Unwetter
25 - 27 März 2005 - Maribel López Carmona
Wir haben auf Isla Mujeres ( Mexiko ) vor dem Unwetter Zuflucht gefunden.
Diese Insel liegt nur 10 km vor der Küste Cancúns und ist siebeneinhalb
Kilometer lang sowie 500 m breit. Der Hafen wurde gestern wegen des schlechten
Wetters für den Schiffsverkehr geschlossen.
Anfang März 1517 wurde die Insel von der spanischen Expedition von
Francisco de Córdova entdeckt, die an den Stränden des Eilands
einen Tempel mit der Figur der Göttin Ixchel und ihrem weibliche Gefolge
- kleinen Frauenfiguren - vorfand. Aus diesem Grund ist die Insel seither
als " Isla Mujeres " ( " Fraueninsel " ) bekannt.
Im Jahr 1850 wurde dort der Ort Dolores gegründet, in dem sich mehr
als 250 Fischer, Piraten sowie Mayas auf der Flucht vor dem blutigen Kastenkrieg
niederließen. Die Einrichtung der Hazienda " Villa Alegre " des Spaniers
Fermín Mundana y Marecheaga gab den Ausschlag für die Festigung
von Isla Mujeres als menschliche Siedlung, da sie etwa 40 % der Gesamtfläche
belegte. Von da an begann man, die landwirtschaftliche Arbeit und die Tierzucht
zu organisieren.
Ende des 19. Jahrhunderts besaß Isla Mujeres eine Bevölkerung
von 651 Einwohnern sowie einen festgelegten Ortsbereich, in dem das Inselleben
mit einer Vielzahl an Vögeln, Segelbooten und dem geschäftigen
Treiben der Fischer eine pittoreske Landschaft bildete.
Gegenwärtig hat diese romantische Landschaft
ein für Touristengebiete übliches Ambiente angenommen. Die Hauptstraßen
des Ortes zeigen bunte kleine Läden mit einem großen Angebot
an Halsketten, Armbändern und Ohrringen in den Regalen, während
andere voller T-Shirts in allen Farben und Größen - versehen mit
einem Aufnäher bzw. Aufdruck von Isla Mujeres - sowie Pareos und weiterer
Souvenirs stecken.
Die etwas verwahrlost aussehenden, roten Taxis durchqueren die Insel pausenlos
von einer Seite zur anderen. Die übrigen verfügbaren Verkehrsmittel
bestehen aus zum Verleih stehenden Fahrrädern, Motorrädern und
Golfwagen mit bis zu vier Sitzplätzen. Heutzutage stellt der Tourismus
die Haupteinnahmequelle.
Nachdem wir uns eingerichtet und die Ranger einer
gründlichen Reinigung unterzogen haben, nähern wir uns der Stadt.
Als wir am Pier entlang spazieren, finden wir einen Krebs von der Größe
einer Seespinne, bei dem es sich wohl um eine " karibische Seespinne "
handelt. In der Stadt angekommen entdecken wir, dass das kulinarische Angebot
alle Nationalitäten umfasst, denn es gibt französische Restaurants,
Italiener, etc.
Am nächsten Morgen ist der Weg vom Boot zu den Duschanlagen am Pier
übersät von Leguanen unterschiedlicher Größe, die sich
mit ihren runzeligen, braunen bzw. aschgrauen Körpern langsam fortbewegen.
Als sie unsere Gegenwart bemerken, versuchen sie, sich in eine Höhlung
oder Spalte zurückzuziehen. Einer der Leguane bringt uns zum Lachen,
als er nur seinen Kopf und die Vorderbeine verstecken kann, während
sein rundlicher Körper und die Hinterbeine draußen bleiben. Vermutlich
ist sein Schwanz deshalb beschädigt, und der neu wachsende Schwanz weist
mit einer sehr viel zarteren und faltenlosen Haut ein ganz anderes Aussehen
als der übrige Körper auf.
© 2005 Maribel López Carmona, via Oceana
Wir stoßen überraschend auf einen grünlich-braunen Pfeilschwanzkrebs
( Limulus polyphemus ), der einen etwa 35 cm langen, hufeisenförmigen
Körper und einen ähnlich langen Schwanz mit großen Stacheln
besitzt. Leider ist er bereits tot, bietet uns jedoch so die Gelegenheit,
eine sehr urtümliche Spezies, den Trilobiten ähnlich, aus der
Nähe betrachten zu können. Dabei handelt es sich um eine in Florida
geläufige Art, die sich dort massenweise an den Stränden vermehrt.
Sie bewohnt Gewässer von geringer Tiefe mit sandigem Untergrund, meist
Gegenden mit Algenwuchs.
Die Tage auf Isla Mujeres verstreichen nach unserer vorherigen hektischen
Aktivität nur langsam. Wir nutzen die Zeit, um unsere E-Mails zu lesen,
zu Hause anzurufen und unsere Foto- und Bilderarchive auf den neuesten
Stand zu bringen. Wir sind bereits für die Abfahrt vorbereitet und
hören erneut die Wetterberichte ab. Doch das Glück ist uns nicht
hold, und wir müssen noch einen weiteren Tag warten. So sind wir wieder
einmal gezwungen, unsere Pläne zu ändern und den Zeitplan anzupassen.
Das Wetter ist so schlecht, dass wir nicht einmal in der Umgebung tauchen
dürfen.
Wir werden wohl abwarten müssen, wie es morgen aussieht.
Tortilla-Kartoffelomelett
Montag, 28 März 2005 - Maribel López
Carmona
Wir können Isla Mujeres noch immer nicht
verlassen und nutzen die Zeit, um Einkäufe auf dem Markt zu tätigen
und ein paar Tortilla-Kartoffelomeletts zuzubereiten. Beim Essen verfallen
wir in Gelächter, als wir uns einiger kritischer Momente während
der vergangenen Tage auf Cayos Cochinos erinnern.
© 2005 Oceana / ZOEA
Als wir beispielsweise die Untersuchung des Salzgehalts
und weiterer Parameter durchgeführt hatten, waren wir zum Camp zurückgekehrt.
Plötzlich drehte sich David um und sah, dass unsere Barkasse zwar
munter am Heck der Ranger befestigt tänzelte, ihr Motor sich aber zu
unserer Überraschung selbstständig gemacht und auf Tauchgang begeben
hatte. Er war vollkommen untergetaucht und nur nach über die Sicherheitsleine
mit dem Boot verbunden. Auf den Alarmruf hin stoppte der Kapitän die
Motoren. Wir starteten eine Rettungsaktion für den Außenbordmotor,
der - ganz nebenbei bemerkt - offenbar eine besondere Zuneigung zum Meeresboden
hat, denn in Panama war uns etwas Ähnliches passiert. Also gut, mit
vereinten Kräften gelang es uns, unseren kleinen Motor wieder über
Wasser zu schaffen. Houssine ( unser Bord-Fotograf ) tauchte unter, um den
Motor einhängen und an die Oberfläche bringen zu können. Nach
diesem Schreck und dem Happyend - anhand einer Reinigung mit Süßwasser
konnte der Motor wieder in Betrieb genommen werden - kamen wir wieder zu
Atem und setzten unsere Reise fort.
Jetzt wo wir etwas Zeit haben, um über unsere
Expedition nachzudenken, merken wir erst, wie glücklich wir uns schätzen
dürfen, ein solch außergewöhnliches Abenteuer zu erleben.
Außergewöhnlich ist diese Expedition nicht nur wegen ihres Vorhabens
sondern auch wegen der Menschen, die daran mitarbeiten und tagtäglich
dank ihrer Bemühungen einen reibungslosen Ablauf erzielen. Ich möchte
keine Namensliste aufstellen, da ich sicher den einen oder anderen vergessen
würde. Ich wollte aber diesen Abschnitt der Tagebücher auch nicht
abschließen, ohne die einmalige Crew zu erwähnen, zu der ich mich
glücklicherweise zählen durfte.
Wir spazieren durch den Hafen zwischen den Schiffen umher und sehen uns
auf der Suche nach Spezies in alle Richtungen um. Die Gegend wird von Dutzenden
von Fregattvögeln überflogen, und hin und wieder tauchen Gruppen
von Braunpelikanen, die auf der Suche nach Beute oder auf dem Rückweg
zu ihren Nestern sind. Eigentlich müssen wir nur ein paar Minuten
regungslos warten, um eine vielfältige Fauna in unserer Umgebung zu
finden, die uns erneut in Erstaunen versetzt.
Das eine Ende des Hafens ist von einem dichten Mangrovenwald der Art Rhizophora
bedeckt, während das andere Ende, an dem wir angelegt haben, ein Ökosystem
mit einer Mischung aus festem und weichem Substrat aufweist. Hier sind
die Felsen von einer Vielzahl von Grün-, Braun- und Rotalgen überzogen,
die hauptsächlich den folgenden Gattungen angehören: Enteromorpha,
Ulva, Halimeda, Acetabularia, Bryopsis, Avrainvillea,
Penicillium, Rhipocephalus, Derbesia, Cladophora,
Padina und Ceramium. Es gibt auch einige kleine Kolonien
von Caulerpa verticillata, zwischen denen etliche Phanerogamen-Sträucher
der Gattungen Thalassia und Syringodium zu sehen sind.
Einige der geläufigsten Fische sind die Jungfische
des Gestreiften Sergeanten ( Abudefduf saxatilis ), Papageifische
( Scaridae ) und verschiedene Grunzer bzw. Süßlippen (
Haemulidae ), darunter der Schulmeister ( Lutjanus apodus ),
diverse Hornhechte ( Belonidae ), mehrere Zweifarben-Riffbarsche (
Stegastes partitus ), eine Vielzahl von Fischlarven ( einschließlich
einiger winziger Seenadeln bzw. Syngnathidae) und etliche Grundel.
© 2005 Houssine Kaddachi, via Oceana
Außerdem Schalentiere wie Regenbogen-Fangschreckenkrebse
( Pseudosquilla ciliate ), Karibische Spinnenkrabben ( Mithrax
spinosissimus ) und eine kleine Karibik-Languste ( Panulirus Argus
); Weichtiere wie die Käferschnecke ( Acanthopleura granulata
) und die Kammmuschel ( Chlamys imbricata ) oder Röhrenwürmer,
die - wie ihr Name sagt - in Röhren leben, so wie beispielsweise der
Fächerröhrenwurm ( Bispira variegata ).
Languste
© 2005 Houssine Kaddachi, via Oceana
An Land tauchen ständig weitere Leguanarten auf, die umherstreichen,
essen oder sich einfach nur in der Sonne wärmen.
Abschied von Isla Mujeres
Dienstag, 29 März 2005 - Maribel López
Carmona
Endlich könne wir Isla Mujeres verlassen und setzen Kurs auf Florida
in der Hoffnung, auf dem Weg Halt machen und einen Tauchgang unternehmen
zu können.
Was mich bei dieser Reise mit am meisten erstaunt hat, ist, dass das Meer
in dieser Gegend - anders als ich erwartet hatte - einer großen blauen
Wüste ähnelt. Auf den längeren Überfahrten sehen wir
kaum Vögel und Fische sondern nur Container-Schiffe bzw. Kreuzer. Wahrscheinlich
erlauben die großen Untiefen dieses Gebiets und die Meeresbedingungen
keine größere Artenvielfalt an der Wasseroberfläche im Bereich
der honduranischen, belizischen und mexikanischen Karibik.
Eine kleine Seeschwalbe begleitet uns und flattert hinter unserem Kielwasser
her. Allmählich gelangt sie bis zu unserem Bug, wo sie sich einige
Minuten zum Ausruhen niederlässt. Dann erhebt sie sich erneut zum Flug
und verschwindet am Horizont.
An Nachmittag haben wir Glück und fangen einen Bonito ( Sarda
sarda ); wir sind zufrieden und froh zu wissen, dass wir an diesem Abend
frischen Fisch essen werden. Wir nehmen ihn aus und schmoren ihn mit Zwiebeln
in Öl. Damit wäre unsere Thunfisch-Quote für die nächsten
beiden Wochen erst einmal gedeckt. Aufgrund des hohen Quecksilbergehalts
in Thunfisch und ähnlichen Arten in aller Welt raten die Gesundheitsbehörden,
diese Fische nicht mehr als ein- bis zweimal im Monat zu verzehren. Unsere
Organisation hat eine Kampagne ins Leben gerufen, um die Öffentlichkeit
auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Man will erreichen, dass diese Nahrungsmittel
als gefährlich gekennzeichnet werden und die Quecksilber-Ausschüttung
von Chlor erzeugenden Betrieben eingestellt wird. Nähere Einzelheiten
zu dieser Kampagne können Sie auf unserer Website finden.
Texte © 2005 Maribel López Carmona, Bibiana Álvarez, Sandy Mayson,
Paloma Larena, Astrid Haas
Bilder © 2005 Houssine Kaddachi, Nuño Ramos, Maribel
López Carmona, Oceana, ZOEA
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