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 Geschrieben von Jessica

Stimmritzenkrampf

von Jessica Brühl

Im Herbst 2001 unternahm ich einen Tauchgang mit einem mir -als Taucher- unbekannten Partner (siehe auch Unfallforum). Nennen wir ihn Alex. Die max. Seetiefe betrug runde 20m, geplant war ein Tauchgang auf etwa 18m zu einer dortigen interessanten Felsformation.
Zu diesem Zweck sind wir (ich damals etwa 150 TG, er etwa 500TG) mit Halbtrockentauchanzügen vom Ufer aus gerade in Richtung Seemitte getaucht. Die Sicht betrug etwa 10m und es gab eine Menge zu sehen, da der See stark bewachsen war und (weil ein ausgewiesener Angelsee) voll mit Fischen jeder Größe. Wir ließen uns jede Menge Zeit beim langsamen Abstieg, es war ein absolut ruhiger und gemütlicher Tauchgang. Alex tauchte seiner Erfahrung entsprechend auch sehr routiniert und gelassen.

Nach erreichen der max. Tiefe und dem bestaunen der Felsformation wollten wir langsam wieder Aufsteigen in Richtung Ufer und den restlichen TG im 5m-Bereich verbringen.
Wir schlugen also einen 45-Grad-Kurs zurück in Richtung Ufer ein. Auf etwa 15m dreht sich Alex plötzlich zu mir um und signalisiert Luftnot – für mich ohne erkennbaren Grund. Er nimmt seinen Zweitautomaten, spuckt den jedoch wieder aus und signalisiert erneut Luftnot. Nun erhält er von mir meinen Zweitautomaten, bekommt aber augenscheinlich auch aus diesem keine Luft, auch nicht aus meinem Hauptautomaten. Mittlerweile sind dann doch ein paar Sekunden vergangen und Alex, der bis dahin ganz ruhig war, bekommt langsam wirklich Luftnot. Er guckt nach oben Richtung Oberfläche und will offensichtlich einen Notaufstieg einleiten. Im selben Moment kann er jedoch seinen Atemreiz nicht mehr unterdrücken und zieht einen Schwall Wasser ein. Es gibt ein Geräusch, das klingt, wie wenn jemand heftig würgt und fängt nun – in voller Panik – an, wild um sich zu schlagen. Offensichtlich für mich, hatte er einen Stimmritzenkrampf erlitten.
Instinktiv fasse ich ihn fester und lasse Luft aus seinem Jacket, während er wild um sich schlägt und nach oben will. Da ich (wegen der Luftassistenz) vor seinem Gesicht war bekam ich alle Tritte und Schläge voll ab. An einen Positionswechsel hinter Alex war in diesem Stadium nicht mehr zu denken.

Wir kämpften eine Zeitlang miteinander – seine Hand in den Inflator verkrallt, meine an seinem Schulterschnellablass und stiegen in einer für mich unendliche langen Zeit, die in Wirklichkeit nur etwa 2 Minuten dauerte, auf 7m auf. In all der Zeit ging mir nur eins durch den Kopf: Lass ihn nicht los, lass ihn nicht nach oben, lass ihn endlich bewusstlos werden! Im Nachhinein betrachtet, war es für eine interessante Denkweise, die mir durch den Kopf schoss während dieser Situation. Binnen Sekundenbruchteile hatte ich zu entscheiden, was ich mit Alex anstellen sollte. Entweder hochbringen und durch die blockierte Stimmritze einen Lungenriss (Pneumothorax) verursachen, was Lebensgefährlich sein kann oder aber warten, bis er bewusstlos wird und sich dadurch der Krampf löst, aber auch Wasser einatmen kann – was auch lebensgefährlich werden kann.

Nach zwei ewig langen Minuten und einem erbitterten Kampf wurde Alex endlich bewusstlos. Ich gestattete mir ein paar Sekunden, um tief durchzuatmen. Dann verlagerte ich meine Position hinter ihn, setzte den Rettungsgriff an und brachte ihn mit überstrecktem Kopf langsam nach oben, wobei ich darauf achtete, selbst ordentlich zu atmen. Nach etwa 45 Sekunden waren wir an der Oberfläche – etwa 100m vom Ufer entfernt. Und da dieser Angelsee (ja, wir hatten eine Taucherlaubnis!) mitten im Wald liegt, es regnete und es außerdem ein Freitag Vormittag war, war keine Hilfe in Form eines Anglers in Sicht.

Ein kurzer Check ergab, dass Alex zwar atmete, aber nur flach. Immerhin, der Krampf hatte sich gelöst! Also habe ich ihn, so schnell ich konnte und es die Kräfte zuließen ans Ufer geschleppt, wo ich nach einer halben Ewigkeit ankam (real werden es vermutlich etwa 5-10 Minuten gewesen sein). Mein Auto stand zum Glück in unmittelbarer Nähe und das Ufer ist eine flach abfallende Wiese, der Traum eines jeden, der mal eine Rettungsübung machen musste/durfte. Kaum war Alex an Land habe ich mein Handy und meinen Ambubeutel, den ich im Auto habe, geschnappt und den Notruf gewählt und die Ambulanz bestellt. Es dauerte etwa 15 Minuten, bis Rettungswagen und Notarzt zeitgleich eintrafen. In der Zwischenzeit hatte ich Alex' Oberkörper aus dem Anzug geschnitten und seine Vitalfunktionen überprüft. Er atmete immer noch sehr flach und schnell und war leicht bläulich angelaufen. Mit Hilfe des Ambubeutels konnte ich seine Atmung unterstützen und seine Haut färbte sich wieder normal. Unter diesen Umständen habe ich übrigens auf die stabile Seitenlage verzichtet. Wäre seine Zunge in den Rachen gefallen, hätte ich es bemerkt, da keine Beatmung mehr möglich gewesen wäre.

Als die Retter endlich eintrafen übernahmen sie die weitere Versorgung Alex, intubierten ihn und machten ihn zum Transport ins nächste Krankenhaus bereit. Geäußert wurde ein Verdacht auf Lungenriss.

Vergleich gesunde Lunge vs. Pneumothorax:

Pneumothorax - Gesunde Lunge
Pneumothorax
Entstehung eines Pneumothorax: Bei der gesunden Lunge liegt das Lungenfell der Brustwand an und sorgt dafür, dass die Lunge ausgedehnt bleibt. Wenn das Lungenfell einreißt, strömt Luft aus der Lunge in den Pleuraspalt. Dieser dehnt sich aus und die elastische Lunge schrumpft (kollabiert) wie ein Luftballon.

Beim Pneumothorax kommt es zu einer Verletzung des inneren oder äußeren Brustfells. Durch den Unterdruck im Pleuraspalt wird Luft entweder aus den Lungenbläschen (Alveolen) oder von außen in den Pleuraspalt gesaugt. Dies geschieht, bis ein Druckausgleich erfolgt oder bis der Defekt verschlossen ist.


Bilder mit freundlicher Genehmigung von Lifeline - Gesundheit im Internet


Auch ich wurde mitgenommen, mit dem Verdacht auf Lungenriss, obwohl ich den selbst ziemlich sicher ausschließen konnte. Geatmet hatte ich nun wirklich reichlich – gerade während des anstrengenden Kampfes. Warum mir der ganze Oberkörper weh tat, war klar, nachdem ich mich aus dem Anzug geschält hatte. Trotz 6.5mm Neopren und Jacket war mein gesamter Oberkörper, vor allem die Brust und Arme, sowie meine Oberschenkel mit Blutergüssen und Prellungen übersäht. Er hatte wirklich ordentlich um sich geschlagen! Wir beide wurden also hospitalisiert. Bei mir ergab das Röntgen der Lunge absolut keinen Befund, auch sonst war alles in Ordnung – mit Ausnahme der Prellungen.
Alex hingegen hatte tatsächlich einen leichten Lungenriss erlitten, aber sehr minimal. Es hat keiner Drainage bedurft. Er wurde einfach ein paar Tage stationär beobachtet. Er erlangte das Bewusstsein wieder, nachdem man die sedierenden Medikamente abgesetzt und den Tubus zur Beatmung entfernt hatte, hatte allerdings keine Erinnerung an den kompletten Tag.

Bis heute erinnert er sich nur, dass wir Tauchen waren und auch sehr dunkel daran, dass ich hinterher am Ufer an ihm rumgewerkelt habe. Er erinnert sich jedoch nicht an den Unfallhergang und kann mir leider nicht sagen, was da passiert war. Die einzige Erklärung, die mir bleibt, ist, dass er – trotz der ruhigen TG-Bedingungen – ein Essoufflement erlitten hat. Das erklärt, warum er angeblich aus 4 Automaten keine Luft erhielt. Sein Gerät wurde polizeilich untersucht und war technisch in Ordnung und noch mit mehr als 150 bar gefüllt.


Was ist ein Stimmritzenkrampf?


Der Stimmritzenkrampf, auch Laryngospasmus genannt verkrampft – wie der Name schon sagt, die Stimmritze. Das ist der Bereich im Kehlkopf, der zwischen den Stimmbändern liegt. Die Stimmbänder werden über Muskeln gleichsam geführt und entweder in die "Ruhestellung" oder die "Sprechstellung" gebracht. Somit steht die Stimmritze offen, wenn man sich anstrengt oder atmet, aber sie ist nahezu verschlossen, wenn man spricht. Nur so können die Stimmbänder im Luftstrom schwingen. Zugleich erfüllt die Stimmritze aber auch eine Schutzfunktion. Sie verhindert, dass Flüssigkeit unabsichtlich in die Lunge gelangt, etwa beim Trinken. Wenn daher Tröpfchen in die Taschen rechts und links neben den Stimmbändern gelangen, führt das zu einem unwillkürlichen Verschluss der Stimmritze, manchmal verbunden mit einem Hustenreiz ("Verschlucken"). Allerdings kann es bei heftigerer Reizung auch so sein, dass die Muskeln überreagieren und die Stimmritze auch nach Beseitigung der Ursache fest verschlossen halten, es also zum Stimmritzenkrampf kommt. In einem solchen Fall ist weder das Ein- noch das Ausatmen möglich, so dass es über Sauerstoffmangel und CO2-Anreicherung zur Bewusstlosigkeit kommen kann. Da in Bewusstlosigkeit in der Regel auch die Muskulatur erschlafft, löst sich auch der Stimmritzenkrampf in diesem Fall.

Überwasser setzt dann die Atmung wieder ein oder eine Beatmung wird möglich. Passiert so etwas aber unter Wasser, wie im geschilderten Fall, können die Folgen tödlich sein: Eine Bewusstlosigkeit unter Wasser führt leicht zum Ertrinken, ein Aufstieg beim Stimmritzenkrampf aber fast sicher zur Lungenüberblähung und eventuell einem Riss!

Daraus folgt der Schluss: Auf keinen Fall auftauchen! Natürlich ist als Tauchpartner alles andere als leicht, jemanden in Todesangst unter Wasser zu halten. Er wird alles darum geben, nach oben an die Luft zu kommen – dass ihm diese in dem Zustand auch nicht hilft, realisiert ein panischer Mensch nicht.

Als Ursache für das Einatmen von Wasser kann ein wasserziehender Automat sein (auch bei Überkopf-Tauchposition) oder Wasserreste im Automaten. Oder aber auch die von mir beschriebene Situation, auch wenn diese eher ungewöhnlich ist.

Beseitigen kann man diesen Krampf tatsächlich nur durch das Eintreten der Bewusstlosigkeit.
Das Treten oder Schlagen in die Magengrube ist nicht hilfreich.
In einigen Fällen soll (laut Literatur) der Esmarch'sche Handgriff helfen, ob dieser aber Unterwasser bei jemanden im Panik ausführbar ist, bleibt zu bezweifeln. Dazu greift man den leicht überstreckten Kopf nach hinten und zieht den Unterkiefer nach vorn, damit der Zungengrund hebt. Dieser Griff ist primär dazu gedacht, Atemwege eines Bewusstlosen frei zu halten. Dass er Einfluss auf die Stimmritze haben soll, wäre mir neu.

© 2004 - Text von Jessica Brühl
© 2004 - Bilder von und mit freundlicher Genehmigung von Lifeline - Gesundheit im Internet





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