Pottwale im Regen

 Geschrieben von Andrea und Wilfried

Pottwale im Regen

von Andrea und Wilfried Steffen

Pottwale im Regen
Es regnet wie aus Kübeln. Die Sicht beschränkt sich auf etwa 100 m. Der Wind ist unangenehm frisch und peitsch das Meer erheblich auf. Unser Boot rollt so sehr, dass wir manchmal nur noch den Himmel sehen. Jetzt noch den gelegentlichen Blas eines Pottwals in einem 360° Winkel zu erkennen, ist aussichtslos.

Wir beschließen die Suche abzubrechen, obwohl wir noch vor etwa einer Stunde einen ausgewachsenen Pottwalbullen über das Hydrophon gehört hatten.

Als wir in aller Frühe starteten, war das Wetter noch passabel. Der Wind wehte nur mäßig und das Meer war einigermaßen ruhig. Wir fuhren etwa 3 Meilen in nordwestlicher Richtung, dann stoppten wir den Motor und machten unseren ersten Hydrophontest. Wir waren zu dritt an Bord, Andrea und ich sowie unser "Pottwal-erfahrener" Skipper. Weil sechs Ohren mehr hören als zwei, hatten wir das Hydrophon, das ja eigentlich nur aus einem eingeschweißten Mikrophon an einem 20 m langen Kabel und einem kleinen Empfänger bestand, an einen Lautsprecher angeschlossen. So konnten wir zusammen die Geräusche analysieren und, sofern Pottwale im Umkreis von etwa 2 km vorhanden waren, diese auch erkennen. Aber die typischen Klicks dieser Spezies waren nicht zu hören. Wir starteten den Motor wieder und fuhren etwa zwei Meilen weiter in unserer ursprünglichen Richtung. Ein erneuter Hydrophontest ergab sehr schwach zu hörende Klicks. Da wir kein Richtmikrophon hatten, war es unmöglich zu sagen, aus welcher Richtung die Klicks kamen. Außerdem zeigten sie uns an, dass die Wale noch tauchten. Aufgetaucht senden sie nur selten Klicks aus.

Die ersten dunklen Wolken waren aufgezogen und der Wind hatte sich unangenehm verstärkt.

Da sich aber unsere Zeit, die wir hier mit unseren Beobachtungen verbringen konnten, auf die Dauer eines dreiwöchigen Urlaubs beschränken musste, ignorierten wir den inzwischen einsetzenden Regen und lauschten weiter den schwachen Klicks. Zwischen diese, der Orientierung der Pottwale in der tiefschwarzen Dunkelheit ihres Jagdgebietes in 800 m Tiefe dienenden Klicks, mischte sich noch ein anderes Geräusch. Es ähnelt den Lauten, die wir bisher gehört haben, war aber seltener zu hören und hatte einen anderen Klang.

Pottwale

Wir waren sofort wie elektrisiert. Dies hörte sich klar nach einem Pottwalbullen an. Es war zwar noch nicht wesentlich lauter als die bisherigen Klicks, aber er konnte auch noch weiter weg sein.

Pottwalbullen sind in dieser Gegend eine große Seltenheit. Höchsten zwei dieser - mit 18 Metern um etwa 1/3 länger als die ausgewachsenen Weibchen und mit einem Gewicht von 60 Tonnen 4 mal so schweren Giganten - suchen diese Gewässer während der Paarungssaison von Dezember bis April auf. Den Anblick und die Beobachtung eines solchen Riesen wollten wir auf keinen Fall verpassen. Wir fuhren sofort weiter in unsere bisherige Richtung und stoppten nach einer Meile wieder. Der Horchtest ließ unsere Herzen kräftig höher schlagen. Der typische "Klang" der Männchen, nun deutlich von den Orientierungsklicks der Weibschen und Jungtiere zu unterscheiden, war näher gekommen.

Pottwale


Inzwischen peitschte der kräftige Wind den heftiger werdenden Regen fast waagerecht vor sich her. Die Wellen wurden immer höher, da wir uns bereits weit aus der Landabdeckung entfernt hatten. Trotzdem fuhren wir weiter. Einen Pottwalbullen bekommt man selbst als langjähriger Beobachter in diesem Pottwalversammlungsgebiet nicht allzu oft zu sehen.

Wir entschlossen uns daher, noch etwas weiter hinaus zu fahren. Die Wellen hatten bereits große, weiße Schaumkronen. Dazwischen noch den Blas eines Wals zu sehen, ist fast unmöglich geworden. Bei unserem nächsten Hydrophontest waren wir noch nicht wirklich näher gekommen. Die Lautstärke war die gleiche geblieben. Er war irgendwo in einem Umkreis von einer Meile unter uns. Aber selbst wenn er jetzt auftauchen würde, hätten wir keine Chance ihn zu finden. Daher fuhren wir zurück, um am nächsten Tag unsere Suche wieder aufzunehmen.

Normalerweise ist das Wetter hier besser. Sonne und Wolken wechseln sich ab. Es regnet auch ab und zu, aber dann sind es nur kurze Schauer, die bei der Hitze eine willkommene Abkühlung darstellen. Das Hauptproblem ist der Wind und die damit verbundene Wellenbildung. Abgesehen von der heftigen Schaukelei, wenn wir antriebslos vor uns hindümpeln, um dem Hydrophon zu lauschen oder Pottwale zu beobachten, ist es bei höheren Wellen oder gar Schaumkronen sehr schwer, den teilweise nur ein bis zwei Meter hohen Blas einer Pottwalkuh oder eines Jungtieres zu sehen.


Fluke eines Pottwals


Aber auch wenn es ruhig ist, schwimmen die Pottwale nicht einfach vorbei. Wir müssen sie suchen. Es beginnt in der Regel damit, dass wir hinausfahren und nach ein paar Meilen unsere bereits erwähnten Horchtests durchführen. Wenn wir etwas hören, wissen wir zumindest, dass Wale in der Nähe sind. Dies ist aber beileibe nicht immer so. Manchmal hören und sehen wir tagelang nichts. Das ist bei der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit und den damit verbundenen hohen Kosten, allein schon für den Bootscharter, sehr frustrierend. Wenn wir nichts hören, heißt das aber nicht zwangsläufig, dass keine Wale da sind. Sie können auch an der Wasseroberfläche sein, um Luft für ihren nächsten Tauchgang zu schöpfen, zu ruhen oder sich zu sozialisieren. Die Pottwale der Gegend kommen dann zusammen und verbringen einige Stunden damit, Körperkontakt zu suchen und nahe beisammen zu sein. Einmal fanden wir eine Gruppe von 11 Walen, die fast bewegungslos an der Wasseroberfläche lagen. Es war still. Diese Stille wurde nur ab und zu durch das markante Ausatemgeräusch unterbrochen. Dies sind wirkliche Glücksmomente, die allen Frust wieder vergessen lassen.

Wenn wir Wale sehen, fotografieren wir, was das Zeug hält.

Pottwale


Damit versuchen wir einzelne Tiere zu identifizieren. Denn nur dann lassen sich Langzeitbeobachtungen machen und Veränderungen feststellen. Wir notieren auch jede Einzelheit. Den genauen Ort, die Zeit, die Wetterverhältnisse, die Anzahl der Tiere, den Anteil der Jungtiere und Babys sowie deren Geschlecht, wenn wir es denn erkennen können, was meistens nur möglich ist, wenn wir in Wasser gehen, um uns die Tiere dann von unten anzusehen. Dies tun wir sehr vorsichtig und bedächtig, um keine Unruhe zu erzeugen. Trotzdem halten die Wale in der Regel einen großen Sicherheitsabstand. Nur ganz selten lässt uns ein Wal fast bis in Berührungsnähe an sich herankommen. Vorsicht ist aber weiterhin geboten, denn es sind ja die größten Raubtiere der Erde und selbst wenn sie keine bösen Absichten haben, kann eine schnelle Bewegung eines 10 Meter Kolosses einen kleinen Schwimmer ganz schön alt aussehen lassen. Dazu kommt, dass wir im offenen Ozean schwimmen und durch Wind und Strömung schnell abgetrieben werden. Hier müssen wir uns auf unseren Bootsführer verlassen, dass er uns im Auge behält.

Pottwale


Auch unseren Anfangs verpassten Pottwalbullen haben wir später noch entdeckt. Nachdem wir ihn fast eine dreiviertel Stunde mit unserem Boot begleiten durften, kamen wir in eine günstige Position, um zu ihm ins Wasser zugehen. Aber es ist schon etwas anderes zu den Pottwalkühen und Jungtieren mit ihren maximal 12 Metern ins Wasser zu gehen oder zu einem 18 Meter langen Pottwalbullen mit einem Gewicht von 50 oder 60 Tonen. Allein die Schwanzflosse, die sog. Fluke, ist über 3 Meter breit und könnte uns vollständig zudecken.

Er bemerkte, dass wir im Wasser waren. Er drehte seinen massigen Körper, Pottwale haben keinen bewegliche Kopf und müssen daher immer den ganzen Körper drehen, wenn sie in eine andere Richtung schauen wollen, langsam zu uns herüber. Er war etwa 20 Meter entfernt. Wir konnten seine Unterseite mit der starken Wölbung in Höhe des Genitalbereichs sehen. Bei Jungtieren ist hier nur eine winzige Erhöhung zu sehen. Er nahm jetzt den ganzen Blickwinkel unserer Tauchermaske ein. Bevor wir aber noch näher heran kommen konnten, drehte er ab und verschwand mit ein paar Schlägen seiner kräftigen Fluke im dunklen Blau des Meeres.

Vielen Dank für diesen Bericht und die wunderbaren Bilder an Andrea und Wilfried Steffen . Weitere sehenswerte Bilder und Informationen gibt es im Buch „Pottwale“, von uns vorgestellt im letzten Onlinemagazin.

Zu bekommen ist dieses Buch im Handel und direkt beim Verlag.


© 2005 - Text+Bilder: Andrea und Wilfried Steffen


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