Wale brauchen keine Handys
von Jochen Schipke und Uli Erfurth
Warum Wale aus dem Wasser springen? Wirtschaftswissenschaftler behaupten,
der internationale Dachverband der Wale habe mit der Tourismusbranche
einen Vertrag abgeschlossen, um das Whale-Watching noch attraktiver zu
machen. Diese Erklärung scheint unglaubwürdig. Zu den plausibleren
Theorien gehören: (1) Wale haben einfach Spaß am Springen,
(2) Wale befreien sich durch den Aufschlag auf die Wasseroberfläche
von Schmarotzern, und: (3) Wale kommunizieren auf diese, zugegeben etwas
grobmotorische Art miteinander.
Dass die intelligenten Säuger sich akustisch austauschen, ist
unbestritten. Belugawale zwitschern, Pottwale
singen Koloratur mit Klicklauten. Finn- und Blauwale brummen einige Oktaven tiefer,
ihre Gesänge durchqueren mit 17 - 30 Hz ganze Ozeane. Sieger im
weltumspannenden Chanson-Contest unter Wasser ist aber der Buckelwal:
Er trägt Lieder von epischen Ausmaßen vor und erfindet obendrein
jedes Jahr neue Melodien.
Buckelwale springen beim Balzritual. Das Klatschen beim
Aufprall signalisiert potentiellen Partnern wie Konkurrenten einen starken
Bewerber.
(Foto:
John Hyde ADF & G, Alaska Division of Tourism)
Roger Payne beschäftigt sich seit 40 Jahren mit den Lautäußerungen
von Walen und machte kürzlich auf mehrere Probleme aufmerksam. In
den Polar-Meeren werden zunehmend höher dosierte dauerhafte, hochgiftige
organische Toxine gefunden (ähnliche Substanzen wie DDT, PCBs oder
Dioxin, sie führen zu Krebs, Unfruchtbarkeit u.a. "Zivilisationskrankheiten")
- und zwar nicht nur in Planktonorganismen und Fischen, sondern jüngst
auch angereichert in Pottwalen: Die Nahrungskette lässt grüßen.
Paynes zweites Anliegen ist die interwalaktische Kommunikation. Wenn
der akustische Smog in den Weltmeeren weiter zunähme, so der Walforscher,
würde die Kommunikation zwischen den Tieren so weit gestört,
dass der Nachwuchs ausbleibt, weil sich Männchen und Weibchen nicht
mehr zu ihren Rendezvous verabreden können.
Sein Kollege Christopher Clark belauscht Wale ebenfalls seit Jahren
und kann ein ähnliches Lied erzählen. Vor 9 Jahren kam er auf
die pfiffige Idee, Geräte des kalten Krieges für seine Untersuchungen
zu nutzen. Denn in dieser frostigen Phase der Weltpolitik hatten die
Amerikaner entlang der atlantischen und pazifischen Küste eine unterseeische
Abhöranlage von gigantischen Ausmaßen aufgebaut: mit Hilfe
von 50.000 Kilometern Kabel und ungezählten Mikrophonen sollten feindliche
U-Boote aufgespürt werden. Heute wird die Anlage nicht mehr militärisch
genutzt: Clark lokalisiert damit akustisch Wale und den Weg ihrer Gesänge
durch die blauen Wüsten.
Da sich Schall im Salzwasser mit etwa 1500 km/h ausbreitet, würde
eine akustische Botschaft einen Gesprächspartner in 1000 km Entfernung
nach ca. 40 min erreichen. Benötigt dieser etwa 5 min, um die Nachricht
zu verstehen, sich den Inhalt der Antwort zu überlegen und diese
dann zu formulieren, käme die Antwort nach weniger als 1,5 Stunden
zum Absender zurück. Alles vorausgesetzt, niemand funkt dazwischen.
Clark warnt: industriell eingesetzte Schallwellen, mit denen unterseeische
Bodenschätze erforscht werden, stören die Wal-Ferngespräche
beträchtlich. Auch Schifffahrtslärm verursacht ein lautes Rauschen
auf der Leitung. Besonders im Flachwasserbereich wirken sich die Überlagerungen
verheerend aus, da sich hier keine gleichmäßig dichten Wasserschichten
ausbilden, in denen die Nachricht fast ohne Signalverlust transportiert
wird. Im Küstenbereich hat sich der Lärmpegel in den letzten
Zehn Jahren verdoppelt, und Wale haben massive Schwierigkeiten, sich
auf Paarungsplätze zu einigen oder auf Nahrungsvorkommen aufmerksam
zu machen. Auch ist es ist möglich, dass unerwarteter Lärm
das Austauchverhalten der Apnoeisten beeinflusst und sie zu einem 'Notaufstieg'
zwingt - mit fatalen Folgen:
Experten waren bisher der Meinung, dass Wale vor Effekten der Dekompressionskrankheit gefeit sind. Paul Jepson
vom Institut für Zoologie in London und seine Kollegen beobachteten
jedoch unlängst, dass etwa vier Stunden nach dem Beginn einer Militärübung,
bei der Sonargeräte eingesetzt wurden, Wale am Strand der Kanarischen
Inseln auftauchten und dort verendeten. Bei einer Autopsie fanden die
Forscher Gasbläschen in Blutgefäßen und Organen, insbesondere
der Leber, die bis zu 90 Prozent aus gasgefüllten Hohlräumen
bestand. Wie genau die akustischen Signale die Gasbildung auslösen,
ist noch unklar. Möglicherweise führen sie zu einer Verhaltensänderung
und damit zu einem beschleunigten Auftauchen der großen Meeressäugetiere.
Normalerweise legen Pottwale nämlich (tiefe) Dekostopps ein. Es könne
sich jedoch auch um einen direkten physikalischen Effekt des Sonars handeln,
vermuten die Wissenschaftler. Künftige Versuche sollen die genauen
Hintergründe klären.
Es lohnt sich also aus mehreren Gründen, den vom Menschen verursachten
Unterwasserlärm zu reduzieren.
Ein gestrandeter Pottwal samt Baby im West-Atlantik. Pottwale sind
wegen ihrer Tauchgänge in bis zu 1000 und mehr Metern Tiefe bekannt.
Die Mütter lassen ihr Junges während ihrer bis zu 60 Minuten
dauernden Tauchgänge allein an der Oberfläche. Für beide
eine gefährliche Situation.
(Fotos: Angus
Wilson)
© Text: Prof. Dr. Jochen Schipke und Uli
Erfurth
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