Sonntag, 1. Mai 2005 - Paloma Larena
„Auf Wiedersehen, Bahamas!“ – Die Ranger löst die Leinen
Während unseres siebentägigen Aufenthalts in Green Turtle Cay,
auf der Insel Abaco (Bahamas), war es das Hauptziel von Carlos, Nuño,
Bibi, David und José Carlos gewesen, den Katamaran einer Generalüberholung
zu unterziehen. „Viele der Arbeiten, die wir ständig an Bord durchführen,
dienen zur Verbesserung der Systeme – sowohl beim Ankern im Hafen als auch
während der Fahrt“, meint der Erste Offizier Carlos Pérez. So
haben sie ein System entworfen, „um den Gabelbaum des Besanmasts wie eine
Art Kran zu nutzen und die Rettungsboote an Bord einholen zu können“,
erklärt er mir. „Damit haben wir mehr Kontrolle über die Boote,
sobald etwas mehr Seegang herrscht; außerdem können wir sie mit
weniger Personalaufwand bewegen.“ Das Team hat routinemäßige
Ölwechsel an den Motoren vorgenommen, spezielle Schutzhüllen für
die Ferngläser und Taschenlampen an der Steuerbrücke angebracht,
die Rumpfreinigung abgeschlossen – „denn der ‚Schiffsbart’ wächst sehr
schnell“ – und den Unterbau angebracht, auf dem die Reifen ruhen. „Ach ja,
wir haben ebenfalls den Standort der Rettungsringe an eine andere, sinnvollere
Stelle verlegt!“
Vor dem Auslaufen, das für 12:00 Uhr vorgesehen ist, hat der Erste
Offizier die Besatzung an Deck versammelt, um uns über die Sicherheit
an Bord zu informieren und darauf hinzuweisen, dass wir alle unsere jeweiligen
Aufgaben an Bord kennen müssen, ganz gleich ob wir nun Biologe, Videofilmer,
Fotograf, Koch, Journalist oder Matrose sind ... „Jeder, der auf einem Boot
von Oceana reist, muss bestimmte Sicherheitsvorschriften kennen und lernen.“
Sicherheitsbelehrung
Bild © 2005 Oceana / Houssine Kaddachi
Carlos macht uns darauf aufmerksam, dass wir während der Fahrt unangekündigte
Übungen durchführen werden, um diese Kenntnisse in die Praxis
umzusetzen.
Während wir seinen Erklärungen lauschen, kommt eine Brise auf
und nimmt immer mehr zu, bis ein starker Wind weht. Der Vortrag geht weiter.
Bevor wir auslaufen, muss alles „seefertig“, dass heißt, bereit für
die Navigation sein: von den Segeln bis zur Ordnung in den Kajüten,
um ein Verrutschen von Gegenständen und damit Unfälle bei stärkerem
Seegang zu vermeiden. Die Luken der Kajüten müssen immer verschlossen
bleiben, um zu vermeiden, dass jemand nachts stolpert und fällt. Das
gilt auch für die Bullaugen an den Breitseiten „damit uns keine ungelegene
Welle die Koje in ein Schwimmbad verwandelt; niemand darf sie öffnen,
ohne vorher gefragt zu haben, doch meist wird die Antwort ,Nein’ lauten“,
mahnt Carlos. Während der Fahrt werden die Wachen rund um die Uhr in
jeweils 3-Stunden-Schichten alle 12 Stunden abgehalten. Bei jeder Wache
ist ein erfahrener Kapitän zugegen, und beim Wechseln muss die nächste
Schicht 15 im Voraus benachrichtigt werden. Eine weitere grundlegende Vorschrift
ist, frisch gekochten Kaffee in einer Thermoskanne für die folgenden
Schichtler zu hinterlassen.
Der Wind ist jetzt stärker geworden, doch pünktlich um 12:00
Uhr steht Nuño ganz nach Plan auf der Steuerbrücke und gibt die
ersten Anweisungen. Der Oceana-Katamaran vollführt langsame Bewegungen
und fährt einige Meter vor, um Treibstoff zu tanken. Brendal und Willis,
zwei unserer einheimischen Führer, treffen ein, um sich zu verabschieden.
Der Wind hat jetzt beunruhigende Ausmaße angenommen, und wir richten
alle unseren Blick auf Nuño. „Lasst uns ein paar Stunden abwarten,
ob er abflaut. Bei einem Wind von 30 oder 35 Knoten, wie dem der jetzt herrscht,
sollten wir die Ranger besser nicht aus dem Schutz der Betankungsmole lösen.
Außerdem haben wir gehört, dass mitten im Kanal ein Boot auf
Grund gelaufen ist.“ Diesmal verzögern sich die Pläne der Übersee-Expedition
aufgrund der Elemente. Während ich schreibe, hilft Sole Indi bei der
Zubereitung eines Salats aus Kopfsalat und Tomaten, eines ganz normalen
Salats eben. „Lunch is ready!" („Essen ist fertig!“). Und da wir nun einmal
nichts anderes zu tun haben, verschlingen wir mit Lust den Salat von „Mama
Indi“.
Endlich können wir am Sonntag, den 1. Mai, gegen 16:40 Uhr, die Leinen
lösen und uns in Richtung des Kanals zur Abfahrt von Green Turtle Cay
bewegen.
Bild © 2005 Oceana / Houssine Kaddachi
Während wir sachte vorwärts gleiten, frage ich Nuño, ob
sich die Manöver ähnlich kompliziert wie bei unserer Ankunft gestalten.
„Glücklicherweise liegen weniger Schiffe vor Anker, und zudem ist uns
der Kanal ja bereits vom Einlaufen bekannt.“ Zurück bleibt das Schild,
das uns jeden Tag bei unserer Rückkehr von den arbeitsreichen Tauchgängen
zum Katamaran willkommen geheißen hat. Das Boot von Oceana verabschiedet
sich ebenfalls von den Mangroven, die uns auf beiden Seiten des Kanal begleiten.
Auf Wiedersehen, Insel Abaco. Auf Wiedersehen, „Baja Mar“. Auf Wiedersehen,
Bahamas.
Die Ranger nimmt ihre Fahrt erneut auf, diesmal mit Kurs auf die Sargasso-See.
Durch das Bermudadreieck
Montag, 2. Mai 2005 - Paloma Larena
17:30 Uhr. Kurz nach Verlassen der Bahamas ordnete der Kapitän
an, die Segel zu hissen, und so sind wir bisher gesegelt. Die Kaltfront,
die unser Auslaufen erschwert hatte, liegt hinter uns. Das Wetter ist uns
glücklicherweise hold. „Wir haben optimale Reisebedingungen, hoffentlich
halten sie an“, lautet der allgemeine Kommentar.
Es sind bereits über 24 Stunden vergangen, seit die Ranger Green Turtle
Cay verlassen hat. Wir befinden uns mitten im berühmten Bermudadreieck
und folgen einer Route, die für Handelschiffe vollkommen unüblich
ist. Bisher haben wir auf dem ganzen Weg noch keines gesichtet. Bis auf ein
paar fliegende Fische, die hin und wieder vor dem Bug aufsprangen, liegt
diese riesige Wasserfläche scheinbar leer vor uns. „Das ist nicht außergewöhnlich,
da der größte Teil des Ozeans kaum bewohnt ist“, merkt Ricardo
an. Die Meeresfauna konzentriert sich vornehmlich auf Gebiete mit großer
Artenvielfalt, die reich an Nährstoffen sind und in denen die Nahrungskette
bestens funktioniert. Daher ist das Bermudadreieck bisher eher langweilig.
18:15 Uhr. Die Ranger fährt mit Kurs auf die Sargasso-See, doch bis
jetzt haben wir nur vereinzelte Beerentang-Fragmente treiben sehen. Unseren
Berechnungen zufolge werden wir morgen die ersten Tangflächen sichten
und bei Ankunft an unserem Bestimmungsort die höchste Konzentration
erreichen. Das Oceana-Boot begibt sich in Richtung einer Stelle, die als „Rossbreite“
bekannt ist. Der Name geht auf die alten europäischen Seefahrer zurück,
die auf ihren Fahrten zum neuen Kontinent oft in eine Flaute gerieten. Mitunter
mussten sie wochenlang regungslos abwarten, bis erneut ein günstiger
Wind aufkam. Daher waren sie gezwungen, die Wasservorräte zu sichern,
und warfen die Pferde, die sehr viel Wasser verbrauchten, über Bord.
Paradoxerweise wäre es großartig, wenn die Ranger in eine Flaute
geriete, da wir unsere Projekte so unter besseren Bedingungen umsetzen könnten.
- „Habt ihr die nächtlichen Bioluminiszenzen gesehen?“, fragt Ricardo.
- „Nein, was meinst du genau?“
- „Ich meine die Dinoflagellaten. Das sind mikroskopisch kleine Algen,
die Licht ausstrahlen, sobald sich ein Tier in der Nähe befindet oder
sie berührt. Damit machen sie auf eine Gefahr aufmerksam: Sollte sie
nämlich das Tier aus einem beliebigen Grund verschlucken, wird es zu
einer leichten Beute für die großen Raubtiere, weil die Algen
noch im Körper des Tieres, das sie verschlungen hat, weiter leuchten
…“
- „Mmh … klingt interessant. Wir müssen heute Nacht bei der Wache
darauf achten.“
18:48 Uhr. Während die Ranger sanft dahingleitet, hat sich das Bordleben
geändert. Wenn wir, die Besatzungsmitglieder, keine Wache haben (drei
Stunden nachts und drei Stunden tagsüber), schlafen wir die meiste
Zeit. Ich schreibe diese Zeilen allein im „Messroom“. Ich sitze zum ersten
Mal während der Fahrt vor dem Computer. Ich werden mich daran gewöhnen
müssen, da wir viele Tage auf hoher See verbringen werden. Neben mir
ruht sich der Kapitän beim Lesen etwas aus. Indi, der die meiste Zeit
mit Kochen verbringt, zieht sich die Schürze aus und greift nach seinem
Fernglas. Carlos kommt herein und fängt an, auf der Gitarre zu spielen.
Wenig später erscheint Houssine, der nach Auswahl der besten Unterwasserfotos
lächelt und „sich vom Rhythmus der Ranger treiben lässt“. Ricardo
hat ihn bei seiner Arbeit unterstützt und die mit der Kamera eingefangenen
Arten identifiziert. In einer der Backbordkajüten hat sich Mar schon
seit Stunden zurückgezogen, um die Videofilme zu bearbeiten; auch sie
benötigt Ricardos Hilfe.
Im Hintergrund erklingt auf der Ranger erklingt die Musik des spanischen
Liedermachers Joaquín Sabina.
Dienstag, 03.05.05
Ranger-Tagebuch/Übersee-Expedition
MAR, EINER MODERNEN PENELOPE GLEICH
Etwa 350 Meilen seewärts von den Bahamas entfernt ist es beeindruckend,
den fliegenden Fischen zuzusehen, wie sie aus dem Wasser springen, über
der Oberfläche schweben und schnell wie Kolibris mit ihren Flügeln
schlagen. Ein Weißschwanz-Tropikvogel (Phaethon lepturus) hat uns am
Morgen und am Nachmittag einen Besuch abgestattet. Er ist ein wunderschöner
Vogel mit langem Schwanz, der zunächst ein paar Runden um den Katamaran
herum flog und dann darüber hinwegglitt, als suche er eine Stelle, um
sich niederzulassen. Indi, der Naturalist, greift auf seinen Führer zur
Artenerkennung zurück, um uns weitere Erklärungen zu liefern. Auf
Spanisch nennt man den Vogel „rabijunco“ – „Binsenschwanz“ –, weil die langen
Schwanzfedern einer biegsamen Binse gleichen. Er besitzt recht kurze Beine,
so dass er sich auf dem Boden nur schwer fortbewegen kann. Daher sucht er
direkt sein Nest auf, das er an Steilhängen bzw. -vorsprüngen baut,
um sich von dort wieder zum Flug aufzuschwingen. Er kann Hunderte von Meilen
auf dem Ozean zurücklegen – was für ein Glückspilz! Neben
dem ausgewachsenen Tier hat sich uns später auch noch ein Jungvogel kürzeren
Schwanzfedern genähert. Neben den Weißschwanz-Tropikvögeln
haben wir ebenfalls einige Sturmschwalben (Hydrobatidae), reine Seevögel,
gesehen.
Wir sind jetzt auf „kabbeliger See“ mit Grundsee unterwegs, wie Carlos,
der Erste Offzier, anmerkt. „Und die „borreguitos“ (wörtlich: „Lämmchen“)
verschwinden auch langsam“, meint ein anderes Besatzungsmitglied. So wird
die Gischt genannt, die als Schaumkrone beim Brechen der Wellen entsteht.
Das ist ein Zeichen dafür, dass die Flaute einsetzt. Die Fahrt wird
immer langsamer, und die Geschwindigkeit liegt bei kaum fünf Knoten,
so dass Carlos, der gerade Wachschicht hatte, entscheidet, die Segeln einzuholen
und einen der Motoren anzuwerfen. Der Kapitän, der gerade eine Pause
einlegte, kam heraus um zu sehen, was los war.
Mar Mas, die Kamerafrau nutzt die Tage auf See, um das Filmmaterial der
letzten Tauchgänge zu bearbeiten. Sie arbeitet in einem kleinen improvisierten
Büro, in das sie ihre Kajüte umgewandelt hat. Ricardo, einer der
Naturalisten an Bord, geht mit ihr zusammen die Unterwasserbilder durch.
Ich habe versucht, ihnen eine Weile Gesellschaft zu leisten, musste sie jedoch
schnell wieder verlassen, als ich die ersten Anzeichen von Seekrankheit
bemerkte.
Einer modernen Penelope gleich muss Mar nach jedem Tauchgang ein „Mini-Videobearbeitungsbüro“
in ihrer Kajüte im Backbord-Rumpf aufbauen. Und später wieder abbauen,
damit sie dort schlafen kann. Mit der Bildbearbeitung ist sie stundenlang
beschäftigt. Sie arbeitet auf sehr engem Raum – etwa ein Quadratmeter
Platz – auf einem kleinen Klapptisch, den sie dicht an ihr Bett rückt.
Tagsüber deckt sie die Luke mit einer Decke ab, so dass kein Sonnenlicht
eindringt; außerdem hat man ihr eine Klimaanlage eingerichtet, damit
sich ihre Geräte nicht überhitzen. Wenn Mar ihre eindrucksvollen
Bilder bearbeitet, muss sie sich mit einer Windjacke und einer Kappe bis
zu den Augenbrauen ausrüsten, um sich gegen die Kälte wappnen.
In dieser Zeit darf Indi den „Cooler“ (Kühlschrank) mit den Getränken
nicht einschalten, da der Stromgenerator der Ranger nicht überlastet
werden sollte. Manchmal kommt Mar an Deck, um sich ein wenig auszuruhen.
„Und gleichzeitig ein wenig aufzutauen“.
Sie bewahrt ihre Videokassetten sorgfältig in einer wasserdichten
Kiste mit Ringdichtung und Beuteln mit Kieselerde auf, um sie vor Feuchtigkeit
zu schützen. Seit Beginn der Übersee-Expedition hat Mar über
70 Kassetten im Format Mini DV mit jeweils 1 Stunde aufgenommen. Die meisten
Aufnahmen stammen von den Tauchgängen. Sie ist fast fertig mit dem Filmmaterial
der Cayos-Inseln vor ein paar Wochen in Florida und will nun mit den Videos
von der Bahamas fortfahren. Vor ihr liegt noch so viel Arbeit, dass der Kapitän
beschlossen hat, sie von den Wachschichten zu befreien. Daher wurde meine
Schicht geändert und findet nun von 3 bis 6 Uhr zusammen mit Carlos
statt.
Mar Mas und der Fotograf Houssine Kaddachi bilden ein erstklassiges Team.
Houssine ist 28 Jahre alt, Franzose tunesischer Abstammung, und leistet
nicht nur seine eigene Arbeit – die Anfertigung von Unterwasserfotos – sondern
hilft auch Mar bei ihren Aufnahmen. Die beiden lernten sich vor drei Jahren
kennen, als Mar nach Indonesien reiste, um im Auftrag der indonesischen Regierung
einen Dokumentarfilm über deren Land zu drehen. Houssine war einer
der Tauchlehrer, den man ihr zugewiesen hatte. Unter Wasser benötigt
Mar einen starken Helfer, der in der Lage ist, die „Kowalski-Lampe“ und
sie selbst während Stunden festzuhalten. Dafür ist ein gutes und
schwer zu haltendes Gleichgewicht erforderlich, um bestimmte Spezies nicht
zu erschrecken. Houssine ist nicht nur ein perfekter technischer Assistent
– von ihm hängt auch das Leben der Kamerafrau ab. „Er ist meine beste
Lebensversicherung, das kann ich nicht anders sagen. Wir ergänzen uns
sehr gut unter Wasser, und das ist äußerst wichtig. Ich konzentriere
mich auf die Aufnahmen, und wenn ich auch meine Augen überall haben
muss, ist dies nicht immer möglich. Houssine passt ständig auf
mich auf. Da wir nicht miteinander sprechen können, basiert unsere
Kommunikation vor allem auf Intuition.“
Bild © 2005 Oceana / Houssine Kaddachi
Heute haben wir erstmals vereinzelte Beerentang-Flecken gesichtet, die
jedoch immer mehr zunehmen. Dazwischen treiben Abfälle: Plastik; eine
Flasche; etwas, das wie ein Teil eines Netzes aussah; eine Boje; kleine Stückchen
von weißem Polystyren, etc. Wir konnten auch etwa zwanzig Portugiesische
Galeeren (Physalia physalis) zählen – faszinierende Tiere, von denen
wir morgen mehr erzählen werden.
Mittwoch, 04.05.05
Ranger-Tagebuch/Übersee-Expedition
PORTUGIESISCHE GALEEREN, SCHÖN UND GEFÄHRLICH
Bei den Portugiesischen Galeeren, die wir gesehen haben, handelt es sich
um einen faszinierenden und gefährlichen Organismus, der in dem beerentangreichen
Gewässer des Bermudadreiecks sehr verbreitet ist. Heute sind weniger
Exemplare zu sehen, doch hin und wieder erklingt auf der Ranger der Ruf:
„Galeere auf Backbord“, „Galeere am Bug!“ Wir sehen, wie sie von den Wellen
und vom Wind getrieben vorbeischweben. Sie bilden eine verstreute Flotte
winziger lebender „Schiffe“ mit knapp 30 cm „Kiellänge“: ihre vom Wind
aufgeblähten Segel sind durchsichtig und schillern aufgrund der durchscheinenden
Sonnenstrahlen in tausend Farben ...
„Die Portugiesische Galeere ähnelt zwar aufgrund ihres Aussehens eine
Qualle, gehört jedoch zur Gattung der Siphonophora (oder Staatsquallen).“
Wie immer stammt der wissenschaftliche Hinweis von Ricardo. „Anders als die
Quallen ist eine Galeere kein Einzellebewesen sondern eine Kolonie, ein Organismus,
der aus unzähligen Individuen besteht, welche sich auf die Erfüllung
verschiedener Funktionen zum Überleben spezialisieren. Manche fungieren
als Segel, andere wiederum werden zu langen Tentakeln, um damit die Nährstoffe
aufzunehmen. Die Tentakel können bis zu drei Meter lang werden, sind
jedoch beim Schwimmen eingezogen.“
So stellen die Portugiesischen Galeeren für die Oceana-Taucher bei
ihren Tauchgängen zur Dokumentierung der Beerentang-Zone eine zusätzliche
Schwierigkeit dar, weil ihr Stich äußerst gefährlich ist.
Je nach Größe der Galeere, der Stichstelle sowie der Tatsache,
ob eine Allergie vorliegt, können allergische Schocks und sogar Herzstillstand
die Folge sein ...
Sobald die Galeere ein Lebewesen in ihrer Nähe entdeckt, kommen ihre
Tentakel in Bewegung und schießen einen brennenden Nesselfaden ab,
der in die Haut sticht und ein Gift injiziert. Die Galeere ernährt sich
von Larven, Eiern und kleinen Organismen – genau wie eine Qualle. Sie selbst
sind jedoch für niemanden ein Leckerbissen – außer vielleicht
für die Schildkröten ...
Beerentang am Bug!
Donnerstag, 5. Mai 2005 - Paloma Larena
„Die Sargasso-See ... Sie unterscheidet sich dermaßen von alle
anderen Flecken der Erde, dass man sie gut als eigene geographische Region
bezeichnen kann.“ Von Rachel Carson.
„Land in Sicht!“ Als die Galeeren von Christoph Kolumbus nach monatelanger
Fahrt auf große Bündel bräunlich-gelber Algen stießen,
auf denen sich kleine Krabben und Krustentiere aller Art befanden, dachte
der Große Admiral, er wäre endlich auf Land gestoßen. Er
hatte sich allerdings verrechnet und befand sich auf der Sargasso-See in
über 1.000 Seemeilen Entfernung vom amerikanischen Kontinent. Die Portugiesen
gaben diesem Gewässer seinen Namen, weil sie die riesige, auf vielen
Kilometern Länge treibende Algenmasse an eine typische Rebsorte ihres
Landes, die „Salgazo“ erinnerte.
Die Sargasso-See erstreckt sich auf etwa 2.000 Quadratkilometern, fast
von der nordamerikanischen Küste bis in die Nähe der Azoren, und
beherbergt schätzungsweise rund sechs Millionen Tonnen dieser Algen.
Das Algengeflecht besteht in erster Linie aus zwei Spezies: Sargassum natans
und Sargassum fluitans. Anders als beispielsweise ähnliche Algen des
Mittelmeers oder des europäischen Atlantiks sind diese beiden Beerentang-Arten
nicht mit dem Boden verbunden sondern leben ausschließlich an der
Wasseroberfläche. Um treiben zu können, bedienen sie sich kleiner
Kapseln bzw. Kugeln, die mit Sauerstoff, Stickstoff und Kohlendioxid gefüllt
sind. Die Ranger fährt durch das südliche Gebiet, das eine geringere
Dichte aufweist.
Auf Oceanas Reise zu den Bermudas haben wir neben den faszinierenden Portugiesischen
Galeeren (Physalia physalis) auch Bündel von Beerentang gesichtet,
die allerdings noch klein und kaum ausgebreitet sind. Mit einem Schmetterlingskescher
ähnlichen Handnetz haben wir einige Proben genommen.
Bild © 2005 Oceana / Houssine Kaddachi
Bei genauer Betrachtung entdecken Ricardo und Indi eine Krabbenkolonie,
die zwischen den Algen Zuflucht gefunden hat und von denen das größte
Exemplar nicht mehr als 3 cm misst.
Bild © 2005 Oceana / Houssine Kaddachi
Auch einige kleine Garnelen sind zu sehen und winden sich verzweifelt auf
der Suche nach Wasser.
Aufgrund der großen Anzahl von Lebewesen und Nährstoffen innerhalb
des Beerentangs findet sich hier eine große Ansammlung von Schildkröten.
Kurz nach dem Ausschlüpfen an den Eiablage-Stränden in Mittelamerika,
Florida und den Bahamas gelangen sie hierher, um das so genannte „verlorene
Jahr“ zu verbringen, bevor ihre lange Wanderung beginnt. Sie nutzen den
Golfstrom, um die Sargasso-See zu erreichen, und setzen von dort aus ihre
Reise in Richtung des europäischen Atlantiks und des Mittelmeers fort.
Etwa 400.000 Exemplare werden unbeabsichtigt Opfer der Schwertfisch-Fänger
im Mittelmeer.
„Sargasso-See in Sicht!“ Wir befinden uns ganz in der Nähe, doch einmal
mehr muss die Ranger angesichts der mehr als finsteren Wettervorhersage ihre
Pläne ändern. Am Donnerstag, den 5. Mai, um 16:20 Uhr, gibt der
Kapitän dem Ersten Offizier den Befehl, den Kurs zu ändern. Die
Besatzung legt das Besansegel in eine neue Position und breitet den Klüver
aus. Wir schieben unsere Fahrt zum Zentrum der Sargasso-See vorübergehend
auf und fahren nun Richtung Bermudas. Nuños Berechnungen zufolge
werden wir dort am Freitag gegen Mittag ankommen. Die Übersee-Expedition
wird Schutz vor dem bevorstehenden Unwetter suchen, das vermutlich sein
volles Ausmaß in den nächsten Tagen erreichen wird.
Im Krater des Vulkans
Freitag, 6. Mai 2005 - Paloma Larena
12:30 Uhr. Die Bermudas ragen würdevoll wie eine gewellte Linie
aus zarten, grünen Hügeln mitten im Nordatlantik empor. In einer
Gegend, die im Umkreis von Hunderten von Meilen außer 4.000 bis 5.000
Meter tiefem Gewässer nichts zu bieten hat, wirkt der Anblick der Bahamas
beruhigend auf die Expeditionsteilnehmer an Bord der Ranger. Wir sind seit
Verlassen der Bahamas fünf Tage unterwegs, doch es zieht ein Unwetter
auf den Standort des Katamaran zu, so dass wir die geplanten Tauchgänge
in der Sargasso-See nicht durchführen können – wenigstens jetzt
nicht. Um ehrlich zu sein, freuen wir uns alle darauf, Land zu erreichen.
Wenngleich es allgemein als Bermudas-Archipel bekannt ist, sprechen die
Einwohner einfach nur von „Bermuda“, als ob es eine einzige und unteilbare
Insel wäre. Eigentlich ist das auch so. Beim Blick auf die Seekarte
unseres Kapitäns kann man gut den beinahe runden Kreis erkennen, aus
dem Bermuda besteht. Der Südteil ragt hakenförmig mit einer Fläche
von etwa 30 Quadratkilometern aus dem Wasser, während der Nordteil unter
Wasser eine riesige Korallenwand bildet. Im Zentrum dieses gigantischen
Rings befindet sich flaches Gewässer, und außerhalb des Rings
der tiefe Ozean.
Bermuda ist der Krater eines einstigen Unterwasservulkans, der im Pleistozäns
– also während der Eiszeit – aus dem Wasser auftauchte. Er ist Teil
einer Gruppe von Unterwasserbergen, von denen viele Gipfel unter Wasser liegen.
So zum Beispiel die Berge der so genannten Plantagenet-Bank weiter südlich,
die aus einer Tiefe von 5.000 Metern bis etwa 40-60 Meter unter der Wasseroberfläche
emporragen. Werfen wir mal einen Blick auf eine normale Karte von Bermuda.
Hier sieht man eine Reihe verschiedener Inseln (die aufragenden Zonen),
die anhand von Brücken miteinander verbunden sind.
Jahrhundertelang wurde Bermuda als „Teufelsinsel“ bezeichnet, und der Schriftsteller
Mark Twain sagt von ihr, sie sei „der kleinste, längste Ort der Welt“.
Außerdem ist sie der nördlichste Punkt (32 Breitengrad Nord),
an dem Mangroven und ein tropisches Korallenriff zu finden sind. Die ist
auf die mäßigende und mildernde Wirkung des Golfstroms auf das
Inselklima zurückzuführen.
Die Ranger befährt Bermuda entlang der Insel Saint George. Wir wenden
uns zunächst an den Zoll, um die entsprechenden Formalitäten zu
erledigen. Nach dem Anlegen begeben sich einige von uns mit dem Beiboot
in Richtung Land. Auf dem Platz, an dem wir an Land gehen, sind neben dem
Rathaus alte Folterinstrumente ausgestellt, mit denen Verbrecher öffentlich
bestraft wurden. Die Insel, ihre Häuser, Menschen und Traditionen sind
englisch geprägt. Mehr als dreihundert Jahre nach Ankunft der ersten
Engländer (Schiffbrüchige) gehört Bermuda noch immer zum Vereinigten
Königreich und ist von Diskussionen zwischen den Vertretern der Unabhängigkeit
und den Anhängern der Krone Ihrer Königlichen Hoheit ergriffen.
Texte © 2005 Paloma Larena
Bilder © 2005 Oceana
/ Houssine Kaddachi
|