Frühling im See
von Uli Erfurth und Axel Eisele
Spätestens Ende April ist es endlich soweit: Frühling! Das Eis
ist längst geschmolzen, der letzte Schnee getaut und ein weiterer
Zyklus im "Leben" eines Sees hat begonnen.
Schon im März haben warme Sonnenstrahlen und starke Winde die
stabile winterliche Temperaturschichtung von 4°C aufgebrochen. Es
geht "rund" im See: sauerstoffreiches Oberflächenwasser sinkt ab,
nährstoffreiches Tiefenwasser steigt auf. Spätestens jetzt
endet die Ruhephase vieler Flossenträger, wie z.B. der Schleie, die
den Winter in Schlammmulden weitestgehend verschlafen haben.
Grüne Schwebalgen im lichtdurchfluteten Oberflächenwasser, hauptsächlich
Kieselalgen, freuen sich über die aufsteigenden Mineralien. Dank
dieser see-internen Düngung produzieren sie ab März/April
vermehrt Biomasse - und ganz nebenbei tonnenweise Sauerstoff. Allerdings
sind der April zusammen mit dem August, September und Oktober die trübsten
Monate im Jahreszyklus eines Sees.
Kieselalgen: Ihr hartes Skelett aus Silikat bildet unzählige
Formen.
Hier die Art Rhopalodia gibba.
Weltweit bevölkern ca. 10.000 Arten Süßgewässer und Meere.
(Foto: Botanisches Institut, Uni Heidelberg)
Kuriose Geschichte am Rande: In England fanden Taucher am Grund eines
Sees einen Mann ertrunken in einem Auto. Ein Bekannter des Opfers und
Besitzer des Autos, behauptete, er habe sich niemals in der Nähe
des Tatortes aufgehalten. Die Polizei war skeptisch und Gerichtsmediziner
untersuchten daraufhin die Kleidung des Verdächtigen nach Mikroorganismen
aus dem See. Alles wurde ausgewaschen und das Spülwasser in Säure
gekocht. Die Skelette der Kieselalgen überstehen diese Prozedur
und können so isoliert werden. Dann wurden die Kieselalgen aus
den Klamotten und die Proben aus dem See unter dem Mikroskop verglichen.
Ergebnis: identisch! Der Verdächtige war am Tatort gewesen und weitere
Ermittlungen bestätigten, dass er tatsächlich der Mörder
seines Freundes war.
Das pflanzliche Plankton erzeugt nicht nur den lebensnotwendigen Sauerstoff,
sondern stellt auch die Basis eines erstaunlichen Energieflusses dar:
Kaum hergestellt wird das grüne Biofutter gierig von Wasserflöhen
verzehrt und von Muscheln, Moostierchen und Schwämmen gefiltert.
Doch lebt die Masse an Primär-Konsumenten
im Freiwasser: Rädertiere und Kleinkrebse.
Rädertiere? Das sind winzige Organismen aus dem Stamm der Schlauchwürmer,
von 0,04 bis maximal 3 mm Größe. Etwa 2000 verschiedene
Arten besiedeln alle Gewässertypen, selbst kleinste Wasseransammlungen.
Ihre Nahrung (Bakterien, Algen, Urtierchen) strudeln sie durch rotierenden
Rädern ähnliche Wimpernfelder am Vorderende in den Mund.
Das Räderorgan dient den Planktern auch zum Vortrieb. Festsitzende
Arten sind neben Kopf und Rumpf immer auch noch stolze Besitzer eines
Fußabschnittes. Bemerkenswert finden Biologen u.a. die "Zellkonstanz"
der Rotatorier: die aus dem Ei schlüpfenden Jungtiere weisen bereist
exakt dieselbe Anzahl von Zellen auf wie die Eltern - bei großwüchsigen
Arten sind das bis zu 1000. Allerdings erfolgt die Fortpflanzung über
viele Generationen hinweg und besonders im Frühjahr durch "Jungfernzeugung",
bei der Klone der Mutter entstehen. Die Generationsfolge ist sehr rasch,
die Lebensdauer des Individuums beträgt nur 2 bis höchstens
30 Tage. Einige Arten produzieren unter besonders schlechten Umweltbedingungen
auf sexuellem Weg besonders wiederstandsfähige Dauereier oder sie
schrumpfen bei Austrocknung des Gewässers zusammen (sie werden
noch kleiner?!). So können die Rädertier-Mumien wochenlang
Zustände wie Trockenheit, Temperaturen bis -270 Grad (!) und +78
Grad Celsius und andere extreme Bedingungen ertragen und dann, nach Befeuchtung,
wieder aufleben.
Links oben bis Mitte rechts: Typische Formen von zwergenhaften
Freiwasser-Rädertierchen (Brachionus, Kelicotta, Conochilus, Keratella).
Unten links: Das "Schwertborstenrädertier" Polyarthra dolichoptera ist
mit 0,15 mm im ausgewachsenen Zustand ein Winzling und kommt in größeren Teichen
und Seen vorwiegend von Dezember bis Anfang Mai vor - in riesigen Mengen. Seine
Borsten dienen dem Auftrieb. Unten rechts: Das "Sacktierchen" Asplancha
ist auch in Kleingewässern heimisch. Es misst immerhin 0,5 bis 1 mm.
(Fotos: H.R. Bürgi, H. Bachmann (oben, Mitte), unten links: James F. Haney,
rechts: Eckart Hillenkamp mikroskopieren.de)
Die - dank eines hoch entwickelten Nervensystems
- wohl durchaus schmerzhafte Geburt eines 'jungfräulich' gezeugten Sacktierchens.
Die Mutter ist in diesem Augenblick stark zusammengezogen, es presst das Junge
durch die enge Kloakenöffnung nach außen. Man beachte die Einschnürung im Körper
des Jungtiers.
(Foto: Klaus Henkel)
Die aufschießende Pflanzennahrung im Frühjahr nutzen also zunächst
die Rädertiere und Ende Juni Myriaden von Hüpferlingen und
Wasserflöhen. Das hat bemerkenswerte Folgen: denn Ende Juni ist
die ganze Kieselalgen-Suppe kurzzeitig aufgefuttert! Taucher genießen
dann erstaunliche Sichtweiten im See, Ökologen nennen dieses Phänomen
"Juni-Loch".
Hüpferlinge wie Cyclops (oben) zählen mit den Wasserflöhen
(Daphnia; Mitte links) zu den Kleinkrebsen, die sich nach der Planktonblüte
im Frühjahr massenhaft vermehren und für das folgende "Juni-Loch"bei den Algen
sorgen (unten). Ihre Eier (auf allen Fotos zu sehen) sind asexuell und "wie
am Fließband" hergestellt worden. Über das reichhaltige Angebot an tierischem
Plankton freut sich der Raubwasserfloh Polyphemus (Mitte rechts) in der
nächsten Stufe der Nahrungskette.
(Fotos: Graham
Matthews (2), Mitte rechts: Wim
van Egmond)
Zurück zur Theorie: Die nächsten in der Nahrungskette
sind unter anderem räuberische Wasserinsekten wie Libellenlarven
und kleine Friedfische, dann Raubfische wie Forellen und Flussbarsche
und schließlich die "Top-Predatoren" im See: Hechte, Zander und
Waller. Allerdings wird nur 10% der Energie jeder Nahrungsstufe zum Körperaufbau
der Konsumenten genutzt, der Rest geht als teure "Heiz"- sprich Stoffwechselenergie
verloren. So braucht es für 1 kg Hecht etwa 10 kg Rotfedern, die
100 kg Wasserflöhe gefressen haben, die zuvor wiederum eine Tonne
einzellige Algen verspeisten!
Erstaunlicherweise wird alle Biomasse am Ende wieder dem Kreislauf
rückgeführt: Denn unter finalem Energiegewinn wird totes pflanzliches
und tierisches Gewebe endgültig in seine anorganischen Bestandteile
zerlegt - am Seeboden, von unscheinbaren Bakterien und Pilzen! Eine "elementare"
Arbeit, denn nur so gelangen Phosphate und Nitrate mit der Frühjahrszirkulation
zurück ins Oberflächenwasser, wo die Algen schon warten: Der
Nährstoffkreislauf im See kann erneut beginnen!
Das Frühjahr ist auch die Laichzeit der großen Räuber:
Flussbarsche schmücken Wasserpflanzen mit Girlanden aus gallertartigen
Laichbändern und das Zander-Männchen bewacht aggressiv seine
Laichgrube im Flachwasser.
Portrait eines frontzahnlosen Zanders.
Mit Männchen, die im Frühjahr ihre Laichkuhle bewachen, ist nicht zu spaßen!
(Foto: Uwe Zwerublowitz)
Auch Hechte bekommen Frühlingsgefühle: Esox-Weibchen versammeln sich
manchmal schon Ende Februar mit einem Trupp von männlichen Verehrern im Flachwasser
und überfluteten Wiesen. Nur jetzt ist ihr Jagdtrieb soweit ausgeschaltet, dass
sich auch die kleinen Männchen an die rolligen Damen heranwagen können. Die
Hechte mögen's für ihr Liebesspiel recht kalt: das Wasser darf nicht wärmer
als 8 Grad sein. Dann laichen die riesigen bis 1,50 m großen Weibchen bis zu
20.000 Eier pro kg Körpergewicht ab, d.h. eine Prachtmutti von 25 kg klebt im
zarten Alter von 15 Jahren etwa eine halbe Million Eier an Pflanzenblätter.
Doch reicht diese Leistung mengenmäßig noch nicht einmal für einen
Top-3-Platz unter den Eierlegern.
Hecht-Hochzeit mit vier Freiern und einer drallen Dame.
Nach dem Ablaichen wird es für die kleineren Männchen gefährlich, denn die Domina
macht augenblicklich Jagd auf sie.
(Foto: Herbert Frei)
Wohin nur im Ökosystem See mit dem ganzen Hecht-Nachwuchs? Lösung: Auslagerung
/ Recycling. Viele Tausend Eier werden im Gefieder von Wasservögeln in andere
Gewässer "verschleppt" und gründen neue Populationen. Alle Gewässer sind von
dem unfreiwilligen Transport betroffen. So beißt sich die Katz' (der Hecht)
in den Schwanz und für jeden erfolgreich ausgelagerten Junghecht kommt statistisch
ein Neuer in den See - das kann nur der gesunden Blutmischung dienen! Andere
Gelege werden komplett aufgefressen - von Laichräubern wie dem Aal.
Die verbliebenen Jung-Hechte schlüpfen nach zwei Wochen und ordnen
sich als Wasserflohkonsumenten in den untersten Stufen der Nahrungskette ein,
outen sich aber früh als ausgesprochen karrieregeil: bereits nach einem Monat
sind sie Kannibalen!
Die Geschlechtsreife erlangen Hechte nach 1 bis 2 Jahren, was allerdings die
wenigsten ausnutzen können, da inzwischen in vielen Gewässern durch Hochwasser
überschwemmte Riedwiesen fehlen. Auch in Talsperren ist durch den schwankenden
Wasserstand gar keine Reproduktion mehr möglich.
Kannibalismus steht bei Hechten auf der Tagesordnung. Selbst winzige Jungtiere
von 5 cm Länge machen im Frühjahr Jagd auf ihre gleichgroßen Geschwister.
(Foto: Andreas Revermann)
Je nach Wassertemperatur paaren sich auch Rotfedern und Rotaugen
im April und Mai in orgiastischer Massenhochzeit in der Laichkrautzone des
Sees. Frösche und Kröten sind auch mit von der Partie, ebenso wie die Topräuber
Graureiher und Ringelnatter. Letztere jedoch sind unbeliebte Gäste: sie profitieren
reichlich vom angebotenen Büffet.
Diese Laichaktivitäten sind der Grund, warum aufgeklärte Taucher
sich im Frühjahr besonders umsichtig im See bewegen: Aufgewirbelte
Schwebstoffe lagern sich in stehenden Gewässern auf den Eiern
ab und behindern die Sauerstoffaufnahme der Keimlinge, es besteht zudem
eine erhöhte Verpilzungsgefahr. Aber nicht nur Tieren geht es durch
schlecht tarierte Frühjahrstaucher an den Kragen. Aufschießende
Großpflanzen wie Armleuchteralgen und Tausendblatt werden durch
Ablagerungen auf den Blättern bei ihrer Photosynthese massiv beeinträchtigt.
Dabei ist doch eine intakte Uferzone das schönste Tauch- und Dekostopp-Gebiet,
das man sich als umwelt-interessierter Pressluftjünger wünschen
kann!
Das "Glänzende Laichkraut" ist
eine häufige Großpflanze aus der Uferzone von stärker nährstoffbelasteten
Seebereichen.
Der Spezialkurs "Süßwasserbiologie" eröffnet Tauchern
die Möglichkeit, mehr über die Zusammenhänge in diesem
faszinierenden Lebensraum zu erfahren, und vor allem ihre Formen- und
Arten-Kenntnis zu erweitern. Am 25. Mai 2005 bietet die Tauchschule LUNA Sport in Nürnberg
einen eintägigen Kurs mit Besuch eines Freilandaquariums und 2
"Bio-Dives" an.
BIONAUT
beginnt die Saison einen Monat später und bekommt im Juni-Loch mehr
"Grün" vor die Taucherbrille: insgesamt sieben Erlebniskurse werden
in diesem Jahr in heimischen, österreichischen und Schweizer Seen
stattfinden. Am 6. und 7. August ist Bio-Uli mit Stereolupen, Töpfchen
und Keschern z.B. am Attersee. Etwa 40 verschiedene Tier- und Pflanzenarten
- ohne Kieselalgen und Rädertierchen
- werden identifiziert. Damit niemand mehr nach einem Tauchgang
sagen kann: "'Es war ganz OK: 'n paar Barsche und gaaanz viel ‚Seegras'..."
Text: Uli Erfurth und Axel Eisele
© BIONAUT - Ohne BIO fehlt dir was!

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