Seereinigung

 Geschrieben von Andreas Nowotny

Seereinigung

Die Jäger des verlorenen Schmutzes

von Andreas Nowotny

An einem kalten verregneten Sonntagmorgen im November: Eine mit Netzen bewaffnete Tauchgruppe verschwindet unter der Wasseroberfläche, um reiche Beute zu machen.
Heftig blubbern die Luftblasen im Uferbereich. Nach einer Weile tauchen die ersten Köpfe an der Wasseroberfläche auf. Stolz kommen die Taucher an Land und zeigen ihren Fang: Bierflaschen, Getränkedosen und Chipstüten!

Same procedure as every year ...

Die freiwilligen Helfer bei der Seereinigung 04 Schon zum dritten Mal hatten die Augsburger Tauchschulen TSC Alpha und Diving Team Augsburg am Saisonende zur Reinigung des Ilsesees aufgerufen und mehr als 30 Taucher (sowie Kinder und nicht tauchende Partner) ließen sich auch durch das schlechte Wetter nicht abschrecken. Wie in den Jahren vorher ging es nicht nur darum, Müll aus dem Wasser zu holen, sondern auch das Gebüsch rings um den See zu säubern.
"Diese Aktion markiert für uns das Ende der Tauchsaison im Ilsesee. Es ist eine Gelegenheit sich noch einmal zu treffen, gemeinsam abzutauchen und dabei auch etwas für die Umwelt zu tun," sagt Lothar Sailer vom TSC Alpha. "Taucher haben ja oft keine besonders gute Lobby und mit dieser Aktion zeigen wir, dass wir als Taucher Verantwortung für das von uns genutzte Gewässer übernehmen," ergänzt sein Kollege Klaus Kohler vom Diving Team Augsburg.

Wieso Seereinigung?

Müllhaufen in der Uferzone Wie die beiden Tauchschulbesitzer anmerken, geht es um mehr als nur den Saisonabschluss und den Spaß der Beteiligten. Gerade weil Taucher meist eine schlechte Lobby haben und von vielen Gruppen (z.B. Anglern, Naturschützern, aber auch Badegästen) misstrauisch beäugt werden, bietet eine Seereinigung Tauchern die Möglichkeit, etwas für ihr Image zu tun und dabei aktiven Umweltschutz zu betreiben.
Trotzdem ist eine Seereinigung weit mehr als eine PR-Veranstaltung für das Ansehen der Tauchgemeinde. Neben der aktiven Reinigung ist ein sehr wichtiger Aspekt die Erhöhung des Wissens bei den beteiligten Tauchern um die entsprechenden Gewässer. Dabei wird der Sinn für UW-Umweltschutz generell geschult. Wie fragil viele Gewässer in Deutschland sind, ist Tauchern oft gar nicht bewusst. Begleitend zur Seereinigung kann man deshalb in Vorträgen und Briefings gut das Bewusstsein für generell umweltverträgliches Tauchen wecken.

Was ist bei einer Seereinigung zu beachten?

Natürlich kann man einfach in den See steigen und Müll rausziehen. Eine erfolgreiche Seereinigung sollte aber schon im Vorfeld entsprechend gut organisiert werden. Dabei sind hauptsächlich folgende Punkte wichtig:

* Genehmigung
* Sammelbehälter
* Vorbereitung und Briefing
* Müllentsorgung
* Rahmenprogramm

Genehmigung

Natürlich wird in Tauchgewässern generell Tauchen erlaubt sein. Aber in vielen Seen ist das Tauchen auf bestimmte Zonen eingeschränkt, so sind z.B. oft Badezonen gesperrt. Da man bei der Seereinigung eher den Müll der Badegäste als den der Taucher sammelt, sollte man sich für den Tag die Genehmigung holen, auch andere Einstiege benutzen zu dürfen, andernfalls kann man sich auf lange Schnorchelstrecken einstellen. Natürlich sind Uferbereiche, die aus Naturschutzgründen für Taucher und andere Gäste gesperrt sind tabu - dort wird es aber auch kaum Müll geben.
Taucher beim Müllsammeln Vielleicht gibt es aber auch Badeseen in eurer Nähe, die für das Tauchen nicht freigegeben sind, aber trotzdem von einer Seereinigung profitieren könnten. Fragt hier bei den Besitzern, bzw. den zuständigen Ämtern nach, ob die Möglichkeit besteht, für einen Tag eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten. So kommen Badegäste zu scherbenfreien Badezonen und Taucher zu einem TG in einem neuen Gewässer!
Auch eine Fahrgenehmigung für die Fußwege ist vorteilhaft. So kann man einerseits Taucher an entlegenere Einstiege, andererseits aber auch den gesammelten Müll von einzelnen Uferstationen zur Gesamtsammelstelle bringen.
Wichtig: Achtet immer darauf, alle Auflagen der Genehmigung zu erfüllen. Das schafft Vertrauen bei den zuständigen Ämtern und Besitzern und erleichtert bei zukünftigen Aktionen die Kooperation.

Sammelbehälter

Ein Netz ist ein idealer Sammelbehälter Taucher sollten mit Netzbeuteln ausgerüstet sein, die möglichst reißfest sind. Dabei sollten diese Netze auch nicht zu groß sein, damit sie nicht am Grund entlang schleifen und unnötig Sedimente aufwirbeln oder UW-Pflanzen beschädigen. Lieber einmal mehr auftauchen und den Müll einer Uferstation übergeben. Wo dies nicht möglich ist, kann man auch ein Schlauchboot benutzen, dass von den Tauchern mitgezogen wird.
Für die Uferbereiche nimmt man am besten die ganz normalen großen Müllsäcke. Sollten sehr viele Scherben aufgelesen werden, muss man aufpassen, dass die Säcke keinen Riss bekommen. Es hat sich als vorteilhaft erwiesen, rund um den Uferbereich kleinere Sammelstellen einzurichten. Von dort kann der Müll dann mit Schubkarren (oder wo möglich mit dem Auto) zur Hauptsammelstelle gebracht werden.

Vorbereitung und Briefing

Wild tauchen bei einer Seereinigung in der Hoffnung etwas zu finden, ist unproduktiv. Man sollte daher im Vorfeld die Flachwasserbereiche des Gewässers in entsprechende Zonen einteilen und nach vermuteten Müll-Hotspots (z.B. bei Liegewiesen) sortieren. Anschließend teilt man die Tauchteams ein, die jeweils eine dieser Zonen übernehmen. Entsprechendes gilt auch für den Uferbereich selbst. Hier werden wieder Teams eingeteilt, zu deren Aufgaben es nicht nur gehört, den jeweiligen Bereich zu säubern, sondern auch die Taucher zu unterstützen, z.B. durch Müllübernahme.
Genaues Briefing der Seereinigungsteilnehmer Ein ganz besonders wichtiges Thema bei der Organisation einer Seereinigung ist das Briefing. Müll ist nicht immer gleich Müll - besonders im See. Auch wenn nicht alles auf organische Weise abbaubar ist, so können Zivilisationsüberreste doch von der Natur integriert werden. So manches Glas fand eine neue Bestimmung als Laichplatz. Und wenn eine große PVC-Plane von Sedimenten eingedeckt und teilweise überwachsen ist, besteht die Gefahr, dass bei der Entnahme aus dem Gewässer mehr Schaden verursacht wird, als durch die Plane selbst.
Um die richtigen Informationen für eine erfolgreiche und vor allem umweltverträgliche Seereinigung zu haben, lohnt es sich beim Bund Naturschutz nach entsprechenden Richtlinien nachzufragen. Man kann aber auch eines ihrer Mitglieder diesen Teil des Briefings übernehmen lassen, um diese Infos direkt aus erster Quelle zu erhalten.

Müllentsorgung

Der gesammelte Müll der Ufertruppen Wohin mit dem Müll? Unter Umständen kommt eine Menge zusammen - das Ganze will umweltgerecht entsorgt werden. Wer einmal mit einem Anhänger den übel riechenden Müll zu entsprechenden Wertstoff- und Entsorgungshöfen gefahren hat weiß, dass diese Lösung nicht optimal ist. Bei öffentlichen Gewässern sollte man sich daher im Vorfeld (z.B. bei der Genehmigungsanfrage) erkundigen, ob die Land- bzw. Stadtkreise die Entsorgung übernehmen und für die freiwilligen Helfer Container am See aufstellen. Bei Privatseen sollte man versuchen, mit dem Besitzer eine Lösung zu finden.
Sollte sich bei öffentlichen Gewässern die Eigentümer nicht hilfsbereit zeigen, hilft oft ein Artikel in der jeweiligen örtlichen Presse. Oft zeigen sich Ämter dann bei ähnlichen Aktionen im nächsten Jahr erstaunlich kooperationsbereit.
Und wenn nicht? Dann hilft nur eins: Nase zuklemmen, bzw. Tauchmaske aufsetzen und Müll selbst sortieren und zu den entsprechenden Entsorgungsplätzen fahren.

Rahmenprogramm

Klar, man macht solche Aktionen weil man der Umwelt etwas Gutes tun will. Aber ob das reicht, bei eventuell schlechtem Wetter genügend Helfer zu mobilisieren? Gerade auch die Oberflächenhelfer haben nicht einmal den Spaß des Tauchgangs.
Daher sollten sich die Veranstalter etwas überlegen, um die Seereinigung zu einem Gesamtevent zu machen. Das kann von einer einfachen Saisonabschlusspartie mit Glühwein und Würstchen bis hin zu einem großen Süßwasserseminar mit Vorträgen zu verschiedenen Themen von Fachleuten reichen. Wichtig ist, dass alle Beteiligten nicht nur wissen, dass sie ihre Freizeit für einen guten Zweck opfern, sondern dass sie auch alle Spaß an der Aktion haben.

Eine erfolgreiche Aktion?

Ein Müllsammeltaucher Eines zeigte sich bei der Putzaktion 2004 am Ilsesee: Das Gewässer wird sauberer! Gerade im Vergleich zum ersten Jahr gab es Unterwasser deutlich weniger Müll. Besonders große Dreckschleudern gab es in diesem Jahr kaum. Lothar Sailer erinnert sich: "Im ersten Jahr haben wir einige verrostete halbvolle Öldosen aus dem hinteren Bereich geholt, so etwas gab es dieses Jahr nicht." Spitzenreiter waren auch keine Dosen (vielleicht zeigt auch das Dosenpfand seine Wirkung), sondern Glasscherben und Plastikmüll.


"Der Uferbereich ist viel sauberer als vor ein paar Jahren," meint Klaus Kohler, "der Müllsackverbrauch ist deutlich gesunken!" Die beteiligten Helfer sind ebenfalls dieser Meinung. "Es ist schon wichtig, einmal im Jahr zu schauen, dass der Müll nicht überhand nimmt," sagt ein Taucher, als er seinen Müll abgibt, "besonders die Glasscherben im Flachbereich beim Kinderspielplatz sind eine echte Gefahr für spielende Kinder."
Für die beiden Tauchschulen und ihre Helfer hat sich der Einsatz, trotz schlechten Wetters, auf jeden Fall gelohnt. Nachdem der Ilsesee jetzt für die Wintermonate geschlossen ist, bot sich noch eine letzte Möglichkeit für einen Tauchgang, einen Plausch mit anderen Augsburger Tauchern und die Glühweinsaison zu eröffnen! Ein gelungener Saisonabschluss, sowohl aus Umwelt-, als auch Spaßaspekten.

Karpfen im Ilsesee
Karpfen im Ilsesee


Text: © Andreas Nowotny 2004
Photos: © wie angegeben - Klaus Kohler, Andreas Nowotny, Peter Salis


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