Die SS Aida
von Harald Mathä
Die SS Aida wurde 1911 in Frankreich bei den Ateliers et Chantiers de
la Loires bei Nantes gebaut und in Dienst gestellt. Bei einer Länge
von 75 Metern, einer Breite von knapp 10 Metern und einem maximalen Tiefgang
von 7 Metern verdrängte sie 1.428 BRT. Angetrieben wurde das Schiff
von einer Dreifach-Expansionsdampfmaschine, welche auf die Schraube des
Schiffs wirkte und es mit bis zu 11 Knoten durch die salzigen Fluten des
Roten Meeres schob.
"Aida" war auch Hauptfigur und äthiopische Königin / Sklavin
im pharaonischen Ägypten in der berühmten Oper von Giuseppe Verdi.
Ihre Liebesgeschichte zu Ramades geht durch Krieg und Verrat, sie lässt
sie sich sogar mit ihrem zum Tode verurteilten Ramades lebendig begraben,
nachdem sie sich in seine Gruft geschlichen hatte. Sie teilte getreu bis
in den Tod das Los des Geliebten. *TränenausdenAugenwisch*
Ein Spielort der "Aida": Theben
Ich weiss nicht, warum ich das hier alles erzähle - konnte ich
doch trotz verzweifelter Versuche - oder liegt´s an mangelnder humanistischer
Bildung - keine brauchbaren Parallelen zwischen der tragischen Liebe der
Aida und der Geschichte der SS Aida finden oder "erfinden" und so eine
schöne Story daran hochziehen... :-(
Vielleicht benannte der Eigner seine Schiffe ja ganz einfach gerne nach
exotischen Sklavinnen :))
Kreuzungspunkte in der Vergangenheit
Ursprünglich war das Schiff ein ägyptischer Leuchtturmtender
im Militärdienst, wurde später aber auch von der Marine als Truppentransporter
verwendet. Ein nicht gerade spannender Dienst im jungen Staat Ägypten
also. Im Oktober 1941 sollte sich aber die Geschichte des Schiffes mit
dem der bekannten SS Thistlegorm und der SS Rosalie Moller kreuzen.
Die SS Aida erscheint in einem Eintrag im offiziellen englischen Kriegstagebuch
vom Mittwoch, 8. Oktober 1941:
SITUATION REPORT
Egypt and Canal Area
SS ROSALIE MOLLER was sunk by enemy air attack on Anchorage H. between
0045B and 0140B. SS AIDA (Ports and Lights vessel)
was sunk at Zafarana Anchorage by H. E. III which crashed at the same
time after hitting AIDA's mast. SS AIDA can be salved.
Übersetzung:
LAGEBERICHT
Ägypten und (Suez)Kanal Bereich
SS ROSALIE MOLLER wurde durch feindlichen Luftangriff am Ankerplatz
H zwischen 00:45 und 01:40 EAZ versenkt. SS AIDA (Hafen- und Leuchtturmschiff)
wurde am Ankerplatz von Zafarana von einer He (= Heinkel) 111, die abstürzte,
als sie einen Mast der AIDA streifte, versenkt. SS AIDA konnte gerettet
werden.
In jenen Tagen im Oktober 1941 war die deutsche Luftwaffe im nördlichen
Roten Meer, wo englische Versorgungsschiffe auf die Passage des Suezkanals
warteten, sehr aktiv. Suchte man doch einen "großen Brocken", den
81.235 BRT-Passagierdampfer "Queen Mary" - die als Truppentransporter 12.000
australische Soldaten zur Verstärkung der alliierten Front in Afrika
bringen sollte und das fragliche Gebiet passieren musste. Erst zwei Tage
zuvor war die SS Thistlegorm am Ankerplatz "F" in der Straße von
Gubal bereits erfolgreich versenkt worden.
Geschütz an Deck der SS Thistlegorm
Und in der Nacht des 8. Oktober 1941 flogen die deutschen Heinkel He
111 wieder Einsätze am Roten Meer.
Eine mit zwei Torpedos bewaffnete Heinkel 111
Die erfolgreiche Taktik der Bomberpiloten bestand darin, das Mondlicht
ausnutzend (am 5. Oktober war Vollmond gewesen) den Angriff auf das Zielschiff
extrem tief anzufliegen, um erst im allerletzten Moment erkannt zu werden
und so Gegenwehr durch Flak fast unmöglich zu machen.
Am Ankerplatz "H" bzw. Zafarana Anchorage in der Bucht von Gubal wurde
bei diesem Luftangriff die SS Rosalie Moller versenkt, und die SS Aida
von einer Bombe schwer getroffen. Der Pilot flog diesen nächtlichen
Angriff aber so tief an, dass seine He 111 einen Mast der Aida rammte und
das Flugzeug ins Meer stürzte.
Auf dem 50 Meter tiefen Meeresgrund liegt also das immer noch unentdeckte
Wrack einer Heinkel 111
Das Schiff wurde durch die Bombenexplosion aber so schwer beschädigt,
so dass es sein Kapitän nur dadurch retten konnte, indem er es in
letzter Minute auflaufen liess.
In dieser Zeit, als deutsche U-Boote und Bomber unzählige alliierte
Schiffe versenkten, war die Rettung des Schiffes eine wichtige Tat. Die
SS Aida wurde in der Zeit danach wieder flott gemacht und tat ihren Dienst...
bis an jenen schicksalhaften Tag des Jahres 1957...
Die letzte Fahrt
Mitten im Roten Meer ragen zwei Felstürme aus über tausend
Metern Tiefe an die Oberfläche. Zwei kleine Inselchen aber, die mitten
in einer wichtigen Schifffahrtsstraße zum Suezkanal liegen. Schrieb
Giuseppe Verdi nicht die Oper "Aida" für die Eröffnung des Suezkanals
1869, wo diese auch (mit zweijähriger Verspätung) am 24.12.1871
uraufgeführt wurde. Wieder eine eigenartige Parallele in der Geschichte?
Sei's wie's sei!
Blick auf Big Brother Island
Diese beiden Inselchen jedenfalls ließen seit jeher schon manches
Schiff auflaufen und sinken. Daher erbauten die damaligen englischen Kolonialherren
1883 auf Big Brother Island einen großen Leuchtturm. Dieser Leuchtturm
war und ist mit ägyptischen Soldaten besetzt, die dort zwei einsame
Monate Dienst machen (müssen), bevor sie abgelöst werden.
Und: Am 15. September 1957 war wieder einmal die lang erwartete Ablöse
der am Leuchtturm Diensttuenden Soldaten vorgesehen.
Schlechtes Wetter, Wellen und Strömung machten es der SS Aida
diesmal schwer, am alten, filigranen Steg anzulegen, um die neuen Leuchtturmwärter
und ihren Proviant abzusetzen.
Blick vom Leuchtturm auf den Steg
Irgendwann bei diesem Anlegemanöver krachte das Schiff mit Gewalt
dann gegen die scharfe Riffkante und begann langsam vollzulaufen.
Bild: L.
I. N. Archiv Stoll & Kefrig
Ein Küstenschlepper, der sich in der Nähe aufhielt, eilte
zur Hilfe und konnte alle 77 Personen an Bord nehmen. Die leckgeschlagene
SS Aida schrammte noch wenige hundert Meter Richtung Norden, bevor sie
mit dem Heck voran auf der Position 26° 18` 72`` N / 34° 50` 71``
E sank.
Das Schiff rutschte aber nicht, so wie schon viele Schiffe vor und
nach ihr an der steilen Riffwand entlang nach unten, sondern blieb mit
ihrem Heck auf einem Vorsprung liegen´- und dieser Umstand erfreut
heute Taucher aus aller Welt!
Tauchen an der SS Aida
Zu den Brother Islands und zum Wrack kommt man nur im Zuge einer Tauchsafari
mit einem Safariboot, das die Genehmigung hat, die Brothers anzulaufen.
Die "beiden Brüder" zählen auf Grund ihrer isolierten Lage mitten
im Roten Meer zu den besten Tauchspots weltweit. Neben einem wunderbarem
Bewuchs mit Weich- und Hartkorallen begeistern die beiden Inselchen mit
ihrem (Groß-)Fischreichtum. Riff- und Hochseehaie sind hier an der
Tagesordnung. Regelmäßig besuchen auch Weißspitzen-Hochseehaie
(Carcharinus Longimanus) die Brothers und sind dann gegenüber Tauchern
recht "zutraulich"...
Ein gar nicht scheuer Longimanus
© 2004 Peter Gössner
Strömungen können das Tauchen an der SS Aida schwierig oder
gar unmöglich machen - wie halt so üblich bei Tauchgängen
an den Brothers...
Man kommt zum Wrack, indem man sich entweder mit dem Zodiac direkt
drüber absetzten lässt, oder erkundet es, indem man - geeignete
Strömung vorausgesetzt - vom Wrack der ein Stückchen nördlicher
liegenden SS Numidia, dem so genannten "Eisenbahnwrack" der Insel entlang
driftet. Taucht man dabei schon relativ flach aus, kann es sein, das man
das Wrack gar nicht entdeckt und es mit einem Korallenturm in der Tiefe
verwechselt.
Am Wrack der SS Aida
Beim Abrutschen des Schiffs vom Riff ist der Bug mit fast einem Drittel
des vorderen Schiffsteils abgebrochen. Die Reste liegen zT. oben auf der
Riffkante bzw. auf dem Weg zwischen Riffkante und der heutigen Ruheposition
des Wracks. Die meisten dieser Teile sind heutzutage aber schon so sehr
verkrustet,daß man sie nicht mehr als Schiffsteile wahrnimmt. Lediglich
in 10m Tiefe findet man etwas recht deutlich nach Maschinenteilen aussehendes.

Bilder
© 2004 Udo Kefrig & Claus-Peter Stoll
Das erste was man dann mit ein wenig Glück vom Wrack wahrnimmt
ist der Mast auf dem Vorschiff.
Bild ©
2004 Udo Kefrig & Claus-Peter Stoll
Stößt man beim Abtauchen nicht direkt auf den Mast,bietet
sich das folgende Bild mit der Bruchstelle wo der Bug am Rumpf abgebrochen
ist.
Bild ©
2004 Udo Kefrig & Claus-Peter Stoll
Taucht man aber am Mast entlang weiter ab,stößt an dessen
Fuß in ca. 25m Tiefe auf einige Dampfwinschen sowie einen querliegenden
Ladebaum. Von hier aus läßt sich nun trefflich der Rest des
mit einer Krängung von rund 30° am Riff liegenden Wracks erkunden.Man
sollte dabei aber sehr auf seinen Tiefenmesser achtgeben, da das hintere
Schiffsteil unterhalb der 40m-Linie liegt. Der vordere Laderaum enthält
keine Ladung und ist nur noch mit einem Haufen von Glasfischen gefüllt.
Bild ©
2004 Udo Kefrig & Claus-Peter Stoll
Zwar ist man hier im Strömungsschatten,dafür ist es hier jedoch
auch angeraten auf die Jäger der Glasfische zu achten -die Rotfeuerfische.
Taucht man aus dem Laderaum wieder hervor,kann man dem Deck in Richtung
Schiffsmitte folgen.Vom Deck selbst ist natürlich bis auf die stählernen
Stützstreben nichts mehr erhalten. trotzdem kann das Auge einige Gegenstände
identifizieren wzB. eine Gangspill.
Bild ©
2004 Udo Kefrig & Claus-Peter Stoll
Ein weiterer Gegenstand dieser Art ist eine vormals der Schiffsbelüftung
dienende Windhutze.
Bild ©
2004 Udo Kefrig & Claus-Peter Stoll
In der Schiffsmitte ist alles reich bewachsen.Richtet man eine Lampe
auf den Bewuchs,so zeigt sich eine bunte Vielfalt an Leben.
Bild ©
2004 Udo Kefrig & Claus-Peter Stoll
Noch ein Stück weiter achtern sieht man wie im folgenden Bild die
kümmerlichen Überreste der Schiffsaufbauten -von denen kaum mehr
als eine kleine Plattform übriggeblieben ist,da das Holz den Weg alle
irdischen gegangen und verrottet ist.
Bild ©
2004 Udo Kefrig & Claus-Peter Stoll
Hinter den Resten der Brückenaufbauten befinden sich die Überbleibsel
einiger Schiffskabinen -zum Teil sieht man noch die Bullaugen. So langsam
kommt man nun an die Grenze des Sporttaucher-Bereichs. Ist man mit Mischgas
unterwegs,kann man bei entsprechender Mischung seinen Tauchgang natürlich
fortsetzen und stößt auf rund 50m Tiefe auf den abgeknickt auf
dem Deck liegenden Schornstein inklusive seiner Dampfpfeife. umgefähr
an dieser Stelle ist der Rumpf auch in zwei teile zerbrochen. Aus diesem
Grund kann man hier auch -vorausgesetzt Ausbildung und Erfahrung ist vorhanden-
in das Wrack eindringen. Hier bietet sich nämlich ein Zugang in den
Maschinenraum.
Bild ©
2004 Udo Kefrig & Claus-Peter Stoll
Durch die Schräglage am Riff mutet es im Maschineraum auch etwas
an wie "verkehrte Welt". Dadurch daß alles verdreht erschein wzB.
dieses Laufgitter im Maschinenraum,sollte man sich nicht stören lassen
und etwaige andere Signale des Gleichgewichtssinns ignorieren.
Bild ©
2004 Udo Kefrig & Claus-Peter Stoll
Ist man glücklich wieder aus dem Wrack herausgetaucht kann man
seinen Weg über das Deck weiter fortsetzen. Taucht man darüber
hinweg,so fällt einem erneut der farbenfrohe Bewuchs auf wzB. hier
an der Steuerbordreeling.
Bild ©
2004 Udo Kefrig & Claus-Peter Stoll
Ist man annähernd am Heck angekommen,fällt einem der interessante
Ruderquadrant des Schiffes in ca. 55m Tiefe auf.Hier wurden früher
die Steuerbewegungen des Steuerrades auf das große Ruder übertragen.
Bild ©
2004 Udo Kefrig & Claus-Peter Stoll
Taucht man nunüber die Heckreeling hinweg und blickt zurück,bietet
sich einem dieses Bild:
Bild ©
2004 Udo Kefrig & Claus-Peter Stoll
Von hier aus geht es aber noch Tiefer.Unter der Heckreeling befindet
sich an dieser Stelle in nicht ganz 70m Tiefe die vierflügelige Schifsschraube
sowie das demolierte Ruderblatt. Aber da man nicht unbedingt die Grenzen
allzu weit ausloten sollte und Druckkammern weit weg sind, sollte man an
dieser Stelle an das Austauchen denken -optimalerweise den gleichen Weg
zurück wie man ihn gekommen ist.
Wie überall an den Brothers lohnt sich dabei ein gelegentlicher
Blick ins Blau - Haie aller Arten sowie andere pelagische Großfische
- aber auch Mantas sind hier keine Seltenheit!
Interessante Links:
SS
Thistlegorm
SS
Rosalie Moller
SS
Numidia
Reisebericht
Brother Islands
Rocking
the Brothers
© 2004 Text und Bilder soweit nicht anders gekennzeichnet Harald
Mathä
© 2004 Udo Kefrig & Claus-Peter Stoll alle anderen Unterwasserbilder
Unseren herzlichen Dank an Udo Kefrig und Claus-Peter Stoll für
das freundliche Zurverfügungstellen Ihrer schönen Unterwasserfotografien
über die interessante Internetseite www.unterwasserfotografie.de!
Weiterer Dank geht Peter Gössner für das Longimanusbild mit Buddine!
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