Open Water - der Film

 Geschrieben von Jessica

Open Water - der Film

von Jessica Brühl

Der Traum vom Tauchen wurde für zwölf Ägypten-Urlauber zum Albtraum. Da sie die Strömung falsch eingeschätzt hatten, bzw. einen Moment unaufmerksam waren, wurden erst vor wenigen Wochen Touristen im Roten Meer kilometerweit von ihrem Safariboot abgetrieben. Viele Stunden trieb die Gruppe im Roten Meer bis ein Armeehubschrauber sie entdeckte und retten konnte. Es klingt wie ein schlechter Film, tatsächlich hat sich dieses Ereignis jedoch auch so abgespielt.

Und so passen die dazu gehörigen Presseberichte wie eine makabre Promotion-Aktion zu einem Film, der in diesen Tagen in den deutschen, schweizer und österreichischen Kinos angelaufen ist: Open Water.
Aber vorsicht. Wer "Open Water" gesehen hat, wird so schnell in keinen Tauchanzug mehr schlüpfen - oder aber hat einen noch panischeren Lebensabschnittsgefährten, als vorher - wenn's um's Tauchen geht. Den der Film handelt von einer der durch die Medien meistgeschürten Ängste der Menschheit - der Angst vor einer Haiattacke.

Plakat Film Open Water


Im endlosen Ozean verlassen über einem dunklen Abgrund zu treiben, beäugt von unbekannten Kreaturen der Tiefe, gehört unauslöschbar zu menschlichen Urängsten, ebenso wie bei lebendigem Leibe aufgefressen zu werden. All dies Grauen schürt dieser Film gekonnt und stapaziert dabei ein weiteres mal den Mythos der menschenfressenden Bestie Hai. Das wäre für einen Horrorfilm von anno Dunnemal OK, das blutrünstige Image aber hat sich aus wissenschaftlicher Sicht schon lange als unhaltbar erwiesen und war / ist obendrein kontraproduktiv für den Schutz der Haie. Bei den Filmbestien handelt es sich ausschließlich um Riffhaie, die im Set mit blutigen Fisch-Ködern zu den Tauchern gelockt werden mußten. In ihren Szenen selbst verhalten sie sich (wie auch unerschrockenere Arten) extrem vorsichtig und umkreisen die unbekannten Wesen lange, verschwinden, kommen wieder, rempeln die Taucher an, zeigen aber schließlich auch den (gerade von Tauchern durchaus vermeidbaren) 'Testbiss'. Doch sind dies leider die einzigen der Realität entsprechenden Verhaltensweisen von Haien, die gezeigt werden. Im Film wird, völlig überflüssigerweise, letztendlich das übliche Klischee des Menschenfressers bemüht - bedauerlich, denn dadurch verspielt der Film die große Chance sowohl effektvoll als auch authentisch zu sein.

Gut, dass man, als Landratte, relativ sicher vor einer solchen lost-at-Sea Situation ist. Das denken sich auch Susan (Blanchard Ryan) und Daniel (Daniel Travis), ein beruflich ziemlich gestresstes Paar, das - mit Laptops und Handies permanent vernetzt - den Alltag unter völliger Kontrolle hat. Ihre Beziehung ist dabei fast auf der Strecke geblieben, und um wieder zueinander zu finden, buchen die beiden einen romantischen Karibik-Trip. Den Höhepunkt der entspannten Tage am Meer, das sich den Strandurlaubern in immer neuen, atemberaubenden Facetten präsentiert, soll ein Tauchausflug bilden.

Film Open Water - Tauchen

Film Open Water - Tauchen

Doch schon während sie sich ihre Ausrüstung anlegen, zeichnet sich das Unheil ab - dem Diveguide unterläuft ein Zählfehler und rechnet fortan mit einer geringeren Taucherzahl als tatsächlich vorhanden (zumal ein bereits als Rückkehrer ausgetragener Taucher noch einmal ins Wasser springt). Die beiden erkunden in der Zwischenzeit ahnungslos die Meerestiefe und geben sich dem Zauber ihrer Bewohner hin. Dass irgendwo weit über ihnen der Kapitän den Anker lichtet und den Motor startet, kriegen sie nicht mit. Als Susan und Daniel beim Auftauchen das Verschwinden ihres Bootes bemerken, glauben sie zunächst an ein Missverständnis. Und tatsächlich - am Horizont sind Boote zu sehen. Doch die Zeit vergeht - und keines nimmt Kurs auf die vergessenen Taucher, alles Winken und Rufen bleibt vergebens.

Film Open Water - Tauchen

Völlig allein im weiten Ozean wandelt sich das Gesicht der Tiefe, die zuvor noch als eine Art unterseeischer Garten Eden empfunden wurde, in einen höllischen, unberechenbaren Schlund. Etwas nagt an Susans Bein, Feuerquallen schweben aus dem dichten Blau auf die Hilflosen zu und plötzlich durchschneidet ein graues Dreieck das Wasser.... Für Susan und David beginnt ein Martyrium, das weit über ihre psychischen und physischen Grenzen hinausgeht.

Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann Chris Kentis (für "Open Water" auf dem Sundance Film Festival hoch gelobt) verzichtet in seiner Low-Budget-Produktion auf computerererzeugte Spezialeffekte und spielt mit äußerst reduzierten Mitteln meisterhaft mit den Ängsten der Menschen vor den Schrecken der Tiefe und ihren eigenen Abgründen. Susan und Daniel stehen für das moderne Großstadt-Paar, das einen hektischen Alltag managt.
Doch der Glaube, jede Situation unter Kontrolle zu haben, wird schnell zerstört, wenn der Halt, hier das Ausflugsboot, wegfällt und der Mensch sich auf eine für ihn unfassbare Schwäche reduziert wieder findet. Ausgesetzt, fernab von jeglicher Zivilisation, kaum Hoffnung, dass man gefunden wird.

Film Open Water - Tauchen

Kentis drehte "Open Water" mit einer Digitalkamera, die den Zuschauer, auch durch außergewöhnliche Perspektiven, zum Dritten im Bunde macht. So wird das Paar bei den normalen touristischen Tätigkeiten gezeigt, wie beim Essen, der Souvenierjagd und dem Zähneputzen. Auch unter Wasser bleibt es dabei. So sieht man vom Grund des Meeres aus die Tauchleiter ins Wasser platschen oder Bleistücke in den Sandgrund rammen. Und immer wieder zeigt Kentis im Kontrast Meeresbilder von atemberaubender Schönheit. Seine Aussage im Film ist klar umrissen und unterscheidet sich von dem üblichen Hollywood-Einheits-Katastrophenfilm erheblich: Die Natur ist nicht böse - der Mensch ist ohne seine Technik nur ein Glied in der natürlichen Nahrungskette. Dieser rote Faden - nämlich in Kombination mit den Haien wird allerdings reichlich überstrapaziert. Den ganzen Film über umkreisen irgendwelche Viecher, vor allem Haie, die beiden Taucher. Im wahren Leben würde das nie so passieren. Auch muss man sich fragen, warum die Taucher unter Wasser Haie und Muränen streicheln mussten?

Man merkte zwar deutlich und erfreulicherweise, dass die Beteiligten von Tauchen eine Ahnung haben, auch der Diveguide war wohl echt, aber auf der anderen Seite fragt man sich, warum 6kg (übrigens reichlich spät) Blei abgeworfen werden, es der Taucherin trotzdem später noch problemlos gelingt, abzutauchen...

Film Open Water - Tauchen


Die Entstehungsgeschichte des Films ist interessant und auf verschiedenen Ebenen hochaktuell (wie gerade erst in Ägyten bewiesen). Der passionierte Taucher Kentis hat in Tauchmagazinen über vergessene Taucher auf See gelesen. Ohne auf ein bestimmtes Schicksal oder einen konkreten Ort verweisen zu wollen, hat er diese Geschichte aufgegriffen und zu einem Film umgearbeitet. Daher auch der Hinweis zu Beginn des Films: "Based on true events". Hier wird allerdings keinesfalls eine wahre Begebenheit verfilmt, sondern wurde nur die Thematik "vergessene Taucher auf See" als Vorlage genommen.

Der Film wurde 20 Meilen vor der Küste der Bahamas gedreht, wo die Dreharbeiten der nur fünfköpfigen Crew mitten auf dem Ozean stattfanden. Die Schauspieler verbrachten dabei 120 Stunden im Wasser - geschützt durch Kettenhemden unter den Tauchanzügen, die trotz der Gegenwart von Haiexperten vor Attacken schützen sollten. Gewählt wurde ausserdem eine Haipopulation, die den Umgang mit Menschen gewöhnt ist. Sie wurden mit blutigen Fischhappen angefüttert, um ein realeres Bild einer Fressmaschine zu bieten. Ernsthaft verletzt wurde niemand, es kam allerdings bereits am ersten Tag zu einer Bissverletzung durch einen Pfeilhecht.

Film Open Water - Tauchen

Film Open Water - Tauchen


Der Film ist zu recht der Kategorie "Thriller" zugeordnet. Er ist aber auch mit allerlei unterhaltsamen Meisterleistungen gespickt. "Ich wollte zum Skilaufen!" schreit Susan ihren Lebensgefährten in einer Szene mitten im weiten Ozean verzweifelt an. Nett auch die Szene im Bett, er nähert sich an und will Sex, sie jedoch nicht, sie schiebt Müdigkeit vor. Nach einer Weile versucht sie zu besänftigen: "Can we talk?? - "No, you're right, lets get some sleep" oder auch ein Mann auf Mückenjagd. Der Film besticht aber insgesamt durch eine aussergewöhnliche, jedoch sehr interessante Kameraführung.

Insgesamt ist der Film für Taucher in die Kategorie "Sehenswert" einzuordnen. Es war erstaunlich, wie schnell der Film doch vorbei war. Anhand des Trailers war schlimmstes Klischeetum zu befürchten. Der Film ist recht kurzweilig und man merkt, dass echte Taucher beteiligt waren, so dass sich die unrealistischen Szenen in Grenzen halten. Einzig und allein nervig: Die wie ein roter Faden durch die Handlung ziehende Haiumkreisungen - auch mitten im offenen Ozean, weit weg von jedem Riff werden die beiden nahezu permanent von Haien bedroht. Das hat mich persönlich ein wenig gestört.

Letzendlich wird aber das "Mythos Monster" geschürt. Analog "Weisser Hai". Dies ist für einen Horrorfilm ok, doch ist all das ist bei dem aktuellen Stand der Haiforschung natürlich unnötig und kontraproduktiv.
Wett gemacht wurde dieses Defizit durch die wirklich hervorragenden schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller, die die Aufkommende Verzweiflung angesichts der recht hoffnungslosen Lage realistisch vermitteln konnten. Interessant aber auch, was alles zur Steigerung der Dramatik benutzt werden kann, seien es Quallen oder auch ein Unwetter.

Film Open Water - Tauchen

Film Open Water - Tauchen


Den ängstlichen Lebenspartner sollte man vielleicht daheim lassen, sonst wird einem womöglich die Erlaubnis für den kommenden Tauchurlaub im Warmen wieder entzogen :)

Film Open Water - Tauchen

Film Open Water - Tauchen

Film Open Water - Tauchen


Danke an dieser Stelle an "Universal Film" für die Überlassung des Bildmaterials und der Möglichkeit den Film in einer Vorpremiere sehen zu können. Ausserdem danke ich Uli Erfurth fuer seine Fachberatung zum Thema Haie und fuer Textanregungen. Zwei Threads zum Thema findet ihr im Biologie-Forum!
Thread 1
Thread 2

© 2004 - Jessica Brühl


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