Siebzehn Jahre zuvor erblickte dieses Kind das Licht der Welt. Genauer
gesagt wurde es im Juli 1923 auf der Schneider-Gironde Werft bei Bordeaux
in Frankreich auf Kiel gelegt. Langsam wuchs es dort in die Höhe und
wurde mit alle dem ausgestattet, was nach den Bauplänen von Schneider-Laubeuf
ein aufgetaucht 615ts verdrängendes U-Boot der Circé-Klasse
so zum Leben brauchte. In seinen 62,48m langen und 5,40m breiten Doppelhüllenrumpf
mit der Baunummer DO N 2 wurde schon bald auch ein kräftig schlagendes
Herz eingesetzt, nämlich zwei jeweils 625 PS starke Schneider-Dieselmaschinen
und zwei jeweils 500 PS leistende Elektromotoren. Hiermit konnte das Boot
eine Überwassergeschwindigkeit von bis zu 14 Knoten bzw. eine Unterwassergeschwindigkeit
von maximal 7,5 Knoten erreichen. Der Bunkervorrat von 54 Kubikmeter Treiböl
in Überlast reichte aus um bei einer sparsamen Marschfahrt von 7,5
Knoten eine Reichweite von 3.500 Seemeilen zu erzielen. Diese maximal mögliche
Zuladung an Treibstoff wurde jedoch nur selten an Bord genommen da diese
U-Boote vom Typ "600 tonnes" als Küsten-Uboote bzw. U-Boot 2. Klasse
für eine Einsatzdauer von rund 20 Tagen konzipiert waren. Unabhängig
davon vermochten die Akkumulatoren an Bord bei 5 Knoten Fahrt unter Wasser
immerhin genug Energie für eine Reichweite von 85 Seemeilen zu liefern.
Auch die Bewaffnung konnte sich sehen lassen. Auf dem Oberdeck befand sich
vor dem Turm mit der Baunummer Q 135 ein 10cm L/40-Geschütz, auf dem
Turm konnten zur Flugabwehr zwei 8mm-Maschinengewehre bzw. ein 13,2mm-Maschinengewehr
angeschlagen werden und im Rumpf waren für die 18 mitzuführenden
Torpedos insgesamt sieben 55cm-Torpedorohre eingebaut worden. Drei dieser
Rohre befanden sich im Bug, zwei davon waren außerhalb am Bug angebracht.
Ein Zwillingsrohrsatz war im Achterdeck unmittelbar hinter dem Turm eingebaut
und konnte mit Hilfe eines Drehkranzes aus dem Bootsinneren heraus geschwenkt
werden. Zwei weitere Rohre waren dann noch starr außen am Heck eingebaut.
Nach der Fertigstellung in der Werft lief das neueste Fahrzeug der
Französischen Marine dann am 25. November 1927 vom Stapel und wurde
auf den Namen Doris getauft. Doris war in der griechischen
Mythologie die Tochter von Oceanos und Thetis welche 50 Nereiden gebar.
Nach dem Stapellauf wurde das Boot weiter ausgestattet, auf diversen Probefahrten
getestet und auch seine Werftgarantie von 80m maximaler Tauchtiefe ausgereizt.
Hierbei zeigte sich,daß die Boote recht brauchbar und gut zu manövrieren
waren, jedoch bei Tauchfahrt nur eine begrenzte Querstabilität aufwiesen.
Auch der Bewohnbarkeittsstandard war nicht wie gewünscht und die Torpedobewaffnung
in Summe zu kompliziert. Folgendes Bild zeigt die Doris am 9. August
1928 noch mit dem 10cm-Geschütz und 1. Turmform in der Zufahrt nach
Toulon. Im Hintergrund ein alter Kreuzer der Edgar Quinet-Klasse und zwei
damals neuere Kreuzer der Tourville-Klasse.
Photo Copyright 1928 Marius
Bar - Toulon, France ; cote - A02134
1930 wurde es dann von drei Offizieren sowie 38 Unteroffizieren und
Mannschaftsdienstgraden in Dienst gestellt. Folgendes Bild zeigt das Boot
im Jahr 1932 mit seinem neuen 7,5cm L/35-Geschütz auf dem Vordeck,der
taktischen Kennung N2 und einer neuen Turmform.
Photo Copyright 1932 Marius
Bar - Toulon, France ; cote - A03029
Die Friedensjahre verbrachte das in Toulon stationierte Boot im Mittelmeer.
Hierbei hatte die Besatzung gelegentlich Zeit einige Photos zu machen.
Auf dem folgenden haben sich 15 Kameraden von einem anderen Boot in Ausgehuniform
auf dem Heck ihres Untersatzes ablichten lassen. Auf der linken Seite sieht
man die Doris liegen. Sie führt am Turm sowohl den Namenszug
Doris
wie auch die taktische Kennung Z 7. Über dem Achterdeck der
Boote sind Sonnensegel gespannt.
Photo: Collection Valérie Le Borgne
Dieses Bild ist wie das nun folgende vor 1938 entstanden. Denn die auf
den Bildern zu sehenden Funkmasten wurden umgefähr 1937 von den französischen
Booten entfernt. Besonders schön sieht man bei untenstehdendem Bild
nicht nur die elf Matrosen in Räuberzivil auf dem Heck der auf Reede
liegenden Doris, sondern auch die Öffnung eines der beiden
außen am Heck eingebauten 55cm-Torpedorohre.
Photo: Collection Valérie Le Borgne
Scheinbar gab es nicht nur strengen Dienst an Bord, sondern gelegentlich
auch Frohsinn und Heiterkeit. Auf dem folgenden Bild -ebenfalls vor 1938
aufgenommen- befindet sich die Doris wieder auf Reede -möglicherweise
vor Toulon- vor Anker liegend. Die Mannschaft nutzt dabei 18 Mann hoch
den sonnigen Tag und läßt auf dem Achterdeck das Grammophon
Musik aufspielen.

Photos: Collection Valérie Le Borgne
Über die Friedenszeit läßt sich außer einem Wechsel
in der taktischen Kennung in DO und dann in 31 kaum etwas
besonderes berichten -außer einer Modernisierung in den Jahren 1937
bzw. 1938 und der ergänzung der Mannschaftsliste durch einen Bordhund
als Maskottchen.
Nach dem deutschen Einmarsch in Polen 1939 trat für Großbritannien
der Bündnisfall für dieses Land ein und es kam zum Kriegszustand
zwischen dem Deutschen Reich und dem Vereinigten Königreich. Damit
trat für Frankreich die Beistandspflicht an der Seite Großbritanniens
gegen Deutschland ein. Zu diesem Zeitpunkt unterstand die Doris
dem Befehl des "Admiral Sud" -zu diesem Zeitpunkt war dies Vizeadmiral
Esteva, dem Kommandeur des 3. Marinebezirks. Dort war sie Teil der "13ème
division de sous-marins", der 13. Unterseeboot-Division und gehörte
zusammen mit den Schwesterbooten Thétis,Calypso und Circé
zum 5. Geschwader der 1. Flottille. Kriegsbereit war die Doris aber
nicht, sie befand sich -zu diesem Zeitpunkt unter dem Kommando von Capitaine
de Corvette Jean Favreul- zur Überholung im Trockendock von Toulon.
Das machte aber nichts, da der Seekrieg zwischen Deutschland und Frankreich
die Anwesenheit des vergleichsweise kleinen Mittelklasse-Ubootes nicht
notwendig machte. Anfang 1940 kam für die Royal Navy aber der U-Bootsschock
in der Deutschen Bucht. Innerhalb kürzester Zeit wurden im Januar
drei britische Boote versenkt -die HM S/m Seahorse, HM S/m Undine
und HM S/m Starfish. Die britische Admiralität reagierte sofort
und beschloß bis zur Ursachenklärung keine U-Bootpatrouillen
mehr östlich des deutschen Minenfeldes in der Nordsee durchzuführen.
Um den Druck auf die deutsche Seefahrt aber weiterhin ausüben zu können,
sollte die Bewachung des Skagerraks und der holländischen Küste
intensiviert werden. Dafür hatte die Royal Navy aber nur noch zehn
Unterseeboote in der ganzen Nordsee zur Verfügung. Das reichte bei
weitem nicht. In diesem Augenblick bot die französische Marine
12 eigene Unterseeboote an um Großbritannien zu helfen. Dieses Angebot
wurde gerne angenommen und man kam überein die Boote mit französischer
Flagge taktisch dem Kommandeur der britischen U-Boote, Vice-Admiral Max
Horton, zu unterstellen.
Im einzelnen sollten die großen 1.500t-Boote
Casablanca,Sfax,Achille,Pasteur
der "2ème division de sous-marins" und die mittelgroßen 600t-Boote
La
Sibylle, Antiope, Amazone, Thétis, Circé, Calypso, Orphée
sowie ... Doris der "16ème division de sous-marins" und der
"13ème division de sous-marins" den befreundeten Briten zu Hilfe
kommen. Die 600t-Boote der 13. Unterseeboot-Division bereitete sich in
diesen Tagen jedenfalls auf den Krieg vor. Nachdem die Doris wieder
aus dem Trockendock heraus war, liefen nämlich am 14. Februar die
Boote ihrer Division von Toulon zum nordafrikanischen U-Bootstützpunkt
Bizerta um dort Manöver abzuhalten.
Premier maître mécanicien Maurice Le
Sceller
mit Kameraden in Nordafrika
Photo: Collection Mme. Liliane
Sylvestre
Dies war um so notwendiger, als daß das ordnungsgemäße
Funktionieren der reparierten Apparaturen zu überprüfen war.
Die Fahrmanöver im restlichen Februar sowie im März zeigten jedoch,daß
die schon etwas in die Jahre gekommenen Boote störanfällig waren
und nicht selten relativ langwierige Reparaturen notwendig wurden die eigentlich
nur im Marinearsenal von Toulon durchgeführt werden konnten. Währenddessen
lief die erste Welle französischer U-Boote, nämlich die La
Sibylle, Antiope, Amazone, Orphée und das U-Bootdepotschiff
Jules
Verne von Cherbourg aus. Sie kamen am 22. März um 22.30 Uhr unter
der Führung ihres Divisionsschefs Capitaine de vaisseau de Belot im
Hafen von Harwich in Großbritannien an und gingen dort vor Anker.
Am Tag darauf warfen auch die U-Boote Circé,Calypso,Thétis
und Doris mit den Resten der 13. Unterseeboot-Division Bizerta die
Leinen los um als Geleitschutz für den Konvoi RS 17 fungierend über
Oran nach Brest zu verlegen.
Doris 1940 vor Oran bei der Verlegungsfahrt nach
Frankreich
Bild: Collection Capitaine de vaisseau Jacques Favreul
Nach ihrer Ankunft in Cherbourg am 3. April ging es sofort weiter,so
daß der kleine militärische Verband am 4. April morgens um 10.00
Uhr Brest erreichte. Hier wurde versucht neu aufgetretene Mängel zu
reparieren. Die Ersatzteillage ließ dies jedoch nur sehr oberflächlich
zu. Die verdächtig vielen Havarien an Bord der Boote aus Toulon hatte
mittlerweile eine Untersuchungskommission auf den Plan gerufen. Verdacht:
Sabotage im Marinearsenal Toulon! Aber die Boote sollten trotzdem nach
England. Am 12. April hatten drei Boote die notwendigsten Reparaturen durchgeführt,ihre
Vorräte ergänzt und waren dann um 14.00 Uhr wieder ausgelaufen:
die Circé, Orphée und die Doris. Sie erreichten
Harwich zwei Tage später um 15.00 Uhr - immer noch von Ausfällen
geplagt. Ihnen folgte am 15. April die Gruppe mit den großen 1.500t-Booten
Casablanca,Sfax,Achille
und Pasteur , die am am Nachmittag des 18. April ebenfalls sicher
in Harwich ankam und später von Dundee aus eingesetzt wurde. Die letzten
Einheiten der 13. Unterseeboot-Division verließen Brest am 17. April
um 16.30 Uhr und erreichten Harwich am. 20. April um 07.45 Uhr morgens.
Während die Verlegung der französischen Boote nach England
noch im Gang war, hatten die Boote aus der ersten Welle schon kurz nach
ihrem Einlaufen in Großbritannien wieder seeklar gemacht und waren
ausgelaufen. Sie patrouillierten im Gebiet zwischen den Koordinaten 52°
00`N / 56° 15`E und 03° 00`N / 07° 15` E. Mit Eintreffen der
anderen Boote wurden diese auch sukzessive eingesetzt, so daß ab
Ende März bis vorerst Anfang Mai die geplante Seegebiete unter alliierter
Bewachung standen. Ab dem 19. April traf dies bis zum 19. Mai auch für
den Eingang zum Skagerrak zu.
Eines dieser Boote war auch die Doris. Nach ihrer Ankunft in
Harwich hatte sie sofort Ersatzteile vom U-Bootdepotschiff Jules Verne
angefordert. Dieser hatte das Geforderte aber nur zum Teil an Bord und
mußte das Gewünschte erst langwierig aus der Heimat anfordern.
Der Chef der französischen Hilfsflottille sah sich wegen der Dringlichkeit
des U-Bootpatrouillen und der Ausfälle bei den eigenen Booten sogar
genötigt, ein weiteres Boot aus der Heimat anzufordern. Nur bekam
er es nicht. Man mußte sich selbst behelfen. Auch in Bezug auf die
Ersatzteile.Sie kamen und kamen nicht. Auch nicht für die Doris.
Die häufigen deutschen Luftangriffe auf Harwich und die alliierten
Schiffseinheiten dort machten den französischen Seeleuten in ihren
Booten das Leben und die Reparaturarbeiten an ihren Maschinen nicht eben
leichter. Trotz allem ging sie dann am 19. April um 19.00 Uhr von Harwich
aus in See um ihre erste Feindfahrt im Krieg anzutreten und vor Helgoland
Patrouille zu fahren. Am 22. April trat abends um 20.00 Uhr aber ein Defekt
am Backbordkompressors auf. Dies war ein gravierender
Schaden. Denn das Boot brauchte Druckluft um die Dieselmotoren betreiben zu können. Und diese Druckluft
stellten die Kompressoren bereit. Jeder Motor verfügte zwar über einen eigenen Kompressor, aber bis zur Behebung des Schadens konnte das Boot erst mal nur maximal halbe Kraft laufen. Wenn man schnell wegtauchen wollte, aus der Luft von einem Flugzeug oder auf See von einem Zerstörer angegriffen wurde -da war Geschwindigkeit überlebenswichtig.
Also entschloß sich der Kommandant zur Rückkehr
nach Harwich. Dort kam die Doris am 25. April auch sicher an und
ging um 11.30 Uhr am angewiesenen Liegeplatz vor Anker. So wie die Doris
war auch die Orphée vorzeitig zurückgekehrt. Bei ihr
war bei einem Schnelladevorgang für die Akkumulatoren eine E-Maschine
beschädigt worden. Mittlerweile waren für die Doris Ersatzteile
aus der Heimat angekommen. Aber: statt der angeforderten Kolben und Zylinder
für einen Kompressor eines Schneider-Motors hatte man irgendwas anderes
eingepackt ! Die richtigen Ersatzteile befanden sich nun auf dem Seeweg
nach Toulon...
Am 4. April bekam das britische Oberkommando Wind von einem möglicherweise
unmittelbar bevorstehenden Einmarsch deutscher Truppen in Holland und bereitete
Pläne zu einer Seeblockade der holländischen Küste vor.
Insbesondere deutsche Truppentransorte und Landungsverbände sollten
dort kein Durchkommen mehr haben. Am 7. April war sich die britische Admiralität
sicher,daß nun der deutsche Einmarsch unmittelbar bevorstünde
und befahl allen U-Booten in Harwich auszulaufen -so lange sie nicht absolut
seeuntüchtig wären. Der Chef der französischen U-Flottille
in Harwich gab diesen Befehl so an seine Kommandanten weiter. Dem Kommandanten
der Doris gab der Flotillenchef folgenden "Rat": er solle mit dem Kompressor des intakten Motors Druckluft für den Steuerbordmotor erzeugen. Alternativ sollte die Druckluft von einem Hilfskompressor bereitgestellt werden. Dann könne der bis dato ausgefallene Motor auch laufen -maximal mit
halber Kraft. Trotzdem sie sich der großen Gefahr bewußt
waren, mit einem in Ermangelung von Ersatzteilen immer noch nicht fertig
reparierten und möglicherweise sabotierten U-Boot in den Krieg ziehen
zu müssen, akzeptierten Kommandant und Besatzung den Befehl und den
"Rat" um ihren Beitrag im Krieg zu leisten. Der Elektronikgast Pierre Menezo
vom Schwesterboot Amazone erzählte dazu nach dem Krieg:
Vor dem Inseegehen der Doris ,der Amazone und der HM
S/m Shark hielt mich auf der Jules Verne unser Feldgeistlicher
auf uns bat mich den Besatzungen beider französischer Boote mitzuteilen,daß
er ihnen den Segen "in articulo mortis" erteilen und ihnen ihre Sünden
vergeben wird. Eine kirchliche Handlung, die Geistliche nur in Notsituationen
höchster Lebensgefahr vornehmen. Als ich an Bord der Doris
ging, waren beide Besatzungen dort und bliesen über einem Glas Wein
Trübsal. Das hatte Pierre Menezo noch bei keiner ausfahrenden Besatzung
erlebt. Davon außer Fassung gebracht, vergaß er vollkommen
die Mitteilung des Feldgeistlichen an die Besatzungsmitglieder der beiden
Boote.
Und so warfen um 15.30 Uhr die drei Boote ihre Leinen los und liefen
gemeinsam aus. Zielgebiet: benachbarte Planquadrate vor der holländischen
Küste. In dem Seeraum wo sich diese Planquadrate befanden patrouillierten
schon die Thétis, Calypso, Sibylle, Antiope, HM S/m Sturgeon,
HM S/m Snapper, HM S/m Seawolf und HM S/m Triad.
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