Seescheiden - Mehr Sein als Schein
von Uli Erfurth
Als Zoologie-Student hatte ich einen Betreuer, der in einer Prüfungsvorbereitung
einst folgende Eröffnungsfrage stellte: „Diskutieren Sie die folgende These:
Die Seescheide ist ein schlabberiger Beutel mit ein paar Innereien, der kein
Recht hat, sich unser nächster Verwandter im wirbellosen Tierreich zu schimpfen!“
Diejenigen unter uns, die munter „stimmt“ auf ihr Blatt schrieben, bekamen nicht
einmal den üblichen Extrapunkt für Offenheit.
Laut Lehrbuch gehören Seescheiden zum großen Stamm der „Chordatiere“. Diese
Tiergruppe ist vielleicht die wichtigste Entwicklungslinie der Evolution:
Zusammen mit anderen Wirbeltieren ist auch der Mensch aus ihr hervorgegangen.
Trotzdem ist es unmöglich, Chordaten nach allgemeinen äußeren Merkmalen zu beschreiben.
Zu unterschiedlich sind ihre Erscheinungsformen im erwachsenen Zustand. Bei
allen Vertretern gibt es allerdings faszinierende Parallelen in der Ausbildung
spezieller Organe.
Ein staunender Taucher vor seinen nächsten Verwandten im wirbellosen
Tierreich,
hier (u.a. rechts unten): Schlauchseescheiden (Cliona intestinalis)
(Foto: van Wijk, Norwegen)
Eine unbekannte Seescheiden-Art aus den Malediven
Seescheiden sind Zwitter und produzieren Eier und Spermien,
aus denen sich eine planktonische Larve entwickelt. Evolutionstechnisch gesehen
haben sie in diesem Stadium ihres Lebens noch alle Optionen:
Das kaulquappenartige Wesen, das da für ein paar Tage durch die Weltmeere
rudert, weist einen muskulösen Schwanz auf, einen gut entwickelten Nervenstrang
samt Gehirn mit Augenflecken und anderen Sinnesorganen, vor allem aber ein
knorpeliges Stützgewebe, die sogenannte Rückensaite oder Chorda dorsalis.
(Nicht zu verwechseln mit Costa Cordalis!)
Die kaulquappenähnliche Larve einer Seescheide (mit Chorda dorsalis)
Mit etwas gutem Willen hätte die Larve in diesem Stadium ein Affe werden können.
Denn auch wir Herrentiere weisen für wenige Stunden unseres Lebens diese Chorda
auf - als Embryos! Zu Höherem berufen, ersetzen wir sie jedoch später durch
die Wirbelsäule. Anders die Seescheide: Kaum hat sich die Kaulquappe mit Haftpapillen
kopfüber an ihrem zukünftigen Wohnort festgesetzt, geht es mit ihr bergab. Der
Schwanz wird resorbiert und auch für die Knorpel-Chorda besteht jetzt kein Bedarf
mehr. Als festsitzendes Manteltier, das fortlebens nur noch Plankton filtriert
und Geschlechtsprodukte produzieren muss, fallen auch Muskeln, Nervenstrang und
Gehirn den evolutiven Sparzwängen weitestgehend zum Opfer. Ersatzweise entwickelt
sich hinter dem großen Mund, der wie der After eine Wanderung über den Körper
erfährt, ein gewaltiger Fressapparat: der Kiemendarm.


Die Metamorhose einer Seescheidenlarve zur 'Couch Potato'
in weniger als einer Woche
ist mit erheblichen Umbauten verbunden!
Tausende von Wimpern säumen die Löcher des zarten Netzwerks und strudeln durch
die Einströmöffnung jeden Tag Hunderte von Litern Meerwasser ein.
Dabei bleiben winzige Nahrungspartikel wie einzellige Algen und Bakterien in
einer Schleimschicht hängen. Die Seescheide rollt den appetitlichen Glibber
zu einem Strang zusammen und flimmert ihn zum Magen. Unverdauliches wird über
die Ausströmöffnung ausgestoßen. Übrigens: Die Rinne, in der der Wursttransport
stattfindet, entwickelt sich bei Wirbeltieren zur Schilddrüse, der Vorderdarm
zu Kiemen bzw. Lungen!
Die Glasmantelseescheide erlaubt einen Blick auf ihre
Innereien (Norwegen).
Der riesige, netzartige Kiemendarm ist gut zu sehen.

Außen pfui, innen hui!
Das vermeintliche Manko der simplen Endkonstruktion machen Seescheiden
mit verwirrender Farben- und Formenvielfalt mehr als wett. Ihre Körpergröße
reicht von wenigen Millimetern bis 30 Zentimetern, ihre Kolorierung von weiß
und gelb über blau, grün, bis zu rot, orange und braun, alle Zwischentöne und
Farbintensitäten eingeschlossen. Die Mantelkonsistenz im Stock oder beim Einzeltier,variiert
von lederartig bis gallertig (er enthält übrigens stets große
Mengen des Pflanzenzellbaustoffs Zellulose!), und Runzeln oder Höcker tarnen
Seescheiden oft ebenso wie kleinere Verwandte, die ihre Kollegen besiedeln.

3 Arten 'Single'-Seescheiden und eine koloniale Art (oben: weiß,
schwammartig)
(Indonesien).

Microcosmus sulcatus trägt ihren Namen zu Recht:
Überzogen von anderen Organismen bleiben gerade die Ein- und Ausströmöffnungen
frei
(2 Exemplare, Mittelmeer)

Didemnum albidum sieht wie viele Kolonie-Seescheiden einem Schwamm
ähnlich.
Charakteristisch für die Wohngemeinschaften: individuelle Ein- (sternförmig)
und gemeinsame Ausströmöffnungen (groß, hier kontrahiert)
(Norwegen)
Detailaufnahme der kolonialen Seescheide
Botryllus schlosseri (Atlantik).
Zentral: die gemeinsame Ausströmöffnung von 10 Individuen.
Koloniale Didemnum-Seescheiden auf Kalkrotalgen (Malediven). Das Rote
ist ein Schwamm.
Wenn so auch viele Taucher ahnungslos an ihrer wirbellosen Sippschaft vorbeischwimmen,
so sind doch die Freiwasser-Versionen der Seescheiden selbst als durchsichtige
Plankter kaum zu übersehen: Salpen errichten regelmäßig mächtige Kolonien, bei
denen die Individuen in zwei spiegelbildlichen Reihen angeordnet sind. Sie entstehen
durch ungeschlechtliche Vermehrung eines Einzeltiers, der sogenannten Amme.
Salpenketten können über 20 Meter lang werden! Von Februar bis April treten
sie im Roten Meer in Massen auf: ein einmaliges Spektakel!
Systematik:
STAMM CHORDATIERE (Chordata)
Tiere mit zweiseitig-symmetrischem Körper, der zumindest in der Keimesentwicklung
oder im Larvenstadium eine Chorda dorsalis aufweist.
UNTERSTAMM MANTELTIERE (Tunicata)
3 Klassen: Seescheiden (Ascidia), Salpen und Feuerwalzen (Thalicea),
Larventiere (Appendicularia)
UNTERSTAMM SCHÄDELLOSE (Acrania)
Nur eine Art: das Lanzettfischchen (Branchiostoma lanceolatum)
UNTERSTAMM WIRBELTIERE (Vertebrata)
5 Klassen: Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säuger; letztere ist mit
Homo sapiens aquaticus im Riff vertreten: Diese Art trifft man zwar nur
temporär, dafür aber oft in Rudeln an.
Text: Uli Erfurth
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