Weihnachts-Krabben

 Geschrieben von Bio-Uli

Weihnachts-Krabben

von Uli Erfurth

Ein winziges Eiland im Indischen Ozean: Christmas Island. Es ist Ende November. Ein starker Monsunwind bläst über die Insel. Der Vollmond steht mit all seiner Pracht am Tropenhimmel. Im Regenwald, in den Höhlen und Löchern, ist prickelnde Nervosität zu spüren. Die Zeit ist endlich reif, Millionen von Roten Krabben machen sich bereit für ein einmaliges Spektakel: die große Wanderung. Als endlich ein längerer Schauer durch das Blätterdach fällt, zieht eine ungeduldige Vorhut los, über Stock und Stein, Richtung Meer. Das Hauptheer von gepanzerten Armee wird in den nächsten Nächten nachrücken. Nichts wird sie stoppen, denn ihr Marschbefehl lautet "Massenhochzeit - am Strand".

Krabben auf Christmas Island, Tauchen

Krabben auf Christmas Island, Tauchen

Drei bis sieben Tage sind die Krabbenmänner unterwegs, um die sandigen Terrassen in der Nähe der Küste zu erreichen. Sie müssen Felsen und Schluchten überwinden, klettern über Zäune und Haustreppen, strömen unaufhaltsam durch Gärten und Straßen. Abertausende vertrocknen auf dem beschwerlichen Weg oder werden überfahren.

Krabben auf Christmas Island


Spießrutenlaufen à la Christmas Island
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Marschverpflegung gibt es nicht immer so reichlich wie an Straßen. Der Junge spülte die erschöpften großen Männchen unter Süßwasser
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Wer es schließlich bis zum Meer schafft, taucht erschöpft seinen roten Leib ins Wasser, um sich zu erfrischen und verlorengegangene Salze aufzunehmen. Unmittelbar danach heben die Männchen eifrig Liebeshöhlen im weichen Boden aus. Zuletzt ist das Erdreich durchlöchert wie Schweizer Käse. Erst wenn jedes Tier seinen Bau hat, kehrt Ruhe ein. Die Krabbenmänner warten: Stunden, Tage.

Dann endlich bricht aus dem Unterholz eine rote Flut von Weibchen hervor. Ja, sie kommen. Verspätet, aber noch rechtzeitig. Nach der obligatorischen Dusche im Meer kopulieren die Tiere Bauch an Bauch. Die Herzdame obenauf. Damit haben die Männchen ihre Mission erfüllt, sie wandern beim nächsten Regenguss zurück, drei Tage lang. Die Weibchen dagegen verschwinden in die Paarungshöhlen. In den folgenden zwei Wochen reifen unter ihrem Hinterleib bis zu 100.000 orangefarbene Eier heran. Ein letztes Mal geht es dann zum Meer, zeitlich synchronisiert, bei Neumond und Wasserhöchststand.

Krabbe auf Christmas Island

Die Krabbenmütter belagern die Strände, hängen dicht an dicht an den schroffen Kalkfelsen, bis zu 100 Stück pro Quadratmeter. Beschwörend strecken sie die Zangen aus, rütteln und schütteln in spastischen Krämpfen ihren Hinterleib, damit die wertvolle Eierfracht ins Meer stürzt.

Schon platzen die Eier auf und Myriaden winziger Larven treiben mit dem Ebbstrom hinaus aufs Riff. Planktonjäger und Filtrierer genießen in den nächsten Tagen den reich gedeckten Gabentisch. Jahr für Jahr lockt der nahrhafte Larventeppich auch Mantas und Walhaie an die Gestade von Christmas Island - pünktlich zu Weihnachten, sehr zur Freude der Taucher.

Vier Wochen später sind die überlebenden Larven etwa fünf Millimeter groß. Jetzt sammeln sie sich in geschützten Buchten, wo sich die endgültige Umwandlung von einem marinen Lebewesen zu einem luftatmenden Landgeschöpf vollzieht.
In "guten" Jahren erlebt Christmas Island im Januar eine Invasion aus Minikrabben. Eine rote Flut überschwemmt das Land, dringt durch jede Ritze und Spalte menschlicher Behausungen und zieht Richtung Regenwald.
Allerdings kommt es nur etwa alle 20 Jahre vor, dass eine solch pulsierende Masse von Krabbenbabies das Meer verlässt. Zu gefahrvoll war das Larvenstadium, bei der jede ablandige Meeresströmung den sicheren Tod im offenen Meer bedeutete. Etwa alle fünf oder sechs Jahre bleiben die Jungkrabben sogar völlig aus.

Die Alttiere wissen von ihrer oft vergebenen Liebesmüh nichts. Alle Jahre wieder begeben sie sich auf den spektakulären Marsch, zur Weihnachtszeit, auf Christmas Island.

Krabben auf Christmas Island

Hintergrund-Information:

Christmas Island liegt etwa 360 Kilometer vor Java im Indischen Ozean und ist nur etwa 135 Quadratkilometer groß. Die Rote Krabbe Gecarcoidea natalis kommt nur hier vor. Man schätzt, dass etwa 120 bis 200 Millionen der Krabbler im Urwald heimisch sind. Das entspricht wenigstens 8000 Tonnen Biomasse oder einer Krabbe pro Quadratmeter.

Die Tiere leben in Erdhöhlen und ernähren sich hauptsächlich von Laub und Früchten. Als Anpassung an das Landleben atmen die Krabben nicht mehr über Kiemenblättchen. Ihre Kiemenhöhle ist vielmehr mit einer reichdurchbluteten Gewebeschicht ausgekleidet, die den Luftsauerstoff aufnimmt. Die Tiere sind daher wie viele ihrer landlebenden Verwandten nicht mehr in der Lage unter Wasser zu atmen. Ihr Wandertrieb wird ausgelöst, wenn im Herbst die Luftfeuchtigkeit von 70 auf 100% steigt. Der Start muss aber auch zeitlich so gestaltet sein, dass das spätere Ablaichen der Weibchen genau bei Neumond und dem höchsten Wasserstand erfolgen kann. Etwa zwei Millionen Alttiere kommen bei der jährlichen Wanderung ums Leben.

Text: Uli Erfurth
© BIONAUT - Ohne BIO fehlt dir was!


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