Es regnet wie aus Kübeln. Die Sicht beschränkt
sich auf etwa 100 m. Der Wind ist unangenehm frisch und peitsch das Meer erheblich
auf. Unser Boot rollt so sehr, dass wir manchmal nur noch den Himmel sehen.
Jetzt noch den gelegentlichen Blas eines Pottwals in einem 360° Winkel
zu erkennen, ist aussichtslos.
Wir beschließen die Suche abzubrechen, obwohl wir noch vor etwa einer
Stunde einen ausgewachsenen Pottwalbullen über das Hydrophon gehört
hatten.
Als wir in aller Frühe starteten, war das Wetter noch passabel. Der
Wind wehte nur mäßig und das Meer war einigermaßen ruhig.
Wir fuhren etwa 3 Meilen in nordwestlicher Richtung, dann stoppten wir den
Motor und machten unseren ersten Hydrophontest. Wir waren zu dritt an Bord,
Andrea und ich sowie unser "Pottwal-erfahrener" Skipper. Weil sechs Ohren mehr
hören als zwei, hatten wir das Hydrophon, das ja eigentlich nur aus einem
eingeschweißten Mikrophon an einem 20 m langen Kabel und einem kleinen
Empfänger bestand, an einen Lautsprecher angeschlossen. So konnten wir
zusammen die Geräusche analysieren und, sofern Pottwale im Umkreis von
etwa 2 km vorhanden waren, diese auch erkennen. Aber die typischen Klicks
dieser Spezies waren nicht zu hören. Wir starteten den Motor wieder
und fuhren etwa zwei Meilen weiter in unserer ursprünglichen Richtung.
Ein erneuter Hydrophontest ergab sehr schwach zu hörende Klicks. Da
wir kein Richtmikrophon hatten, war es unmöglich zu sagen, aus welcher
Richtung die Klicks kamen. Außerdem zeigten sie uns an, dass die Wale
noch tauchten. Aufgetaucht senden sie nur selten Klicks aus.
Die ersten dunklen Wolken waren aufgezogen und der Wind hatte sich unangenehm
verstärkt.
Da sich aber unsere Zeit, die wir hier mit unseren Beobachtungen verbringen
konnten, auf die Dauer eines dreiwöchigen Urlaubs beschränken musste,
ignorierten wir den inzwischen einsetzenden Regen und lauschten weiter den schwachen Klicks. Zwischen diese, der Orientierung der Pottwale in der tiefschwarzen
Dunkelheit ihres Jagdgebietes in 800 m Tiefe dienenden Klicks, mischte sich
noch ein anderes Geräusch. Es ähnelt den Lauten, die wir bisher gehört
haben, war aber seltener zu hören und hatte einen anderen Klang.
Wir waren sofort wie elektrisiert. Dies hörte sich klar nach einem
Pottwalbullen an. Es war zwar noch nicht wesentlich lauter als die bisherigen
Klicks, aber er konnte auch noch weiter weg sein.
Pottwalbullen sind in dieser Gegend eine große Seltenheit. Höchsten
zwei dieser - mit 18 Metern um etwa 1/3 länger als die ausgewachsenen Weibchen
und mit einem Gewicht von 60 Tonnen 4 mal so schweren Giganten - suchen diese
Gewässer während der Paarungssaison von Dezember bis April auf.
Den Anblick und die Beobachtung eines solchen Riesen wollten wir auf keinen
Fall verpassen. Wir fuhren sofort weiter in unsere bisherige Richtung und
stoppten nach einer Meile wieder. Der Horchtest ließ unsere Herzen kräftig
höher schlagen. Der typische "Klang" der Männchen, nun deutlich
von den Orientierungsklicks der Weibschen und Jungtiere zu unterscheiden,
war näher gekommen.
Inzwischen peitschte der kräftige Wind den heftiger werdenden Regen
fast waagerecht vor sich her. Die Wellen wurden immer höher, da wir uns
bereits weit aus der Landabdeckung entfernt hatten. Trotzdem fuhren wir weiter.
Einen Pottwalbullen bekommt man selbst als langjähriger Beobachter in diesem Pottwalversammlungsgebiet nicht allzu oft zu sehen.
Wir entschlossen uns daher, noch etwas weiter hinaus zu fahren. Die Wellen
hatten bereits große, weiße Schaumkronen. Dazwischen noch den
Blas eines Wals zu sehen, ist fast unmöglich geworden. Bei unserem nächsten
Hydrophontest waren wir noch nicht wirklich näher gekommen. Die
Lautstärke war die gleiche geblieben. Er war irgendwo in einem Umkreis
von einer Meile unter uns. Aber selbst wenn er jetzt auftauchen würde,
hätten wir keine Chance ihn zu finden. Daher fuhren wir zurück,
um am nächsten Tag unsere Suche wieder aufzunehmen.
Normalerweise ist das Wetter hier besser. Sonne und Wolken wechseln sich
ab. Es regnet auch ab und zu, aber dann sind es nur kurze Schauer, die bei
der Hitze eine willkommene Abkühlung darstellen. Das Hauptproblem ist
der Wind und die damit verbundene Wellenbildung. Abgesehen von der heftigen
Schaukelei, wenn wir antriebslos vor uns hindümpeln, um dem Hydrophon
zu lauschen oder Pottwale zu beobachten, ist es bei höheren Wellen oder
gar Schaumkronen sehr schwer, den teilweise nur ein bis zwei Meter hohen Blas einer
Pottwalkuh oder eines Jungtieres zu sehen.
Aber auch wenn es ruhig ist, schwimmen die Pottwale nicht einfach vorbei.
Wir müssen sie suchen. Es beginnt in der Regel damit, dass wir hinausfahren
und nach ein paar Meilen unsere bereits erwähnten Horchtests durchführen.
Wenn wir etwas hören, wissen wir zumindest, dass Wale in der Nähe
sind. Dies ist aber beileibe nicht immer so. Manchmal hören und sehen
wir tagelang nichts. Das ist bei der Kürze der zur Verfügung stehenden
Zeit und den damit verbundenen hohen Kosten, allein schon für den Bootscharter,
sehr frustrierend. Wenn wir nichts hören, heißt das aber nicht
zwangsläufig, dass keine Wale da sind. Sie können auch an der Wasseroberfläche
sein, um Luft für ihren nächsten Tauchgang zu schöpfen, zu
ruhen oder sich zu sozialisieren. Die Pottwale der Gegend kommen dann zusammen
und verbringen einige Stunden damit, Körperkontakt zu suchen und nahe
beisammen zu sein. Einmal fanden wir eine Gruppe von 11 Walen, die fast bewegungslos
an der Wasseroberfläche lagen. Es war still. Diese Stille wurde nur ab
und zu durch das markante Ausatemgeräusch unterbrochen. Dies sind wirkliche
Glücksmomente, die allen Frust wieder vergessen lassen.
Wenn wir Wale sehen, fotografieren wir, was das Zeug hält.
Damit versuchen wir einzelne Tiere zu identifizieren. Denn nur dann lassen
sich Langzeitbeobachtungen machen und Veränderungen feststellen. Wir
notieren auch jede Einzelheit. Den genauen Ort, die Zeit, die Wetterverhältnisse,
die Anzahl der Tiere, den Anteil der Jungtiere und Babys sowie deren Geschlecht,
wenn wir es denn erkennen können, was meistens nur möglich ist,
wenn wir in Wasser gehen, um uns die Tiere dann von unten anzusehen. Dies
tun wir sehr vorsichtig und bedächtig, um keine Unruhe zu erzeugen. Trotzdem
halten die Wale in der Regel einen großen Sicherheitsabstand. Nur ganz
selten lässt uns ein Wal fast bis in Berührungsnähe an sich
herankommen. Vorsicht ist aber weiterhin geboten, denn es sind ja die größten
Raubtiere der Erde und selbst wenn sie keine bösen Absichten haben,
kann eine schnelle Bewegung eines 10 Meter Kolosses einen kleinen Schwimmer
ganz schön alt aussehen lassen. Dazu kommt, dass wir im offenen Ozean
schwimmen und durch Wind und Strömung schnell abgetrieben werden. Hier
müssen wir uns auf unseren Bootsführer verlassen, dass er uns im
Auge behält.
Auch unseren Anfangs verpassten Pottwalbullen haben wir später noch
entdeckt. Nachdem wir ihn fast eine dreiviertel Stunde mit unserem Boot begleiten
durften, kamen wir in eine günstige Position, um zu ihm ins Wasser zugehen.
Aber es ist schon etwas anderes zu den Pottwalkühen und Jungtieren mit
ihren maximal 12 Metern ins Wasser zu gehen oder zu einem 18 Meter langen
Pottwalbullen mit einem Gewicht von 50 oder 60 Tonen. Allein die Schwanzflosse, die sog. Fluke, ist über 3 Meter breit und könnte uns vollständig
zudecken.
Er bemerkte, dass wir im Wasser waren. Er drehte seinen massigen Körper,
Pottwale haben keinen bewegliche Kopf und müssen daher immer den ganzen
Körper drehen, wenn sie in eine andere Richtung schauen wollen, langsam
zu uns herüber. Er war etwa 20 Meter entfernt. Wir konnten seine Unterseite
mit der starken Wölbung in Höhe des Genitalbereichs sehen. Bei Jungtieren
ist hier nur eine winzige Erhöhung zu sehen. Er nahm jetzt den ganzen
Blickwinkel unserer Tauchermaske ein. Bevor wir aber noch näher heran
kommen konnten, drehte er ab und verschwand mit ein paar Schlägen seiner
kräftigen Fluke im dunklen Blau des Meeres.
Vielen Dank für diesen Bericht und die wunderbaren Bilder an Andrea
und Wilfried Steffen . Weitere sehenswerte Bilder und Informationen gibt es
im Buch „Pottwale“, von uns vorgestellt im letzten Onlinemagazin.
Zu bekommen ist dieses Buch im Handel und direkt beim Verlag.
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