Bericht über eine Tauchexpediton in die Antarktis im Februar 2005
von Ruth und Adrian Pfeiffer
Tauchen in der Antarktis ist Tauchen der besonderen Art. Es ist ein
einmaliges und unvergessliches Erlebnis, auf den Spuren von Amundsen, Scott
und Shackleton Tauchgänge in jenem kältesten, stürmischsten
und trockensten Kontinent zu unternehmen, der noch im 17 Jahrhundert als
„terra australis nondum cognita“ die Weltkarten zierte. Nach knapp
1500 Tauchgängen im Süsswasser und tropischen Riffen dachten
wir, es sei nun an der Zeit, mal an „was anderes“ zu denken. Den eigentlichen
Kick für eine Tauchreise in die Antarktis gab uns der Törn mit
der M.V. Professor Molchanov im Juni 2003 nach Spitzbergen, wo wir es schafften,
noch knapp unterhalb des 80. nördlichen Breitengrades unserem Hobby
zu frönen.
Was wir nun in der Antarktis im Februar 2005 unter wie auch über
Wasser vorfanden, war um Welten besser. Die Unterwasserwelt ist unerwartet
farben- und artenreich. Seeanemonen (z.B. die leuchtorangene isotealia antarctica), Schlangensterne, Seesterne
(vorab die roten odontaster validus), Sonnensterne, Nacktkiemenschnecken
(z.B. die doris kerguelensis), Tritonschnecken, Garnelen,
Schwämme, Leuchtquallen und sogar kleinste weisse Weichkorallen, daneben
riesige Gebiete mit kniehohen Kelpwäldern (cystosphaera jacquinotii),
auf und unter deren Blätter sich ein wahres Makroparadies (Amphipoden)
befindet. Tauchgänge an den gigantischen und schier endlos senkrecht
abfallenden Eisbergen sind schlichtweg der Hammer. Gleich mehrmals hatten
wir das Glück, Seeleoparden unter Wasser anzutreffen (ehrlich gesagt:
ein mulmiges Gefühl...).
Besonders in Erinnerung blieb uns der Tauchgang vor der ehemaligen Walfänger-Station
Alice Creek, wo die Überreste der industriell verwerteten Blauwale
ins Meer entsorgt wurden und wo noch intakte 20 m und längere Wirbelsäulen
zu bestaunen sind. Tauchen in der Antarktis ist Tauchen auf einem anderen
Planeten. Denn die Kulisse (Eisberge, Gletscher, Packeis) und die Bewohner
(Pinguine, Robben, Wale etc.) sind für uns ebenso unwirtlich wie fremdartig.
Soviel zur Einleitung. Und wie haben wir die Reise im Detail erlebt?
Hier die kürzestmögliche Zusammenfassung, ohne die Highlights
zu unterschlagen oder in schwelgerische Weitschweifigkeit abdriften zu wollen:
08. – 11.02.2005: Anreise
Bereits um 07.45 h hebt pünktlich die Maschine der IBERIA von Zürich-Kloten
ab und bringt uns nach Madrid und von dort aus nach Buenos Aires, wo wir
um 21.00 h Lokalzeit (- 4 Std. Zeitverschiebung) landen. Doch was haben wir
da auf dem Reiseprogramm zu lesen bekommen? „Bitte beachten Sie, dass Sie
20 Kg Gepäck pro Person mitnehmen können“. Dasselbe stand auch
auf den Flugtickets. Bereits bei Erhalt der Unterlagen war klar: das schaffen
wir nie und nimmer! Wie können zwei Tauchausrüstungen mit je
zwei getrennten ersten Stufen und je zwei Automaten, Tarierwesten, Trockenanzüge,
Unterzieher, je ein Paar Flossen etc., ferner Kameragehäuse, UW-Blitz,
Blitzarm, UW-Lampen, sämtliche warmen Klamotten und und und zusammen
„nur“ 40 Kg wiegen? Ein Ding der Unmöglichkeit. IBERIA zeigte sich
bereits im Vorfeld stur: kein Zusatzgepäck, auch nicht gegen Bezahlung
einer Pauschale (wir wollen ja niemanden schädigen). Schliesslich entschieden
wir uns dafür, die gesamte Tauchausrüstung per AIR CARGO vorab
nach Argentinien zu schicken. Die Idee war gut, doch letzten Endes mussten
wir mit all den Transportkosten, Gebühren, Taxen, Versicherungen, Auslagen
fürs Taxi zum Abholen im Cargo Terminal, Einlagerungskosten rund EUR
600.- (!) bezahlen – und das nur für den Hinweg Zürich-Buenos
Aires. Für den Weiterflug nach Ushuaia/Feuerland und den Retourflug
bis nach Hause wollten wir es drauf ankommen lassen. Und siehe da: niemand
hat sich auch nur einen Deut um das Gewicht von fast 70 kg Fluggepäck
(ohne Handgepäck) gekümmert. Lächeln und freundlich sein
– das war die Devise (und nicht mehr als ein Gepäckstück pro Person).
Nach ein paar Tagen in Buenos Aires und einer Nacht in der südlichsten
Stadt der Welt, Ushuaia/Tierra del Fuego, am „Fin del Mundo“, war es dann
endlich so weit. Am 12.02.2005 checkten wir zusammen mit 19 Tauchern und
20 Landgängern ein auf der Grigoriy Mikheev, einem 1990 in Finnland
erbauten, eistauglichen russischen Forschungsschiff mit 66 m Länge, 12.8
m Breite und je 1700 PS starken Dieselmaschinen.
MV Grigoriy Mikheev
12. – 14.02.2005: Auf hoher See
Was so nett und beschaulich anfing, war nur von kurzer Dauer. Nach dem
obligaten Sicherheitscheck, Kabinenbezug, ersten Essen an Bord und einer
wunderschönen und ruhigen Fahrt im Abendlicht durch den Beagle Kanal
erwartete uns nach dem Kap Horn die Katastrophe: wer schon einmal eine Seefahrt
mit Windstärke 12 (Orkan) erlebt hat, und das während zwei Tagen
und erst noch durch die bei Seefahrern berüchtigte Drake Passage,
weiss, worüber wir schreiben. Nichts, aber auch wirklich nichts blieb
an Ort und Stelle. Kästen und Schubladen, Ablagen, Toilettenschrank:
sie entluden sich all der Dinge, die wir so sorgfältig in gut schweizerischer
Manier „versorgt“ hatten. Obwohl das Fangnetz der Stockbetten montiert war
und wir uns flach wie eine Flunder in die Liege quetschten, war an schlafen
nicht zu denken. Das Wasser peitschte bis zum dritten Deck hoch und die hohen
Wellen liessen das Schiff bis über 50° auf die Seite rollen (Wachoffizier
Valery antwortete auf die Frage, wie viel es denn noch leiden möge,
beruhigend mit: „ weiter als 180° Grad geht es nicht“). Der Spuk dauerte
bis in die frühen Morgenstunden des 15.02., als endlich Land in Sicht
war. Die Passagiere waren während dieser rauen Überfahrt wie vom
Erdboden verschluckt. Dennoch servierten die beiden stets gut gelaunten russischen
Hostessen den wenigen Passagieren, die noch etwas im Magen behalten konnten,
das Essen wie wenn nichts weiter geschehen wäre.
15.02.2005: Telefon Bay, Whaler’s Watch (62° 59’ Süd; 60°
33.3’ West)
Der erste Tauchgang! Endlich! Schon über eine Woche sind wir nun
unterwegs, und dann noch diese Strapazen. Divemaster Mike Murphy aus Kanada
entgeht nichts. Der ehemalige Berufstaucher, der auf diversen Nordseeinseln
unter Wasser Pipelines in 100m Tiefe zusammen schweisste und sich nunmehr
als Diveguide dem kalten Wasser verschrieben hat, beobachtet die Taucher
dabei, wie sie ihre Automaten und Jackets an die 12 Liter Flaschen montieren.
Für ihn steht schon bald fest, dass er auf einige von ihnen ein wachsames
Auge werfen muss…. (mehr darüber später).
Wir tauchten in der Whaler’s Bay, nahe einer verlassenen Walfängerstation
in einer kargen vulkanischen Landschaft. Unter Wasser erwartete uns eine
leicht abfallende Halde mit vielen Krebsen und Schlangensternen, die auf
dem Grund nach Nahrung suchten. Bei 5° C Luft- und 0° C Wassertemperatur
ist der Tauchgang nach 31 Min. vorüber (max. Tiefe: 26.7 m).
Schlangensterne (ophionotus victoriae)
16.02.2005: Cuverville Island, Paradise Bay (64° 43.5 Süd; 62°
37’ West)
Zwei Tauchgänge standen auf dem Programm. Der erste war bereits
um 09.00 angesagt und führte uns bei Schneefall zu einer steil abfallenden
Felswand, die dicht mit oliv-braunem Kelp bewachsen war. Das Gebiet sprudelte
buchstäblich von Leben unter Wasser. Ein Blick unter die Kelp-Blätter
lohnt sich immer, denn dort finden zahlreiche Schnecken, Amphipoden und
anderes Kleinzeugs ihr Zuhause. Die Sicht war mit 8 m gut. Nach 23.7 m Tauchtiefe
und 29 Min. hatten wir genug. Es war saukalt und die Fingerspitzen waren
trotz Trockenhandschuhen schon nach 20 Min. fast gefühllos. Doch das
plagte uns nicht weiter, denn nach einer kurzen Fahrt im Zodiak stiessen
wir nahe einem Eisberg auf zwei schon fast „handzahme“ Seeleoparden, denen
es sichtlich Spass machte, mit uns zu schnorcheln und ihr Spiegelbild in
unsern Maskengläsern wieder zu erkennen.
Seeleopard (hydrurga leptonyx)
Doch Achtung: Seeleoparden sind Fleischfresser und Raubrobben. Sie fressen
bis zu vier Pinguine im Tag und haben spitze und messerscharfe Zähne.
Mit einer Länge von bis zu 3 m und einem Gewicht von bis zu 250 kg
sind sie die grössten aller Robben.
Der Nachmittags-Tauchgang um 15.30 h führte uns an eine noch schönere
Makro-Steilwand: ganze Ansammlungen von Muscheln, Schnecken, Seesternen
und Garnelen liessen uns vergessen, dass wir die 30 m-Marke über- bzw.
unterschritten hatten. Mit dem 60mm Makro-Objektiv lagen wir goldrichtig.
Bereits bei diesem Tauchgang zeigte Mike, unser Tauchführer, die
erste rote Karte: Yvonnne aus Südfrankreich hatte schon beim Tauchgang
vom Vormittag mit erheblichen Tarierproblemen zu kämpfen, war hypernervös,
zeigte Anzeichen von Panik und kam mit der Ausrüstung nicht klar.
Am Abend dann Barbecue-Party auf dem Heck-Deck des Schiffes im freien.
Ein reichhaltiges Buffet, viel Wein und Bier mit ausgelassener Stimmung
bei Tanz und Gesang inmitten der wunderschönen antarktischen Kulisse
rundeten diesen erlebnisreichen Tag ab.
Nacktkiemen-Schnecke (doris kerguelensis)
Seeanemone (isotealia antarctica)
17.02.2005: Lemaire Channel, Pleneau Island, Port Charcot (65° 05.6
Süd; 64° 02.3’ West)
Heute stand Eisberg-Tauchen auf dem Programm, und das gleich zwei Mal.
Mike und Francois, ein Meeresbiologe und Antarktis-Kenner aus Frankreich,
suchten mit uns im Zodiak nach einem stabilen Eisberg. Das hört sich
einfacher an, als es in Wirklichkeit ist: Der Eisberg sollte "gegroundet"
sein, damit er während des Tauchgangs stabil bleibt. Nördlich
von Pleneau Island fanden wir ein geeignetes Objekt. Das Zodiak konnte die
Leine fest im hartgefrorenen Eis/Schnee ankern und wir glitten sachte ins
Wasser. Die Wassertemperatur von -2° C liess uns erschaudern. Vor allem
an der Oberfläche, wenn im Trockenanzug wenig Luft drin ist, kommt die
Kälte voll zum Durchbruch. Ein paar Halb-Halb-Aufnahmen mit dem 16mm-Fischaug-Objektiv
und nichts wie runter.
Da endlich sahen wir, was vor uns nur wenige zu Gesicht bekommen haben:
eine senkrecht abfallende und teils überhängende Eiswand mit
wabenförmigen Mustern glitt an uns runter in die ewige Finsternis.
Was für ein Gefühl, schwerelos in diesem eiskalten Blau abzutauchen.
Doch schon gab es die zweite rote Karte: Für Bill aus den USA mit
seinem brandneuen DUI und DigiKamera im ebenso brandneuen UW-Gehäuse
war es (wie zuvor für Yvonne) der letzte Tauchgang. Auch hier: ernsthafte
Tarierprobleme – nicht daran zu denken, wozu das unter diesen Bedingungen
führen kann.
Für uns dagegen hätte der Vormittag nicht besser sein können.
Unglaublich, aber eine Steigerung kam am Nachmittag: Es zeigte sich die
Sonne und wir unternahmen an einem andern Eisberg einen weiteren Tauchgang.
Hier trauten wir unsern Augen nicht: Seeleoparden waren unsere Begleiter
unter Wasser und beobachteten uns neugierig aus teils nächster Nähe!
Auch der zweite Eisberg zeigte uns seine stolze Grösse und betörende
Schönheit erst unter Wasser. Was für ein Erlebnis!
Zurück auf dem Zodiak suchten wir einen blauen Eisberg. Blaue Eisberge
sind selten. Die meisten Eisberge erscheinen weiss, weil winzige Luftbläschen
im Schnee und Eis das weisse Licht reflektieren. Altes Gletschereis dagegen,
das vom Gewicht von Schnee und Eis Jahrhunderte lang zusammen gepresst wurde,
reflektiert nur das blaue Ende des Farbspektrums. Und wir fanden ihn, unsern
ersten Blauen! Es würde wohl Seiten füllen, dem Leser die Eindrücke
und die Faszination einer solchen Begegnung zu schildern – es käme
der Wahrheit nur halbwegs nahe.
Auf dem Rückweg zur Grigoriy Mikheev fuhren wir an zahlreichen
Krabbenfresser-Robben und Seeleoparden vorbei, die auf Eisschollen ihr
Nachmittags-Nickerchen abhielten. Auch wir waren hundemüde…. doch bevor
wir uns schlafen legten, reparierten wir in mühseliger Kleinstarbeit
die zerrissene Latex-Halsmanschette von Amos’ Trockenanzug. Auch das kommt
vor, und meistens dann, wenn man es am wenigsten schätzt. Wie schnell
ist da der Urlaub im Eimer. Doch wir hatten vorgesorgt und mit Spezial-Kleber
und einem Fahrradschlauch die Manschette gerettet. Amos konnte ohne Wassereinbruch
die weiteren Tauchgänge unbeschadet mitmachen (siehe seine faszinierenden
Bilder unter www.biganimals.com).
18.02.2005: Petermann Island, Vernadsky Station (65° 10.6’ Süd,
64° 7.7.’ West)
Der erste Tauchgang um 10.25 h fand an einem Platz statt, den nicht
einmal unsere Profis Mike und François kannten. Ein Erkundungstauchgang
sozusagen gegenüber dem Kanal und östlich von Petermann Island.
Nachdem es zu schneien aufgehört hatte, rollten wir wie gewohnt rückwärts
vom Zodiak ins Wasser und waren gespannt auf das, was uns da erwartete.
Für unseren Geschmack war das Gelände zu flach; ziemlich steinig
und sandige Innenflächen. Dazu herrschte starke Brandung und daher eingeschränkte
Sicht unter Wasser. Hinzu kam -1°C Wassertemperatur, an die wir uns
schon (fast) akklimatisiert hatten. Der Landgang im Trockenanzug (auch dafür
sind die Dinger in der Antarktis gut) war dann ungleich interessanter: Kolonien
von Adélie-Pinguinen liessen sich mit ihren Kücken aus nächster
Nähe ablichten und zeigten nicht die geringste Scheu.
Der Nachmittagstauchgang dann war um einiges besser. Gegenüber
der ukrainischen Wetterstation Vernadsky in einer Bucht waren wir zwar
vom Eis fast eingeschlossen, unter Wasser offenbarte uns die Steilwand
aber ihre volle Schönheit und Schätze: grosse Nacktschnecken wie
die doris kerguelensis, Schwämme, Seescheiden
und –gurken, Kelp und Seeanemonen in verschiedenen Rot- und Orangetönen,
Seesterne en masse und das ganze gepaart mit fünf neugierigen Seeleoparden,
die unserem Treiben fasziniert zuschauten.
Der Schneefall setzte wieder ein, dazu Wind und leichte Strömung.
Letzteres war nicht ungefährlich, denn die Eisplatten drohten zusammen
zu driften und sich über uns zu schliessen. Doch Mike und François
hatten stets ein wachsames Auge und holten uns zeitig aus dem -1°C kalten
Wasser
Danach besuchten wir die Vernadsky Station, die ursprünglich von
den Briten gegründet wurde. Davon ist allerdings nichts mehr zu spüren,
denn anstelle von Broken Orange Tea gibt es dort jetzt Wodka zuhauf. Zusammen
mit den freundlichen Ukrainern sangen und tranken wir bei angeheiterter
Stimmung in der südlichsten Bar der Erde, während es draussen stürmte
und schneite (ein besoffener Stations-Ukrainer fiel gar ins eiskalte Wasser
und konnte noch im letzen Moment raus gezogen werden…).
In der Nacht fuhr die Mikheev in Richtung Südpolarkreis in der
Hoffnung, diesen zu überqueren. Das Schiff kämpfte sich langsam,
aber stetig durch die dicken Eisplatten. Das krachende Geräusch wurde
über den Rumpf geleitet und war überall zu hören. Doch mitten
in der Nacht ging es einfach nicht mehr weiter. Die Mikheev drehte bei 65°
40’ Süd um (bis zum Südpol sind es weitere 2700 km!). Den Südpolarkreis
verfehlten wir nur knapp – die Natur war stärker als wir. Bei der Rückfahrt
durch den Grandidier Kanal passierten wir riesige Eisberge. Um 15.00 h
unternahmen wir schliesslich einen Tauchgang im selben Gebiet wie tags
zuvor, d.h. bei der Vernadsky Station. Noch einmal liessen wir uns von
der dicht bewachsenen Steilwand mit ihrem überreichen maritimen Leben
bei ausgezeichneter Sicht verzaubern – stets beobachtet von wachsamen Seeleoparden.
Nach 27 Min. und einer max. Tiefe von 23.4 m hatten wir genug und unternahmen
eine ausgedehnte Eisberg-Tour per Zodiak bei strahlend schönem Wetter.
Während die Landgänger eine unliebsame Begegnung mit einem
Seeleoparden hatten, der beim Angriff eine Luftkammer des Zodiaks zerbiss,
hatten wir Taucher die letzte Gelegenheit, einen Eisberg-Tauchgang zu unternehmen.
Nach kurzer Suche fanden wir ein geeignetes und sicheres Objekt, das auf
18m "gegroundet" war und uns optimale Bedingungen bot.
Vorsichtig glitten wir an der glatten Eiswand nach unten bis zum Grund.
Dieser war übersäht mit den typischen antarktischen roten Seesternen
(odontaster validus). Zu schade, dass die Lichtverhältnisse
zu wünschen übrig liessen – nicht daran zu denken, was für
tolle Mischlichtaufnahmen das gegeben hätte… Der Tauchgang hatte es
aber trotzdem in sich: wir wagten uns unter den Eisberg bis dorthin, wo
er mit lautem Grollen im Rhythmus der Wogen auf den Grund knallte.
Nach dem Mittagessen hatten wir die Wahl, entweder einen Critter-Dive
(Makro) zu unternehmen oder bei der verlassenen Walfängerstation Alice
Creek unser Glück zu versuchen. Mike ermahnte uns, dass bei Alice
Creek der Grund aus feinsandigem Sediment bestehe und dass jeder unbedachte
Flossenschlag die Sicht stark trüben könnte. Wir entschieden
uns dennoch für Alice Creek. Um 16.00 ging’s los bei Wind und Schneetreiben.
Auf dem -1° C kalten Salzwasser setzte sich der Schnee und wir schwammen
erst einmal in einer „Frappé-Brühe“...
Nach einigem Suchen im algig-grünen Wasser stiessen wir in 8 m Tiefe
auf etwas helles, das aussah wie ein grosses Ölfass. Da plötzlich
realisierten wir, was es war: der Wirbelkörper eines komplett erhaltenen
Rückgrats eines bestimmt 25 m langen Blauwals! Wir waren fasziniert
ob dieses gespenstischen Anblicks. Wenn wir nicht schon halb durchgefroren
gewesen wären, hätte es uns geschaudert. Wir erinnerten uns Mikes’
Ermahnungen und glitten behutsam um das Skelett, um diese einzigartige
Szenerie nicht einzutrüben.
21.02.2005: Orne Island, Melchior Island (64°28.4’ Süd, 62°53.5’
West)
Nach einem ausgiebigem Morgenspatziergang bei fantastischem Wetter auf
Orne Island, wo die Eselspinguine am Ende der Brutzeit ihre Kücken aufzogen
und uns wie gewohnt mit lautem Geschnatter begrüssten, unternahmen
wir am Nachmittag einen Tauchgang bei den Melchior Inseln. Diese wurden berühmt
durch einen Film der BBC „Life in the Freezer“. Die Erwartungen ob dieses
Film-Epos’ waren vielleicht etwas zu hoch geschraubt, denn ausser Braunalgen
mit einigen Kelppflanzen gab es nicht viel zu sehen. Das Gelände fiel
sehr steil ab, ähnlich einem Canyon. Auf 35 m waren wir auf dem Grund
des Kanals angelangt. Der steinige Grund war mit Muscheln, Seesternen, Seescheiden
und –anemonen übersäht. Nach 30 Minuten waren die Fingerspitzen
trotz Trockenhandschuhen einmal mehr (fast) gefühllos und wir kehrten
um.
Nacktkiemen-Schnecke (doris kerguelensis)
22. – 24.02.2005: Auf hoher See
Nachdem wir die Tauchausrüstung mit reichlich Süsswasser gespült
hatten und einem sicheren Ort im freien aufgehängt glaubten, wurden
wir rasch eines besseren belehrt. Die Mikheev verliess die geschützte
antarktische Halbinsel und drehte nordwärts ab ins offene Meer in Richtung
Südamerika. Zwei Buckelwale zogen gemächlich ihre Runden um das
Schiff und liessen sich aus nächster Nähe fotografieren. Doch es
dauerte nicht lange und es herrschte Windstärke 8. „Nein, nicht schon
wieder“, sagten wir zueinander und brachten die Tauchausrüstung und
–klamotten in Sicherheit. Unsere Gebete wurden erhört und es blieb bei
einer "lockeren" acht. Die zwei Tage auf hoher und rauer See vergingen im
Fluge und wurden stets aufgelockert durch interessante Vorträge, Dia-Shows
und die ersten Filme von unserer Reise. Am 24.02.2005 kamen wir pünktlich
in Ushuaia an. 2560 km Seefahrt lagen hinter uns, und wir lebten noch!
Nach einer weiteren Nacht in Buenos Aires flogen wir am 25.02.2005 mit
der 14.10 h Maschine via Madrid zurück nach Zürich-Kloten, wo
wir am 26.02. um 11.30 h landeten.
Fazit:
Wer im ewigen Eis seinem Hobby Tauchen frönen will, muss sich in
einer gesundheitlich und finanziell sehr guten Konstitution befinden. Die
zwei Tauchgänge pro Tag im bis zu –2° C kalten Wasser teilweise
bei Sturm und Schneefall zehren ebenso an der Substanz wie die Kosten von
mind. EUR 7‘000.- pro Person (inkl. Flug). Dazu kommt die je 48-stündige
Hin- und Rückfahrt von Ushuaia/Feuerland zum Kontinent durch die stürmische
Drake-Passage, die für die meisten Passagiere die reinste Hölle
war. Dennoch kann eine solche Reise der Extraklasse für Hardcore Divers
und solche, die es werden wollen, nur empfohlen werden. Auf der MV Grigoriy
Mikheev waren wir bestens aufgehoben. Sicherheit wird gross geschrieben.
Tauchprofi Mike Murphy (Kanada) und Meeresbiologe François de Riberolles
(Frankreich), beides Eiswasser-Spezialisten, kennen die Tücken und die
Gefahren des Packeises, der treibenden Eisberge und der Strömungen wie
ihre Westentasche. Ausrüstung, Technik, Elektronik, Versorgung etc.:
alles ist auf der Mikheev auf hohem Niveau.
Den 45 Passagieren (davon 21 Taucher aus aller Herren Länder, Anzahl
stetig abnehmend...) fehlte es an nichts. Sogar ein Arzt war – wie es die
Vorschrift will - mit an Bord. Wer nicht tauchen gehen wollte (oder zufolge
Tauchverbots nicht mehr durfte), konnte sich den professionell geführten
Landtouren anschliessen. Maximal 5 bis 6 Taucher teilen sich ein grosszügig
ausgestattetes Zodiak. Dieses - mit den Tauchausrüstungen beladen
- wurde immer vom Deck mittels Kran behutsam ins und aus dem Wasser gehievt;
also kein Schleppen der schweren Ausrüstungen und Bleigurte!
Eine einmalige Reise, die uns lange in Erinnerung bleiben wird und ihr
Geld und die Strapazen wert war.
Die Antarktis (Antarktika = Gegen-Arktis ) besteht aus dem Südpolarkontinent
und der umgebenden Packeis- und Seegebiete bis zum 60.Breitengrad. Der geografische
Südpol liegt am Kontinent Antarktis.
Satellitenfoto der Antarktis ( entnommen aus NASA Archiv )
Das Gebiet ( Festland und Schelfeis) hat eine Größe von ca. 13
Millionen km² und ist damit größer als Europa. Die höchste
Erhebung der Antarktis ist das knapp über 5000m hohe Vinson Massiv.
Der tiefste Punkt der Antarktis wird mit 2.538m unter dem Meeresspiegel angegeben
und liegt im Bentleygraben.
Besonderheiten:
Die Antarktis „bindet“ ca. 90% des irdischen Eises und immerhin 75% der Süßwasser-Vorräte
unseres Planeten. Teilweise erreicht die Eisschicht eine Stärke von
4,5km!
Diese Eisschicht stellt zusätzlich zum Süßwasser-Reservoir
auch ein Tor in die Vergangenheit unseres Planeten dar. Glaziologen und Klimatologen
finden im Antarktiseis ein begehrtes Stuedienobjekt zur Erforschung der Klimaentwicklung
unserer Erdgeschichte und der weiteren Entwicklung der Antarktis.
Das älteste „gefundene“ Eis stammt aus einem über 3km langen Bohrkern
und enthält Eis im Alter von einer ¾ Mio. Jahren!
Klima:
Die Antarktis ist der kälteste Erdteil unseres Planeten. Die Durchschnittstemperatur
liegt bei -55°C. Die Temperaturen variieren extrem zwischen Inlands-
und den Seegebieten. Auf dem Zentralplateau zwischen -35°C und -70°C
und an den Küsten zwischen -20°C und 0°C. Die tiefste jemals
gemessene Temperatur auf der Erde (am Zentralplateau) wird mit -89,2°C
angegeben.
Fauna:
Trotz der extremen Bedingungen am Kontinent Antarktis ist dieser geradezu
mit Leben erfüllt. In der Packeiszone findet man eines der vielfältigsten
Ökosysteme unseres Planeten mit riesigen Schwärmen von Krill (
u.a. Euphausia superba ). Der Krill ist die Lebensgrundlage für eine
Vielzahl weiterer Arten wie Fischen, Walen, Kalmaren Pinguinen, Seelöwen
und Seehunden. Zu diesen Arten gesellen sich in den warmen Monaten noch ca.
110 Mio Zugvögel hinzu.
Auf dem Festland –hier die eisfreie Zone- gibt es kaum höherentwickelte
Lebewesen. Dieses Gebiet wird von Moosen und Flechten, sowie Mikroorganismen
bevölkert. Auch hier ist die Vielfalt beeindruckend: 200 Flechtenarten,
100 Arten von Moosen und Pilzarten sind hier zu finden.
Politik / Ansprüche:
Es gab in der Geschichte keine formale Kolonialisierung der Antarktis. Der
Kontinent ist sozusagen „frei“ und hat auch keine zentrale Regierung. Trotz
dieser „Staatenlosigkeit“ erheben diverse Staaten Ansprüche auf (Teil-)Gebiete
der Antarktis. Diese Staaten sind aktuell: Argentinien, Australien, Brasilien,
Chile, Frankreich, Neuseeland, Norwegen, Großbritannien. Die USA und
Russland behalten sich das Recht auf Gebietsansprüche aufrecht.
Weitere Informationen zu Territorium der Antarktis und dem „Politischen Status“
findet Ihr hier:
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