12.4.06 - Anm.Red: Aufgrund einer Unsicherheit bei den Bildrechten seitens Greenpeace Österreich, haben wir das ursprünglich
verwendete Bildmaterial aus dem Artikel entfernt. Nach Klärung der Sachlage werden wir den Artikel wieder bebildern.
Wir wissen mehr über die Oberfläche des Mondes als über
die Tiefen unserer Meere. Und doch sind wir bereits dabei, alles Leben dort zu zerstören.
Granatbarsche haben Zeit. Wer ein Alter von über 150 Jahren erreichen kann, hat auch keinen Grund, sich zu beeilen. Bis "Orange Roughy", so der englische Name des Fisches, geschlechtsreif wird,
vergehen zum Beispiel zwanzig bis dreißig Jahre.. Aber das ist nichts Ungewöhnliches in der Gegend, in der er lebt. Vor der Küste
Neuseelands, in 750 bis 1.200 Meter Meerestiefe, ticken die Uhren eben anders.
Eng wird es dann, wenn plötzlich ein mächtiger Feind auftaucht und wahllos die Bestände dezimiert. So geschehen seit Ende der siebziger
Jahre, als die Fischereiindustrie in dem unbedarften Speisefisch einen geeigneten Nachfolger für den schwindenden Dorsch erkannte. Nach
kaum zwanzig Jahren kommerzieller Nutzung ist das Vorkommen auf unter zehn Prozent seiner ursprünglichen Größe geschrumpft. Eine
Erholung der Bestände gilt in den nächsten Jahrzehnten als unwahrscheinlich.
Orange Roughy lebt in einer unwirtlichen Gegend. Die Wassertemperatur liegt in 1.000 Meter Tiefe konstant bei fünf Grad Celsius, es dringt
praktisch kein Sonnenlicht mehr durch, und dennoch ist der Fisch alles andere als einsam. Entgegen der bis Mitte des 19. Jahrhunderts
vertretenen Annahme, dass in einigen hundert Metern Tiefe kein Leben existieren könne, wächst die Erkenntnis, dass auch die Tiefsee eine
enorme Artenvielfalt aufweist. Mehr noch, gerade die Finsternis und die unglaublichen Druckverhältnisse scheinen die Natur zu kreativen
Höchstleistungen und skurrilsten Designentwürfen angespornt zu haben. Die seltsamen Tiere und Pflanzen, ob liebenswürdig hässlich oder
trotzig bunt, sind perfekt angepasst an eine Welt, von der wir luftabhängigen Menschen noch wenig Ahnung haben.
Der Schriftsteller James Hamilton-Paterson hatte die Chance, in einem russischen Tauchboot 5.000 Meter tief zu tauchen. „Ich dachte die
ganze Zeit an all die Wesen da draußen, die ich nicht sehen konnte“, schreibt er. „Lebewesen, die auf andere Wellenlängen reagieren als
Menschen, die sich mit Wärmesensoren, nach Pheromonen und exotischen Tonfrequenzen orientieren und für die diese Welt so wenig dunkel
ist wie für eine Fledermaus.“ Und sein Fazit: „Nach 150 Jahren Ozeanografie haben wir genug entdeckt, um zu begreifen, wie unglaublich
wenig wir wissen über den größten Lebensraum
der Erde.“
Oasen des Lebens
Nun, ein bisschen was wissen wir doch. Zum Beispiel, dass der Meeresboden alles andere als flach ist. Riesige Gebirgsketten lassen die
oberirdischen Kollegen wie Hügel aussehen. Der Mittelatlantische Rücken, die längste Gebirgskette der Erde, ist viermal so lang wie die
Anden, die Rocky Mountains und der Himalaya zusammen.
Hier, aber auch an vielen anderen Stellen der Erde entdeckte man submarine Berge, sogenannte „Seamounts“, die sich weit über den sie
umgebenden Meeresboden hinaus erheben und teilweise bis dicht unter die Oberfläche reichen. Allein im Pazifik gibt es mehr als 30.000
solcher Unterwasserberge, weltweit werden 50.000 vermutet. Man findet dort eine einzigartige Artenzusammensetzung, von der noch vor
kurzem niemand etwas ahnte. Wissenschafter sprechen von 500.000 bis fünf Millionen Arten. Viele davon sind endemisch, das heißt, sie
kommen nur in einem speziellen Gebiet vor.
Doch all das droht zu verschwinden, ehe wir überhaupt Näheres darüber in Erfahrung bringen können. Gefahren für die Tiefsee gibt es viele:
Meeresverschmutzung, Schifffahrt, Öl- und Gasexploration oder der Klimawandel. Doch die mit Abstand größte Bedrohung geht von der
Fischerei aus, genauer gesagt vom Einsatz von Grundschleppnetzen in der Hochseefischerei.
Dabei schleppen Industriefangschiffe riesige Fanggeschirre hinter sich her. Tonnenschwere Eisenrollen und Scherbretter durchpflügen die
filigrane Bodenstruktur. Dazwischen hängen Eisenketten, durch die am Boden lebende Fische aufgescheucht und ins Fangnetz getrieben
werden. Im Netz aber landet alles, nicht nur jene Fische, auf die es die Fischerei abgesehen hat. Wo ein Schleppnetz einmal seinen Graben
gezogen hat, ist alles tot.
Die Greenpeace-Meeresbiologin Antje Helms weiß um die Dramatik der Situation: „Ein Grundschleppnetz zerstört alles, was ihm in den Weg
kommt. In den vergangenen fünfzig Jahren haben wir bereits 90 Prozent der großen Fischarten, die an der Spitze der Nahrungskette stehen,
ausgerottet. Tiefseefischerei ist mit dem Kahlschlag eines völlig unberührten Urwaldes gleichzusetzen.“
Urwälder unter Wasser
Tatsächlich brauchen die Berge der Tiefsee den Vergleich mit den letzten Urwäldern nicht zu scheuen. Die Bäume der Tiefe sind langsam
wachsende Kaltwasserkorallen. Manche von ihnen werden Tausende Jahre alt, mehrere Stockwerke hoch und haben Stämme, breit wie
Laternenmasten. Seltsame Kreaturen sind in diesen Unterwasserwäldern zu Hause. Manche wecken Erinnerungen an alte
Seemannslegenden.
Der Riesenkalmar zum Beispiel: Noch kein Mensch hat dieses Ungetüm jemals lebend zu Gesicht bekommen, aber aus Funden, etwa in den
Mägen von Pottwalen, wissen wir, dass das zehnarmige Tier eine Länge von 20 Metern erreichen kann. Den Titel des größten Tiefseefisches
hält zurzeit mit sieben Metern der Pazifische Schlafhai. Einige der Wesen, die da an den Hängen und auf den Ebenen der Seamounts zu finden
sind, gelten als lebende Fossile, Abkömmlinge von Gruppen, die zur Zeit der Dinosaurier von der Erde verschwunden sind.
Das alles soll, das alles muss ganz einfach überleben. Deshalb hat Anfang Juni eine breite Koalition von Umweltorganisationen beim UN-
Treffen zum Thema Meere und Seerecht (UNICPOLOS) in New York ein Ende der zerstörerischen Fischereipraktiken auf Hoher See gefordert.
Diese Forderung nach einem Verbot des Einsatzes von Grundschleppnetzen in internationalen Gewässern richtet sich insbesondere an die
Länder der EU. Denn, wie ein anlässlich des Konferenzbeginns von Greenpeace präsentierter Report zeigt, gehören von den zwölf
hauptverantwortlichen Staaten sieben der EU an. Allein Spanien muss sich für 40 Prozent verantworten.
Der Autor des Berichtes, Matthew Gianni: „Die am wenigstens erforschten Gebiete unseres Planeten liegen nicht in den Anden oder im Herzen
der tropischen Regenwälder Asiens. Es ist die Tiefsee mit ihren einzigartigen unterseeischen Gebirgen, jahrhundertealte Korallenwäldern,
Thermalquellen über 350 Grad und ihren geheimnisvollen und oft bizarren Tiefseelebewesen. Diese einzigartigen Ökosysteme gilt es vor der
Zerstörung zu bewahren.“
Dieser Ansicht ist nicht nur Greenpeace. Erst im Februar dieses Jahres haben weit über 1.000 Meereswissenschafter aus 69 Ländern
gemeinsam ein Ende der Schleppnetzfischerei gefordert. Doch weil offenbar selbst dieser Appell geballter Kompetenz noch nicht ausreicht,
die Entscheidungsträger von der Notwendigkeit strengerer Gesetze zu überzeugen, hat Greenpeace während der Konferenz das getan, was
es am besten kann.
Nicht nur lobbyiert eine Delegation der Umweltorganisation bei dem UN-Treffen vor Ort, sondern Kollegen dokumentieren vom Greenpeace-
Schiff Rainbow Warrior auf der anderen Seite der Erde aus, genau zur selben Zeit, wie die zerstörerischen Praktiken weitergehen, und
überträgt die Bilder live zur Konferenz. 350 Meilen vor der Küste von Neuseeland beobachten die Aktivisten fünf Schiffe, wie sie ihre
Grundschleppnetze an Bord hieven. Umschwirrt von Seevögeln, landet die Beute an Bord: Tausende Granatbarsche, dazwischen Haie,
Tintenfische und auch sonst allerlei Souvenirs der Tiefsee.
Und die Aktivisten wissen: Weit, weit unter dem Schiff, dort, wo für uns völlige Dunkelheit herrscht, ist eine jahrhundertelang gewachsene
Landschaft in wenigen Augenblicken zerstört worden.
Dies war Teil 2 der Dokumentation über die Missstände auf und in unseren Meeren.
Der erste Teil über Nord- und Ostsee ist unter dem Titel „Ferien für die Meere“ in der 49. Ausgabe unseres Onlinemagazins, zu finden!
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