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Neptunschleier & Co
erfolgreich seit 500 Millionen Jahren
von Harald Mathä
Das Biologiezentrum des oberösterreichischen Landesmuseum in Linz
überrascht regelmäßig mit ungewöhnlichen
Ausstellungen zu nicht alltäglichen biologischen Themen, die man
in dieser Form wohl sonst selten wo findet.
Der derzeitigen Ausstellung über "seine" Moostierchen (Bryozoen)
konnte Taucher.Net Redakteur und „Hobby-Moostierchen-Experte“ Harry
natürlich nicht widerstehen!
Intro
Der Neptunschleier gehört zweifellos zu den schönsten
Moostier-Kolonien, die bis zu 12 cm Höhe erreichen. Lebend sind
sie rosa bis lachsfarben, abgestorbene Kolonieteile sind
elfenbeinfarben oder grünlich, wenn Algen die leeren
Kalkgehäuse besiedeln. Denn um solche handelt es sich: im Meer
baut sich nämlich jedes festsitzende Einzeltier - das meist nur
wenige Millimeter groß wird - eine winzige Wohnkammer aus Kalk,
aus der es seine bewimperte Tentakelkrone zum Fang von Schwebteilchen
und Kleinstlebewesen ausstreckt. Zahlreiche Individuen bilden ein
breites, gefächertes und in sich gewundenes netzartiges Band, das
durch unzählige Löcher an einen sehr locker gehäkelten
Schal erinnert. Aus diesem Erscheinungsbild der Kolonie leitet sich der
deutsche Name ab.

Mittelmeer: Reteporella couchii (Neptunschleier)
Es geht dabei um einen Vertreter eines eigenen Tierstamms, der
Moostiere, wissenschaftlich auch Bryozoa genannt. Moostiere kommen im
Meer wie im Süßwasser recht häufig vor und gehören
zu den ältesten bekannten Tieren, als Versteinerungen sind 16.000
Arten bekannt.
Einige der heute lebenden 5.000 Arten haben sich seit Hunderten
Millionen von Jahren nahezu unverändert erhalten. Im
Süßwasser leben nur ca. 50 Arten, die nicht verkalken und
größer sind als ihre im Meer lebenden Verwandten.

Kunst & Wissenschaft- Historischer Stich
Moostier-Kolonien bilden zuweilen einen dichten Überzug auf
Steinen, anderen Lebewesen, aber auch Schiffen und Wasserleitungen.
Daneben kommen algen- oder korallenartige Wuchsformen vor, die sich vom
Untergrund erheben; einzelne erreichen bis 90 cm Höhe. In Meer-
und Süßwasseraquarien versuchen wir den filigranen Tieren
entsprechende Lebensbedingungen zu bieten; auch der Teich im
Ökopark wird einbezogen.
Das Senckenberg-Museum Frankfurt stellt den Nachbau eines Bryozoenriffs
zur Verfügung. Die weltweit erste Ausstellung zu dieser wenig
beachteten Tiergruppe zeigt, dass die Moostiere außerordentlich
vielgestaltig sind und man zahlreiche interessante Spezialisierungen -
wie Arbeitsteilung, geschlechtliche und asexuelle
Vermehrungsstrategien, Brutpflege und Naturwirkstoffe gegen Krebs -
finden kann, die bei so wenig entwickelten Tieren kaum vermutet werden.
Zweifellos eine Erfolgsgeschichte...
Exkurs

Eine unheimliche Begegnung der Dritten Art!
Im Herbst 2004 konnten wir im Biologie-Forum
hier auf Taucher.Net einen spannenden Fall, besser Hilferuf, lösen:
In einem Fischteich in Ostfrankreich tauchten plötzlich
unheimliche quallenähnliche Gebilde von Kopfgröße auf,
die wir nach intensivem Rätseln und Nachforschen dann als (eingeschleppte?)
gigantische Moostierchenkolonien (Pectinatella
magnifica, "water brain") identifizieren konnten. Stichwort: Faunenverfälschung!( Link zum Thread).
Die Ausstellung
Auf zwei Etagen wird der Besucher in die Geheimnisse der Moostierchen
eingeweiht. Gleich beim Eingang grüßt ein mehr als
mannshohes Modell eines Moostieres sowie gegenüber Statoblasten
(Dauerformen, Überwinterungsformen der Bryozoen).

Hans Hass in den 40er Jahren in der Ägäis
Im ersten Stock trifft man auf einen alten Bekannten wieder: Hans Hass,
der 1943/44 an seiner Dissertation über die mathematischen Grundlagen
des Wachstums des Neptunschleiers forschte und schrieb.
Originaltitel: "Beitrag zur Kenntnis der Reteporiden" ( -mit besonderer Berücksichtigung der Formbildungsgesetze ihrer Zoarien
und einem Bericht über das Schwimmtauchen als neue Methode der
Meeresforschung).
Diese Arbeit ist übrigens noch heute im Verlag Schweizerbarth in Stuttgart erhältlich!

Dissertation Dr. Hans Hass
Weiter geht es zu einem Mikroskopierplatz und weiter mit fossilen
Moostierchen aus weltweiten Fundstellen. Auf vielen weiteren Station
kann man sich weiter über allerhand Moostiere und was es denn
so interessantes über sie zu wissen gibt, informieren.
Die Beschreibungen zu den Exponaten sind in Fachsprache, was auch einen
interessierten Laien ins Grübeln bringen kann. Vorteilhaft ist
hier sicherlich die Teilnahme an einer Führung!

Übermannshohes Modell einer Moostieres
Und: natürlich kommen auch "meine" heimischen Gallertmoostierchen (Cristatella Mucedo) nicht zu kurz.
Salopp gesagt sind Moostierchen also das, worauf man immer
ausrutscht wenn man ein Bach durchqueren will. Es sind nicht immer
"Algen" auf denen wir ausrutschen! Aber Brozoen können nicht nur
glibberige und glitschige Beläge auf allerhand Substraten bilden,
oder Wasserleitungen verstopfen, manche von ihnen bilden medizinisch
und pharmazeutisch interessante Substanzen wie Bryostatin, die z.B. im
Kampf gegen Krebs helfen könnten.
Interessierte werden jedenfalls auch am Ausstellungsführer von Dr.
Emmy Wöss "Moostiere (Brozoen)" - Inhaltsverzeichnis - jedenfalls ihre Freude
haben! Auf 369 Seiten erfährt man aus den internationalen
Fachartikeln darin wirklich alles, was man über Moostierchen
wissen möchte. Der Preis mag mit 40 Euro hoch erscheinen,
dafür bekommt man aber ein erstklassiges Fachbuch zum Thema!

Bryozoenriffe - Riffbryozoen
Fazit
"Was sie schon immer über
Moosthierchen wissen wollten und sich nicht zu fragen trauten ;-)"
Lohnenswerte Ausstellung zu einem Thema, das man nur sehr selten wo
sieht und reichlich Nahrung fürs Hirn für alle Interessierten
(Taucher)
Man sieht nur, was man weis!
Wer jetzt neugierig geworden ist: Die Ausstellung läuft noch bis
zum 25. September- am 26. ist es zu spät!
Dauer der Ausstellung 22. April bis 25. September 2005
Öffnungszeiten: Mo-Fr 9-17 Uhr, So, Fei 10-17 Uhr, Sa geschlossen

U.a. mit Moostieren bewachsenener Krug aus dem Meer
Eintrittspreise
Eintritt gratis
Führungskarte 2,50 Euro
Kontakt
Biologiezentrum des OÖ Landesmuseum
Johann-Wilhelm Klein Str. 73
A-4040 Linz
Tel.: +43/732/759733-10
Führungszeiten sind auf der Homepage zu finden bzw. telefonisch zu
erfragen!

Das Biologiezentrum Linz
Anfahrt
Das Biologiezentrum befindet sich im Linzer Stadtteil Urfahr, nahe der
Uni, nördlich der Donau.
Die Johann-Wilhelm Kleinstrasse ist eine Querstrasse zur Leonfeldner
Strasse gegenüber vom Baumax (Schleichwerbung! ;-). Ganz am Ende
dieser befindet sich, etwas versteckt, rechts das Biologiezentrum.
Autobahnabfahrt Dornach/Universität von der A7
(Mühlkreisautobahn)
Eine genaue Anfahrtsskizze befindet sich auf der Homepage des
Biozentrums!
Ach ja! Wo man beim Bio-Zentrum am besten UND legal parkt hab ich,
trotz großen Parkplatz (mit ebenso großen Verbotsschildern) nebenan, noch nicht durchschaut... (Info
willkommen!)
Nützliche Links
Biozentrum Linz
Taucher.Net
Bio-Forum
Taucher.Net
Bio-Berichte
Gallertartige Moostierchen (Cristatella mucedo)
(c) 2005 by Harald Mathä
Pressetext (Intro) vom Biologiezentrum Linz
Bild Neptunschleier: Meeresschule Pula
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12.05.2008 08:25 Taucher Online : 87 Heute 1868, ges. 26221101 Besucher
 
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