Leben in der Röhre

 Geschrieben von Biouli

Leben in der Röhre

von Uli Erfurth


Ein Röhrenaal kommt selten allein. Im Englischen heißen diese Conger-Verwandten garden eels, weil sie im Laufe von vielen Jahren ganze Gärten / Kolonien von sich anlegen. Ob im Im Roten Meer, im Indo-Pazifik oder Atlantik: Meist finden sich mehrere Tausend auf gut beströmten, planktonbeschickten Sandflächen zusammen. Mit dem Hinterleib im Sand und schlängelnden Bewegungen des Vorderkörpers stehen alle mehr oder weniger weit emporgereckt in der Strömung und "picken" nach vorbeitreibenden Kleinstorganismen. Ein Gewimmel von wurmgleichen Fischleibern, die sich bei Annäherung immer weiter zurückziehen bis der neugierige Taucher am Ende von oben in eine kaum fingerdicke, schwarze Röhre guckt.
Soweit das allgemein verbreitete Taucherwissen über Röhrenaale (nicht etwa zu verwechseln mit "Sandaalen" oder "Schlangenaalen").

Rotmeer-Röhrenaale

Rotmeer-Röhrenaale (Gorgasia sillneri) bilden oftmals Kolonien von 5000 Einzeltieren und mehr.
Die Planktonschnapper bevorzugen strömungsreiche Sandflächen als Siedlungsraum.
(Foto: Seaman, Ägypten)

So schön ihre "Tanz-Einlagen" und flinken Rückzugsmanöver auch anzusehen ist, der Biologe fragt sich unwillkürlich: Sind Röhrenaale nur ein "wilder Haufen" oder organisiert ausgerichtet?
Beim optisch verdichtenden Blick durch die Taucherbrille, bei 20-40 (60) m Tiefe und von der Seite ist kaum eine Struktur erkennbar. Erst der Blick auf ein Foto, das die Kolonie von oben abbildet, lässt eine gewisse Regelmäßigkeit erkennen: Fast immer befinden sich zwei Aale in unmittelbarer Nachbarschaft: ein Männchen und ein kleineres Weibchen, wie fleißige Forscher in den 70er Jahren herausfanden; gleichgeschlechtliche Tiere halten stets den größten Abstand zueinander!

Atlantischer Röhrenaal (Kolonie)

Eine atlantische Röhrenaal-Kolonie (Heteroconger longissimus) von oben.
Erst diese Perspektive und eine Kontrastverstärkung läßt die Organisation der Kolonie erahnen.
(Foto: de Gast, Lanzarote)
.

Konsequenterweise erfolgt die Fortpflanzung der Röhrenaale auch nicht anonym durch gleichzeitige Eier- und Spermienabgabe aller Koloniemitglieder ins Freiwasser, sondern durch gezielte Hochzeit mit dem Nachbarn. Dann nämlich drohen sich benachbarte Nebenbuhler an und balzen gleichzeitig mit ihrer Partnerin. Die Paare strecken sich über das übliche Drittel unvorsichtig weit aus ihrer Röhre und die Männchen streicheln mit dem Kopf an den Flanken der Weibchen. Schließlich pressen beide ihre Kloaken immer wieder aufeinander - oft über viele Stunden. Eier und Spermien finden so gezielt zueinander. Bei allen Aalen enstehen aus dem Laich weidenblattförmige planktonische Larven, die weit verdriften. Ob es sich bei den Röhrenaalen ähnlich verhält, kann man nur postulieren, denn wo genau sich die Larven aufhalten, weiss man bis heute nicht! Bei Gorgasia wurde sogar beobachtet, dass die befruchteten Eier mangels ausreichender Ölfüllung zu Boden fallen. Das befördert den Nachwuchs in spe zwar aus der Reichweite von schnappenden Nachbarn, ist aber kaum ein gelungener Start für längere Expeditionen.

Grafik Röhrenaal-Kolonie Grafik Paarung Röhrenaale
Fast alle Röhrenaale in einer Kolonie stehen paarweise zusammen.
Bei der Paarung - sie dauert 4 bis 6 Stunden - schlingt sich das Weibchen um das größere Männchen.
(Grafiken: Fricke)


Wie dem auch sei: Nach der ihrer Larvenphase können die kaum fingerlangen Röhrenaale nur überleben, wenn sie eine Kolonie finden. Wie ihnen das gelingt oder ob sie auf den Zufall angewiesen sind, ist ebenso weitestgehend ungeklärt. Gut vorstellbar, dass sie sich dabei - ganz nach Aalart - geruchlich orientieren, denn je doller eine (große) Kolonie "nach Röhrenaal" duftet, umso eher wird sie wohl von den Kleinen wahrgenommen.

Den Glücklichen, die eine bestehende Siedlung gefunden haben, stellt sich ein neues Problem: Der Standplatz in der Kolonie will gut gewählt sein. Es gilt, sich sowohl schützend in den Betrieb zu integrieren, als auch der schnappenden Konkurrenz vom Leib zu bleiben. Haupt-Knackpunkt ist jedoch, einen geeigneten Geschlechtspartner zu finden! (Wer kennt diese Probleme nicht?)

Was die sexuelle Ausrichtung der Aale angeht, so bestreicht mich immer wieder folgender Gedanke: Wie wäre es, wenn die Jungtiere geschlechtlich noch nicht festgelegt wären, sondern ihre Keimdrüsen ganz gezielt erst dann entwickeln, wenn sich ein potentieller Partner in unmittelbarer Nähe niederlässt? Der Aal, der zuerst vor Ort war, würde dann z.B. Hoden ausbilden, der Nachkommende hätte das Los der energieaufwendigen Eierproduktion zu übernehmen. Eine solche Strategie würde das Problem, einen passenden Geschlechtspartner zu finden, zumindest stark vereinfachen. (Oder?)

Heteroconger hassi - Junger Röhrenaal

Junge Röhrenaale (hier Heteroconger taylori mit einem unidentifizierten Jungfisch)
findet man in einer Kolonie nur selten.
Über die Larvenphase der Congerverwandten ist noch weniger bekannt.
(Foto: Yamazaki)

Wie dem auch sei: Hat er seinen Standort für den Rest seines Lebens gefunden, gräbt sich der Jungaal mit der verknöcherten Schwanzspitze voran in den Sand ein. Über die Haut sondert er gleichzeitig ein schleimiges Sekret ab, das die Wandung der Bohrung fixiert. So kann sich der Aal problemlos in der Röhre auf und ab bewegen, er wird seine Behausung - laut Plan - allerdings nie mehr wieder zur Gänze verlasssen: eine einmalige Strategie im gesamtem Stamm der Wirbeltiere.

Wenn Raubfische wie Brassen, Schnapper, Barrakudas seitlich auf die Kolonie zuschwimmen, ziehen sich erst die Aale ganz außen zurück, dann die kleinsten und schließlich auch die Tiere in der Mitte der Kolonie. Wie gefährlich dabei die Situation ist, schätzen sie am Verhalten ihres Nachbarn ab. Heteroconger hassi (Hans Hass als Entdecker gab der Art seinen Namen) trägt wohl zu diesem Zweck zwei auffällige Markierungspunkte, die eine Art "Ampel" funktionieren. Zwei schwarze Boller im Abstand von 15 bis 20 cm signalisieren einen entspannten, weit aus der Röhre gelehnten Mitbewohner. Ist dagegen nur noch ein Fleck zu sehen, taucht Herr Nachbar gerade ab oder traut sich gerade wieder vor.

Kopffleck-Röhrenaal Heteroconger hassi

Der Kopffleck-Röhrenaal Heteroconger hassi trägt zwei Signalflecken im oberen Körperviertel.
(Foto: Bosset)

Taucher, die sich einer Kolonie von oben aus dem Freiwasser nähern oder geduldig flach auf dem Sandboden liegen, haben die besten Chancen Röhrenaale bei ihrem Tagesgeschäft aus der Nähe zu beobachten. Fangversuche sind ebenso tabu wie zwecklos, denn im Sandsturm der Grabungen flieht jeder Aal im Falle eines Falles erst mal unbehelligt. Alte und erfahrene Röhrenaale haben ihre Bohrungen zu diesem Zweck sogar bis auf etwa eineinhalb Meter Tiefe ausgeweitet. Selbst Profis wie große Rochen, Haie oder Delphine haben dann keine Chance mehr, einen der leckeren "Makkaronis" auszugraben.

Röhrenaal-Portrait

Röhrenaal-Auge sei wachsam! (Foto: Christensen)

Text: Uli Erfurth und Simone Palecek
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