Wracktauchen in Schweden

 Geschrieben von Sven Gust

Wracktauchen in Schweden

von Sven Gust

Kurz vor Ostern war es wieder einmal soweit, das wir unsere Sachen packen durften und uns für fast zwei Wochen dem Hobby widmen konnten. Unsere kleine Gruppe von Tauchern aus ganz Deutschland wollte sich dieses Jahr einigen Wracks im Kattegat und Öresund widmen. Als Ausgangspunkt wählten wir den Hafen Mölle in Südschweden (direkt an nördlichen Ausgang des Öresunds), der einigen Teilnehmern bereits von einer Tour im Vorjahr bekannt war.
Viel Eigenregie war nötig, da es vor Ort keine Basis gibt, die diese Wracks anfährt und selbst die Versorgung mit Luftfüllungen in der Nebensaison keine Selbstverständlichkeit ist. ( Detail-Infos über örtliche Tauchbasis & Campingplatz )


Als wir nun an diesem verregneten Donnerstagnachmittag unsere beiden Ferienhäuser erreicht hatten, konnten wir nur beten, das alles wie erhofft klappen würde!
Nach dem Ausladen der Materialien (spätestens jetzt wurde uns klar, das wir rund um die Uhr essen und trinken müssten, damit unsere übermäßigen Lebensmittelvorräte alle verbraucht werden würden!) machten wir uns auf den Weg zum Hafen und brachten unsere beiden Schlauchboote zu Wasser. Ein Liegeplatz war schnell und unkompliziert organisiert, da der Hafenmeister uns scheinbar noch aus dem letzten Jahr in guter Erinnerung hatte.

Liegeplatz Hafen Mölle
Unsere Boote und Liegeplatz im Hafen Mölle

Zwischenzeitlich hatte es auch aufgehört zu regnen (so sollte es nun die restlichen 10 Tage bleiben und schon zwei Tage später sollten wir einen ordentlichen Sonnenbrand haben!) und zwei mutige Teilnehmer entschlossen sich, noch einen kurzen Naturtauchgang an den Klippen des Kullenbergs zur Erkundung zu machen.
Mit leichtem Gepäck in dem 6 Meter langen Schlauchboot waren wir schnell und bequem an einem geschützten Tauchplatz und ankerten. Kurz darauf schwebten wir an den grauen Steinwänden im 5°C kalten Wasser vorbei an Kelppflanzen, Fingerschwämmen, Seenelken, Anemonen, Grundeln, Lippfischen, Barschen, Seenadeln und vielem anderen Getier.

Die Sicht war gut und die Strömung mäßig, in einer Tiefe von etwa 20 Metern verschwand die Wand im hellen Sandboden. Auf dem Gestein siedelten große Kolonien der nordischen Weichkoralle, der Toten Mannshand, und einzelne große Seeanemonen in unterschiedlichen Farben. In verschiedene Höhlen und Öffnungen leuchtend, suchten wir vergeblich nach Hummern, fanden jedoch Taschenkrebse und Seespinnen.

Seespinne auf Koralle
Getarnte Seespinne und Weichkoralle

Am nächsten Tag sollte es nun richtig losgehen. Der Wind war gerade noch vertretbar und alle waren ausgeruht und voller Tatendrang. Jetzt sollte sich zeigen wie gut die Wrackpositionen waren, die wir aus deutschen, dänischen und schwedischen Quellen bekommen hatten.

Freitag, Tag 1

Das erste Ziel war der Dampfschlepper HOLMEN VI, ein kleines Wrack an dem es viel Tierleben geben sollte. Problemlos fanden wir das Wrack und warfen einen Sinker. Erst jetzt merkten wir wie stark Strömung und Drift waren und mussten anschließend leider einige Probleme lösen, die sich hieraus ergaben (außer einer kleinen Verletzung eines Tauchers und einiger Flaschen die in Rekordzeit leergeatmet waren gab es aber keine Verluste zu beklagen). Leider ist es im Kattegat, genauso wenig wie in den restlichen Bereichen der Ostsee, nicht einfach die Stärke und Richtung der Strömungen vorherzusagen. Neben dem Mondeinfluss (der sich aber eher über die Nordsee, als auf die Gebiete hier auswirkt) spielen vielmehr Windrichtung und -stärke eine Rolle.....und auch bei absoluter Windstille hatten wir schon sehr starke Strömungen!

Das Wrack, an dem wir auch noch zu einem späteren Zeitpunkt und mit besseren Wetterkonditionen tauchten, war wirklich schön und einfach zu betauchen. In 26 Metern Tiefe ruht es, hoch und aufrecht auf dem hellen Sandboden und große Mengen Dorsch und Wittling hielten sich hier auf. Es gab viele Details zu entdecken und der Bewuchs war für ein nordisches Meer sagenhaft abwechslungsreich: Riesige Seenelken in den verschiedensten Farben, handtellergroße Seeanemonen, verschiedene Arten Röhrenwürmer, große Stämme Weichkorallen, Polypen und Schlammrosen bilden eine bunte Mischung. Dazwischen konnten wir Dorsche, Zwergdorsche, Wittlinge, Taschenkrebse, Seespinnen und einen Hummer beobachten. Mit Sicherheit leben hier auch Seewölfe, doch wir haben keinen gesehen.

Holmen
Historische Aufnahme der S.S. Holmen

An dem Wrack wird selten getaucht und so waren noch viele Details vorhanden, die bei den bekannten Wracks vor der deutschen Küste längst verschwunden wären!
Später an diesem Tag folgte ein Tauchgang im Landschutz an den Resten des 1911 auf der Nordseite des Kullenbergs gestrandeten russischen Dampfers PERNAU. Auch wenn die Sicht hier meistens nicht gut ist und die Orientierung schwierig, lohnt es sich auf jeden Fall hier zu tauchen. Das Wrack ist zersprengt und gewaltige Trümmer liegen kreuz und quer. Details wie Poller, Winchen, Blöcke und Klüsen gab es zu sehen. Dazwischen konnte man nach Kleinteilen suchen und große Dorsche, Hummer, Taschenkrebse, Weichkorallen, Anemonen, Seenelken, Röhrenwürmer, Wittlinge, Lippfische, Seenadeln, uvm. entdecken.

Samstag, Tag 2

Kullenberg
Landschaft um Kullenberg

Der Samstag war leider erneut recht windig und wir entschlossen uns, sicherheitshalber im Landschutz zu bleiben. Der Kullenberg beherbergt die schönsten Naturtauchplätze, die ich in der Ostsee kenne und so fällt es recht leicht, auch mal einen Tag auf das Wracktauchen zu verzichten. An der Südseite suchten wir eine geschützte Bucht am Fuße der Felsen auf. Die Landschaft erinnerte stark an die Klippen einiger Mittelmeerregionen und lockte Bergsteiger ebenso wie Taucher an.
Die Sonne war uns treu und es folgten zwei entspannte Naturtauchgänge mit allerlei Tierleben und schönen Unterwasserlandschaften. Streichelzahme Seehasen die ihr Gelege bewachten kannte ich schon, jedoch sorgten absolut perfekt getarnte Seespinnen, verschiedene Sorten Nacktschnecken und Flundern die mitten im Freiwasser schwammen, auch bei mir für Erstaunen. Wellhornschnecken waren damit beschäftigt, Eier abzulegen und man wundert sich doch wie aus einer so kleinen Schnecke diese Mengen von Laich kommen kann!

Seespinne
Seespinne

Der (Tauch-)Tag klang mit einem Dekobier im Hafen und einem Sonnenbrand aus. Das Biertrinken und der Austausch von Geschichten der Kategorie "Unglaublich, aber Wahr" sollte sich noch bis spät in die Nacht ziehen.

Ostersonntag

Der Plan an einem Wrack Ostereier von der ersten Tauchgruppe verstecken zu lassen, welche die zweite Gruppe dann suchen muss, scheiterte erst mal am Wind. Nach einem Naturtauchgang an der Spitze der Halbinsel mit wunderschönen Steilwänden, die über und über mit Seescheiden und Miesmuscheln bewachsen waren, entschlossen wir uns, nach einem weiterem gestrandeten Wrack zu suchen.
Der deutsche Schoner MATHILDE kollidierte im Dezember 1867 mit den Klippen und sank mit einer Ladung Stückgut und Ziegeln. Von einer örtlichen Tauchbasis besaßen wir Angaben zu Landkennungen und aus Dykinfo hatte ich eine Position. Zuerst lief ich die GPS-Position an und musste feststellen, das sie zu weit vom Ufer entfernt lag für das Wrack eines gestrandeten Schiffs. Wie der Zufall es so will, tauchte aber bei der ersten Überfahrt der Position exakt hier ein recht starkes Echo am Boden auf (vermutlich ein Fischschwarm). Wir entschlossen uns zu tauchen und kurz nachzugehen ob nicht doch Teile eines Wracks hier liegen, was jedoch ohne Ergebnis blieb.
Nachdem wir den Schlammgrund um die angebliche Position genug untersucht hatten, beschlossen wir nun anhand der groben Landkennungen das Wrack zu finden. Auch Glück muss man hin und wieder haben: Etwa 3 Minuten vom Anker entfernt war es! Auf einer Tiefe von etwa 20 Metern ließen sich die kompletten Grundrisse des 140 Jahre alten Seglers erkennen. Ziegelsteine mit der Prägung ISHARP (vermutlich einst ganz in der Nähe hergestellt) lagen zu Tausenden verstreut, oder teilweise sogar noch ordentlich gestapelt. Zwischen den Holzteilen ließen sich Details entdecken, Scherben finden und viele Tiere beobachten. Ein riesiges Ankerspill am Bug war mit Weichkorallen bewachsen und bot ein erstklassiges Fotoobjekt.

Ostermontag

Die Wettervorhersage hatte recht und wir freuten uns über einen leichten Wind. Morgens versetzen wir die Schlauchboote ohne Passagiere schnell und spritsparend zu einem Hafen 10 Kilometer weiter südöstlich im Öresund. Von hier starteten wir wenig später voll beladen zum einem echten Highlight, nämlich dem Wrack des Minenlegers M-575.

1945 war das kriegserprobte Schiff (Baujahr 1918) einem Sturm zum Opfer gefallen und hatte dabei fast alle der 70 Seeleute an Bord mit in den Tod gezogen.
Erneut stimmte die Position und auf dem Echolot zeigte sich die nicht enden wollende Erhebung des Kriegsschiffwracks auf dem glatten Meeresgrund. Heute liegt das Schiff in einer Tiefe von 27 Metern auf der BB-Seite, teilweise im Boden eingesunken. Wir ankerten direkt am Wrack und befanden uns nun mitten zwischen den Fahrrinnen im Verkehrstrennungsgebiet. Kein Tauchplatz für Touren bei schlechter Sicht, oder für Taucher mit schwachen Nerven.

M575
Historisches Foto des Minenlegers, Aufnahmedatum unbekannt
(vermutlich vor 2. WK, da das grosse Geschütz noch fehlt).

Die erste Gruppe tauchte bei ruhiger See, kaum Strömung und recht guter Sicht an diesem unheimlich detailreichen Wrack. Überall lagen Kabel, Ketten und Bojen, man sah das Minensuchgeschirr am Heck. Mittschiffs und am Bug lagen Objekte, die wie Bomben aussahen, man konnte die Brücke betauchen und fand Soldatenstiefel, Akkumulatoren, Munition, uvm. Am Bug befand sich dann noch ein gewaltiges Geschütz an seinem Platz. Der Bewuchs war auch durchaus sehenswert (Seenelken, verschiedene Röhrenwürmer, Weichkorallen, Anemonen, ...). Wir haben recht wenige Fische gesehen, aber auf dem Sandboden lagen die Schalen vieler Kammmuscheln und Wellhornschnecken. Die beiden Schiffsschrauben waren an ihrem Platz, ebenso das Ruder. Am Heck lag ein Kabel auf dem Boden und entfernte sich von Wrack. Ich bin ihm einige Minuten gefolgt und konnte das Ende nicht finden. Möglicherweise hängt hier noch eine Art Schlepp-Horchgerät (?).
Am Nachmittag musste ein großes Containerschiff einem kreuzenden Frachter ausweichen und nahm direkt Kurs auf unsere Position. Nicht nur die Taucher im Wasser wurden ordentlich durchgeschüttelt, als das große Schiff kaum 100 Meter querab passierte.

Seenelke
Seenelke

Dienstag

Am nächsten Tag hatten wir zwar Windstille, dennoch konnten wir aus Sicherheitsgründen nicht zu den Wracks fernab der Küste fahren. Nebel war der Grund! Die Sichtweite betrug vielleicht 50 bis 70 Meter und aufgrund der starken Schifffahrt in diesem Seegebiet war für uns die Entscheidung eindeutig.
Wir fuhren also ein weiteres gestrandetes Wrack an. Etwa eine Meile vor dem Hafen von Mölle kollidierte 1918 der deutsche Dampfer FRANZ mit den Klippen und sank. Auch hier war die Position aus Dykinfo wertlos (sie lag etwa 150 bis 200 Meter AN Land), die Landkennungen jedoch ausreichend um das Wrack etwa 5 Minuten neben dem Anker zu finden. Ein wunderschöner kombinierter Wrack- und Naturtauchgang mit viel Tierleben und im Flachwasser einer Sicht von fast 20 Metern. Auch hier ließen sich noch viele Details finden (Schraube, Ruder, uvm.) - es ist schon erstaunlich, wie wenig Beachtung die Wracks hier finden. In deutschen Gewässern wäre das Wrack allein von der Erreichbarkeit als ein echtes Highlight bekannt! Hier jedoch wird nur selten mal im Sommer an den Wochenenden getaucht!
Gegen Mittag verzog sich der Nebel komplett und die Sonne kam hervor.

Seehase
Seehase (weibchen)

Wir steuerten die ‚Überreste’ eines wirklich jungen Wracks an. Der Chemietanker MARTINA war im Jahr 2000 in einem Schneesturm mit dem Containerschiff Werder Bremen kollidiert. Das Ergebnis war fatal für das kleinere Schiff unter liberianischer Flagge. Direkt vor der Brücke zerschnitt der Bug des Containerschiffs den Frachter komplett und das Heck sank umgehend und riss 9 polnische Matrosen mit in den Tod. Der Bug mit dem Edelstahlstank trieb aber weiterhin auf und wurde von der Strömung noch etwa 1,5 Meilen weiter aus dem Sund getragen, bevor er sank.
Um es vorweg zu nehmen: Noch auf dem Weg zum Wrack gerieten wir erneut in dichten Nebel und flüchteten regelrecht aus der Fahrrinne.
Es folgte ersatzweise ein herrlicher Naturtauchgang und einmal mehr wussten wir, warum wir uns diese Ecke für unseren Urlaub gewählt hatten. Selbst bei schlechtestem Wetter kann man wunderbare Tauchgänge machen, die in der Ostsee meines Wissens nach so an keinem zweiten Platz möglich sind!

Mittwoch

Kein Nebel und nur minimaler Wind. Das Wrack der MARTINA war schnell erreicht und kurz darauf waren die ersten Taucher im Wasser. Wir betauchten zuerst den Bug und selbst wenn es recht wenige Details zu sehen gab, war der Tauchgang sehr beeindruckend! An der Oberfläche galt es erst eine starke Strömung zu überwinden. Ab einer Tiefe von etwa 10 Metern konnte man dann aber die Ankerleine loslassen. Über dem Boden war die Sicht mittelmäßig und zuerst konnte ich nicht genau erkennen, auf was ich da zuschwamm. Der Anker schien in einer Schlucht zu verschwinden und sollte doch eigentlich genau neben dem Wrack liegen. Kurz darauf klärte sich das Rätsel um den schwarzen Abgrund, in dem die Leine verschwand, als ich darin den Rumpf des Frachtschiffs erkennen konnte. Eine mehrere Meter tiefe Strömungsrinne hatte sich gebildet, wie ich sie bisher nur von Nordseewracks kannte. Scheinbar herrscht hier oft sehr starke Strömung und die glatte Rumpfform mit geringem Bewuchs (wohl auch noch durch den Antifouling Anstrich verhindert) begünstig wohl den Abtransport des Sediments um das Wrack. Der Name des Unglücksschiffs war noch deutlich zu lesen und ich schwamm an der Steuerbordseite entlang zur Bruchkante. Auf dem Sandboden lagen viele Kammmuscheln und an der Reling, die sich in den Sand drückte, fischten viele Röhrenwürmer nach Nahrung. Seenelken und Weichkorallen sah man recht wenig, was allerdings nur den Eindruck an einem so jungen Wrack zu tauchen noch positiv unterstützte.

Wrack
Taucher am Wrack

An der "Schnittstelle" angekommen zögerte ich kurz und untersuchte die Kanten. Die Vorstellung das noch vor kaum 4 Jahren hier die Brücke anfing und das Schiff mit seiner Ladung die Weltmeere in hektischer Geschäftigkeit durchkreuzte, ist schon etwas seltsam. Die meisten Wracks die ich betauchte, gingen lange vor meiner Zeit unter, aber hier arbeiteten noch Menschen, als ich vielleicht gerade einige hundert Meter entfernt mit dem Boot oder Kutter vorbeifuhr!

Selbst hier, wo es recht wenig zu sehen gab, verging die Zeit viel zu schnell und Computer und Kälte forderten zur Beendigung des Tauchgangs auf.
Wieder an Bord und in der Sonne etwas aufgewärmt, entschlossen wir uns nun gleich, die Position des Hecks anzufahren. Kurz und hoch erschien das Echo auf dem Bildschirm, genau an der richtigen Stelle und die Ankerkonstruktion ging augenblicklich über Bord. Die Bodentiefe beträgt etwa 25 Meter. Die erste Tauchgruppe ging ins Wasser und tauchte ab.

Kurz darauf, als sich gerade die zweite Gruppe vorbereitete, kroch erneut unaufhaltsam eine Nebelwand von See her auf uns zu und Minuten später verschwand die Sonne in einem Dunstschleier. Gespenstisch nah ertönten Nebelhörner und für die zweite Gruppe war die Entscheidung, nicht mehr hier zu tauchen, klar.
Sobald die erste Gruppe, die nicht geahnt hatte, wie sich das Wetter verändert hatte, wieder an Bord war, lichteten wir den Anker und steuerten auf die Klippen des Kullenbergs zu. Hier machten wir einen "Trosttauchgang" am Wrack der FRANZ.

Tauchplatz vor den Klippen
Am Tauchplatz vor den Klippen

Donnerstag

Wieder liefen wir die Position der MARTINA an und wenn auch heute wieder derart seltsame Nebelwände aufziehen würden, so hätten selbst die streng wissenschaftlich denkenden Mitglieder unserer Gruppe an ein Zeichen geglaubt (immerhin sank die MARTINA auch durch eine Kollision bei Nullsicht).

Heute aber ging fast alles glatt. Fast alles heißt: Wetter und Technik waren uns zwar wohlgesonnen, aber der Anker fand in zwei Anläufen keinen festen Halt und so verzog er sich jedes Mal wenn sich die Taucher gegen die Strömung hinabkämpften um etwa 30 bis 40 Meter. Die Folge war der Einsatz des Reels und eine ordentliche Schwimmstrecke, der Schleifspur vom Anker folgend, zum Wrack. Auf dem Wegs sah man Tausende Seefedern aus dem Schlamm und Sand aufragen. Berührte man sie, so zogen sie sich in ihre Behausung im Boden zurück wie die Röhrenwürmer, jedoch langsamer.

Das Heck stand aufrecht dort und war schnell umrundet. Der Bewucht aus riesigen Seenelken war einfach beeindruckend, nur an Fisch mangelte es (obwohl wir letztes Jahr hier einige Dorsche mit der Angel gefangen hatten). Die Schiffsschraube war im Boden eingesunken und das Schiff stand dort, so als wenn es durch den Sandboden fahren wolle. Exakt vor, oder noch fast durch die Brücke verlieft der Bruch. Ein stationäres Funkgerät befand sich hier und es war einfach von hier in die Innenräume zu tauchen. Ein komisches Gefühl: Gardinen hingen noch in den Fenstern, überall fanden sich Gegenstände aus den täglichen Gebrauch und nur ganz oben auf den Aufbauten wurden Sprengungen vorgenommen um die Sicherheit für die Berufsschifffahrt zu wahren. Kurz dachte ich darüber nach, dass die Leichen der 9 toten Seeleute noch lange nach dem Untergang in den Innenräumen lagen, bevor sie endlich geborgen wurden!

Befindet man sich in der Brücke und guckt nach draußen, dorthin wo einst Mittschiff und Bug anschlossen, muss man kurz daran denken, wie dramatisch es wohl in den letzten Minuten hier zugegangen sein muss! Welche dramatische Rolle spielte das Funkgerät? Sahen noch die meisten der Unglücklichen den Steven des Containerschiffs als schwarzen Schatten kurz vor dem Aufprall auf die Brücke zuschießen?

Ich würde mindestens genauso gerne an den Wracks tauchen, wenn keine so dramatischen und tragischen Geschichten hinter ihrem Verlust stehen würden, aber meistens ist es eben so und es beschäftigt einen doch, wenn man die nassen Gräber besucht!

Am Nachmittag folgte ein Tauchgang am Wrack der PERNAU, dicht unter Land. Zu meiner Schande verschwamm ich mich hier sehr gründlich und musst weit ab der Boote auftauchen und ein weites Stück schwimmen, dennoch war der Tauchgang sehr schön (auch wenn die Sicht recht trübe und düster war).

Freitag

Ein Mitglied unserer Gruppe hatte heute Geburtstag und bekam ein wunderbares Geschenk, von dem wir alle den ganzen Tag etwas haben sollten! Windstille und Sonne begleiten uns auf der Fahrt vorbei an den hohen Klippen, an denen sich Kletterer versuchten, vorbei an der schroffen Spitze mit dem Leuchtturm und hinaus auf See, bis das Land nur noch als dunstiger Schatten zu sehen war.
Erneut wollten wir uns am Wrack der HOLMEN versuchen.

Dorsch
Dorsch am Wrack der Holmen

Mittlerweile hatten wir gelernt, mit der Strömung umzugehen und somit stellten die etwa 1,5 Knoten heute keine größere Herausforderung für uns dar. Wir ankerten sozusagen auf dem Wrack und der Anker verfing sich in den alten Fischernetzen, die hier hingen (heute wäre nicht einmal der schwere Bleisinker, den wir vorgeschaltet hatten, nötig gewesen). Die Taucher bekamen eine Leinenschlinge in die Hand, noch bevor sie sich ins Wasser überkippen ließen und wurden sofort von einem Crew-Mitglied im Boot nach vorn zum Ankerseil gezogen. Nun nur noch einige Tiefenmeter an der Leine hinabziehen und die Strömung verschwand fast vollständig. Direkt am Boden hatten wir bei keinem Tauchgang nennenswerte Strömung erlebt, deshalb sollte man sich von starker Oberflächenströmung nicht sofort vom Tauchen abhalten lassen!

Der Tauchgang war wieder sehr interessant: der hohe Steven, ein Anker wenige Meter an BB querab, die Brücke, in der wieder Hunderte Dorsche dichtgedrängt standen, die großen Anemonen, die Manometer, Sicherungen und Handräder im Maschinen- und Kesselraum ..... ein perfekter Wracktauchgang in der Ostsee, doch irgendwann zwang dann doch die Kälte und die Angst einen längeren Dekostop in der starken Oberflächenströmung abhängen zu müssen zum Auftauchen!
Als die zweite Gruppe ebenfalls den Tauchgang beendet hatte, beschlossen wir noch ein weiteres Wrack anzufahren von dem wir wenig wussten und über dessen Position wir uns nicht sicher waren.

Sonnenstern
Sonnenstern, recht häufig anzutreffen


Wir fanden das Wrack mit dem Namen JOHANNE schnell in knapp 30 Metern Tiefe und warfen die Anker. Schnell zeigte sich, dass die Strömung hier wirklich außergewöhnlich stark war, da wir uns in der nördlichen Mündung des Öresunds befanden. Ein Streifen aus abgestorbenem Seegras raste förmlich an uns vorbei und hinter den Booten/Motorschäften bildeten sich Strudel, die noch mehrere hundert Meter hinter uns eine glatte Strömungslinie auf der sonst leicht gekräuselten Wasseroberfläche bildeten. Bei etwa 2,5 bis 3 Knoten Strömung zu tauchen ist keine Leichtigkeit und entsprechend vorsichtig waren wir, als wir ins Wasser sprangen. Ohne das Seil in der Hand wäre man umgehend abgetrieben, noch bevor man sich hätte orientieren können und einen Halt am Boot gefunden hätte. Doch so kam nur der Leineführer im Boot kurzzeitig ins schwitzen, als er die Taucher einzeln zu Ankerleine zog. Hier angekommen war es nur ein kurzer Kampf, denn wieder herrschte ab einer Tiefe von 10 Metern praktisch keine Strömung!

Seewolf
Prachtexemplar eines Seewolfs am Wrack

Am Anker angekommen sah ich wie schlecht die Sicht war. Etwa 1,5 bis 2,5 Meter sind für diese Region nicht gerade berauschend. So kam es das ich erst mal mit dem Reel hantierte, bevor ich bemerkte, das sich das Wrack kaum 3 bis 4 Meter vor mir befand. Das alte Eisenschiff war stark zerstört und außer Teilen des Bugs und einem großen Spill fand man sich hauptsächlich zwischen der Ladung wieder: Grobem, unbehandelten Granitstein von etwa 40 Zentimetern Durchmesser. Zum Heck hin war das Wrack total zerstört und verschwand im schlammigen Grund. Bewuchs war praktisch nicht vorhanden und eine einsame große, rote Anemone stellte fast schon ein Highlight dar. Jedoch fanden wir in einer kleinen Höhle zwischen den Gesteinsbrocken einen Seewolf, der schnell zur Hauptattraktion wurde!
Dieser wunderschöne Tag klang bei bestem Wetter und einem Geburtstagsgrillabend so aus, wie man es sich nur wünschen kann!

Samstag

Schon war der letzte Tauchtag des Urlaubs gekommen. Wieder einmal viel zu früh, da das Wetter keine Anstalten machte sich zum Schlechteren zu ändern. Leider mussten wir aus zeitlichen Gründen auf eine weitere Ausfahrt verzichten, da wir heute noch die Boote aus dem Wasser holen wollten und das Tauchgerödel aufgeklart werden musste.

Kullen

Wir tauchten an der Spitze des Kullenbergs zuerst auf der Südseite und fanden eine Steilwand, die im etwas bescheideneren Rahmen schon fast den Tauchplätzen in Norwegen den Rang ablaufen könnte. Nur ist alles eben viel kleiner hier und so trifft man kurz hinter der Wand schnell wieder auf die üblichen Geröllkanten. Tiefer dominierten Weichkorallen und große Anemonen in verschiedenen Farben. Flacher fand man mehr Fisch. Miesmuscheln und Kelp teilten sich den Platz mit gelben Schwämmen.

Anemone
geschlossene Anemone

Ein zweiter Tauchgang fast gegenüberliegend auf der Nordseite der Felsspitze war ebenfalls sehr schön und hier fanden sich neben kleineren Wänden mit dichtem Seescheidenbewuchs tiefer auch kleine Schluchten und Grotten und ein besonders üppiger Bewuchs mit Weichkorallen. Beim Austauchen im Flachwasser verwöhnten uns noch sehr gute Sichtweiten von mehr als 15 Metern im lichtdurchfluteten Wasser dafür, das wir der Kälte erneut getrotzt hatten.

Weichkorallen
Weisse und gelbe Weichkorallen (Tote Mannshand)

Etwas wehmütig zumute war uns allen, glaube ich, als wir die Boote aus dem Wasser zogen. Es war heiß und reger Betrieb herrschte an diesem Samstag im Hafen von Mölle. Alle würden noch gern bleiben, doch es ging eben nicht. Wie schon im letzten Jahr hatten wir bestes Wetter und wird daheim leicht neidvoll gefragt, aus welchem südlichen Urlaubsparadies man die Bräune mitgebracht hat, wird es wieder einmal leicht sein, für erstaunte Gesichter zu sorgen!
Nachmittags treffen wir uns bei der örtlichen Tauchbasis und bezahlen die angesammelten Flaschenfüllungen.

Seenelke und Seespinne
Seenelke und Seespinne

Wie ich schon berichtete, fahren die örtlichen Tauchbasen die Wracks praktisch niemals an (wg. Mangel an geeigneten Tauchgruppen, mangelndem Interesse der Taucher und wegen des großen Aufwands). Nun zeigte sich aber doch, das zumindest bei den anwesenden schwedischen Tauchkollegen gewisse Neugier herrschte, was denn die Deutschen, die seit über einer Woche immer wieder zu den Wracks rausfuhren, zu berichten hatten.

Wir verabschiedeten uns mit dem abgegebenen Versprechen, die Positionen und kurze Tauchberichte in englischer Sprache per e-mail zu senden. Ich würde mein Versprechen halten und den örtlichen Tauchern die Informationen über die Wracks direkt vor ihrer Haustür senden (auch wenn ich dies etwas absurd fand!), ob sie diese aber sinnvoll nutzen könnten, lies mich der verständnislose Blick auf die Ankündigung die Positionen im Datum WGS-84 zu senden, nur erahnen. Diese Unwissenheit über die notwendigsten Grundlagen der elektronischen Navigation stammte übrigens nicht von irgend einem Taucher, sondern einem örtlichen Tauchlehrer und Schiffsführer (!).

Taucher am Kullenberg
Taucher an Unterwasserfelsen des Kullenbergs

Und so verlassen wir diese wunderschöne Ecke in Südwestschweden in der Gewissheit dass "unsere" Wracks auch in Zukunft nur von wenigen Menschen besucht werden und somit noch sehr lange echte Attraktionen darstellen werden.
Unsere Tour, der man sicherlich schon einen gewissen Expeditionscharakter nicht absprechen kann, verlief fast optimal und besonders ich (als ein Organisator) freue mich sehr darüber!

Die Taucher:
Bernd D.
Henrik B.
Kai W.
Rocco H.
Sven G.
Tilo M.

Die Betauchten Wracks:
Franz
Holmen VI
Johanne
Martina Bug
Martina Heck
Mathilde
M-575
Pernau

© 2004 Sven Gust für WRACKPROJEKT.DE und TAUCHPROJEKT.DE
© Photos 2004 - Rocco Hannert/Sven Gust
© Photos Holmen / Minenleger - Allan Jensen / www.vrag.dk


Infos

Unser Online-Tauchmagazin DiveInside - frisch, authentisch, kostenlos. Jeden Monat neu - mit einem interessanten Top-Thema - und vielen weiteren Berichten. Du kannst das Magazin als PDF runterladen und gemütlich darin schmökern. Viel Spass!


20.05.2013 21:42 Taucher Online : 194
Heute 19479, ges. 69897729 Besucher
Login:  Autologin: 
Passwort:  
Gast : Registrieren - zur Login-Seite


Deine Bookmarks:
Taucher-News - Kalender - Sichtweiten - Postkarten

Unsere Produkt-Datenbank!
Über 2850 Tauchartikel mit detaillierten Daten!
Vergleichen lohnt sich!



Forum Rebreather

Auszug aus diesem Forum:


JJ-CCR Shearwater Bluetooth
vom 05.04.2013 : Hallo miteinander, schaffe es leider nicht mein Netbook (Betriebssytem vollwertiges Windows7 Home-Premium) über interne ... [mehr]

Withe Arrow NT2
vom 31.03.2013 : Hallo Forum! Hat jemand erfahrung mit dem Withe Arrow NT2 von Nick Toussaint? Ich interessiere mich dafür, konnte aber nicht ... [mehr]

Rebreather - Kauf
vom 26.03.2013 : habe folgende Frage: möchte in den nächsten Jahren mehr in das Tec-Tauchen einsteigen und mir auch einen evtl. einen eigenen ... [mehr]

Forum TEK-Diving

Auszug aus diesem Forum:


300 bar helium ventil überbrücken
vom 13.05.2013 : gibt es eine möglichkeit in 300 bar helium flaschen pressluft einzufüllen.in 300 bar ventilen ist eigentlich ne ... [mehr]

Speicherflaschen entleeren
vom 08.05.2013 : Hi, mal ne Frage an alle, die zu Hause selber o2 und He füllen. Habt Ihr alle einen Booster oder gebt ihr die Speicherflaschen ... [mehr]

vade retro
vom 07.05.2013 : Moin, sind zum erfolgreichen Rückwärtsschwimmen (Backstroke) eigentlich dünne Füßlinge und Rockboots erforderlich? Oder darf man ... [mehr]


Unsere Linkdatenbank:

Aktueller Tauchlink:

Explorers Team Dive Center
Tauchbasis aus Quartu S.E. / Cagliari (Sardinien)

Ein "Sponsored Link":

Seac Sub
Hauptseite der Fa. Seac Sub

und einer unserer Toplinks:

Extratour - Tauchreisen
Willkommen bei Extratour Tauchreisen. Erleben Sie auf diesen Seiten die schönsten Tauchreiseziele der Welt. Entdecken Sie mit uns Land und Leute, verstehen Traditionen und Kulturen, erleben Abenteuer und genießen Entspannung in den vielen Paradiesen, die wir für Sie ausgesucht haben.




MountainBIKE RoadBIKE UrbanBIKING outdoor klettern CAVALLO AnglerNetz taucher.net planetSNOW