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Onlinemagazin - 54. Ausgabe - Eine Ostsee-Spezies: Der Wrack-Baehr




 Geschrieben von Oli

Stefan Baehr oder wie wird man Unterwasserfotograf

von Oliver Meise
Bilder © Stefan Baehr


TN: Anfang der neunziger Jahre war das Tauchen in der kalten Ostsee noch gar nicht so verbreitet. Wie bist du darauf gekommen, es trotzdem zu tun?
Stefan Baehr: Ich war gerade zum Tauchen auf Kuba und mit meinem Resturlaub sah es nicht mehr so günstig aus.

Grauer Kaiserfisch vor der Schatzinsel bei Kuba
Ein zutraulicher Grauer Kaiserfisch vor der Schatzinsel bei Kuba

Da erzählte ein Taucher aus Hamburg, er ginge an den Wochenenden zum Wracktauchen in die Ostsee. So lernte ich Joachim Warner kennen, einen total „Alteisen besessenen Menschen“, der mich mit seiner Leidenschaft für Ostseewracks ziemlich schnell ansteckte.

Brücke des Schnellbotes S 103 bei Mommark
Brücke des Schnellbotes S 103 bei Mommark

Diese Zeit war damals ziemlich aufregend, wirkliches taucherisches Neuland eben. Außerdem waren wir ziemlich allein draußen bei den Wracks.

Stefan Baehr
Bild © Günter Träger

Das hat sich nach dem Erscheinen meines Buches „Wracktauchen in der Ostsee“ in 1995 ziemlich schnell geändert. Ich musste deswegen auch schon einige Kritik einstecken.

TN: Kann man wirklich sagen, dass das Buch einen Ostseeboom hervorgerufen hat? Stefan Baehr: Ich glaube schon. Zumindest hat es in Verbindung mit meinen zahlreichen, in den Tauchzeitschriften erschienenen Artikeln bewirkt, dass Taucher zu den Ostseewracks gefahren sind, die sonst nie daran gedacht hätten. Sehr viel hat natürlich auch die Wiedervereinigung mit ihren erweiterten Tauchmöglichkeiten in Richtung Osten bewirkt.

Nicht ausgeschwenkter Davit der MS Jan Heweliusz
Nicht ausgeschwenkter Davit der MS Jan Heweliusz

Aber mein Buch war nun mal das erste, das die Tauchmöglichkeiten in der Ostsee überhaupt einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt hat.

TN: In der Branche giltst Du als eine Art Kanalarbeiter, als jemand der auch in der dreckigsten Brühe noch irgendwie verwertbare Bilder hinbekommt. Wie kommt man da hin?
Stefan Baehr: Am Anfang interessierten uns die Wracks in erster Linie als Biotop. Da waren eher Makroaufnahmen gefragt. Die sind auch in der Ostsee recht einfach zu erstellen.

Seenelke auf Panzer einer Strandkrabbe
Seenelke auf Panzer einer Strandkrabbe

Später interessierten wir uns auch zunehmend dafür, wie das Biotop denn ins Meer gekommen sei. Dadurch erwuchs natürlich der Wunsch, möglichst viel von dem Wrack zu fotografieren. Das war allerdings nicht so einfach umzusetzen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich anfangs das Filmmaterial gleich meterweise vernichtet.
Mein „Experimentierstudio“ hatte ich dann aus Kostengründen sehr schnell von der Ostsee an den Edersee verlegt. Den See habe ich praktisch vor der Haustür und um ein paar Filme zu vernichten muss man ja nicht jedes Mal gleich tausend Kilometer fahren... Ich habe mit marktüblichen Kameras, Objektiven und Gehäusen experimentiert und mich auch selbst an mein altes Zeichenbrett aus meinem Ingenieurstudium gesetzt. So wurde meine Ausrüstung dank unseres trüben Edersees immer besser. Als ich damit zum ersten Mal in der Ostsee fotografiert habe, war ich von den Ergebnissen selbst völlig überrascht.

TN: In 1992 kannte dich doch kein Mensch. Wie findet man denn dann einen Verleger und wie bekommt man auch noch einen Auftrag vom Stern, zum Wrack der Wilhelm Gustloff zu fahren?
Stefan Baehr: Das mit dem Verleger war purer Zufall. Ein Arbeitskollege hatte dort einen Computer repariert und von meinen Ostseebildern erzählt. Na ja, etwa eine Woche später saß ich mit meinem Diaprojektor im SSG-Verlag (dem heutigen Felicitas Hübner Verlag) und die Idee mit dem Ostseebuch war geboren. Das das Buch später doch im Jahr Verlag erschienen ist, ist wieder eine andere Geschichte. Die Idee mit der Wilhelm Gustloff kam eigentlich meiner Mutter. Ein Teil meiner Familie stammt aus Ostpreußen und da sorgt der Schiffsname schon für leichtes Frösteln... Ja dieses Schiff müsste doch auch noch da liegen... Auch Joachim Warner hatte schon mal von dem Schiff gehört. Peter Hübner vom SSG-Verlag stammte aus Danzig und wäre beinahe mit der Wilhelm Gustloff in den Tod gefahren. Die Geschichte dieses Schiffes rührte mich.

Historische Aufnahme der Wilhelm Gustloff

Ich begann, mich mit deutscher Zeitgeschichte zu beschäftigen und stellte fest, dass unsere Lehrer immer einen riesigen Bogen um einen ganzen Abschnitt unserer Geschichte gemacht hatten. Wie soll ich es beschreiben, diese deutsche Titanic drängte sich immer mehr in mein Leben. Ich wollte diese ungeheure Tragödie mit meinen Bildern der Vergessenheit entreißen. Als Joachim Warner jemanden kennenlernte, der wusste wo sie liegt, wurde die Story regelrecht zum Selbstläufer. Dazu kam, dass Peter noch ein paar alte Verbindungen in der Medienwelt hatte, unter anderem zum Stern. Wenn ich so zurückdenke, war die ganze Gustloffgeschichte ein unglaubliches Gespinst aus Zufällen, beinahe so, als sollte ich unbedingt dorthin. Richtig unheimlich war das.

TN: Wie hast Du dich auf die Gustloff Expedition vorbereitet?
Stefan Baehr: Ich glaube, ich habe zuvor noch nie etwas so gründlich getan. Ich hatte das Schiff so genau studiert, dass ich, wenn es im Hafen gelegen hätte, in der Lage gewesen wäre, eine Schiffsführung zu machen. Mit Norbert Mücke, einem der leistungsfähigsten Tauchern, die ich bis dahin kennengelernt hatte wurden Tieftauchgänge im Biggesee trainiert. Im Keller habe ich tagelang Ösen an Grundgewichte geschweißt und Bojengeschirre vormontiert.


Die Kameratechnik wurde noch weiter verbessert, außerdem hatte noch die Schlauchbootfirma Viking aus Hofgeismar ein spezielles Taucherboot für uns gebaut, das sich später während unserer Expedition phantastisch bewährt hat. Eine Woche vor der geplanten Abfahrt hat uns dann noch unser Skipper versetzt und wir mussten ein neues Schiff organisieren. In der Freedom, einem Zweimast Topgaffelschoner fanden wir zwar ein geräumiges Schiff, aber ein Tauchschiff war es nicht, wir mussten selbst eines daraus machen.


Da war wirklich Stress angesagt. Aber es blieb trotzdem ein eher unbeweglicher Segler, der zwei Stunden für ein Ankeraufmanöver bei 50 Metern Wassertiefe brauchte.


Nicht gerade ideal, um Taucher aus dem Wasser aufzunehmen. Als uns die Firma Wiking das tolle Angebot mit dem Taucherschlauchboot machte, hatten wir noch keine Ahnung, dass einmal der Erfolg unserer ganzen Expedition von diesem einen Boot abhängen würde.


Ich kann gar nicht beschreiben, mit was für gemischten Gefühlen ich damals mit den anderen losgefahren bin. Das heutige Selbstbewusstsein, dass ich mit größter Wahrscheinlichkeit verwertbare Bilder im Kasten haben werde, wenn man nur überhaupt unter Wasser etwas sieht, hatte ich Anfang der neunziger Jahre noch lange nicht. Eher das bange Gefühl, dass der Verleger etwa 60.000 DM für diese Expedition ausgegeben hat, und dass ein 35 Meter langes Riesenschiff mit 7 Mann Besatzung, dem Verlegerehepaar und einer fünfköpfigen Tauchercrew an Bord, in Richtung auf ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang unterwegs war. Und dass alles nur von meinen Bildern abhängt, die auch noch Anerkennung in den Augen der Sternredakteure erlangen mußten.

TN: Was waren die größten Schwierigkeiten bzw. Gefahren im Verlauf der Expedition?
Stefan Baehr: Unser schlimmster Gegner war das Wetter. Kaum hatten wir das Wrack gefunden und einen Tauchgang mit der Kamera gemacht, frischte der Wind zur Sturmstärke auf.


Wir mußten Gedynia als Schutzhafen aufsuchen. Dort verbrachten wir eine uns endlos erscheinende Zeit und warteten auf geeignetes Wetter. Insgesamt hatten wir auf diese Weise nur dreieinhalb Tauchtage mit sieben möglichen Tauchgängen für die Fotos an dem über 200 Meter langen Wrack.
Ein weiteres Problem war die große Tiefe. Wir kamen bei jedem Tauchgang auf mindestens 40 Meter Tiefe. Das reduziert natürlich auch die Zeit, die für Aufnahmen zur Verfügung stehen. Die psychische Wirkung von Tiefe, Dunkelheit und Kälte auf die Taucher ist natürlich auch nicht zu unterschätzen. Eine kleine Unachtsamkeit kann da schon zu einer panischen Kettenreaktion führen.
Das Wrack der Wilhelm Gustloff ist stark einsturzgefährdet. Das macht Tauchgänge an ihr gefährlich, vor allem weil man bei einem so riesigen Wrack nicht immer sehen kann, was vielleicht einige Meter über einem hängt und eventuell durch den Auftrieb der Atemluft aus dem Gleichgewicht gebracht, plötzlich herunterfällt.
Durch die Abgelegenheit des Tauchplatzes vor der polnischen Küste wären damals die Rettungswege sehr lang geworden. Nicht zuletzt stellt dieses Wrack auch eine fotografische Herausforderung dar. Die Sicht ist nicht so gut, es ist sehr dunkel in 40 Meter Wassertiefe und das Wrack dicht mit schwarzen Miesmuscheln bewachsen.


Dazu kommen die gewaltigen Ausmaße der Wilhelm Gustloff. Um überhaupt einen Eindruck von dem Schiff zu bekommen muss man mit der Kamera einen sehr großen Blickwinkel realisieren. Das ist unter diesen Bedingungen nicht gerade einfach.

TN: Welche Projekte wurden außer der Wilhelm Gustloff noch in kaltem Wasser gemacht?
Stefan Baehr: Da ist zum Beispiel das Buch „Wracktauchen in der Ostsee“, welches heute noch eine Referenz darstellt. Außerdem habe ich von der Ostsee einen größeren Abstecher nach England gemacht und einen interaktiven Tauchreiseführer über die Wracks von Dorset auf einer CD-ROM veröffentlicht.

Backbordseite vom Turm des U-Bootes HMS M 2 Wrack der SS Salsette
Links Backbordseite vom Turm des U-Bootes HMS M 2,
Rechts Wrack der SS Salsette

In letzter Zeit beschäftige ich mich viel mit dem Tauchen an Norwegens Küsten, die interessant und recht einfach zu erreichen sind.

unteres Promenadendeck der SS Dresden Heck der MS Seattle
Links unteres Promenadendeck der SS Dresden,
Rechts Heck der MS Seattle


Natürlich wurden meine Projekte auch durch Artikelserien in den bekannten Tauchermedien begleitet.

TN: Taucht Stefan Baehr auch in warmen Wasser?
Stefan Baehr: Natürlich auch. Mein Lieblingstauchgebiet sind unter anderem die Philippinen. Ich reise aber auch nach Ägypten oder Bonaire.

Braunfleckenzackenbarsch vor Hurghada Zweifarben-Riffbarsch vor Bonaire
Links Braunfleckenzackenbarsch vor Hurghada,
Rechts ein Zweifarben-Riffbarsch vor Bonaire

TN: Was sind deine nächsten Projekte?
Stefan Baehr: Ich arbeite zur Zeit an einem Tauchreiseführer über Mallorca. Natürlich auch wieder als interaktiver Ratgeber auf CD-ROM. Außerdem muss etwas an der Ostsee geschehen, da mein Buch „Wracktauchen in der Ostsee“ in Kürze nicht mehr erhältlich sein wird.

TN: Warum planst Du künftig CDs statt Bücher?
Stefan Baehr: Ich sehe in diesem Medium eine große Zukunft, da man beispielsweise Tauchbasen und Hotels direkt von der CD aus über das Internet buchen und sich alle wichtigen Infos zum Mitnehmen ausdrucken kann. Dazu gehören neben allgemeinen Reiseinfos z.B. auch Grafiken von sämtlichen Tauchplätzen sowie spezielle Logbuchseiten für jeden Tauchplatz.
Außerdem kann man bei einem solchen Medium sehr viel mehr Grafiken und Fotos unterbringen, als es bei einem Buch aus Platzgründen möglich wäre. Die Möglichkeit Videosequenzen einzubinden bietet ein Buch beispielsweise überhaupt nicht. Wenn der Platz auf der CD nach dem wiederholten Upgrade irgendwann nicht mehr reicht, kann ich auf das Medium DVD-ROM ausweichen, welches sich ja auch auf dem PC wie eine CD-ROM verwenden lässt, aber kapazitätsmäßig um ein vielfaches größer ist. Zusätzlich besteht noch die Möglichkeit, die CD oder DVD, die ja ein Offline-Medium ist, sinnvoll mit dem Online-Medium Internet zu kombinieren, um immer aktuellste Infos zur Hand zu haben. Ich denke da an eine enge Zusammenarbeit mit Taucher.Net.

Stefan Baehr und Taucher.Net auf der Boot 2005

Trotzdem glaube ich, dass die CD auch langfristig das Buch nicht vom Markt verdrängen wird, allerdings wird die zukünftige Domäne des Buches eher das repräsentative Produkt in Form von hochwertigen Bildbänden sein.
Bei Reiseführern und Ratgebern glaube ich eher an die CD mit dem zusätzlichem Feature, Dinge von besonderem Interesse drucken zu können.
Damit ist auch das Argument „ein Buch kann ich einfacher mitnehmen“ widerlegt. Ist ihr selbst gedruckter Reiseführer nass oder verschlissen, drucken Sie ihn einfach neu. Bei einem Buch steht dann immer ein Neukauf an.

© Text - Oliver Meise
© Bilder - Stefan Baehr




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