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 Geschrieben von Michi

Oooh, kuck mal, ein Stück Holz...

von Michael Böhm

Prolog

An einem regnerischen Samstag im Juni begann für 12 Taucher ein völlig neuer UW-Lebensabschnitt. Fortan sollten sie nie mehr achtlos schlammigem Grund gedankenverloren berühren...

Doch lasst mich von vorne beginnen. Vor vielen Monden wurde das Landesamt für Denkmalpflege in Baden-Württemberg auf den Plan gerufen, den "gemeinen" Taucher hinsichtlich eines sorgsamen Umgangs mit UW-Denkmälern zu sensibilisieren. In Zusammenarbeit mit dem VDST (Verband Deutscher Sporttaucher e.V.) wurde der Spezialkurs "Denkmalgerechtes Tauchen" ins Leben gerufen. Was in Baden-Württemberg bereits guten Anklang fand, musste in Bayern erst sanft in die Köpfe der Taucher eingeflößt werden.
Und dies fand nun statt. Die Bayerische Gesellschaft für UW-Archäologie (BGfU) und der VDST organisierten einen Kurs von und für Taucher.

Vor dem Vergnügen der Schweiß...

Womit ich mich zeitlich an dem regnerischen Samstag am Starnberger See befinde. Wer jetzt meint, dass wir alle im Trockenanzug in den See hüpften und uns mit der Suche altertümlicher Gegenstände befassten, der irrt gewaltig. Unter sachkundiger Leitung von vier Seminarleitern wurde in den Räumen der Volkhochschule Starnberger See e.V. zunächst Theorie gebüffelt.

Lehrsaal VHS Starnberger See e.V.
Am Anfang stand der Lehrsaal...

Die Grundsätze der Archäologie im Allgemeinen, die der UW-Archäologie im Besonderen – so wurde uns das Thema in Bild und Text (auf niederbayerisch heißt dies nun Powerpoint) näher gebracht. Nun da ich fortan zur Gattung des `Privilegierten Archäologie-sensibilisierten Tauchers´ (PAST) gehöre weiß ich auch, dass Archäologie die Erforschung der Geschichte des Menschen vom Anfang bis zum Ende - nein, bis heute - ist. Selbstverständlich liegen archäologische Quellen, so bezeichnet man Dinge, die dann später als Funde zutage gebracht werden, teils in trockener Erde, teils unter Wasser. Der Name war Programm, denn wir beschäftigten uns mit Letztgenanntem. Wasser hat neben der Eigenschaft uns das Tauchen zu ermöglichen zudem eine gut konservierende Wirkung.

Aber ich presche schon wieder im Thema vor... Der Sinn uns Zweck des Seminars war nicht die Erforschung archäologischer Funde, sondern eine Stufe vorher, die Erkennung solcher. Denn nur was man kennt, erkennt man. Und so wurde mir als "Archäo-Dummy" schnell klar, dass ein belangloses Fischries (na, wer weiß jetzt nicht, was das ist?) dem geneigten Hobby-UW-Archäologen plötzlich sehr viel Ähnlichkeit mit einem Pfahlbau bietet.
Meine Gedanken kreisten: So ein Mist, das sieht wirklich alles gleich aus; wieso gibt´s bei uns in den Seen so wenige Amphoren? Die würde sogar ich erkennen... oder ein kleine Schatzkiste, mit Goldbarren drin, so glänzende Dinger, halt so, wie die das im Fernsehen immer zeigen?!

Also beschäftigten wir uns mit den verschiedenen Gruppen von UW-Denkmälern:
- Siedlungen
- versenkte Objekte wie Opferfunde und deponierte Gegenstände
- verlorene Gegenstände (das kann auch ein ganzes Schiffswrack sein).

Fund eines Tonstücks
Fund einer Tonscherbe

Siedlungen und Gräber waren in früherer Zeit nicht stets gezielt im Wasser gebaut, sie sind oft im Laufe der Zeit unter Wasser geraten, weil zum Beispiel der Wasserpegel des Gewässers stieg. Pfahlbauten hingegen wurden – der Name bezeichnet es bereits – gezielt auf Pfählen im Gewässer gebaut.
Der Mensch war bereits in früheren Zeiten achtlos im Umgang mit der Natur und entsorgte seinen Müll gezielt in Gewässern. Insbesondere alte Hafengebiete, Schiffsländen oder Reedeplätze bieten heute Gelegenheit, archäologisch fündig zu werden. Brücken und Stege waren beliebte Stellen, Opfer- und Weihegaben zu versenken.
Magische Anziehungskraft auf Taucher haben natürlich Schiffswracks, besonders wenn sie noch nicht oder wenig betaucht wurden. Dann schlägt des Schatzräubers Herz ganz hoch. Schiffsinventar und Ladung sind schnell dem Schiffsleib entrissen. Wracks haben aber nur den besonderen Reiz, wenn das Inventar und die Ladung im Schiff oder unter Wasser verbleiben. Genug geträumt, das "Museum unter Wasser" wird leider in der Regel geplündert und verschwindet in den Wohnzimmervitrinen dieser hirnlosen, selbstsüchtigen „Unterwasser Souvenir Jäger“.

Ich möchte aber diese traurige Kapitel schnell verlassen, denn mein Wissensdurst hält noch an und wird von unseren Instruktoren Marcus Thier, Tobias Pflederer und Armin May gestillt. Moment, da war doch die Rede von vier Seminarleitern? Stimmt, der vierte wartet derweil auf dem Schlauchboot der BgfU, das uns zum Ort des ersten praktischen Teils bringen wird. Zurück ins Seminar...

"Im Schutz des nassen Elements"

So lautete der zweite Teil der Trilogie zur Seminartheorie. Organischer Zerfall und bakterielle Zersetzung spielen die Hauptrolle nach dem Tod – egal ob von Pflanze, Mensch oder Tier. Wie ich bereits erwähnte, verzögert oder unterbindet Wasser diesen Zerfallprozess, denn unter Wasser fehlen Sauerstoff und Licht, aber auch Pilze und Bakterien. Gelöste Salze, tiefe Wassertemperaturen oder gar Eisbildung sowie Säuren wirken zudem desinfizierend. Sedimente (Ablagerungen), welche die Funde bedecken wirken schützend vor äußeren Eingriffen (Tierbefall, mechanische Schädigung, auch durch Taucher).

Wird der Fund an die Oberfläche, sprich an die Luft gebracht, setzen die o. g. Prozesse allerdings sehr schnell wieder ein. Insbesondere die Stoffe Holz und Eisen, aber auch Pflanzen, Haut, Korbwaren, wirbellose Tiere und Textilien haben unter Wasser ein Vielfaches der Haltbarkeit im Vergleich zu Überwasser.

ROV bei der Suchen nach Artefakten
Auch ROV's werden oftmals bei der Suche nach Artefakten eingesetzt


Aufgemerkt:

UW-Archäologie findet nicht ausschließlich im Tauchanzug in mehreren Metern Tiefe statt. Zu diesem Spektrum gehören auch die Grabung in Ufernähe hinter Sandsackwällen und Dämmen, in Mooren oder im Flachwasserbereich (wo der banale Gummistiefel als UW-Ausrüstung dient).

"Wos mach ma mit dem Klump?"
(übersetzt: "Welche Aussagen lässt ein Fund zu?")

Bevor wir uns überhaupt mit dieser Frage beschäftigen, sollten ein paar rechtliche, aber auch ethische Aspekte Gehör finden. Über allem, was über und unter Wasser gefunden wird, steht die globale Frage: Handelt es sich um ein Kulturgut, ein Denkmal?
Wenn ja, dann finden rechtliche Vorschriften Anwendung. Und hier zeigen sich die wahren Einheitsbestrebungen des Menschen: Jedes Bundesland hat andere rechtliche Bestimmungen, das Bayerische Denkmalschutzgesetz, das Denkmalschutzgesetz Baden-Württemberg, das Gesetz über den Schutz und die Pflege der Denkmale und Bodendenkmale im Land Brandenburg, das Gesetz von Hessen, von Sachsen usw.
Vom Grundsatz her sind alle Vorschriften ähnlich ausformuliert. Bedeutende Details ändern die Rechtslage dann doch gewaltig. Ein Fund in Bayern gehört je zur Hälfte dem Finder und dem Grundeigentümer, in Baden-Württemberg hingegen hat zunächst das sog. Schatzregal des Landes Anspruch. Meldepflichten über Funde gibt es hingegen bundesweit. Eine Anzeigepflicht bei Bauvorhaben, bei Grabungen usw. besteht auch, wenn zu vermuten ist, dass etwas gefunden werden könnte. Was eindeutig verboten ist, sind die Machenschaften von Sondengängern. Darüber zu philosophieren ist müßig, ich verweise auf den Begriff "Fundzusammenhang"...
Dass durch bewusstes Widersetzen gegen diese Bestimmungen sehr schnell auch die Polizei und Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen werden, verdeutlichen die Paragraphen des Strafgesetzbuches, die sich mit Gemeinschädlicher Sachbeschädigung, (Fund)Unterschlagung, Diebstahl und Hehlerei beschäftigen.

Nun genug der trockenen Rechtsmaterie, zurück zur Natur: Eine ganz besondere Rolle in der Archäologie spielt Holz: Für die Datierung von Funden ist Holz sehr gut geeignet. Die sog. Dendrochronologie ermöglicht – vereinfacht ausgedrückt - das zeitliche Einordnen des Fundes anhand von Jahresringen. Hierbei ist sogar ein jahrgenaues Datieren von Holzobjekten möglich.

Suche mit Metalldetektoren
Metallene Objekte lassen sich gut mit Detektoren aufspüren

Ein Einzelfund hat – entgegen laienhafter Meinung – meist eine geringe wissenschaftliche Aussagekraft und ist oft schwer datierbar. Nur der "Fundzusammenhang" gibt kulturgeschichtliche Hinweise.
Frage eines Unbedarften: "Was ist denn das, ein Fundzusammenhang? Muss da noch was dran hängen, an dem Schwert, das ich da jetzt gefunden habe?"
Antwort: "Ja! Und zwar das Erdreich im Umfang von rund 40.000 km."
Dies soll bedeuten, dass der Fund dort belassen werden soll, wo er gefunden wurde. Das Herausreißen eines Fundes z. B. aus einer Kulturschicht stellt eine Zerstörung des Fundzusammenhangs dar und lässt somit kaum mehr wissenschaftliche Interpretation und Aussage zu.
Aus diesem Grund stellt das Belassen von UW-Funden an Ort und Stelle oberste Priorität in der UW-Archäologie dar. Im Sediment ist der Gegenstand am besten geschützt. Er hat unter Umständen mehrere tausend Jahre dort überdauert und wird dort sicherlich noch weitere tausend Jahre überstehen. Wenn der Mensch nicht eingreift...
Hohe Bergungs- und Konservierungskosten und die Gefahren bei der Bergung und Konservierung bestärken dieses Bestreben. Lassen die Umstände (Baumaßnahmen, Souvenirjäger, Umwelteinflüsse...) es nicht zu, den Fund dort zu belassen, muss selbstverständlich sachgerecht geborgen werden. Eine vorherige gründliche Dokumentation unter Wasser ist jedoch unabdingbar!

Und damit wären wir in der Praxis

Zwei geführte und somit kontrollierte Tauchgänge im Starnberger See an archäologisch bedeutenden Ort im Bereich der Roseninsel waren Bestandteil des Spezialkurses. Lino von Gartzen als unser Bootsführer brachte uns sicher an die Tauchplätze im Starnberger See.

Wie wichtig das Beherrschen der Tarierung ist, wurde uns im Bereich der sog. Unteren Brücke vor Augen geführt. In einer maximalen Wassertiefe von weniger als zwei Metern mussten wir entlang eines weitflächigen Fundobjektes "tauchen". Das Tauchen in einer Gruppe, das Halten von Kontakt bei schlechter UW-Sicht und eine anschließende Tarierübung waren hierbei die ersten Aufgaben, die wir zu absolvieren hatten.

Freilegen Fundort mit Pressluft
vorsichtiges Freilegen eines Fundortes mit Pressluftstrahl

Filtern der Sedimente
Ist die Notwendigkeit des Ansaugens von Sedimenten gegeben,
wird ein Gitter als Filter für Funde eingesetzt.

Der zweite Tag schloss ebenfalls mit einer praktischen Übung ab. Hauptaufgabe war, neben dem "Arbeiten" in einer Gruppe von vier Tauchern, das Erstellen einer sog. Fundmeldung. Nach der Sensibilisierung zum Thema, einem kleinen Ausflug in die Grundzüge der Archäologie und rechtlichen Aspekten ist es die Hauptaufgabe, eine Fundmeldung zu erstellen. Anhand dieser soll es den verantwortlichen Stellen (meist sind dies die Landesämter für Denkmalpflege) möglich sein zu erkennen, ob es sich tatsächlich um einen Fund im Sinne des Denkmalschutzgesetzes handelt, welcher Fund es sein könnte und wo der Fund sich befindet.
Aussagen des Tauchers

- zur Beschreibung des Objektes (Größe, Material, Beschädigungen etc.),
- zur Lokalisation (GPS, Peilungen, Landmarken, Bezugspunkte etc.)
- und zur eigenen Person (des Finders)

sind hierbei hilfreich. Beim Thema Beschreibung zeigten sich selbst für erfahrene Taucher die Probleme unter Wasser sehr schnell auf: Kompasstauchen, auf einer UW-Tafel den Fund skizzieren und beschreiben, die Ausdehnung und Größe von Objekten festzustellen (wer hat schon beim Tauchen einen Meterstab oder gar ein Maßband dabei?) und dabei noch die ganze Gruppe beisammen zu halten und trotzdem auf Tauchsicherheit zu achten...

Markierung eines Fundortes
Markierung eines Fundortes


Fazit der praktischen Ausbildung

- Vermeide Ankerschäden!
- Vermeide Grundberührung (Hände, Flossen)!
- Achte deshalb auf eine gute Tarierung!
- Das Belüften (durch die Ausatemluft) wassergefüllter Hohlräume (Höhlen, Wracks) bringt zerstörerische Luft an das bis dahin geschützte Objekt.

Aber nichts ist unmöglich und am Ende hatte jeder Teilnehmer sein Brevet
"Seminar Denkmalgerechtes Tauchen" in Händen.

Teilnehmer des Seminars Denkmalgerechtes Tauchen
Die Teilnehmer und Instruktoren des Seminars

An dieser Stelle bedanke ich mich nochmals bei den vier Seminarleitern für ihre unermüdliche Geduld, die kompetente Vermittlung ihres Wissens und ein kurzweiliges Seminar. Wer Interesse hat, findet die Ansprechpartner für weitere Fragen unter dem Link zur BGfU www.bgfu.de, über den VDST www.vdst.de oder wendet sich direkt per eMail an den Seminarleiter Markus Thier unter m.thier@gmx.de


© 2004 - Text und Überwasser-Bilder von Michael Böhm
© 2003, 2004 - Bilder ROV und Pressluftgebläse von Frank Lechner
© 2003, 2004 - weitere UW Bilder von Andreas M. Stolpe


Infos

Kuba - Karabik-Feeling - Tauchen. Infos zum Thema findest Du in unserem Kuba-Guide. Hier sind übersichtlich nach Regionen die Tauchmöglichkeiten auf der Insel beschrieben und mit vielen weiteren interessanten Informationen bestückt.


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