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Du bist hier: Onlinemagazin 52. Ausgabe Expeditionstagebuch der Oceana Ranger Golfito Vorbereitungen





 Geschrieben von Oli

Golfito - Vorbereitungen

Während die Oceana Ranger noch auf See war, wurden im Hafen ihres ersten Zwischenstopps -Golfito in Costa Rica- von fleißigen Mitarbeitern bereits die Vorbereitungen für die nächsten zu untersuchenden Ökosysteme bei der Isla del Coco in Costa Rica und der Isla del Coiba in Panama unternommen. Diese Vorbereitungen werden nun vom in Golfito zugestiegenen Crewmitglied Sandy beschrieben:

Ich bin in Golfito/Costa Rica. Auf der einen Seite liegt der Dschungel, auf der anderen Seite der Ozean. Die MY Oceana Ranger müsste jederzeit eintreffen. Das Abenteuer kann beginnen.

Die Anreise zum Ozean erfolgte hauptsächlich mit dem Flugzeug.


Bild © 2005 Sandy Mayson

Ich flog von Washington DC nach Miami, von dort aus San Jose und heute morgen – in einem Flugzeug, das bequem in mein Schlafzimmer passen würde – von San Jose hierher.
Costa Rica ist ein bergiges Land. Von oben sieht es aus wie ein faltiges Seidentuch und zeigt tonfarbene Berggipfel, Täler mit einem satten Grün und mit Feldwegen überzogene Bergrücken. Ich hatte mich für eine Nacht in San Jose niedergelassen und bin heute morgen zusammen mit Xavier Pastor (Direktor von Oceana Europe) erneut in die Luft gestiegen. Das Flugzeug war kaum mehr als ein Aluminiumkokon, in dem wir etwa zu zehnt sehr eng zusammensaßen. Ich fühlte mich etwa so albern wie ein getäuschter Schmetterling, der versucht, mit seinem Kokon zu fliegen. Wenigstens waren wir mit Flügeln ausgestattet und erhoben uns auf wundersame Weise zwischen den Gipfeln in die Höhe, bis wir wieder auf das runzelige Land herunterblickten.

Nach höchstens zwanzig Minuten tauchte der Ozean am Horizont auf. Langsam kam er uns entgegen und breitete sich als eine glatte, strahlend blaue Fläche vor uns aus. Zwischen dem Wald und dem glänzenden Meer lag ein langgezogener Strandstreifen. Ich denke, ich werde hier herziehen.

Nach einer Stunde Flug gen Süden, entlang der Küste und des Golfo Dulce – des „Süßen Golfs“ –, öffnete sich landeinwärts ein kleineres Gewässer: Golfito, der „Kleine Golf“. Dort war auch die Stadt zu sehen: eine Kette von Gebäuden am Wasserufer, ein Jachthafen mit einem einzelnen Kai und ein paar Maste. Unser Spielzeugflugzeug sank und sank und glitt über die Palmenwipfel. Plötzlich schienen wir auf allen Seiten von dichten, feucht aussehenden Blättern umgeben und setzten auf der Landebahn auf, aus der Golfitos „Flughafen“ besteht.


Fangenspielende Kinder beim "Golfito-International"

Nun bin ich also hier – heil und gesund – und tippe im Büro von MarViva vor mich hin. MarViva ist eine mittelamerikanische Organisation, die sich für den Schutz der Meeresflora und -fauna in Mittelamerika sowie für die Eindämmung der illegalen Fischerei (vor allem der Jagd auf Haifischflossen) einsetzt, die hier freien Lauf hat. Sie hat sich insbesondere auf eine Überwachung des streifenförmigen Meeresschutzgebiets im tropischen Ostpazifik (eine Inselkette bestehend aus den folgenden fünf Inseln: Cocos Island bei Costa Rica, Coiba bei Panama, die Inseln Malpelo und Gorgona bei Kolumbien und die berühmten Galapagos-Inseln bei Ecuador) sowie des mesoamerikanischen Riffsystems von der mexikanischen Karibikküste bis Honduras spezialisiert.

Beide Gebiete sind einzigartig. Die Inseln des Meeresschutzgebiets auf der Pazifikseite gehören alle derselben geologischen Formation an. Dabei handelt es sich um einen Ring höher gelegenen Meeresbodens, der wie eine Gebirgskette auf einer topographischen Karte aussieht. Die reizvollen Besonderheiten dieser Gegend und die vielen, hier zusammentreffenden Meeresströmungen haben den Landkorridor zu einem Ziel und Zufluchtsort für wandernde Tierarten wie Haie (Seidenhaie, Bogenstirn-Hammerhaie, Galapagoshaie, Weißspitzen-Riffhaie und andere), die so genannten Billfish oder Schwertträger (Schwertfische, Marline, Fächerfische), Thunfische, gefährdete Meeresschildkröten (Lederschildkröten, grüne ostpazifische Suppenschildkröten, Bastardschildkröten, unechte Karettschildkröten) und gefährdete Riesenwale (Blauwale und Buckelwale) werden lassen. Die Korallenriffe an einigen Inseln dieses Korridors gehören zu den wenigen Riffen des tropischen Ostpazifiks.

Die Haie sind nicht die einzigen Raubtiere, die von der Artenvielfalt des Korridors angelockt werden. Der illegale Fischfang und besonders die Jagd auf Haifischflossen stellen eine immer größere Gefahr für das örtliche Meeresleben dar.


Bild © 2005 Ricardo Roberto Fernández Martínez

Die Langleinen-Fischerei wird vor allem von einheimischen Fischern (Schiffe unter costaricanischer Flagge) betrieben. Allerdings werden die Flossen von größeren,  oft aus Taiwan stammenden Schiffen auf dem Meer bzw. im Hafen eingesammelt und nach Asien gebracht, wo ein Markt mit großem Bedarf an Haifischflossen – sie werden praktisch mit Gold aufgewogen – den Handel antreibt. Den Mitgliedern von MarViva zufolge haben die hier illegal fischenden Schiffe meist große Anteile Beifang von Delphinen, Meeresschildkröten und anderen bedrohten Tierarten in ihren Netzen oder an den Haken.

Soweit mir bekannt ist, sind die Aktivitäten und der Ansatz von MarViva gänzlich einzigartig: zwischen der Organisation und der Regierung Costa Ricas besteht ein Abkommen, demzufolge die MarViva-Flotte staatliche Park-Ranger auf Patrouillenfahrten rund um Cocos Island und Coiba mitnimmt. Cocos besteht im Grunde aus einer vulkanischen Felsformation, die als anziehender Orientierungspunkt innerhalb der Wanderwege großer Fische wie Thunfisch und Marlin dient. Dasselbe gilt natürlich auch für Haie. Cocos Island steht im Ruf, die höchste Konzentration von Haien pro Quadratmeter Gewässer auf der ganzen Welt zu besitzen. Die Patrouillen-Flotte besteht hier aus drei Lachsfischer-Schiffen, die Xaviers Team 2002 aus Seattle hierher brachte.

Mit ihren reflektierenden Aluminiumrumpf und den für die Treibnetzfischerei in Alaska flach gestalteten Bugen wirken die „Bristol-Bay“-Boote beim Durchqueren des tropischen Gewässers vor Costa Rica so natürlich wie Eisbären im Dschungel.


Bild © 2005 Sandy Mayson

Was zählt ist jedoch ihre Arbeit – und die ist erstklassig. MarViva ist erst seit zwei Jahren aktiv, scheint jedoch mit ihren Bemühungen schon Großes vollbracht zu haben. Michelle Soto, Journalistin bei MarViva, spricht von sichtbaren Veränderungen:
„Nach gerade mal zwei Jahren Arbeit gibt es keine ‚blutigen’ Oktober mehr.“ Oktober deshalb, weil der herbstliche Zustrom der wandernden Tierarten nach Cocos Island gewöhnlich den jährlichen illegalen Fischfang einläutete. „Jetzt, wo MarViva und die Park-Ranger vor Ort sind, gibt es auf den Inseln keine Fischerboote mehr. Bis 2002 waren mitunter 30 Fischerboote gleichzeitig zu sehen. Heute sieht man nur noch die MarViva-Schiffe, die Wasserfahrzeuge der Küstenwache, einige Touristenboote und einzelne legale Fischerboote.“

Drei Boote für Freitauchgänge besitzen eine Zulassung, um die Cocos Island anzufahren. MarViva arbeitet auch mit ihnen zusammen.
Michelle erzählt ebenfalls, dass sich die Kunde von dem Problem der Haijagd ausbreitet.

„Jetzt hört man im Bus die Leute über die Jagd auf die Haifischflossen reden. Einmal rief mich ein Kind an und sagte: ‚Ich soll eine Arbeit über die Haijagd schreiben. Können Sie mir ein paar Informationen geben?’. Die Leute fangen langsam an, sich des Problems bewusst zu werden.“

Ein einziger Tag im Büro von MarViva ist schon beeindruckend. Es liegt in einem großen, zugigen Gebäude, das früher einer Bananenfirma gehörte und von den MarViva-Leuten vor dem Vergessen gerettet und wiederhergestellt wurde. Im Inneren finden sich dunkle, glänzende Holzböden, rotierende Deckenventilatoren und die MarViva-Mitarbeiter mit ihren blauen T-Shirts. Sie funken mit der Flotte auf dem Meer und stehen in ständigem Telefonkontakt mit dem Personal in San José (Hauptstadt Costa Ricas), das gerade eine multinationale Konferenz für Vorschläge zur Verringerung der Haijagden in allen zentralamerikanischen Gewässern unterstützt. Für Xavier ist dies eine Art Heimkehr – für mich bietet es die Gelegenheit, die Arbeit eines innovativen Schutzprojekts in ungewohnter Umgebung kennen zu lernen. Ich denke, dass hier alle mit ihrer Beteiligung an der vielversprechenden Partnerschaft zwischen Oceana und MarViva zufrieden sind.

In den kommenden Wochen werden wir mit MarViva zusammenarbeiten und uns auf das Treffen mit dem Ranger vorbereiten. Dabei geht es sehr geschäftig zu.Es gilt Absprachen mit dem Jachthafen zu treffen, Kommunikationstechnik für das Schiff zu testen und Pressemitteilungen zu verschicken.


Jachthafen von Golfito bei Ebbe

Xavier spricht pausenlos am Telefon, während ich versuche, so viel wie möglich über Golfito, Cocos Island und das dazwischen liegende Gewässer zu erfahren, bevor wir den festen Boden und die Internetverbindung zurücklassen.
Golfito („Kleiner Golf“) ist eine Kleinstadt an der Pazifikküste Costa Ricas nördlich der Grenze zu Panama.


Bild © 2005 Sandy Mayson

Es liegt an einem „Nebengolf“, der dem größeren Golfo Dulce („Süßen Golf“) wie ein Wassertröpfchen aus einem größeren Tropfen entspringt. Der Ort entstand mit dem Bananenhandel: von 1938 bis 1985 war Golfito im Süden Costa Ricas der Hauptsitz der United Fruit Company.


Mitte unten im Bild Anlagen der United Fruit Company

Dieses äußerst verunglimpfte Bananenimperium war bekannt für seine Verwicklung in den von den USA unterstützten Staatsstreich 1954 in Guatemala sowie für die verbreitete Unterdrückung von Arbeitern und die finanzielle Kolonisation eines Großteils von Mittelamerika.

Golfito blühte mit dem Bananenhandel auf. Züge fuhren Waren ein und Bananen aus. Die Stadt breite sich entlang des Bahnsteigs aus und besteht noch immer aus einer einzigen langen und schmalen Siedlungskette, in der fast alle Gebäude an einer einzigen Straße liegen. Früher fuhr hier ein Zug langsam vorbei, und die Leute bewegten sich von einem Ende der Stadt zum anderen, indem sich an den vorbeiziehenden Waggons festhielten. Das Unternehmen, das von den Einheimischen noch immer als „la Compañía“ bezeichnet wird, errichtete ein Krankenhaus, Schulen sowie einen Pier und besiedelte „el pueblo civil“ mit Arbeiterhäusern.


Pier zur Verladung der Bananen in Schiffe

Dann verließ das Unternehmen den Ort. Steigende Tarife in Costa Rica und Arbeiterunruhen bescherten dem Betrieb mehr Ärger als Gewinn. Golfito wurde von der Arbeitslosigkeit und weiteren Begleitumständen, wie Prostitution, Drogen und Armut, überrascht und eingenommen. In einem Versuch, die Stadt neu zu beleben, baute die costaricanische Regierung hier vor kurzem ein riesiges zollfreies Einkaufszentrum – „El Depósito“ –, um den inländischen Tourismus anzulocken. Besucher sind aufgefordert, hier zu übernachten. In gewissem Maße hat der Plan funktioniert. Der Bau ist zwar ein Ungetüm mit Betonwänden und Stacheldrahtzaun, sorgt jedoch dafür, dass die vielen kleinen Hotels rund um den Ort am Wochenende belegt sind.

Es gibt noch andere Gründe dafür, dass es mit Golfito derzeit bergauf geht. So gilt es als immer beliebteres Reiseziel für Sportangler. Im Hafengebiet gibt es zwei bis drei noble Jachthäfen, einige Luxusjachten, die in der Bucht ankern. An vielen Abenden nippen kleine Gruppen reicher Ausländer ihre Cocktails in einer der edlen Bars des Jachthafens. Tagsüber angeln sie Fächerfische, Marline und weitere große Prachtexemplare – für 300 bis 700 $ kann man eine ganztägige Angeltour buchen. Mit dem wachsenden Touristenzustrom und dem zunehmenden Bewusstsein für Golfitos einzigartiges Geschenk der Natur wird die Stadt vermutlich nicht mehr länger abgeschieden und unbekannt bleiben.

Es gibt Gerüchte über den Bau eines neuen Flughafens und die Einrichtung eines Riesenjachthafens. Die einzige Schwierigkeit für die Stadt wird darin bestehen, zu wachsen und zu gedeihen, ohne die Vielfalt und Qualität der Meeresflora bzw. -fauna zu opfern, die sie so besonders macht. Noch ist Golfito jedoch ein außergewöhnlicher und schöner Ort – ein Knäuel von Häusern mit Blechdächern zwischen Bucht und Dschungel sowie 15-Meter-Jachten, die neben handbetriebenen Kanus oder anderen einfachen lokalen Holzbooten -den Lanchas- ankern.


Bild © 2005 Sandy Mayson

Was den Ranger-Ausflug betrifft, so laufen derzeit die Vorbereitungen für das Schiff. Wir können von Glück sagen, uns eine sagenhafte Technik einschließlich Satellitensystem gesichert zu haben, mit dem ich hoffentlich diese Berichte auf See übermitteln kann. Ich habe gestern den ganzen Nachmittag damit verbracht, das Gerät zum Laufen zu bringen, was letztendlich dank der geduldigen Unterstützung durch Oceanas eigenen IT-Experten, Beth White, und einen freundlichen Herrn im Satellitentelefon-Laden auch von Erfolg gekrönt war.

Wenn es uns jetzt gelingt, an Bord eines schwankenden Wasserfahrzeugs mitten auf dem Meer dieselben Bedingungen wie auf dem MarViva-Parkplatz zu erzielen, dann wird alles gut und unsere Vorhaben bei Cocos können durchgeführt werden.

Diese wären insbesondere die Suche nach Booten auf illegalem Haifang, Unterwasseraufnahmen von schwarmbildenden Hammerhaien und weiteren Wasserbewohnern. Das klingt furchterregender als ein Flugzeug im Puppenformat? Mag sein, aber wir nehmen uns eine Sache nach der anderen vor.







Texte © 2005 Paloma Larena, Astrid Haas,Oliver Meise
Bilder © 2005 Oceana -soweit nicht anders gekennzeichnet



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