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Onlinemagazin - 57. Ausgabe - Neptunschleier & Co




 Geschrieben von Harry

Neptunschleier & Co

erfolgreich seit 500 Millionen Jahren

Neptunschleier & Covon Harald Mathä

Das Biologiezentrum des oberösterreichischen Landesmuseum in Linz überrascht regelmäßig mit ungewöhnlichen Ausstellungen zu nicht alltäglichen biologischen Themen, die man in dieser Form wohl sonst selten wo findet.

Der derzeitigen Ausstellung über "seine" Moostierchen (Bryozoen) konnte Taucher.Net Redakteur und „Hobby-Moostierchen-Experte“ Harry natürlich nicht widerstehen!





Intro

Der Neptunschleier gehört zweifellos zu den schönsten Moostier-Kolonien, die bis zu 12 cm Höhe erreichen. Lebend sind sie rosa bis lachsfarben, abgestorbene Kolonieteile sind elfenbeinfarben oder grünlich, wenn Algen die leeren Kalkgehäuse besiedeln. Denn um solche handelt es sich: im Meer baut sich nämlich jedes festsitzende Einzeltier - das meist nur wenige Millimeter groß wird - eine winzige Wohnkammer aus Kalk, aus der es seine bewimperte Tentakelkrone zum Fang von Schwebteilchen und Kleinstlebewesen ausstreckt. Zahlreiche Individuen bilden ein breites, gefächertes und in sich gewundenes netzartiges Band, das durch unzählige Löcher an einen sehr locker gehäkelten Schal erinnert. Aus diesem Erscheinungsbild der Kolonie leitet sich der deutsche Name ab.

reteporella couchii
Mittelmeer: Reteporella couchii (Neptunschleier)

Es geht dabei um einen Vertreter eines eigenen Tierstamms, der Moostiere, wissenschaftlich auch Bryozoa genannt. Moostiere kommen im Meer wie im Süßwasser recht häufig vor und gehören zu den ältesten bekannten Tieren, als Versteinerungen sind 16.000 Arten bekannt.
Einige der heute lebenden 5.000 Arten haben sich seit Hunderten Millionen von Jahren nahezu unverändert erhalten. Im Süßwasser leben nur ca. 50 Arten, die nicht verkalken und größer sind als ihre im Meer lebenden Verwandten.

Kunst& Wissenschaft- Historischer Stich
Kunst & Wissenschaft- Historischer Stich

Moostier-Kolonien bilden zuweilen einen dichten Überzug auf Steinen, anderen Lebewesen, aber auch Schiffen und Wasserleitungen. Daneben kommen algen- oder korallenartige Wuchsformen vor, die sich vom Untergrund erheben; einzelne erreichen bis 90 cm Höhe. In Meer- und Süßwasseraquarien versuchen wir den filigranen Tieren entsprechende Lebensbedingungen zu bieten; auch der Teich im Ökopark wird einbezogen.
Das Senckenberg-Museum Frankfurt stellt den Nachbau eines Bryozoenriffs zur Verfügung. Die weltweit erste Ausstellung zu dieser wenig beachteten Tiergruppe zeigt, dass die Moostiere außerordentlich vielgestaltig sind und man zahlreiche interessante Spezialisierungen - wie Arbeitsteilung, geschlechtliche und asexuelle Vermehrungsstrategien, Brutpflege und Naturwirkstoffe gegen Krebs - finden kann, die bei so wenig entwickelten Tieren kaum vermutet werden.

Zweifellos eine Erfolgsgeschichte...

Exkurs

Pectinatella magnifica - Moostierchenkolonie

Eine unheimliche Begegnung der Dritten Art!

Im Herbst 2004 konnten wir im Biologie-Forum hier auf Taucher.Net einen spannenden Fall, besser Hilferuf, lösen:
In einem Fischteich in Ostfrankreich tauchten plötzlich unheimliche quallenähnliche Gebilde von Kopfgröße auf, die wir nach intensivem Rätseln und Nachforschen dann als (eingeschleppte?) gigantische Moostierchenkolonien (Pectinatella magnifica, "water brain") identifizieren konnten. Stichwort: Faunenverfälschung!( Link zum Thread).

Die Ausstellung

Auf zwei Etagen wird der Besucher in die Geheimnisse der Moostierchen eingeweiht. Gleich beim Eingang grüßt ein mehr als mannshohes Modell eines Moostieres sowie gegenüber Statoblasten (Dauerformen, Überwinterungsformen der Bryozoen).

Hans Hass in den 40er Jahren in der Ägäis
Hans Hass in den 40er Jahren in der Ägäis

Im ersten Stock trifft man auf einen alten Bekannten wieder: Hans Hass, der 1943/44 an seiner Dissertation über die mathematischen Grundlagen des Wachstums des Neptunschleiers forschte und schrieb.
Originaltitel: "Beitrag zur Kenntnis der Reteporiden" ( -mit besonderer Berücksichtigung der Formbildungsgesetze ihrer Zoarien und einem Bericht über das Schwimmtauchen als neue Methode der Meeresforschung).

Diese Arbeit ist übrigens noch heute im Verlag Schweizerbarth in Stuttgart erhältlich!

Dissertation Dr. Hans Hass
Dissertation Dr. Hans Hass

Weiter geht es zu einem Mikroskopierplatz und weiter mit fossilen Moostierchen aus weltweiten Fundstellen. Auf vielen weiteren Station kann man sich weiter über allerhand Moostiere und was es denn so interessantes über sie zu wissen gibt, informieren.
Die Beschreibungen zu den Exponaten sind in Fachsprache, was auch einen interessierten Laien ins Grübeln bringen kann. Vorteilhaft ist hier sicherlich die Teilnahme an einer Führung!

Übermannshohes Modell einer Moostieres
Übermannshohes Modell einer Moostieres

Und: natürlich kommen auch "meine" heimischen Gallertmoostierchen (Cristatella Mucedo) nicht zu kurz.

Salopp gesagt sind Moostierchen also das, worauf man immer ausrutscht wenn man ein Bach durchqueren will. Es sind nicht immer "Algen" auf denen wir ausrutschen! Aber Brozoen können nicht nur glibberige und glitschige Beläge auf allerhand Substraten bilden, oder Wasserleitungen verstopfen, manche von ihnen bilden medizinisch und pharmazeutisch interessante Substanzen wie Bryostatin, die z.B. im Kampf gegen Krebs helfen könnten.

Interessierte werden jedenfalls auch am Ausstellungsführer von Dr. Emmy Wöss "Moostiere (Brozoen)" - Inhaltsverzeichnis - jedenfalls ihre Freude haben! Auf 369 Seiten erfährt man aus den internationalen Fachartikeln darin wirklich alles, was man über Moostierchen wissen möchte. Der Preis mag mit 40 Euro hoch erscheinen, dafür bekommt man aber ein erstklassiges Fachbuch zum Thema!

Bryozoenriffe - Riffbryozoen
Bryozoenriffe - Riffbryozoen

Fazit

"Was sie schon immer über Moosthierchen wissen wollten und sich nicht zu fragen trauten ;-)"
Lohnenswerte Ausstellung zu einem Thema, das man nur sehr selten wo sieht und reichlich Nahrung fürs Hirn für alle Interessierten (Taucher)
Man sieht nur, was man weis!
Wer jetzt neugierig geworden ist: Die Ausstellung läuft noch bis zum 25. September- am 26. ist es zu spät!
Dauer der Ausstellung 22. April bis 25. September 2005
Öffnungszeiten: Mo-Fr 9-17 Uhr, So, Fei 10-17 Uhr, Sa geschlossen

U.a. mit Moostieren bewachsenener Krug aus dem Meer
U.a. mit Moostieren bewachsenener Krug aus dem Meer

Eintrittspreise

Eintritt gratis
Führungskarte 2,50 Euro

Kontakt

Biologiezentrum des OÖ Landesmuseum
Johann-Wilhelm Klein Str. 73
A-4040 Linz
Tel.: +43/732/759733-10
Führungszeiten sind auf der Homepage zu finden bzw. telefonisch zu erfragen!

Das Biologiezentrum Linz
Das Biologiezentrum Linz

Anfahrt

Das Biologiezentrum befindet sich im Linzer Stadtteil Urfahr, nahe der Uni, nördlich der Donau.
Die Johann-Wilhelm Kleinstrasse ist eine Querstrasse zur Leonfeldner Strasse gegenüber vom Baumax (Schleichwerbung! ;-). Ganz am Ende dieser befindet sich, etwas versteckt, rechts das Biologiezentrum.
Autobahnabfahrt Dornach/Universität von der A7 (Mühlkreisautobahn)
Eine genaue Anfahrtsskizze befindet sich auf der Homepage des Biozentrums!
Ach ja! Wo man beim Bio-Zentrum am besten UND legal parkt hab ich, trotz großen Parkplatz (mit ebenso großen Verbotsschildern) nebenan, noch nicht durchschaut... (Info willkommen!)

Nützliche Links

Biozentrum Linz
Taucher.Net Bio-Forum
Taucher.Net Bio-Berichte
Gallertartige Moostierchen (Cristatella mucedo)

(c) 2005 by Harald Mathä
Pressetext (Intro) vom Biologiezentrum Linz
Bild Neptunschleier: Meeresschule Pula


TIPP:Aktuelle Tauchangebote gibts auf unseren Angebotsseiten - reinschauen lohnt sich!


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