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Onlinemagazin - 55. Ausgabe - Wale brauchen keine Handys




 Geschrieben von Biouli

Wale brauchen keine Handys

von Jochen Schipke und Uli Erfurth

Warum Wale aus dem Wasser springen? Wirtschaftswissenschaftler behaupten, der internationale Dachverband der Wale habe mit der Tourismusbranche einen Vertrag abgeschlossen, um das Whale-Watching noch attraktiver zu machen. Diese Erklärung scheint unglaubwürdig. Zu den plausibleren Theorien gehören: (1) Wale haben einfach Spaß am Springen, (2) Wale befreien sich durch den Aufschlag auf die Wasseroberfläche von Schmarotzern, und: (3) Wale kommunizieren auf diese, zugegeben etwas grobmotorische Art miteinander.

Dass die intelligenten Säuger sich akustisch austauschen, ist unbestritten. Belugawale zwitschern, Pottwale singen Koloratur mit Klicklauten. Finn- und Blauwale brummen einige Oktaven tiefer, ihre Gesänge durchqueren mit 17 - 30 Hz ganze Ozeane. Sieger im weltumspannenden Chanson-Contest unter Wasser ist aber der Buckelwal: Er trägt Lieder von epischen Ausmaßen vor und erfindet obendrein jedes Jahr neue Melodien.

Buckelwale beim Balzritual

Buckelwale springen beim Balzritual. Das Klatschen beim Aufprall signalisiert potentiellen Partnern wie Konkurrenten einen starken Bewerber.
(Foto: John Hyde ADF & G, Alaska Division of Tourism)


Roger Payne beschäftigt sich seit 40 Jahren mit den Lautäußerungen von Walen und machte kürzlich auf mehrere Probleme aufmerksam. In den Polar-Meeren werden zunehmend höher dosierte dauerhafte, hochgiftige organische Toxine gefunden (ähnliche Substanzen wie DDT, PCBs oder Dioxin, sie führen zu Krebs, Unfruchtbarkeit u.a. "Zivilisationskrankheiten") - und zwar nicht nur in Planktonorganismen und Fischen, sondern jüngst auch angereichert in Pottwalen: Die Nahrungskette lässt grüßen.
Paynes zweites Anliegen ist die interwalaktische Kommunikation. Wenn der akustische Smog in den Weltmeeren weiter zunähme, so der Walforscher, würde die Kommunikation zwischen den Tieren so weit gestört, dass der Nachwuchs ausbleibt, weil sich Männchen und Weibchen nicht mehr zu ihren Rendezvous verabreden können.
Sein Kollege Christopher Clark belauscht Wale ebenfalls seit Jahren und kann ein ähnliches Lied erzählen. Vor 9 Jahren kam er auf die pfiffige Idee, Geräte des kalten Krieges für seine Untersuchungen zu nutzen. Denn in dieser frostigen Phase der Weltpolitik hatten die Amerikaner entlang der atlantischen und pazifischen Küste eine unterseeische Abhöranlage von gigantischen Ausmaßen aufgebaut: mit Hilfe von 50.000 Kilometern Kabel und ungezählten Mikrophonen sollten feindliche U-Boote aufgespürt werden. Heute wird die Anlage nicht mehr militärisch genutzt: Clark lokalisiert damit akustisch Wale und den Weg ihrer Gesänge durch die blauen Wüsten.

Da sich Schall im Salzwasser mit etwa 1500 km/h ausbreitet, würde eine akustische Botschaft einen Gesprächspartner in 1000 km Entfernung nach ca. 40 min erreichen. Benötigt dieser etwa 5 min, um die Nachricht zu verstehen, sich den Inhalt der Antwort zu überlegen und diese dann zu formulieren, käme die Antwort nach weniger als 1,5 Stunden zum Absender zurück. Alles vorausgesetzt, niemand funkt dazwischen.
Clark warnt: industriell eingesetzte Schallwellen, mit denen unterseeische Bodenschätze erforscht werden, stören die Wal-Ferngespräche beträchtlich. Auch Schifffahrtslärm verursacht ein lautes Rauschen auf der Leitung. Besonders im Flachwasserbereich wirken sich die Überlagerungen verheerend aus, da sich hier keine gleichmäßig dichten Wasserschichten ausbilden, in denen die Nachricht fast ohne Signalverlust transportiert wird. Im Küstenbereich hat sich der Lärmpegel in den letzten Zehn Jahren verdoppelt, und Wale haben massive Schwierigkeiten, sich auf Paarungsplätze zu einigen oder auf Nahrungsvorkommen aufmerksam zu machen. Auch ist es ist möglich, dass unerwarteter Lärm das Austauchverhalten der Apnoeisten beeinflusst und sie zu einem 'Notaufstieg' zwingt - mit fatalen Folgen:

Experten waren bisher der Meinung, dass Wale vor Effekten der Dekompressionskrankheit gefeit sind. Paul Jepson vom Institut für Zoologie in London und seine Kollegen beobachteten jedoch unlängst, dass etwa vier Stunden nach dem Beginn einer Militärübung, bei der Sonargeräte eingesetzt wurden, Wale am Strand der Kanarischen Inseln auftauchten und dort verendeten. Bei einer Autopsie fanden die Forscher Gasbläschen in Blutgefäßen und Organen, insbesondere der Leber, die bis zu 90 Prozent aus gasgefüllten Hohlräumen bestand. Wie genau die akustischen Signale die Gasbildung auslösen, ist noch unklar. Möglicherweise führen sie zu einer Verhaltensänderung und damit zu einem beschleunigten Auftauchen der großen Meeressäugetiere. Normalerweise legen Pottwale nämlich (tiefe) Dekostopps ein. Es könne sich jedoch auch um einen direkten physikalischen Effekt des Sonars handeln, vermuten die Wissenschaftler. Künftige Versuche sollen die genauen Hintergründe klären.

Es lohnt sich also aus mehreren Gründen, den vom Menschen verursachten Unterwasserlärm zu reduzieren.

gestrandeter Pottwal
gestrandetes Pottwalbaby

Ein gestrandeter Pottwal samt Baby im West-Atlantik. Pottwale sind wegen ihrer Tauchgänge in bis zu 1000 und mehr Metern Tiefe bekannt.
Die Mütter lassen ihr Junges während ihrer bis zu 60 Minuten dauernden Tauchgänge allein an der Oberfläche. Für beide eine gefährliche Situation.
(Fotos: Angus Wilson)

© Text: Prof. Dr. Jochen Schipke und Uli Erfurth
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