Während die Oceana Ranger noch auf See war, wurden im Hafen
ihres ersten Zwischenstopps -Golfito in Costa Rica- von fleißigen
Mitarbeitern bereits die Vorbereitungen für die nächsten zu
untersuchenden Ökosysteme bei der Isla del Coco in Costa Rica und
der Isla del Coiba in Panama unternommen. Diese Vorbereitungen werden
nun vom in Golfito zugestiegenen Crewmitglied Sandy beschrieben:
Ich bin in Golfito/Costa Rica. Auf der einen Seite liegt der Dschungel,
auf der anderen Seite der Ozean. Die MY Oceana Ranger müsste jederzeit
eintreffen. Das Abenteuer kann beginnen.
Die Anreise zum Ozean erfolgte hauptsächlich mit dem Flugzeug.
Ich flog von Washington DC nach Miami, von dort aus San Jose und heute morgen – in einem Flugzeug, das bequem in mein Schlafzimmer passen
würde – von San Jose hierher.
Costa Rica ist ein bergiges Land. Von oben sieht es aus wie ein
faltiges Seidentuch und zeigt tonfarbene Berggipfel, Täler mit einem
satten Grün und mit Feldwegen überzogene Bergrücken. Ich
hatte mich für eine Nacht in San Jose niedergelassen und bin heute
morgen zusammen mit Xavier Pastor (Direktor von Oceana Europe) erneut in
die Luft gestiegen. Das Flugzeug war kaum mehr als ein Aluminiumkokon,
in dem wir etwa zu zehnt sehr eng zusammensaßen. Ich fühlte
mich etwa so albern wie ein getäuschter Schmetterling, der versucht,
mit seinem Kokon zu fliegen. Wenigstens waren wir mit Flügeln ausgestattet
und erhoben uns auf wundersame Weise zwischen den Gipfeln in die Höhe,
bis wir wieder auf das runzelige Land herunterblickten.
Nach höchstens zwanzig Minuten tauchte der Ozean am Horizont
auf. Langsam kam er uns entgegen und breitete sich als eine glatte, strahlend
blaue Fläche vor uns aus. Zwischen dem Wald und dem glänzenden
Meer lag ein langgezogener Strandstreifen. Ich denke, ich werde hier herziehen.
Nach einer Stunde Flug gen Süden, entlang der Küste und
des Golfo Dulce – des „Süßen Golfs“ –, öffnete sich landeinwärts
ein kleineres Gewässer: Golfito, der „Kleine Golf“. Dort war auch
die Stadt zu sehen: eine Kette von Gebäuden am Wasserufer, ein Jachthafen
mit einem einzelnen Kai und ein paar Maste. Unser Spielzeugflugzeug
sank und sank und glitt über die Palmenwipfel. Plötzlich schienen
wir auf allen Seiten von dichten, feucht aussehenden Blättern umgeben
und setzten auf der Landebahn auf, aus der Golfitos „Flughafen“ besteht.
Fangenspielende Kinder beim "Golfito-International"
Nun bin ich also hier – heil und gesund – und tippe im Büro
von MarViva vor mich hin. MarViva ist eine mittelamerikanische Organisation,
die sich für den Schutz der Meeresflora und -fauna in Mittelamerika
sowie für die Eindämmung der illegalen Fischerei (vor allem
der Jagd auf Haifischflossen) einsetzt, die hier freien Lauf hat. Sie
hat sich insbesondere auf eine Überwachung des streifenförmigen
Meeresschutzgebiets im tropischen Ostpazifik (eine Inselkette bestehend
aus den folgenden fünf Inseln: Cocos Island bei Costa Rica, Coiba
bei Panama, die Inseln Malpelo und Gorgona bei Kolumbien und die berühmten
Galapagos-Inseln bei Ecuador) sowie des mesoamerikanischen Riffsystems
von der mexikanischen Karibikküste bis Honduras spezialisiert.
Beide Gebiete sind einzigartig. Die Inseln des Meeresschutzgebiets
auf der Pazifikseite gehören alle derselben geologischen Formation
an. Dabei handelt es sich um einen Ring höher gelegenen Meeresbodens,
der wie eine Gebirgskette auf einer topographischen Karte aussieht. Die
reizvollen Besonderheiten dieser Gegend und die vielen, hier zusammentreffenden
Meeresströmungen haben den Landkorridor zu einem Ziel und Zufluchtsort
für wandernde Tierarten wie Haie (Seidenhaie, Bogenstirn-Hammerhaie,
Galapagoshaie, Weißspitzen-Riffhaie und andere), die so genannten
Billfish oder Schwertträger (Schwertfische, Marline, Fächerfische),
Thunfische, gefährdete Meeresschildkröten (Lederschildkröten,
grüne ostpazifische Suppenschildkröten, Bastardschildkröten,
unechte Karettschildkröten) und gefährdete Riesenwale (Blauwale
und Buckelwale) werden lassen. Die Korallenriffe an einigen Inseln dieses
Korridors gehören zu den wenigen Riffen des tropischen Ostpazifiks.
Die Haie sind nicht die einzigen Raubtiere, die von der Artenvielfalt
des Korridors angelockt werden. Der illegale Fischfang und besonders
die Jagd auf Haifischflossen stellen eine immer größere Gefahr
für das örtliche Meeresleben dar.
Die Langleinen-Fischerei wird vor allem von einheimischen Fischern
(Schiffe unter costaricanischer Flagge) betrieben. Allerdings werden
die Flossen von größeren, oft aus Taiwan stammenden Schiffen
auf dem Meer bzw. im Hafen eingesammelt und nach Asien gebracht, wo ein
Markt mit großem Bedarf an Haifischflossen – sie werden praktisch mit
Gold aufgewogen – den Handel antreibt. Den Mitgliedern von MarViva zufolge
haben die hier illegal fischenden Schiffe meist große Anteile Beifang
von Delphinen, Meeresschildkröten und anderen bedrohten Tierarten in
ihren Netzen oder an den Haken.
Soweit mir bekannt ist, sind die Aktivitäten und der Ansatz
von MarViva gänzlich einzigartig: zwischen der Organisation und der
Regierung Costa Ricas besteht ein Abkommen, demzufolge die MarViva-Flotte
staatliche Park-Ranger auf Patrouillenfahrten rund um Cocos Island und
Coiba mitnimmt. Cocos besteht im Grunde aus einer vulkanischen Felsformation,
die als anziehender Orientierungspunkt innerhalb der Wanderwege großer
Fische wie Thunfisch und Marlin dient. Dasselbe gilt natürlich auch
für Haie. Cocos Island steht im Ruf, die höchste Konzentration
von Haien pro Quadratmeter Gewässer auf der ganzen Welt zu besitzen.
Die Patrouillen-Flotte besteht hier aus drei Lachsfischer-Schiffen, die
Xaviers Team 2002 aus Seattle hierher brachte.
Mit ihren reflektierenden Aluminiumrumpf und den für
die Treibnetzfischerei in Alaska flach gestalteten Bugen wirken die
„Bristol-Bay“-Boote beim Durchqueren des tropischen Gewässers vor
Costa Rica so natürlich wie Eisbären im Dschungel.
Was zählt ist jedoch ihre Arbeit – und die ist erstklassig.
MarViva ist erst seit zwei Jahren aktiv, scheint jedoch mit ihren Bemühungen
schon Großes vollbracht zu haben. Michelle Soto, Journalistin
bei MarViva, spricht von sichtbaren Veränderungen:
„Nach gerade mal zwei Jahren Arbeit gibt es keine ‚blutigen’ Oktober
mehr.“ Oktober deshalb, weil der herbstliche Zustrom der wandernden Tierarten
nach Cocos Island gewöhnlich den jährlichen illegalen Fischfang
einläutete. „Jetzt, wo MarViva und die Park-Ranger vor Ort sind,
gibt es auf den Inseln keine Fischerboote mehr. Bis 2002 waren mitunter
30 Fischerboote gleichzeitig zu sehen. Heute sieht man nur noch die MarViva-Schiffe,
die Wasserfahrzeuge der Küstenwache, einige Touristenboote und einzelne
legale Fischerboote.“
Drei Boote für Freitauchgänge besitzen eine Zulassung,
um die Cocos Island anzufahren. MarViva arbeitet auch mit ihnen zusammen.
Michelle erzählt ebenfalls, dass sich die Kunde von dem Problem
der Haijagd ausbreitet.
„Jetzt hört man im Bus die Leute über die Jagd auf die
Haifischflossen reden. Einmal rief mich ein Kind an und sagte: ‚Ich soll
eine Arbeit über die Haijagd schreiben. Können Sie mir ein paar
Informationen geben?’. Die Leute fangen langsam an, sich des Problems
bewusst zu werden.“
Ein einziger Tag im Büro von MarViva ist schon beeindruckend.
Es liegt in einem großen, zugigen Gebäude, das früher einer
Bananenfirma gehörte und von den MarViva-Leuten vor dem Vergessen
gerettet und wiederhergestellt wurde. Im Inneren finden sich dunkle, glänzende
Holzböden, rotierende Deckenventilatoren und die MarViva-Mitarbeiter
mit ihren blauen T-Shirts. Sie funken mit der Flotte auf dem Meer und
stehen in ständigem Telefonkontakt mit dem Personal in San José
(Hauptstadt Costa Ricas), das gerade eine multinationale Konferenz für
Vorschläge zur Verringerung der Haijagden in allen zentralamerikanischen
Gewässern unterstützt. Für Xavier ist dies eine Art Heimkehr
– für mich bietet es die Gelegenheit, die Arbeit eines innovativen
Schutzprojekts in ungewohnter Umgebung kennen zu lernen. Ich denke, dass
hier alle mit ihrer Beteiligung an der vielversprechenden Partnerschaft
zwischen Oceana und MarViva zufrieden sind.
In den kommenden Wochen werden wir mit MarViva zusammenarbeiten
und uns auf das Treffen mit dem Ranger vorbereiten. Dabei geht es sehr
geschäftig zu.Es gilt Absprachen mit dem Jachthafen zu treffen, Kommunikationstechnik
für das Schiff zu testen und Pressemitteilungen zu verschicken.
Jachthafen von Golfito bei Ebbe
Xavier spricht pausenlos am Telefon, während ich versuche, so viel
wie möglich über Golfito, Cocos Island und das dazwischen liegende
Gewässer zu erfahren, bevor wir den festen Boden und die Internetverbindung
zurücklassen.
Golfito („Kleiner Golf“) ist eine Kleinstadt an der Pazifikküste
Costa Ricas nördlich der Grenze zu Panama.
Es liegt an einem „Nebengolf“, der dem größeren
Golfo Dulce („Süßen Golf“) wie ein Wassertröpfchen aus
einem größeren Tropfen entspringt. Der Ort entstand mit dem
Bananenhandel: von 1938 bis 1985 war Golfito im Süden Costa Ricas
der Hauptsitz der United Fruit Company.
Mitte unten im Bild Anlagen der United Fruit Company
Dieses äußerst verunglimpfte Bananenimperium war bekannt für
seine Verwicklung in den von den USA unterstützten Staatsstreich
1954 in Guatemala sowie für die verbreitete Unterdrückung von
Arbeitern und die finanzielle Kolonisation eines Großteils von Mittelamerika.
Golfito blühte mit dem Bananenhandel auf. Züge fuhren
Waren ein und Bananen aus. Die Stadt breite sich entlang des Bahnsteigs
aus und besteht noch immer aus einer einzigen langen und schmalen Siedlungskette,
in der fast alle Gebäude an einer einzigen Straße liegen. Früher
fuhr hier ein Zug langsam vorbei, und die Leute bewegten sich von einem
Ende der Stadt zum anderen, indem sich an den vorbeiziehenden Waggons festhielten.
Das Unternehmen, das von den Einheimischen noch immer als „la Compañía“
bezeichnet wird, errichtete ein Krankenhaus, Schulen sowie einen Pier
und besiedelte „el pueblo civil“ mit Arbeiterhäusern.
Pier zur Verladung der Bananen in Schiffe
Dann verließ das Unternehmen den Ort. Steigende Tarife in Costa
Rica und Arbeiterunruhen bescherten dem Betrieb mehr Ärger als Gewinn.
Golfito wurde von der Arbeitslosigkeit und weiteren Begleitumständen,
wie Prostitution, Drogen und Armut, überrascht und eingenommen. In
einem Versuch, die Stadt neu zu beleben, baute die costaricanische Regierung
hier vor kurzem ein riesiges zollfreies Einkaufszentrum – „El Depósito“
–, um den inländischen Tourismus anzulocken. Besucher sind aufgefordert,
hier zu übernachten. In gewissem Maße hat der Plan funktioniert.
Der Bau ist zwar ein Ungetüm mit Betonwänden und Stacheldrahtzaun,
sorgt jedoch dafür, dass die vielen kleinen Hotels rund um den Ort am
Wochenende belegt sind.
Es gibt noch andere Gründe dafür, dass es mit Golfito
derzeit bergauf geht. So gilt es als immer beliebteres Reiseziel für
Sportangler. Im Hafengebiet gibt es zwei bis drei noble Jachthäfen,
einige Luxusjachten, die in der Bucht ankern. An vielen Abenden nippen
kleine Gruppen reicher Ausländer ihre Cocktails in einer der edlen
Bars des Jachthafens. Tagsüber angeln sie Fächerfische, Marline
und weitere große Prachtexemplare – für 300 bis 700 $ kann
man eine ganztägige Angeltour buchen. Mit dem wachsenden Touristenzustrom
und dem zunehmenden Bewusstsein für Golfitos einzigartiges Geschenk
der Natur wird die Stadt vermutlich nicht mehr länger abgeschieden
und unbekannt bleiben.
Es gibt Gerüchte über den Bau eines neuen Flughafens und die
Einrichtung eines Riesenjachthafens. Die einzige Schwierigkeit für
die Stadt wird darin bestehen, zu wachsen und zu gedeihen, ohne die Vielfalt
und Qualität der Meeresflora bzw. -fauna zu opfern, die sie so besonders
macht. Noch ist Golfito jedoch ein außergewöhnlicher und schöner
Ort – ein Knäuel von Häusern mit Blechdächern zwischen Bucht
und Dschungel sowie 15-Meter-Jachten, die neben handbetriebenen Kanus
oder anderen einfachen lokalen Holzbooten -den Lanchas- ankern.
Was den Ranger-Ausflug betrifft, so laufen derzeit die
Vorbereitungen für das Schiff. Wir können von Glück sagen,
uns eine sagenhafte Technik einschließlich Satellitensystem gesichert
zu haben, mit dem ich hoffentlich diese Berichte auf See übermitteln
kann. Ich habe gestern den ganzen Nachmittag damit verbracht, das Gerät
zum Laufen zu bringen, was letztendlich dank der geduldigen Unterstützung
durch Oceanas eigenen IT-Experten, Beth White, und einen freundlichen Herrn
im Satellitentelefon-Laden auch von Erfolg gekrönt war.
Wenn es uns jetzt gelingt, an Bord eines schwankenden Wasserfahrzeugs
mitten auf dem Meer dieselben Bedingungen wie auf dem MarViva-Parkplatz
zu erzielen, dann wird alles gut und unsere Vorhaben bei Cocos können
durchgeführt werden.
Diese wären insbesondere die Suche nach Booten auf
illegalem Haifang, Unterwasseraufnahmen von schwarmbildenden Hammerhaien
und weiteren Wasserbewohnern. Das klingt furchterregender als ein Flugzeug
im Puppenformat? Mag sein, aber wir nehmen uns eine Sache nach der anderen
vor.
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