Das Wrack vom Fischermichl

 Geschrieben von Lino & Uli

Josefine

Das Wrack vom Fischermichl

von Lino von Gartzen und Ulrich Mößlang

Der Hintergrund: Geschichte der Josefine


Die Geschichte um die Erforschung der Hintergründe des Wracks „Josefine“ an der Steilwand bei Allmannshausen begann im Herbst vor einem Jahr. Bei einer Tauchlehrerprüfung machte ich Bekanntschaft mit Wolfgang Zettel von den Tech Divers Germany. Er erzählte mir abends beiläufig von einem Wrack, das in über 80m Tiefe vor der Steilwand in Allmannshausen liegt.

Er hatte das Wrack im Frühjahr 2001 bei einem Trainingstauchgang zufällig entdeckt, und seitdem mehrmals betaucht.

Mein Interesse für die Geschichte war geweckt! Drei Jahre zuvor hatte ich ein Boot vor Berg gefunden. Seitdem habe ich mich viel mit der Geschichte der Fischerei und dem Transportwesen am Starnberger See beschäftigt. Bei meinen Recherchen stieß ich immer wieder auf den Namen „Fischermichl“. Das war der Hausname der Familie Böck. Die Geschichte dieses Ammerlander Fischlehens lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen.

Das verträumte Ammerland ca. 1900
Das verträumte Ammerland ca. 1900,
der "Fahren" hat die damals typische Schnecke am Bug.


Das Bade und Bootshaus vom Fischermichl in Ammerland 2004
Das Bade und Bootshaus vom Fischermichl in Ammerland 2004


Neben der Fischerei betrieben damals viele Fischerfamilien zudem noch Landwirtschaft und Frachtfahrten über den See. Transportiert wurde dabei alles mögliche; vom Baumaterial und Möbeln bis zu benötigten Nahrungsmitteln. Die Lastkähne dieser Zeit wurden „Fahren“ genannt, ihre Steuerleute Fargen.

Josefine, vom Fichermichl
Das Bild zeigt die Josefine, vom Fichermichl


So wurde zum Beispiel Bier von der Brauerei in Tutzing am Westufer in die Wirtshäuser ans Ostufer Ammerland geliefert. Einige von diesen Fässern sind heute noch im See zu finden. Der Transport über den See dauerte rudernd ca. 2-3 Stunden bei Windstille, bei günstigem Wind konnten viele Boote auch gesegelt werden. Die größeren „Fahren“ wie die Josefine hatten oft ein einfaches Rahsegel, das ermöglichte ein Segeln bei achterlichem Wind. Der Mast der Josefine war vermutlich auch zum Be- und Entladen des Schiffes als Kran zu benutzen.

Ölgemälde eines Biertransportes
Ein Ölgemälde eines Biertransportes, mit einer typischen "Fahren" unter Segel,
im Hotel am See in Ammerland


Der Untergang der Josefine fällt in die Zeit um 1900. Seit dieser Zeit zog es immer mehr wohlhabende Städter an den Starnberger See. Die Bautätigkeiten nahmen überall stark zu, es entstanden viele Villen an den Ufern.

Die „Josefine“ war das größte Transportboot dieser Zeit am See. Es hatte eine Länge von ca. 13 Metern und konnte laut Überlieferung 3000 Ziegel, bzw. 22 Tonnen Fracht aufnehmen.

Ob das Boot noch vom Vater Joseph Böck (1828-1891) angeschafft wurde, oder von seinem legendären Sohn Georg (1862-1921), konnte nicht sicher geklärt werden. Vater und Sohn waren über die Gemeindegrenzen bekannt, der Vater für seine Trinkfestigkeit (Legenden berichten von 30 halben in einem Zug), der Sohn für seine äußerst kräftige Erscheinung, die ihm auch den Namen Herkules von Oberbayern einbrachte.

Der Herkules im gesetzteren Alter Wie sein Vater betrieb auch Georg Böck die Frachtschifffahrt, und nachdem seine 4 Brüder zur Dampfschifffahrt gingen und dort Kapitäne wurden, übernahm er die Geschäfte des Vaters und baute diese aus. Er lieferte mit seiner „Josefine“ Baumaterial für den Bau der Seeburg in Allmannshausen um 1890 und später für den Bau der Votivkapelle in Berg. In dieser Zeit hatte der „Fischermichl“ ein spezielles Gleis der Bahn in Starnberg, dort konnte die Fracht direkt vom Zug auf das Boot umgeladen werden. Nebenbei betrieb er noch eine Kiesgrube, in der angeblich bis zu 40 Leute arbeiteten, um Kies zu fördern und als Baumaterial an die verschiedensten Baustellen am See zu liefern.






Zeitgenössische Postkarte mit Schloss Berg
Zeitgenössische Postkarte mit Schloss Berg

An der Stelle, an der sich früher diese Kiesgrube befand, steht nun das so genannte „Bayerische Haus“. Tauchern ist dieses Gebäude bekannt, es ist die ansprechende gelbe Villa gegenüber der Wasserwacht, die wohl jeder Steilwandliebhaber gerne sein eigen nennen würde: Vom dazugehörenden Seegrundstück aus kann man sich direkt in die Steilwand fallen lassen.

Traumvilla am Starnberger See, ehemals Hotel Bayerisches Haus
So sieht die Traumvilla heute aus.

Hotel Bayerisches Haus am Starnberger See, Historisches Foto
Das Hotel mit der früheren Gestaltung des Seeufers.
Die Wasserwacht befindet sich links, außerhalb des Bildrandes.


Vor der heutigen Wasserwachtstation wiederum war der Liegeplatz der „Josefine“. Nicht sehr weit entfernt hat sie Ihren letzten Ruheplatz gefunden, in über 80 Meter Tiefe.

Der Untergang

Wann genau die „Josefine“ gebaut wurde - sie stammte ursprünglich vom Ammersee - und wann sie in den Besitz der Fam. Böck gelangte, ist nicht sicher festzustellen. Genauso ist es mit Ihrem Ende vor der Steilwand. Es gibt zu Ihrem Untergang 3 verschiedene Geschichten:

A. Das Boot wurde vom Eis abgetrieben, zerdrückt und sank. In Frage kommt hierbei das Jahr 1895, danach war der See erst wieder 1914 zugefroren.

B. Die Josefine sank 1908 in einem Sturm vor der Steilwand.

C. Die Ankerkette brach im Sturm und das Boot versank im Winter 1899/1900.

Welche Version des Untergangs die Richtige ist, lässt sich nicht sicher beantworten.

Bei Recherchen zu großer Politik oder stolzen Schlachtschiffen kann man meist auf umfangreiche Archive zurückgreifen. Man findet dort schriftlich fixierte Daten, die meist zudem zur Zeit des Geschehens erstellt wurden. Bei Recherchen zur Geschichte der Schifffahrt am Starnberger See ist man aber zumeist auf mündliche Überlieferungen der alten, ortsansässigen Familien angewiesen, weitergegeben über Generationen und nur manchmal später niedergeschrieben. Auf der anderen Seite gab es Schriftsteller, die das Landleben am See blumig schilderten, sich aber nicht unbedingt an exakte historische Daten hielten. Vielleicht können weitere Tauchgänge am Wrack die Frage beantworten.

Tauchgänge zum Wrack

Wolfgang an der Dekoschaukel Bei seinen Tauchgängen zur Josefine war Wolfgang (Herkules von Bobingen) meistens mit seiner 4x20 Liter-Ausrüstung und den dazugehörigen Stage-Flaschen unterwegs. Aufgrund der großen Entfernung des Wracks vom Ufer, mit der damit verbundenen langen Grundzeit ist neben einer sehr guten körperlichen und psychischen Verfassung auch eine Doppel 20 und 2x 12 Liter Stages zu empfehlen.

Die Schwierigkeit dieses Tauchganges zeigen auch einige Unfälle aus den letzten Jahren, die mit der Erforschung des Wracks zu tun haben.




Um die Josefine genauer untersuchen zu können, sind im Herbst mehrere Tauchgänge mit Wolfgang geplant. Diese werden jedoch vom Boot aus durchgeführt. Der Ab- und Aufstieg erfolgt über eine Grundleine. Somit wird die Zeit der An- und Abreise zum Wrack reduziert, einerseits ein Gewinn an Grundzeit, die wir direkt zu Forschungen am Wrack verwenden können und zudem ein großer Gewinn an Sicherheit. An der Grundleine können zusätzliche Notflaschen befestigt werden und durch die kurze Distanz zum Wrack können Sicherungstaucher effektiv eingesetzt werden.

Bei diesen Tauchgängen soll neben einer Photo/Videodokumentation das Wrack genau vermessen werden. Evtl. finden sich auch Spuren der Untergangsursache.

Noch eine zweite Josefine?

Auch nach dem Untergang der „Josefine“ arbeiteten die Böcks weiter im Transportwesen des Starnberger Sees.Bei den Recherchen zu dem Wrack an der Steilwand ist mir ein Photo aufgefallen. Dieses Photo ist angeblich 1910 entstanden, es zeigt ein Mitglied der Böck Familie auf einem mit Bierfässern beladenen Boot namens Josefine. Auch bei dem Photo der „neuen“ Josefine ist diese Schnecke gut zu erkennen. Handelt es sich bei diesem Boot um das Schindel-Wrack vor Berg? Dieses Boot hatte ich vor 4 Jahren zufällig beim Tauchen in Berg entdeckt, und seitdem öfter mit Uli Mößlang und Markus Thier vom BGfU (Bayerische Gesellschaft für Unterwasserarchäologie) betaucht und vermessen

Die neue „Josefine“, ein kleineres Boot beladen mit Bierfässern
dieses Bild zeigt die neue „Josefine“,
ein kleineres Boot beladen mit Bierfässern,
mit einem Mitglied der Familie Böck.


Es versank 1910 vor Berg mit einer Ladung Dachschindeln aus Schiefer, die für das Schloss Berg bestimmt waren.

Josefine: 
Josefine: Bug des Schindelwracks
Bug des Schindelwracks, ohne Schnecke, die sich jetzt im Besitz des Südbayerisches Schifffahrtsmuseum e.V. befindet

Josefine: Schneckenquappen sind unter dem Wrack zu Hause
Schneckenquappen sind unter dem Wrack zu Hause


Josefine: Die Ladung, Schieferschindeln
Die Ladung, Schieferschindeln

Josefine: die Ladung in gutem Zustand


Trotz der schweren Ladung und des starken Aufpralls auf dem Seegrund sind die Schindeln bis heute nicht zerbrochen und liegen sauber aufgereiht nebeneinander.

1974 wurde es von einem Münchner Taucher entdeckt, die Bugschnecke geborgen und einige Jahre später dem Förderverein Südbayrisches Schifffahrtsmuseum e.V. übergeben. Danach geriet das Wrack wieder in Vergessenheit. Bei dieser Bugschnecke handelt es sich um eine typische Verzierung, die man auf vielen alten Zeichnungen, Stichen und Gemälden finden kann. Leider ist meines Wissens außer dieser Schnecke keine andere am Starnberger See erhalten geblieben.

Josefine: Die neue Josefine mit einer Bierlieferung
Die neue Josefine mit einer Bierlieferung


Josefine: Bierfässer aus einer längst vergessenen Ära liegen am Seegrund in der Dunkelheit
Bierfässer aus einer längst vergessenen Ära
liegen am Seegrund in der Dunkelheit.


Mehrere Indizien sprechen dafür, dass das Boot vor Berg zur Flotte des Fischermichl’s gehörte:

1. Das Boot auf dem Photo hat dieselbe Bauform und Größe. 1910 war die Schnecke am Bug nicht mehr so stark verbreitet wie in früherer Zeit.
2. Die Ladung war für das Schloss Berg bestimmt, nachdem die Böcks in den Jahren zuvor die Baustellen der Votivkapelle und der Seeburg belieferten und generell die wichtigsten Lieferanten für Baumaterial am Starnberger See waren, ist es wahrscheinlich, dass sie auch diesen Auftrag annahmen.
3. Die Ladung des Wracks waren Steinschindeln, die nicht aus dem Gebiet des Starnberger See’s stammen. Sie wurden also vermutlich mit dem Zug an den See geliefert, wo der Fischermichl seine Verladestation hatte.

Auch hierzu gibt es nur mündliche Überlieferungen, vielleicht werden aber auch hier weitere Tauchgänge (Im Starnberger See und den Archiven der Gemeinden), genauere Informationen liefern.

Die Legenden vom Fischermichl

Neben den 2 Wracks im Starnberger See haben die Böcks der Nachwelt noch mehrere Geschichten hinterlassen. Eine Unzahl von Gerüchten und Erzählungen ranken sich um den Vater Joseph und seinen Herkulesstarken Sohn Georg.

Legenden berichten von unglaublichen Kraftakten, so sollen die 2 Böcks mit eigener Kraft, Zugwagons aus den Schienen heben können. Wenn das Vieh beim pflügen müde war, wurde halt der Herkules Georg vor den Pflug gespannt. (Ging dann eh schneller mit dem Pflügen). Doch seine Kraft verursachte auch Probleme: Bei einem Streit im Wirtshaus wurde angeblich seinem Gegner der Schädel zertrümmert. Daraufhin verbrachten Sohn und Vater einige Zeit im Gefängnis. Bei einem Ringkampf beim Oktoberfest in München, vermöbelte der im Ringen unerfahrene Georg seinen Gegner derart (Bruch einiger Knochen), dass der Kampf mit einer Anzeige wegen Körperverletzung endete.

Bei schlechter Laune soll schon mal das ganze Mobiliar mitsamt einem Kind durchs Fenster auf den Hof geflogen sein. Übereinstimmend sprechen aber alle Quellen von einem sehr gütigen, loyalen Menschen mit Herkules-Gestalt.

Recherche / Danksagung


Dank an Wolfgang Zettl vom TSCB in Bobingen, der mir von dem Wrack erzählte und die Stelle des Untergangs genannt hat. Die Recherchen zur Josefine haben mich letztendlich auch dem Wrack vor Berg, der zweiten Josefine näher gebracht.

Dem Förderverein Südbayerisches Schifffahrtsmuseum e.V für historische Fotos.

Dank dem Wrack-Uli vom Taucher.Net, der unverdrossen bei Wind und Wetter auch die langweiligsten, schlammigsten Stellen mit mir betaucht, immer auf der Suche nach neuen und interessanten Spots im See.

Mitgewirkt haben auch meine Kollegen vom BGfU, die immer mit Rat und Tat zur Seite standen, sowie meinem Tauch-Verband ITD (www.itd.info), der mir durch das technische Tauchen neue Bereiche des Sees erschlossen hat.

Last but not least, Dank an alle Ortsansässigen und Heimatgeschichtler, mit denen ich in den letzten Jahren gesprochen und Informationen gesammelt und ausgetauscht habe.

Dank vor allem auch an den guten Gletscher, der mit viel Mühe vor langer Zeit den wunderschönen Starnberger See geschaffen hat.   

© 2004 - Lino von Gartzen und Ulrich Mößlang








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