Vom Unterschied zwischen Unterwasseratmern und Tauchern...
von Achim Schlöffel
Zeit: Gegenwart
Ort: Ein Tauchboot auf dem Planeten Erde
Jane fiel mir gleich auf. Laut, selbstbewusst und offensichtlich routiniert
in dem was sie tut – derzeit zwar ausschließlich reden - aber das kann
sie schon mal. Ein plakativer Slogan auf ihrem T-Shirt verkündet dass
Jane sich aktiv am Schutz der Korallenriffe beteiligt. „Cool“ denke
ich mir, eine Aktivistin. Beim Beladen des Bootes benötigt Jane mehrere
helfende Hände um mit ihrer Ausrüstung klar zu kommen, was sie lautstark
kommentiert. Nachdem Jane sich in einen Lycrasuit gezwängt hat, erblasse
ich vollends. Der gesamte Oberkörper der Frau erstrahlt nun in Kompetenz.
Ein Aufnäher reiht sich an den anderen und lässt uns wissen, was
die Trägerin der Pelle an Ausbildung absolviert hat. Jane hat offenbar
mehr Specialities als manch anderer Tauchgänge und ihr breit gefächertes
Wissen schließt den „Deep-Diver“ ebenso ein, wie den „UW-Biology-Spezialist“.
„Da“, denke ich mir, „schaust Du jetzt mal ganz genau zu, da
gibt’s sicher was zu lernen."
Bevor es mit der Lektion losgeht, werde ich allerdings jäh aus meinen
Träumen gerissen, da Bob an Bord angekommen ist. Bob ist Ende vierzig
und Amerikaner, das ist weder zu übersehen noch zu überhören.
Bob versprüht Dollarzeichen statt Charme und hat wohl die ganze Welt
gesehen und, das ist das Beste daran, die ganze Welt kann sich daran
erinnern. Während Bob bereits den zweiten Schwank aus seinem bereits
ewig andauernden Taucherleben zum besten gibt, werde ich von den Müllers
abgelenkt. Während Herr Müller offenbar seit 20 Jahren die Tauchjugend
im heimischen Sportverein trainiert und somit mit allen Wassern – oder, dem
Bauch nach zu schließen – mit allen Bieren gewaschen ist, hat Frau Müller
das Tauchen weder erfunden noch gesucht – es scheint mehr zur Erfüllung
der ehelichen Pflichten zu gehören. Dafür darf aber auch das ganze
Boot teilhaben an den Nachhilfestunden, die Herr Müller Frau Müller
lautstark erteilt.
Bob ist mittlerweile bei seiner Erzählung ein paar Länder weiter
und ich kann nicht widerstehen. Als er eine mir gänzlich unbekannte Basis
erwähnt, falle ich ihm ins Wort: Ich: "Hey, did You meet James there?" BOB: « Sure! Son!! Dida couple of awesome dives-there..
» Ich: "Wow, haven´t been there for quite a while..
– did James show YOU the shark-cave?" (keine Ahnung ob´s da Haie
gibt – ich weiß nicht mal in welchem Land wir grade sind) BOB: « Man!!! Jamie (You outa know that he allows his
friend to call him Jamie!!) (Gut dass ich´s jetzt auch weiß!?)
was bitten there by one of the beasts and I dragged his bitten ass out…
blahblah blah) « Ich: "Great, blahblah…" und muss mich ganz schnell umdrehen…
Diveguide Josh rettet mich
und ruft zum Briefing. Bob winkt lässig ab, als Mann (Taucher) von Welt braucht man solch Zierrat nicht. Jane ergänzt das Briefing mit fundiertem
Wissen und trägt dadurch noch etwas mehr Glanz auf ihren ohnehin schon
schimmernden Körper. Müllers halten derweil ihr eigenes Briefing,
das sichtlich ergreifend sein muss, hat Frau Müller doch schon die ersten
Tränen in den Augen.
Nur zwei Langweiler, die es bis dato nicht geschafft haben meine Aufmerksamkeit
auf sich zu ziehen, hören mit mir zu.
„Verdammt“ denk ich, „Was haben die bis jetzt gemacht“. Ausrüstung
zusammengeschraubt, wie es scheint. Na ja...
Dreißig Minuten später erreichen wir den Tauchplatz und die Gruppe
macht sich fertig. Das heißt, nicht die ganze Gruppe.
Josh und die beiden
Langweiler sind an der Tauchplattform und springen ins Wasser. Bob, wird
eben von einem der Divemaster darauf aufmerksam gemacht, dass seine Flasche
falsch herum im Jacket steckt, was sich Bob überhaupt nicht erklären
kann, aber nichts daran ändert, dass der Divemaster es schnell ändern
muss.
Jane hat sich zwar den Weg bis zum Heck erkämpft, muss aber feststellen,
dass Maske und Flossen fehlen und walzt daher wieder zurück. Bedingt
durch ein figürliches Problem kommt Bücken nicht in Frage und der
Divemaster kann auch nicht, da ihn Bob vollends beansprucht. Jane legt also
wieder ab...
Müllers sind derweil noch mitten im Unterricht und weit davon entfernt,
fertig zu sein.
Mir wird zu heiß und ich springe auch schon mal ins Wasser, um dort
zu warten.
Eine kleine Ewigkeit später sind wir vollzählig und tauchen ab.
Halt - wir wollten abtauchen. Jane reichen die 12 kg Blei noch nicht und so
werden etwas umständlich weitere 2 kg am Jacket befestigt. Jetzt aber!
Während alle langsam absinken, lässt Jane Luft ab und schießt,
dem „Aufzug des Todes“ nicht unähnlich, senkrecht in die Tiefe.
Die Fächergorgonie, die den Fehler beging dort zu wachsen wo Jane aufschlägt,
bezahlt diesen mit dem Leben - zerquetscht unter Lycra und taucherischem Wissen.
Mit Hilfe von Josh kommt Jane dann aber schnell wieder ins Gleichgewicht
und der Tauchgang kann losgehen.
Der „dahingeschiedenen“ Gorgonie hilft das freilich nicht mehr, aber - wir erinnern uns - Jane schützt ja aktiv die Riffe, weiterer Schaden kann also sicherlich minimiert werden. Langsam dämmert mir, was die Aussage auf Ihrem T-Shirt bedeutet...
30 Minuten vergehen wie im
Fluge.
Jane führt Josh (oder ist es anders herum?), Bob versucht erfolglos Josh auszutricksen, indem er in die entgegengesetzte Richtung davonschwimmt und stets sehr erstaunt wirkt, wenn Josh ihn daran hinderte.
Müllers bilden das Schlusslicht, wobei sie gute deutsche Arbeitsteilung
demonstrieren:
Herr Müller hält den Kontakt zur Gruppe, indem er wie verrückt
zwischen dieser und seiner Frau hin und her eilt, (da machen sich 20 Jahre
Flossentraining bezahlt) während Frau Müller das gesamte Geschehen
eher aus der Distanz heraus betrachtet, was auch daran liegen könnte,
dass sie die letzten 20 Jahre mit Stricken statt Flossentraining verbracht
hat.
Dazwischen erspähe ich zwei unauffällige Gestalten, die, stromlinienförmig
und eins mit der Welt der Fische, dahingleiten und somit wenig zu meiner
Unterhaltung beitragen.
Am Anker des Bootes angekommen, kniet sich Jane erst mal ab, offenbar um
über das Aufstiegsprozedere nachzudenken (gab´s da nicht ein Speciality??).
In dieser Position findet aber der Bleigurt keinen Halt mehr in der Lycraverhüllten
Masse und rutscht ins Riff (wieder so ein Beitrag zum Schutz desselben). Jane
derweil, sucht ihr Heil im Aufstieg. Josh, der das ganze mit Schrecken sieht,
kann leider nicht helfen, da er Bob befreien muss, der sich mit seinem Oktopus
in einer Steinkoralle verfangen hat. Wie es dazukommen konnte bleibt ein
Rätsel, hing der Oktopus doch völlig frei herab, um im Notfall für
jeden erreichbar zu sein. Ist ja auch selbstverständlich, dass so ein
Tauchveteran entsprechend für seine Mittaucher vorsorgt. Von Müllers
fehlt jede Spur.
Auf dem Boot fallen mir zuerst die beiden Langweiler auf, die bereits ausgezogen
sind und bei der Bergung von Jane behilflich sind..
Jane und Bob hängen an der Strömungsleine hinter dem Boot. Natürlich
haben beiden unmittelbar nach erreichen der Oberfläche die Maske vom
Gesicht gezerrt, sich um den Hals gewurschtelt und den Automaten in hohem
Bogen ausgespuckt. Das Ausziehen der Flossen gestaltet sich dadurch etwas
schwierig, wenn man versucht ohne Maske etwas zu sehen und dabei verzweifelt
den Atem anhält, um zwischen zwei Wellen wieder etwas Luft zu schnappen.
Macht aber alles nichts. Hauptsache Maske und Automat weg, beides ist ja so
furchtbar, man kann es kaum erwarten sich davon zu befreien...
Nachdem Jane, einem gestrandeten Wal gleich auf dem Deck liegt, wirft Bob
eine Flosse nach der anderen aufs Boot und beginnt die Leiter zu erklimmen.
Es kommt wie es kommen muss und der Veteran aller Tauchveteranen fällt
rücklings wieder ins Meer. Die Flossen auf dem Boot, den Automaten irgendwo
und die Brille, der besseren Sicht wegen um den Hals. Was soll´s, Josh,
der Guide, soll was tun für sein Geld... Tut er dann auch...
Müllers treiben etwas abseits und haben gerade die zweite Lektion Nachhilfe
eröffnet.
Kaum an Bord, habe ich dann Gelegenheit im Detail zu erfahren, was ich alles
nicht gesehen habe. Bob hat - der scharfe Beobachter sieht eben mehr - fast
die gesamte Flora und Fauna des betauchten Gebietes gesehen. Ich verkneife mir die Frage, ob er den Walhai gesehen hat. Für Jane war es schlicht
„a fabulous dive with lots of awesome stuff!!!“ Müllers bleiben
unter sich, somit bleibt mir verborgen was sie gesehen haben.
Die beiden Langweiler haben derweil ihre Ausrüstung zerlegt und gepackt
und sich auf´s Vordeck gelegt um aus dem Weg zu sein. Ich beschließe
auch dorthin zu gehen, mein Tagesbedarf an Unterwasseratmern ist gedeckt und
ich mach mich auf die Suche nach den Tauchern, irgendwo müssen sie ja
sein, heißt es doch „Tauchboot“...
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