Kurz nachdem U 9 duch den Kaiser-Wilhelm-Kanal ausgelaufen war, kam es am 6.Mai
1940 morgens um 00.50 Uhr beim Inkielwassergehen hinter dem Sperrbrecher IX noch auf Reede zu einer Kollision, bei der die Back eingebeult wurde.
Außerdem klemmte Torpedorohr I. Schon nach wenigen Minuten hatte
das Boot eine Schlagseite von 40 Grad. Sofortige Nachforschungen ergaben,daß
das Torpedorohr I vollgelaufen war. Das konnte durch ein Gegenfluten von
Reglerzellen ausgeglichen werden. Diese Schäden zwangen das Boot noch
am gleichen Tag in Helgoland Station zu machen. Dort wurde ein Taucher
herbeibeordert, der die Mündungsklappe wieder gängig machte.
Außerdem wurden lose Schrauben und Nieten festgeschweißt. Abends
konnte Lüth dann schon um 18.00 Uhr DGZ -Deutscher Gesetzlicher Zeit-
wieder in See gehen und lief über den Weg 1 aus dem Hafen in die Nordsee.
Am nächsten Tag änderte der III. WO, ein Obersteuermann,
selbsttätig den Kurs. Dies bemerkte man recht schnell, aber nicht
schnell genug. Auf einmal stand das Boot mitten im Minenwarngebiet! Daß
U
9 noch auf keine Mine gelaufen war, war ein Wunder. Mit einem besonders
scharfen Ausguck nach Minen wurde weitergefahren. Als man wieder aus dem
gefährlichen Gebiet heraus war, passierte das Boot am 7. Mai
nachts um 24.00 Uhr eine Gruppe Fischerboote. Anschließend wurde
Kurs auf das Terschellingbank-Feuerschiff gesetzt. Dies wurde um 04.00
Uhr früh am 8. Mai passiert. Da sich dort in der Nähe rund 40
Fischerboote ihrem Geschäft nachgingen, ließ Lüth tauchen.
Er tauchte erst wieder um 22.27 Uhr im Planquadrat AN 8271 auf. Bei mittlerer
Sicht, Neumond und sternenklarer Nacht waren von der Brückenwache auf
U
9 gegen Land zu im Osten die Lichter weiterer Fischerboote -rund 10 bis
20 an der Zahl- zu sehen. Um 23.50 Uhr meldete der Backbordausguck : "Schatten
querab!" Im Osten hatten die Lichter der Fischer die Anwesenheit eines
anderen, abgeblendet fahrenden U-Bootes verraten. Der Schattenriß
des unbekannten Unterseebootes zeichnete sich nämlich in 3.000 - 4.000m
Entfernung deutlich vor den Lichtern der Fischer ab. Lüth notiert
zum folgenden Geschehen im Kriegstagebuch des Bootes:
Angriff angesetzt. Leider habe ich den hellen Horizont im Westen.
Gegner steuert Gegenkurs etwa 320°,geht dann auf Parallelkurs 140°
und läuft zeitweilig hohe Fahrt, so daß Bugsee zu sehen ist.
Ich drehe gerade zum Schuß auf, als Gegner auf mich zudreht. Abgedreht,
Abstand genommen. Gegner läuft nun wieder nordwestlichen Kurs.
Keine halbe Stunde ergänzt Lüth um 00.16 Uhr auf der Höhe
nördlich von Ijmuiden seinen Eintrag im Kriegstagebuch:
Doppelschuß mit G 7 e = 2m Tiefe, G 7 a = 3m Tiefe und V =
30 sm, auf 700m Vg = 5 sm, Lage 80°, Abkommpunkt vorn 20m, hinten 30m.
Eigene Fahrt Bb.-E-Maschine KF weil Bugsee stark leuchtete. Nach 52 Sek.
= 700m, starke Detonation. Beide Laufbahnen waren zu sehen. Die vom G 7
e hervorgerufen durchs Schraubenwasser,G 7 a Blasenbahn trifft Achterkante
Turm. Detonation geht in eine zweite noch stärkere über. Anschließend
25m hohe, unten weißliche, oben rote Feuersäule, dann 30 - 50m
hoher Funkenregen, dann eine 100m hohe Rauchwolke. Sprengstücke fliegen
umher bis 30m neben das Boot. Ölfleck mit etwa 500m Durchmesser in
Sicht. Hingefahren,nichts mehr zu sehen. Starker Geruch nach Pulver und
Öl. Boot schien etwa 1.000t groß, hatte einen verhältnismäßig
niedrigen aber langen Turm von der Seite gesehen. Vielleicht Typ "Grampus".
Eine Kanone einzeln an Deck wurde nicht bemerkt. 00.26 Uhr: Zweite Detonation
hörbar, nichts zu sehen. Muß G 7 e am Ende der Laufstrecke nach
12 Minuten Laufzeit gewesen sein. Weitermarsch Richtung Scheveningen, um
Schiffsort zu beobachten.
Neben dem der Doris zur Patrouille zugewiesenen Quadranten patrouillierte
ein anderes französisches Boot -die Amazone. Als die Brückenwache
dieses U-Bootes aus der angenommenen Richtung der Doris die Feuersäule
beobachteten, rief der I. Wachoffizier unwillkürlich aus: "Das ist
die arme Doris!"
Tatsächlich gab es keine Überlebenden. Als Untergangskoordinaten
wurde die Position 52° 50`N / 03° 34` E bzw. das deutsche Marineplanquadrat
AN 8511 festgehalten.
Was war passiert? War man auf der Brücke der Doris nicht
aufmerksam genug gewesen? Oder wirkte sich der Befehl Admiral Horton`s
verhängnisvoll aus, nach dem wegen Anwesenheit neutraler holländischer
U-Boote sowie polnischer U-Boote in Diensten Großbritanniens vor
Ort kein Unterseeboot angegriffen werden durfte das absolut sicher als
feindliches U-Boot erkannt worden war? Hätte die Doris bei
einem Zweifel über die Identität eines U-Bootes nicht einfach
wegtauchen können? Oder hatte es seine Druckluftvorräte schon
verbraucht und war in diesem Moment dazu verurteilt die gefährliche
Situation an der Wasseroberfläche durchzustehen? Wir werden es nie
erfahren...
Am 9. Mai marschierten deutsche Truppen in Holland ein. Am gleichen
Tag verkündete der Deutsche Reichsrundfunk die Nachricht,daß
"in der Nordsee von unseren Streitkräften ein feindliches U-Boot vernichtet
wurde". Auf alliierter Seite funkte man am 12. Mai der Doris, daß
sie von der Circé abgelöst werden würde und ihre
Position mitteilen solle. Am 15. Mai ließ Vice
Admiral Max Horton offiziell verkünden, daß die Doris
"als zerstört, wahrscheinlich von einem deutschen U-Boot torpediert
worden sei". In Frankreich wurden zuerst die Angehörigen benachrichtigt,
dann offiziell mitgeteilt daß die
Doris "mit allem an Bord
bei einer Überwachungsmission in einem vom Feind verminten Gebiet
vermißt worden ist".
Am 15. Mai 1940 kehrte U 9 nach 11 Seetagen heim und lief in
Wilhelmshaven ein. Es hatte während dieser Feindfahrt nach der Doris
noch den 1.908 BRT großen estnischen Tanker SS Viiu sowie
den 1.903 BRT großen britischen Frachtdampfer SS Tringa versenkt.