Tauchen zwischen Pasta und Prosciutto

 Geschrieben von Achim R. Schlöffel

Tauchen zwischen Pasta und Prosciutto

Die italienische Riviera & Elba

von Achim R. Schlöffel

Wo fängt man an, wenn man über die Wiege des Tauchsports schreibt, über Plätze an denen schon die Urväter des Tauchsports abgetaucht sind? Was „man“ schreibt weiß ich nicht – ich für meinen Teil werde versuchen, die Gegend neu zu beleuchten und vielleicht bei dem einen oder anderen Leser das Interesse zu wecken an diesem wunderbaren Land mit seinen fantastischen Tauchrevieren.
Von München aus erreicht man Genua in ca. 7 Stunden, eine Tatsache die für mich entscheidend war, da es somit eine gute Alternative zum mittlerweile etwas überteuerten Kroatien darstellt. Kommt man über die Alpen und erblickt zum ersten Mal die azurblaue See ist es wie beim Rendezvous  mit einer Unbekannten die sich als brillierende Schönheit entpuppt – es ist eine Liebe auf den ersten Blick, die mit jedem Atemzug tiefer wird.

Savona

Gino Sardi - Tauchen an der italienischen Riviera Wir haben uns entschieden mit einer lokalen Berühmtheit zu tauchen, mit einem, der die Küste wie seine Westentasche kennt: Gino Sardi. Ursprünglich in Varazze beheimatet hat er seine Basis neuerdings in  Savona. Gino leitet die Tauchbasis zusammen mit seinem Sohn und seinem perfekt deutsch sprechenden Partner Paolo Genta. Praktischerweise haben wir auf Empfehlung Gino´s nur wenige Gehminuten von der Basis entfernt im Hotel Rivera Suisse eingecheckt. In der malerischen Altstadt gelegen bietet die familiäre Unterkunft auch schnellen Zugang zu zahlreichen Restaurants; Geschäften und Museen von Savona.  Nicht tauchende Mitreisende haben somit gute Möglichkeiten ihre Tage zu gestalten ohne dass dies mit den Plänen der Taucher kollidiert. Die Basis ist ebenfalls in zehn Minuten zu Fuß zu erreichen.

Gino Sardi - Tauchboot - Rib Gino verfügt über ein gut ausgestattetes RIB und fährt aufgrund der Nähe häufig das Wrack der „Amoco Milford Haven“ an. Das Wrack des unter zypriotischer Flagge fahrenden Tankers ist ein Traum vieler Taucher und ist das Schiff der Superlativen. Im April 1991 gesunken und dabei für die schlimmste Ölpest der ligurischen Küste verantwortlich, liegt sie nun auf 89 Meter Tiefe auf Grund. Das Dach der Aufbauten erreicht man aber schon bei 32 Meter! Mit fast 300 Meter Länge ist es außerdem das größte zu betauchende Wrack der Welt. Gino erreicht die Haven in einer 40-minütigen Fahrt, die an und für sich schon ein Erlebnis ist, wenn man rasante Bootsfahrten mag.

Haven Wracktauchen - Skizze Das Wrack selbst bietet eigentlich für jeden etwas. Sporttauchern ist es problemlos möglich die oberen Aufbauten zu erkunden, die aufgrund ihrer Größe schon allein so manch anderes Wrack in den Schatten stellen. Allerdings sollte dabei ein striktes Tiefenlimit eingehalten werden, da man vor lauter Staunen leicht den Blick auf den Tiefenmesser vergisst und sich dann auf dem Deck in 65 Meter wiederfindet. Für Trimixtaucher ist es ein Eldorado, das praktisch unbegrenzten Raum für Entdeckungen bietet. Sei es der einfach gigantische Maschinenraum oder ein Ausflug zu den drei riesigen Schrauben. Es gibt immer wieder etwas Neues zu erkunden und egal wie oft man das Wrack besucht, es wird nie langweilig. Zu beachten ist, dass es wegen einiger Unfälle mittlerweile eine Sonderregelung für das Betauchen der Haven gibt. Es ist ein Guide erforderlich, der auch auf die Einhaltung der Tiefengrenzen achtet.

Bildergalerie und Impressionen der Haven


Mohawk Deer Wracktauchen Gino Sardi´s Mannschaft hat aber mehr zu bieten als nur den Stahlgiganten Haven.

Absolut lohnenswert ist ein Besuch der Mohawk Deer (Bild rechts). Das kanadische Frachtschiff lief am fünften November 1967 an der Steilküste bei Portofino auf und versank. Heute liegen seine gebrochenen Reste zwischen 18 und 48 Meter Tiefe und bilden einen Tummelplatz für Fische und Taucher gleichermaßen.
 
Ein weiteres Highlight ist das Wrack des UJ 2216 vor Sestri Levante. 1926 als Luxusjacht für die Familie Rothschild als „Eros“ auf Kiel gelegt, wurde das Schiff im zweiten Weltkrieg zum U-Jäger umgebaut und später unter der Bezeichnung UJ 2216 in den Dienst der deutschen Kriegsmarine gestellt. Am 14. September 1944 wurde das Schiff von US-Schnellbooten torpediert und so vor Sestri versenkt.

Wrack der KTHeute liegt UJ 2216 auf 60 Meter Tiefe und man erreicht ihre oberen Aufbauten in 35 Meter. Das Wrack gilt als eines der schönsten im ganzen Mittelmeer. Perfekt erhalten und wunderschön bewachsen ist sie ein wahres Juwel, sowohl für Taucher als auch für Fotografen. Zahlreiche Netze und Leinen, die sich an Ihr verfangen haben stellen eine Gefahr für Taucher dar und sollten beachtet werden. Obwohl das Wrack bereits auf 35 Meter anfängt, sollte es nur mit Trimix betaucht werden, da die interessanten Teile alle unterhalb der Sporttauchgrenzen liegen. (Siehe auch unseren Artikel Eros und Mars aus der 16.Ausgabe unseres Online Magazins).

Außer den angeführten gibt es noch eine Vielzahl weiterer Wracks, die mit Gino angefahren werden können. Nachfolgend sei nur eine Auswahl genannt:

-    „V.A.S.“ bei Genua, ein U-Boot-Jäger, der auf  51 Meter Tiefe liegt.
-    „UJ 2207“ vor Genua, ebenfalls ein U-Boot-Jäger in 38 Meter.
-    Fiat BR20M "Cicogna"-Bomberwrack,Werknummer MM 21503. Liegt bei Santo Stefano al Mare in 47 Meter auf einer ebenen Sandfläche
-    “Bettolina” vor Sestri Levante . Das Wrack eines  Lastkahns auf  31 Meter.
-    „Tiflys“ vor Loano. Ein Frachter der auf maximal 52 Meter zu erreichen ist.


Fiat Bomber - Wrack
Fiat Bomber

Hierbei besonders erwähnenswert ist das Wrack des Fiat Bombers, da die genaue Geschichte des Flugzeuges bekannt ist und man somit beim Tauchgang eine bessere Vorstellung bekommt an was man eigentlich taucht und welche Schicksale mit dem Wrack verknüpft sind.

Bildergalerie der genannten Wracks


Römisches Wrack und Amphorenfeld Ein weiterer Tauchgang der Superlative wurde uns von Gino zum Abschluss präsentiert. Eigentlich wollten wir vor Alassio das Wrack der „Umberto Primo“ auf 50 Meter betauchen. Strömung und hoher Seegang verhinderten diesen Tauchgang aber, und so kamen wir sozusagen als „Entschädigung“ zu einem der besten Tauchgänge unseres Aufenthalts. Vor Alassio gelegen handelt es sich bei dem Wrack um einen Supertanker der Antike. Etwa 50 Meter lang hat das römische 450 Tonnen Schiff rund zehntausend Amphoren mit Wein transportiert als es ca. 120 n. Chr. unterging. Heute erblickt man an klaren Tagen bereits von der Oberfläche ein riesiges Amphorenfeld in vierzig Meter Tiefe und bekommt beim Abstieg  durch das fantastische Blau einen ersten Überblick über das, was ein einmaliger Tauchgang werden soll. Das Wrack wurde bereits 1925 von einem Fischer entdeckt und im Laufe der Jahre als eines der ersten römischen Wracks an der Küste systematisch erforscht und vermessen.

Artefakte der römischen Galeere Viele der geborgenen Artefakte sind heute im „Museo Navale Romano“ in Albenga zu bewundern, so unter anderem auch Kupferhelme, die auf eine militärische Eskorte auf dem Schiff hindeuten und ein Bleiofen, der wohl für Ausbesserungsarbeiten an der Beplankung des Schiffes gedient hat. Erreicht man den Boden und beginnt das Feld entlang zu schwimmen, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Hunderte der riesigen tönernen Krüge liegen auf dem Grund verstreut und man könnte die Zeit vergessen vor lauter Begeisterung. Jeder zurückgelegte Meter offenbart etwas neues. Sei es ein Congeraal, der sich eine Amphore als neue Behausung erwählt hat oder das ungebrochene Siegel eines noch intakten Kruges. Was auf den ersten Blick vielleicht wie ein langweiliger Haufen Tonscherben aussieht entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein offenes Geschichtsbuch dass mit einer Vielzahl von Bildern und Eindrücken überrascht und einen lebendigen Einblick gibt in eine Zeitkapsel, die vielen für immer verschlossen bleibt. Viel zu schnell vergeht die Zeit und wir schweben wieder hinauf, beladen mit Eindrücken aus einer längst vergangenen Zeit.
Gino besitzt eine Sondergenehmigung für das Wrack und man kann im Rahmen der von ihm hier angebotenen Tauchgänge auch an einer archäologischen Schulung teilnehmen. Ein Angebot, das den Reiz dieses Tauchgangs sicherlich noch erhöht.

Elba

Fähre nach Elba Nach diesem relativ kurzen Aufenthalt mussten wir leider wieder aufbrechen um einen weiteren Topspot der italienischen Küste zu erkunden: Elba. Von Livorno aus in ca. 45 Minuten per Fähre zu erreichen ist Elba immer noch ein Nahziel und für ein verlängertes Wochenende durchaus geeignet.



Strand bei der Casa del Golfo Wir hatten diesmal auf Selbstversorgung gesetzt und uns eine Ferienwohnung in Casa del Golfo  gemietet. Die Anlage liegt in der relativ ruhigen Bucht von Lacona auf der Südseite von Elba und lädt zum Ausspannen und Erholen ein. Bequem in einem zehnminütigen Strandspaziergang zu erreichen findet sich in derselben Bucht auch das von Beppe und Luciana geführte Tauchcenter „Blu Immersion“.


Ankerkette im GegenlichtDas Tauchcenter besteht im wesentlichen aus einigen zusammengestellten Containern, was der Qualität und dem Service aber in keiner Weise abträglich ist. Mit wenigen Worten lässt sich das Angebot als schnell, kompetent und freundlich beschreiben. Blu Immersion verfügt über ein schnelles, gut ausgerüstetes Tauchboot, das nur wenige Schritte vom Tauchcenter entfernt abfährt. Ausrüstung schleppen ist nicht nötig, die Ausrüstungen und Flaschen werden vom Staff mit dem Auto bis an den Steg gefahren. Der ganze Tauchbetrieb ist super organisiert, die Tauchgänge werden ausgiebig besprochen und wer mag, kann sich von einem kompetenten Guide die kleinen Besonderheiten des jeweiligen Tauchplatzes zeigen lassen.


Auf Sonderwünsche wird, sofern möglich jederzeit eingegangen – ich habe das weidlich ausgenutzt und wurde trotz doppeltem Platzbedarf mit Doppelgerät und drei Kameras immer super nett und hilfsbereit unterstützt. Genug des Lobes, gehen wir ins Wasser.

Glasklare Sicht
Glasklare Sicht - sowohl an der Riviera, als auch in Elba

Das erste was mir aufgefallen ist war die spektakuläre Sicht an allen Tauchplätzen. Sichtweiten bis zu 50 Meter waren keine Seltenheit und nach einem Tauchgang bei dem ich aus 30 Meter das Boot sehen konnte entschuldigte sich der Guide zähneknirschend bei mir für die schlechte Sicht... Für Wracktaucher ist Elba sicher nicht das richtige Revier. Es gibt das Wrack der Pomonte, das aber mehr ein Boot denn ein Schiff ist und somit nicht mehr als einen Tauchgang hergibt. Weitere Wracks sind bekannt, werden aber auf Grund der großen Tiefe von ca. 80 Meter derzeit nicht angefahren.. (vielleicht gibt das in naher Zukunft noch Grund für einen weiteren Bericht an dieser Stelle).

Steilwandtauchen auf ElbaWas Elba zu bieten hat, sind Steilwände, bizarre Felsformationen, Fischschwärme und pulsierendes Leben ohne Ende. Egal wo man ins Wasser springt, steile Felsen die scheinbar ins endlose Blau stürzen, im lichtdurchfluteten Wasser tanzende Fischschwärme und eine Fülle von Kleinstlebewesen auf jedem Felsen. Ich war permanent hin und hergerissen ob ich zuerst die spektakuläre Landschaft mit der einen oder die in endloser Vielzahl vorbeiziehender Makromotive mit der anderen Kamera ablichten soll – ein wahrer Kampf. Gleich beim ersten Tauchgang wurde mir ein Mondfisch (Mola Mola) angepriesen, der dann aber auf sich warten lies. Dafür gab’s echte rote Korallen, leider mittlerweile eine Rarität. Der Mondfisch gab sein Stelldichein dafür beim zweiten Tauchgang und wer diese ruhigen und etwas skurril wirkenden Gesellen einmal unter Wasser erlebt hat, der wird diese Begegnung nie vergessen.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass die Italiener gerne tief tauchen und zwar mit Luft. Die Gasplanung entspricht dabei auch nicht immer dem was ich als sicher bezeichnen würde. Es ist daher unbedingt vorher abzuklären wie tief man seine persönliche Grenze ziehen will. Das sollte dann auch klipp und klar VORHER besprochen werden.  Ich wurde an den ersten beiden Tagen von meinen Mittauchern mit bösen Blicken bedacht weil ich mit Nitrox unterwegs war und meine Tiefe daher auf 30 Meter beschränkte. Als ich am letzten Tag mit Doppel 12 Trimix und einer Nitrox Stage zur Deko am Boot erschien wurde ich belächelt weil sich der Tauchgang ja auch einfach mit einer  Mono 15  mit Pressluft durchführen lässt.. Der Tauchgang war ein Felsblock mit roten Korallen im offenen Meer auf 65 Meter...
Ich will hier nicht in eine Deep-Air Diskussion abschweifen, daher genug davon. Es ist in jedem Fall eine Portion Eigenverantwortung gefordert und eine vernünftige Selbsteinschätzung.

Schnorcheln auf Elba

Für nicht tauchende Familienmitglieder oder Mitreisende empfiehlt sich auf alle Fälle ein Schnorchelausflug in der Bucht. Auch hier, nur wenige Meter vom Strand entfernt gibt es in üppigen Seegraswiesen allerlei Getier zu entdecken, vom Seepferdchen bis zum Oktopus.

Traumahfte Küste - Elba
Traumhafte Küstenlinien mit zauberhaften Villen machen Elba
zu einem liebenswerten Reiseziel


Auch wenn die Küsten Italiens bei vielen von uns als Urlaubsziel aus der Mode gekommen sind weil wir an die überfüllten Strände an der Adria denken – als Tauchziel bietet die Rivieraküste einige der besten Spots in Europe, die den Vergleich mit so mancher tropischen Destination nicht zu scheuen braucht.  Kombiniert mit der kurzen Anreise, dem kulturellen Angebot unseres Nachbarlandes und nicht zu vergessen den kulinarischen Genüssen macht das für mich dein Urlaubsziel vom feinsten.

Weiter Infos unter:

www.wreckdiveliguria.com
www.bluimmersion.it
www.the-inner-space.com

© 2004 - Text Achim R. Schlöffel
© 2004 - Bilder Haven by Gino Sardi, Bilder weitere Wracks by Stefano Berutti, UW Bilder Elba by Achim Schlöffel, Elba Bilder by Herbert Gfrörer


Infos

News und Neuigkeiten für und über Taucher - Nachrichten rund um den Tauchsport findest Du auf unserer Nachrichtenseite von DiveInside. Alle Meldungen der letzten Tage sind hier übersichtlich angeordnet und können im Detail abgerufen werden.


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