© 2000 Oliver Meise
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Es ist der 29. Januar 1699. Langsam schleppt sich ein Schiff in den
Hafen der Insel Sainte Marie bei Madagaskar. Das Schiff liegt tief im Wasser
und man hört das permanente Quietschen von Lenzpumpen. Männer
wischen sich den Schweiß von der Stirn und spähen herüber
zum Strand. Sie tuen gut daran. Denn wenn man sie in einem sorglosen Moment
überraschen würde bedeutete das für alle eins: Den Galgen.....
Die Männer sind allesamt Piraten, sie hören auf das Kommando
von Kapitän Kidd, dem berüchtigtsten und gefürchtetsten
Seeräuber ihrer Zeit. Das Schiff, die Adventure Galley liegt deshalb
so tief im Wasser weil sie seit zwei Jahren keine Werft mehr von innen
zur Überholung gesehen hat und leckt wie ein Sieb - Kunststück,hatte
man doch besseres zu tun - nämlich Schiffe ausrauben. Erst vor kurzem
waren den Piraten der 400-Tonner Quedah Merchant und die Ruparel ins Netz
gegangen. Man hatte reiche Beute gemacht und die Besatzung vor die Wahl
gestellt: Mach mit oder geh über die Planke!
Angesichts des maroden Schiffszustands suchte man nun eine ruhige Ecke,
wo man bequem die Beute von der Adventure Galley auf die Quedah Merchant
herüberladen konnte. Diese Stelle fand sich dann auch bald: Der Naturhafen
der Insel Sainte Marie. Hier angekommen wurde tatsächlich umgeladen.
Um ihre Spuren zu verwischen wurde das nunmehr nutzlose Schiff in Brand
gesteckt. Noch lange sahen die zum Horizont segelnden Piraten das bis zur
Wasserlinie brennende Schiff bis die Flammen verlöschten und die Überreste
auf den Grund sanken.
Dort sollten sie dort für mehr als 300 Jahre ruhen - bis zu dem
Tag ihrer Wiederentdeckung durch ein Team vom Wissenschaftlern,Historikern
und Tauchern unter der Leitung von Barry Clifford. Barry Clifford ist Piratenspezialist-
hat er doch als erster überhaupt ein Piratenschiff - das vom Piraten
"Black Sam" Bellamy ,die am 26. April 1717 an der Küste
von Cape Cod (USA) in einem starken Sturm gesunkene Whydah, gefunden.
Sehr hilfreich bei der Wiederentdeckung waren zwei Umstände: Die
Gerichtsprotokolle des Verfahrens gegen Kapitän Kidd und seiner Mannschaft
und die Tatsache, daß im Hafengebiet der Insel nichts gebaut wurde
außer einem kleinen Dock im Jahre 1946. Aus den Gerichtsprotokollen
geht nach Aussagen der Mannschaft hervor, daß die Adventure Galley im Hafen in der Nähe des natürlichen Strandungsdocks auf Grund
gesetzt und in Brand gesteckt wurde. Ein natürliches Strandungsdock
wurde damals statt eines richtigen Docks zur Überholung des Unterwasserschiffs
benutzt. Dazu mußte das Schiff komplett entladen werden und über
eine weiche Sandfläche mit Hilfe von Flaschenzugsystemen an das Ufer
gezogen werden. Schaut man sich heute den Hafen an, gibt es auch heute
nur eine einzige Stelle die felsenfrei ist. Von dort ausgehend wurde dann
auch die Suche nach dem Schiff von Kapitän Kidd gestartet.
Doch wonach schaut man als Taucher so, wenn man mal gerade so eben ein
olles Piratenschiff sucht? Piratenschiffe waren wie alle anderen Schiffe
dieser Zeit Segelschiffe aus Holz. Würde man derartige Schiffe direkt
ab Werft in das Wasser und die Hochsee schippern lassen, würde das
Segelverhalten dem eines Balls auf den Wellen gleichen: Man würde
heftig herumgeworfen. Um dem vorzubeugen wurden Lagen von Ballast in den
Schiffsbauch geladen.Der blieb dann dort, bis das Schiff abgewrackt wurde-oder
unterging. dabei handelt es sich um sehr große Ballaststeine, denen
man natürlich von außen ansieht, daß sie von Menschenhand
geschaffen wurden. Danach wird gesucht - einer künstliche aussehenden
Anhäufung von unnatürlich geformten ,großen Steinen. Die
Expeditionsteilnehmer machten sich frisch ans Werk.Von der einzigen lokalen
Tauchbasis wurde das Boot gemietet und alle verfügbaren Buddeln organisiert.
Los ging es mit der Suche über den flachen Hafengrund. Man hatte sehr
genaue Vorstellungen davon, wo was zu finden war, hatte man doch High-Tech
Sattelitenaufnahmen des Hafens gemacht. Die ersten Tage der Suche brachten
nichts ein, auch wenn man manchmal dachte, daß man etwas gefunden
hatte. Man begann das Suchgebiet im Hafen in Raster einzuteilen und sie
einzeln abzusuchen. Dieses Verfahren brachte schließlich den Erfolg:
Am 2. Februar 2000 fand man einen Ballasthaufen mit Ballaststeinen der
durchsetzt war mit Unmengen des von Kidd geraubten Porzellans, teilweise
verbrannten Schiffsholzes, Seilblöcken, leeren Rumflaschen und einer
12-Pfünderkanone. Das Porzellan wurde von Experten datiert als aus
der Kwanxi-Periode der Ming-Dynastie (1666-1722) stammend. Gebrannt soll
es sein in einem Ofen der südchinesischen Fukien-Provinz. Dies passt
genau mit dem fraglichen Zeitpunkt zusammen - die Holzuntersuchungen ergaben
das gleiche Ergebnis. Als Sahnehäubchen fand man dann auch noch in
10m Entfernung die Überreste der Ruparel unter einem Ballaststeinehaufen
- ebenjenes unglückliche Schiff das noch kurz vor dem Anzünden
der Adventure Galley geplündert und ebenfalls auf Grund gesetzt wurde.
Aber was wurde aus Kapitän Kidd? Kurze Zeit später wurde er
von den Briten bei Malabar gefaßt. Ihm und seiner 150-köpfigen
Mannschaft wurde der Prozeß gemacht, viele endeten am Galgen -wenige
nur im Gefängnis.
Ihm sollte jedoch ein besonderes Schicksal zuteil werden: Er wurde 1701
beim Londoner Exekutions-Dock an der Themse gehängt, seine Überreste
wurden dann anschließend in einem Käfig über der Themse
solange aufgehängt,bis die Vögel seine Knochen sauber abgepickt
hatten.....
Doch wie kam es, daß aus Kidd ebenjener schreckliche Pirat wurde
der neben den Franzosen und dem jüngsten Gericht von allen friedliebenden
Menschen im britischen Empire am meisten gefürchtet wurde und vor
dem nur die Royal Navy und himmlische Kräfte ausreichenden Schutz
versprachen ? William Kidd, wie Käptn Kidd eigentlich hieß,
wurde im Jahre 1645 als Sohn eines schottischen Pfarrers aus Greenock geboren.
Schon in seiner Jugend schaute Klein-William gerne im Hafen den Schiffen
beim ein- und auslaufen zu. Das erste mal wann sein Name in Erscheinung
trat, war im Jahre 1689. Es herrscht wieder mal Krieg zwischen England
und Frankreich. Eine kleine und unbekannte Piratenmannschaft kapert ein
französisches Schiff und segelt zur britischen Überseekolonie
von Nevis. Dort angekommen, wird das Schiff umbenannt nach dem nun neu
auf den englischen Thron gekommenen König: Blessed William Da die
Kolonie ohne nennenswerten Schutz der Royal Navy ist, wird die Piratencrew
als Schutz angeheuert. Im Ausgleich für den Schutz gewährt der
britische Inselgouverneur Codrington den Piraten einen Freibrief zur Freibeuterei
gegen die Franzosen. Bei der Gelegenheit wird William Kidd auch zum Kapitän
des Schiffs ernannt. In der Folgezeit kann Käpten Kidd gründlich
brandschatzen und einiges an Vermögen zusammenraffen. Es erwächst
aber ein Problem: Die Mannschaft wendet sich gegen den Kapitän, da
er entsprechend seiner Abmachungen mit Großbritannien auch an Kämpfen
auf See zusammen mit der Royal Navy teilnehmen muß. Wenn man auf
See kämpft, kann man aber nicht brandschatzen. So kommt es, daß
bei seiner Rückkehr nach Nevis die Mannschaft bei einem Landgang das
Schiff stiehlt und auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Um das Schiff einzufangen,
gibt der Inselgouverneur ihm ein Schiff - die Antigua. Mit diesem jagt
er der Blessed William ziellos hinterher und landet schließlich im
Hafen von New York. Zu dieser Zeit ist Amerika noch britischer Besitz,
es machen sich aber schon Aufrührer - die späteren freien Bürger
der Vereinigten Staaten von Amerika bemerkbar: Es herrscht Rebellion! Doch
Käpten Kidd unterstützt die Briten, die Rebellion wird niedergeschlagen.
Kidd wird darauf hin ausgezeichnet und erhält eine hohe Belohnung.
Noch frisch in New York angekommen,trifft er eine Frau: Sarah Sie ist jedoch
verheiratet mit einem reichen Landbesitzer. Interessanterweise gehörte
diesem auch eine Örtlichkeit namens : Wall Street !! Zwei Tage nachdem
der Mann von Sarah unter mysteriösen Umständen um das Leben gekommen
ist, heiraten beide. Man stelle sich das vor: Käpten Kidd als erster
Pirat der Wall Street !! :-) Tja...eigentlich würde man an dieser
Stelle erwarten zu hören, daß man seelig lebte bis an das Ende
seiner Tage. Doch nicht so Käpten Kidd ! Sein unruhiger Geist und
die Gier trieb ihn und ließ ihn die Bekanntschaft mit einem Mr. Livingston
machen. Dieser hatte politische Beziehungen in England. Der englische Staat
und auch der König litt in jenen Tagen eigentlich permanente Not an
Geld, was vor allem auf die langen Kriege zurückzuführen war.
Eine damals als legales Mittel der Könige zur Geldbeschaffung angesehene
Maßnahme war das Ausstellen von Kaperbriefen gegen eine Beteiligung.
Besaß also jemand einen Kaperbrief, so konnte er im Auftrag des Königs
Schiffe kapern und Beute machen. Das brachte dem Kaperer Geld, dem König
als Beteiligtem ebenfalls und schadete gleich noch dem Feind, da typischerweise
im Kaperbrief stand, daß nur feindliche Schiffe angegriffen werden
durften, nicht eigene oder Verbündete.
So kam es dann, daß eine Kapergesellschaft aus acht Partnern , eingeschlossen
der König mit 10% Beteiligung, im August 1696 ein 287-tons - Schiff
für 6000 Pfund erstand und es mit 30 Kanonen sowie anfänglich
80 Seeleuten ausrüstete. Dies setzte dann im Februar 1697 die Segel
- Kurs Karibik.
Das ganze klappte bis zu dem Zeitpunkt des Umladens des Schatzes auf
die Quedah Merchant. Zu Abrechnungszwecken mit den Kapergenossen und dem
König wurden sogar Beutelisten geführt.
Schon vorher gab es aber wieder die alten Probleme mit der Mannschaft:
Man wollte um mehr abzustauben auch britische Schiffe angreifen. Dem mußte
dann Kapitän Kidd nachgeben. Nachdem die ersten britischen und verbündeten
Schiffe gekapert waren und die Kunde davon nach England drang, ließ
der König William einen Preis auf den Kopf von seinem ehemaligen Geschäftspartner
aussetzen. Der Rest und die vergessenen und vergrabenen Schätze sind
Geschichte........