juckte alles schon nicht
mehr so schlimm ...
Nachwort: Eine erfolgreiche Erste Hilfe bei Nesselverletzungen erfolgt am
besten art-abhängig, d.h. der oder die Übeltäter
müssen identifiziert werden.
5%-Essigsäure oder Haushaltsessig ist bei Verbrennungen durch
Seewespen das Mittel der Wahl. Essig hilft weiter bei Blessuren durch
Seemoos (Hydroiden) und Seeanemonen. Das Begießen von Physalia-Nesselzellen
mit Essig hat dagegen einen kontraproduktiven Effekt. Die Kapseln
platzen zu Abertausenden auf und verbrennen das Opfer noch mehr.
Gleiches gilt für Essig + die vergleichsweise harmlosen
Feuerquallen, die an der Nord- und Ostsee heimisch sind. Hier
tötet es die Nesselzellen, wenn man Backpulver als Paste
gerührt aufzubringt, die Masse etwas aushärten lässt und
dann vorsichtig mit einer Plastikkarte o.ä. abkratzt; neuerdings
verwendet die DLRG in ähnlicher Weise auch Rasierschaum, siehe Bio-Forumsbeitrag #2022. Bei den im Mittelmeer
berüchtigten Leuchtquallen (Pelagia noctiluca)
begießt man die betroffenen Hautstellen mit
Magnesiumsulfatlösung. Ist keine Identifikation möglich - oder aber handelt es sich
Portugiesische Galeeren - so sollte man trockenen Sand oder Mehl auf
die genesselte Stelle aufrieseln, warten bis er mit den möglichen
Tentakelresten angetrocknet ist und dann vorsichtig abschaben.
Bei den Opfern von Portugiesischen Galeeren und Seewespen ist mit
Kreislaufstillständen zu rechnen, ebenso bei Vernesselungen von
hypersensiblen Personen!
Zur allgemeinen Schmerzlinderung empfehlen sich Eispackungen und
Lidocain-Gel.
Mehr Info zu Verletzungen durch Meerestiere und mögliche korrekte
Erste-Hilfe-Maßnahmen findet ihr zum Download auf www.bionaut-online.de.
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