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Onlinemagazin - 55. Ausgabe - Expeditionstagebuch der M/Y Oceana - Auf den Bahamas




 Geschrieben von Oceana-Crew

Dienstag, 26.04.05
 
Bordtagebuch/Übersee-Expedition
Von Paloma Larena
 
AUF AUSSCHAU – ZU WASSER UND ZU LAND
 
Gestern konnten wir mit einer guten Nachricht zu Bett gehen: Der Schaden des Backbord-Motors kann hier behoben werden. Glücklicherweise hat David festgestellt, dass die Mechaniker in Fort Lauderdale, „den Schlauch unter der Wasserlinie versehentlich am Auspuff des Motors angeschlossen und so einen Wassereintritt verursacht haben“, wie Carlos Pérez anmerkt. Wir atmen erleichtert auf, denn andernfalls hätte uns das „Versehen“ einen mehrtägigen Verzug beschert und wir hätten auf einige entscheidende und bereits seit Monaten geplante Projekte wie die Fahrt durch die Sargasso-See verzichten müssen.
 
Zusätzlich zu den technischen Problemen sind wir Expeditionsteilnehmer etwas enttäuscht, was die mageren Ergebnisse unsere Schildkrötensuche angehen. Geduld. Das einzige, was wir tun können, ist weiter tauchen zu gehen, bis wir auf sie stoßen. Heute waren wir vor den Stränden in Cayo Pelicano tauchen, die den Schildkröten zur Eiablage dienen. Louis, ein junger Mitarbeiter Brendals, hatte uns dorthin geführt. Nach dem Kraftaufwand, der mit der Eiablage verbunden ist, müssen sich die Schildkröten ausruhen. Um neue Kräfte zu schöpfen, begeben sie sich meist in die nahe gelegenen Riffgebiete, wo sie sich ruhig und sicher fühlen. Wir wissen, dass sie sich dort befinden, denn wir haben sie zu Gesicht bekommen und verfolgt. Allerdings sind sie immer schneller als unser Beiboot und die Taucher. Außer den einheimischen Führern hat sie keiner von unser näher gesehen – weder die beiden Taucherpaare Mar und Houssine, Annie und Sole, noch wir Schnorcheltaucher (Ricardo, Indi und ich).
 
In einem der Riffe stellten wir fest, dass viele Elchgeweih-Korallen (Acropora palmata) von den in dieser Gegend häufigen Hurrikanen zerstört waren. Wir hatten ebenfalls Glück und konnten endlich eine kleine Fläche mit Hirschgeweih-Korallen (Acropora cervicornis) sehen.
 

Ringelschwanz-Leguane
 
Brendal hatte uns ein Essen am Strand mit in der Gegend gefangenem Fisch versprochen: Sackbrasse, Zackenbarsch und Schweinsfisch. Gleich nach Ankunft an Land – an einer Stelle namens Manjack Cay – betraten Ricardo, der Forschungsleiter; Indi, der Koch und ich einen Weg, der die Insel von einer Seite zur anderen überzieht. Bei jedem Schritt stoßen wir auf kleine Leguane von höchstens 25 cm Länge, die hier auf Englisch als „Curly Tails“ bezeichnet werden und ihren Schwanz schneckenförmig einrollen. Sie sitzen neugierig und verwegen in den Ästen der Bäume, und mit etwas Geschick gelingt es mir, das einen oder anderen Exemplar zu fotografieren.
 
Auch die Vögel sind sehr ruhig. Indi identifiziert eine Grasmücke, die sich eine ganze Weile in unserer Nähe aufhält, ohne sich an der menschliche Präsenz zu stören. Desgleichen gibt es Kolibris, die allerdings sehr viel höher fliegen. Wir entdecken sogar ein Gewölle mit Skelettresten eines kleinen Nagetiers. Man kann gut den Schädel, die Mahlzähne und einen Teil der Schneidezähne entdecken. Die Raubvögel verschlucken ihre Beute vollständig und erbrechen später die Teile, die sie nicht verdauen können, wie Haare und Knochen. Das ist ein Gewölle.
 
Ich für meinen Teil kann nach einigen Tagen Schnorcheltraining bereits die auffälligen und bunten Papageifische mit ihren dunklen Lippen, die Falterfische, die Kofferfische, die Doktorfische und den einen oder anderen Eichhörnchenfisch ausmachen. Als wir nach einem der Tauchgänge zum Boot zurückkehrten, war ich mir sicher, vor mir bzw. etwa fünf Meter unter mir einen Hai gesehen zu haben. Ich drehte mich schnell um, um die Kollegen hinter mir darauf aufmerksam zu machen, doch sie konnten ihn nicht mehr sehen.
 
Neben dem Nassau-Zackenbarsch und den Schildkröten gehören auch Haie und Stachelrochen zu den Prioritäten der Übersee-Expedition. Sobald wir ihr Revier betreten, werden aus Sicherheitsgründen nur die Taucher ins Wasser gehen.
 
Aua! Während ich nach dem Abendessen diese Zeilen schreibe, werden wir von einigen winzigen, fast unsichtbaren Moskitos mit Stichen gepiesackt.
 

Mittwoch, 27.04.05

Bordtagebuch/Übersee-Expedition
Von Paloma Larena

„DER POLYP, DEN ICH GEFILMT HABE, WIRD DIR GEFALLEN“

Wir befinden uns in einer für Hurrikane bekannten Gegend, und die Bewohner von Green Turtle Cay sind noch immer damit beschäftigt, die Schäden des letzten Hurrikans zu beheben.


Bild © 2005 Oceana / Houssine Kaddachi

Der Erste Offizier an Bord, Carlos Pérez, meint, er habe ziemlich viele zerstörte Bootsstege in Marsh Harbour gesehen. Er war dort mit David und Indi unterwegs, um Öl und Motorteile zu kaufen. Zuerst mussten sie eine Fähre nehmen und etwa drei Seemeilen zurücklegen. Anschließend mussten sie mit einem Mietwagen rund 40 km fahren, bis sie an einen kleinen Ort auf der Insel Abaco gelangten. Indi nutzte die Gelegenheit und kaufte Joghurt und Bananen – zwei Produkte, die auf der Oceana Ranger im Null Komma nichts verschwinden. Ich kann bezeugen, dass wir von der Ranger-Besatzung sehr gesund leben.

Houssine, der Fotograf, ist heute von uns krankgeschrieben worden, da er mit einer schweren Muskelkater aufgewacht ist. Wir haben ihm zwar ein entzündungshemmendes Mittel und eine Massage gegeben, leider hat dies aber wenig bewirkt. Er ist anscheinend ein Muskelpaket und verrichtet nicht nur seine eigene Arbeit als Fotograf sondern hilft auch noch Mar, der Fotografin von Oceana, indem er unter Wasser einen schweren Strahler und manchmal sogar Mar selbst hält. Damit sollen plötzliche Bewegungen vermieden werden, welche die Spezies vor laufender Kamera erschrecken könnte. Diese Anstrengungen zeigen langfristig ihre Folgen. Houssine will lieber auf der Ranger bleiben und von Bibi vertreten werden, da wir morgen Hai filmen wollen und dies kein leichtes Unterfangen ist.

Der Tag hat mit schlechtem Wetter und einem grauen, dunklen Himmel begonnen. Plötzlich hat es angefangen, in Strömen zu regnen. „Es scheint, als würde es noch schwärzer“, meint jemand voller Pessimismus. Das Wetter hat den frühmorgendlichen Ausflug der Taucher für Filmaufnahmen zunichte gemacht. Ricardo und Mar legen eine Eilsitzung ein und überdenken den Arbeitsplan. Währenddessen lässt der Regen etwas nach. Um nicht den ganzen Tag zu vergeuden, wird beschlossen, mit Makro zu filmen und „diese Detailaufnahmen zu erzielen, mit denen sich die Expedition gewöhnlich aus Zeitmangel nicht aufhalten kann: Gorgonien- und Korallenpolypen sowie kleine Weich- und Krebstiere“, erklärt uns Ricardo.


Ricardo Aguilar mit Taucherin
Bild © 2005 Oceana / Houssine Kaddachi

Wir werden von Brenda selbst begleitet, der uns ein größeres Boot als das der letzten Tage zur Verfügung stellt. Unser einheimischer Reiseführer steht kurz vor seinem 62. Geburtstag, doch außer den grauen Haaren in seinem Kraushaar deutet nichts darauf hin: er besitzt noch eine straffe, schlanke und sehnige Figur und weist kein Gramm Fett auf. Die Bahamer sind allgemein ein Volk mit angenehmen Gesichtszügen, doch kaum jemand kann sich ihrer so rühmen wie er.


Bild © 2005 Oceana / Houssine Kaddachi

Flamingozungen und Doldenkorallen

Nach einer Stunde Tauchgang ist zuerst der Kopf von Mar zu sehen. Wir können das leicht feststellen, weil sie heute zum ersten Mal ein buntes Kopftuch trägt, das ihr unsere Kollegin Maribel López (jetzt im Büro in Madrid) während des Aufenthalts der Ranger in Panama schenkte. Damit sieht sie jetzt nicht mehr wie ein Pirat aus. Sie hatte Erfolg unter Wasser und ist so glücklich, dass sie es kaum erwarten kann, an Bord zu klettern und uns alles zu erzählen. „Es wird dir gefallen, Ricardo, du wirst schon sehen. Der Polyp, den ich gefilmt habe, wird dir gefallen ...“ wiederholt sie aufgeregt. Einige größere Luftblasen neben ihr zeigen, dass Bibi auftauchen wird. Und tatsächlich, die galizische Ranger-Matrosin (aus Cambados) nimmt den Regler ab und stimmt zu, so gut sie kann. „Sie hat mich den Polypen mindestens eine Viertelstunde filmen lassen ... doch sie hat Recht – es war faszinierend!“

Es gibt eine Erklärung für Mars Begeisterung. Immer wenn wir einen Tauchgang planen, erklärt Ricardo den Tauchern die Spezies, die es zu dokumentieren gilt. Heute waren die „Flamingozungen“, einer der gefräßigsten Fressfeinde der Gorgonienpolypen, sowie Aufnahmen der gesamten Aktivität der Baumkorallen an der Reihe. Heute hatten wir Glück und sind auf eine weniger verbreitete Korallenart namens Doldenkoralle (Mussa angulosa) gestoßen.

Die Gorgonien ähneln den Steinkorallen, allerdings besitzen ihre Polypen statt sechs Tentakel (Hexacorallia) acht Tentakel (Octocorallia). Wie viele Korallen leben sie in Kolonien, können jedoch sehr verschiedene Formen aufweisen: fächerförmig (im Englischen nennt man sie „Seefächer“), verzweigt wie Bäume, verkrustend (sie bilden eine Art Teppich auf den Felsen) oder peitschenförmig. Sie leben meist in Gegenden mit viel Licht (da sie wie die restlichen Korallen eine Symbiose mit Algen eingehen) und in sehr bewegungsreichen Gebieten, in denen sich ständig Nährstoffe lösen. Sie sind auch als Weichkorallen bekannt, da sie sich mit den Wellen bewegen können.
 

Gorgonien im Mittelmeer

„In Europa gibt es ebenfalls eine große Vielfalt an Gorgonien, und im Mittelmeer finden sich häufig Formationen, die als Kalkalgenriff bekannt sind“ merkt Ricardo an, während wir darauf warten, dass die Taucher (heute insgesamt sechs) vom zweiten Tauchgang zurückkehren. Im europäischen Kalkalgenriff belegen die Gorgonien die oberste Schicht dieses Ökosystems, gemischt mit Schwämmen, einigen Korallenalgen, etc. „Trotz seiner riesigen Artenvielfalt wird dieses Ökosystem nicht von die europäischen Gesetzgebungen geschützt. Das ist wirklich bedauerlich. Für einige Zonen des Mittelmeers nimmt man bereits einen über 80%igen Rückgang an.“

Daher wird es bei Ankunft der Oceana Ranger eines unserer Hauptziele sein, die Europäische Union zur Aufnahme des Kalkalgenriff in die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie zu bewegen.
 

HAIE IN SICHT
Donnerstag, 28. April 2005 - Paloma Larena -

„Zurück zum Boot!“, ruft Ricardo. In einer Tausendstelsekunde wird sich mein Gehirn der eigentlichen Bedeutung dieser Worte bewusst: „Gefahr – Haie!“ Mein Kollege zeigt mit dem Finger nach unten, etwa zehn bis zwölf Meter tief, auf der linken Seite. Genau da, wo das Riff aufhört und eine tiefe Unterwasserschlucht mit Sandboden anfängt, sehe ich ein Tier auftauchen. Wenn ich könnte, würde ich mir die Augen unter Wasser reiben. Nach der ersten Faszination macht sich allerdings sofort große Angst breit. Ich versuche, mich ruhig zu bewegen und hänge mich an meinen Tauchkollegen, der mich in eine Felszone geringerer Tiefe drängt. Vor dem Zugriff des Hais geschützt schauen wir ihm zu, wie er mit einer Mischung aus Eleganz und Macht vorbeischwimmt und sein Revier beherrscht. Wir sind die Eindringlinge.

Auf einen Zeichen von Ricardo tauchen wir auf und schauen instinktiv zum Boot, um die Entfernung abzuschätzen, die wir schwimmend zurücklegen müssen. Wir befinden uns nur 60-70 Meter entfernt, wenngleich es uns sehr viel weiter vorkommt. Ich habe Angst, das uns auf dem Weg noch weitere Haie begegnen und angreifen könnten. „Jetzt, lass uns losschwimmen!“, meint Ricardo. Während wir den sandigen Boden des Unterwassertals überqueren schaue ich nach unten und stelle fest, dass sich von rechts ein weiterer Hai nähert und nur etwa fünf Meter entfernt ist. Ich packe die Hand meines Kollegen, drücke fest zu und schwimme so dicht ich kann an ihn heran. Dabei schlage ich mit den Flossen – es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, als ob ich Blei in den Beinen hätten ... Ich beschließe, nicht noch einmal nach unten zu schauen. Als wir nur noch etwa zehn Meter zurücklegen müssen, fangen wir an, schneller zu schwimmen. Was ich in diesem Moment nicht wusste, war, dass sich links von uns noch ein weiterer Hai befand, wie mir Ricardo später erzählte.
 

Coral Caverns

Außer diesem kleinen Zwischenfall verlief alles bestens für uns, die Expeditionsteilnehmer von Oceana. Während die Taucher mit den Unterwasser-Film- und Fotoaufnahmen von den Haien beschäftigt waren, hatten wir beschlossen, in einem flachen Riff namens Coral Caverns (Korallenhöhlen) zu bleiben.


Bild © 2005 Oceana / Houssine Kaddachi

Hier wollten wir nach Nassau-Zackenbarschen (Epinephelus striatus) Ausschau halten. Anders als bei anderen, ähnlichen Riffen, die wir bereits dokumentiert hatten (und wo sehr viele Jungfische vorhanden waren), war dieses von einer größeren Anzahl von ausgewachsenen und großen Fischen bevölkert.

Dort haben wir Papageifische (Scaridae) mit den für das Fortpflanzungsalter dieser Spezies charakteristischen Farben gesehen. „Wie die Papageifische weisen viele der Riffbewohner im Laufe ihres Lebens – vom Larvenstadium bis zur Reife – unterschiedliche Erscheinungen und Farben auf", erläutert Ricardo, während er uns den Führer zur Artenerkennung zeigt, in dem die unterschiedlichen Entwicklungsstadien gut zu erkennen sind. Wir haben ebenfalls zahlreiche Zackenbarsche und Tarpune (Megalops atlanticus), eine nach Süßwasserfisch aussehenden Spezies mit riesigen Schuppen und mitunter über zwei Meter Länge, ausgemacht. Unsere Kamerafrau Mar meint, sie seien „sensationell und sehen aufgrund ihrer Größe und Erscheinung prähistorisch aus“.
 

Angriffe bilden eher die Ausnahme

So war der Stand der Dinge, als die Haie entschieden, dort aufzukreuzen, wo wir uns befanden, und nicht dort, wo sie von den Tauchern erwartet wurden. Das erste Exemplar war ein Bullenhai (Carcharhinus leucas), der neben dem weißen Hai (Carcharodon carcharias) und dem Tigerhai (Galeocerdo cuvieri) zu dem so genannten „teuflischen Trio“ gehört. Die anderen beiden Tiere waren Schwarzspitzenhaie (Carcharhinus limbatus).

Schwarzspitzen Riffhai - Blacktip - Oceana Expedition
Bild © 2005 Oceana / Houssine Kaddachi

Einen Hai zu sehen, ist sicher immer eine aufregende Sache, wenngleich sie meist völlig harmlos sind. Angriffe bilden eher die Ausnahme. Das heißt aber nicht, dass man nicht vorsichtig sein müsste. Das ist genauso, wie wenn man in einer Savanne auf Löwen stoßen würde. Das gilt vor allem, wenn einer der Haie – wie der, der gerade an uns vorbeigeschwommen ist – ein über zwei Meter langer Bullenhai ist.

Die Erfahrung in Coral Caverns war so fruchtbar, dass wir beschließen, am Nachmittag in zwei weiteren Tauchgängen zurückzukehren. Wir hatten allerdings nicht mit einem neuen Zwischenfall gerechnet: Gerade als Mar ins Wasser gesprungen war, erklang der Feuchtigkeitsalarm ihrer Kamera.
 

Die Rückkehr zu den Korallenhöhlen
Freitag, 29. April 2005 - Paloma Larena -

Mar ist heute Vormittag an Bord der Ranger geblieben, um das Gehäuse zu reinigen, das ihre Videokamera unter Wasser schützt. Als wir nach den täglichen Tauchgängen zu unserer Operationsbasis in Green Turtle Cay zurückkehrten, war Mar gerade damit beschäftigt, jeden einzelnen Bestandteil des Gehäuse zu überprüfen: Schrauben, druckfeste Dichtungen, Dichtungsringe, Henkel, 32 O-Ring-Dichtungen … Glücklicherweise schwamm sie gestern, als der Feuchtigkeitsalarm einsetzte, noch an der Wasseroberfläche und filmte vom Wasser aus die anderen Taucher, Houssine und Sole, beim Vorbereiten ihrer Tauchausrüstungen. Mar zeigte gute Reflexe, zog sich die Tarierweste (in Taucherkreisen auch als „Jacket“ bekannt) aus, bat Brendal, die Kamera zu übernehmen, und rief Houssine zu: „Nicht, spring nicht! Es ist Wasser in die Kamera eingedrungen!“ Als sie das Gehäuse an Bord öffnete, lief ein Wasserstrahl heraus, der erneut den Alarm auslöste.

Während einer Expedition muss man es mit vielen Missgeschicken aufnehmen, aber vor allem muss man die Ruhe bewahren. So als ob man Haie gesehen hätte. Nachdem sich der erste Unmut wegen des Zwischenfalls mit der Kamera gelegt hatte, erledigte Annie Compton einige Telefonanrufe, um eine ähnliche Kamera in New York zu kaufen. Dazu mobilisierte sie alle ihre dortigen Kontakte. Wir mussten unsere Abfahrt von der Insel Abaco zwei Tage hinauszögern, sind jedoch beruhigt zu wissen, dass die neue Kamera schon morgen, Samstag, eintreffen wird. Die andere gute Nachricht ist, dass die beschädigte Kamera – nach eingehender Wartung durch Mar – vermutlich gerettet werden kann.
So sind heute also nur die Fotografen, Houssine und Sole, tauchen gegangen. Gestern traf das Taucherteam bei seiner Rückkehr von Coral Caverns zum Rettungsboot auf die Haie. Die Batterien von Soles Apparat waren leer und alle hatten kaum noch Luft in den Flaschen. „Ich hatte sie gar nicht bemerkt, als ich plötzlich bei einem Blick nach oben einen weißen Schatten mit einem riesigen Maul in Begleitung mehrerer Küstensauger erblickte. Bevor ich überhaupt reagieren konnte, hatte mich der Hai gesehen und schwamm blitzschnell davon.“ Währenddessen sahen wir von oben, wie sein Schatten Brendals Boot umkreiste und darunter hin- und herschwamm ... Heute lief alles ein wenig anders.


Bild © 2005 Oceana / Houssine Kaddachi

Zwei Rochen, genau gesagt gefleckte Adlerrochen (Aetobatus narinari), erwarteten Sole und Houssine bei ihrem Sprung ins Wasser in der Umgebung der Coral Caverns, auf die wir unsere Arbeit konzentrierten. Und die Haie waren auch dort.

Wir wussten, dass wir in dieser Gegend vor allem Riffhaie, Schwarzspitzenhaie und Bullenhaie finden würden, hatten jedoch noch nicht so früh mit ihnen gerechnet. Die Karibischen Riffhaie (Carcharhinus perezi) und die Schwarzspitzenhaie (Carcharhinus limbatus) sind sich sehr ähnlich. Sie unterscheiden sich allerdings aufgrund der Zeichnungen an den Analflossen und der Maserung bzw. Farbstreifen an den Seiten. Beide Spezies finden sich in untiefen Gewässern rund um Korallenriffe.

Der Bullenhai (Carcharhinus leucas), wie das gestern gefilmte Exemplar, ist eine der Arten mit dem schlechtesten Ruf. Er kann sich in sehr flachem Gewässer mit einer Tiefe von bis zu einem Meter aufhalten und sogar in Flussbetten eindringen.
 

Die „Lorenzinischen Ampullen“

Während wir auf unsere Kollegen warten, fährt Ricardo mit seinen Erläuterungen fort. „In Ermangelung von Händen verwenden die Fische ihr Maul, um die Objekte und Lebwesen, auf die sie treffen, zu identifizieren. Das ist ihr Tastsinn. Wenn du von einer Grundel berührt wirst, passiert gar nichts, doch bei einem Bullenhai sieht die Sache schon anders aus. Sie sind überaus neugierige Tiere, so dass die meisten Unfälle darauf zurückzuführen sind, dass sie dieses merkwürdige ‚Tier’ vor ihnen mit dem Maul berühren mussten.“

Wir erfahren auch, dass die Haie dank ihres Geruchssinns in der Lage sind, selbst geringe Konzentrationen von Substanzen im Wasser aufzuspüren, so etwa Blut oder Stoffe, die der Mensch bei Angst abgibt. Neben dem Sehvermögen und dem Geruchssinn befindet sich unter ihrer Nase ein System aus elektrischen Sensoren (die so genannten „Lorenzinischen Ampullen“), welche die Stromwellen der Lebewesen unter Wasser entdecken. Unsere Taucher schwimmen ruhig zwischen den Haien umher. Stößt man auf einen Hai, lautet die oberste Regel, die Ruhe zu bewahren. Mar meint, die Haie vollführten eine Art Tanz: erst schwimmen sie im Zickzack, dann krümmen sie sich zusammen und schießen letztlich wie bei einem Sprint los.

 Haie sind nachts aktiver, weil sie dann fressen. „Dieselben Fische, die sie vormittags begleiten und wie Schoßtiere umgeben, verstecken sich nachts, weil sie wissen, dass die Haie dann auf Jagd gehen.“ Wir entdecken auch, dass die Meeresschildkröten für die Tigerhaie eine wahre „Delikatesse“ sind. Er gehört neben den Bullenhaien zu den wenigen Wasserbewohnern, die in der Lage sind, den Panzer – wie ein Nussknacker – zu durchbrechen. Sie lauern ihnen in der Nähe von Stränden auf, wenn die Schildkröten zur Eiablage hin- und herschwimmen. Die übrigen Haiarten versuchen dies zwar auch, können ihnen aber meist gerade mal eine Flosse abreißen. Die Meeresschildkröten haben ihre Fähigkeit, sich in den Panzer zurückzuziehen, verloren. Sie fiel der Evolution zum Opfer, um mehr im Gegenzug mehr Beweglichkeit und Manövrierfähigkeit im Wasser zu erzielen.
 

Die „Junkanoo“-Feier
Samstag, 30. April 2005 - Paloma Larena -

Heute ist der letzte Tag, an dem der Ranger-Katamaran in Green Turtle Cay (Insel Abaco, auf den Bahamas) vor Anker liegt. Wir sind hier am Sonntag, den 24. April, angekommen, und seitdem ist uns, einiges widerfahren. Wir werden die Insel sehr zufrieden verlassen, denn wir konnten die Nassau-Zackenbarsche, die Papageifische, die Haie, etc. filmen.

Nassau-Zackenbarsch - Oceana Expedition
Nassau-Zackenbarsch
Bild © 2005 Oceana / Houssine Kaddachi

Allerdings sind uns die Schildkröten aus dem Weg gegangen sind. Frühmorgens schreibt Carlos, der Erste Offizier, die Aufgaben für jedes Besatzungsmitglied an die Tafel und gibt uns mündliche Anweisungen, um die Abfahrt vorzubereiten.

Man bemerkt die Aufbruchstimmung. „José Carlos, klettere auf den Hauptmast, um das Licht im Ausguck zu wechseln. Bibi und David sollen dir dabei helfen.“ Während einer unserer Wachschichten erklärte mir Carlos, dass das Licht am Ausguck die Position eines Schiffs während der nächtlichen Fahrt anzeigt. Die großen Handelsschiffe besitzen meist zwei Lichter: ein etwas höher gelegenes am Heck, und ein niedrigeres am Bug. Wie andere Segelboote von ähnlicher Größe besitzt die Ranger nur ein Licht. Mit dem obligatorischen Sicherheitsgurt ausgerüstet musste unser Kollege mehrere Male den Hauptmast hinaufklettern, da sich die Schraubenmuttern nicht lockern ließen.


Bild © 2005 Oceana / Houssine Kaddachi

Von unten wurden seine Bewegungen von David und Bibi überwacht, die mit Fernglas und Walkie-Talkie ausgestattet waren.

Im Innern der Ranger überprüft Kapitän Nuño die Gezeitentabellen, um genau zu bestimmen, um wie viel Uhr wir ablegen müssen. Er informiert sich bezüglich der Witterung, legt die Messgeräte an, studiert die Navigationskarten und bereitet den Kompass mit Alidade vor (ein Kompass, mit dem der Kurs gemessen wird, welcher für die Durchquerung des Kanals Richtung Atlantik eingelegt werden muss). „Wir fahren weiter mit Kurs auf Ost-Nordost in Richtung Sargasso-See.“ Währenddessen reinigt Mar erneut das Gehäuse ihrer Kamera. Sie kann gar nicht mehr zählen, wie oft sie dies schon getan hat ... Das ist der Stand der Dinge, als man uns mitteilt, die neue Kamera sei am Flughafen von Treasure Cay angekommen. Wir atmen alle erleichtert auf.

Am Nachmittag sind Carlos, Ricardo und ich mit einem der Rettungsboote in den Ort New Plymouth auf der Insel Abaco gefahren, der etwa zehn Fahrtminuten von Green Turtle Cay entfernt ist. Dort haben wir im letzen Moment noch ein paar Besorgungen gemacht: Proviant und Arbeitsmaterial. Die pastellfarbenen Holzhäuser wirken einladend und zeigen jedes eine andere Farbe: Rosa, Gelb, Blau ... Die Straßen sind sehr sauber, und die Leute freundlich. Die Bewohner vermitteln nicht den Eindruck, unter Stress zu leiden.
 

Aus dem Spanischen „Baja Mar“ – „Untiefes Meer“

Der Name der Bahamas stammt von den ersten spanischen Forschern, die mit der Bezeichnung „Baja Mar“ auf die geringe Tiefe des blauen, grünen und türkisfarbenen Gewässers im Umkreis vieler Kilometer Bezug nahmen. Christoph Kolumbus war der erste Europäer, der entlang der Bahamas segelte; allerdings wurden sie Jahrhunderte später von den Engländern eingenommen. Im Jahr 1647 ließ sich hier eine Gruppe Puritaner in einer Stadt namens Eleuthera („Freiheit“ auf Griechisch) nieder. Später diente das Archipel ebenfalls Piraten als Unterschlupf, so beispielsweise dem berühmten Henry Morgan, der von der britischen Krone zum „Sir“ ernannt wurde. Millionen von Touristen, vor allem Nordamerikaner und Kanadier, besuchen Jahr für Jahr die Bahamas, quartieren sich in Luxus-Ressorts ein und verzehnfachen die Bevölkerungszahl der Inseln. Andere wieder kommen wegen der Sportfischerei und suchen in tieferen Gewässern nach Speerfischen bzw. in den seichteren Gegenden nach anderen Spezies. Mangrovenbäume, sandige Meeresböden, Seegraswiesen und Korallenriffe zeichnen dieses Archipel aus, das aus rund 2.000 kleinen und großen Inseln sowie den „Cayos“ – den Flachinseln – von außergewöhnlicher Schönheit besteht. Die hiesigen Meeresgründe wurden bisher kaum erforscht, weshalb Oceana besonders daran interessiert ist, sie zu dokumentieren.

Auf dem Rückweg von New Plymouth erwartet uns eine Überraschung. Ein ansteckender Paukenrhythmus erklingt ein Stück hinter der Anlegestelle der Ranger. Man feiert „Junkanoo“, eine alte Tradition, die Jahrhunderte in eine Zeit zurückreicht, als es hier noch Sklaven gab. Angeblich stammt das Wort von dem französischen „L’inconnu“ („Das Unbekannte“) ab und bezieht sich auf die bunten Masken, mit denen die Tänzer ihre Gesichter bedecken. Eine andere Erklärung ist, dass „Junkanoo“ der Anführer eines Stamms war, der seine Arbeitgeber darum bat, Neujahr nach den eigenen Traditionen begehen zu dürfen.

Heute hat Annie Compton das Boot aufgrund privater und beruflicher Verpflichtungen verlassen. Die großzügige Unterstützung durch Annie und ihren Mann Steven Mac Allister (Vorstandsmitglied von Oceana) waren besonders wichtig für die Verwirklichung der Expedition. Während der vergangenen Wochen, die wir mit ihr verbracht haben, strotzte Annie nur so vor schier unerschöpflicher Energie und Optimismus. Mir scheint, sie ist bei ihrer Abreise sehr zufrieden mit der von Oceana vollbrachten Arbeit und zeigt Lust auf neue und spannende Projekte. „Los Leute, auf zur Schildkröten-Suche!“ Wir werden sie vermissen.





Texte © 2005 Paloma Larena
Bilder © 2005 Oceana / Houssine Kaddachi



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