63 Jahre fand sich keine Spur der Doris....
Im Juni 2003 änderte sich das. Zwei miteinander befreundete holländische
Taucher -Ton van der Sluijs und Hans Martin van Leeuwen- stöberten
in ihren Seekarten. Naturgemäß hatte es ihnen das Kartenwerk
der Nordsee vor ihrer Haustüre besonders angetan. Ein grüner
Punkt darauf erregte ihre Aufmerksamkeit.
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Dieser kündete von einem Unterwasserhindernis. Was war das? Hans
sagte: "Am Samstag werden wir schönes Wetter haben - laß uns
einfach mal nachgucken !!" Aber bevor sie nun rausfuhren gingen sie zuerst
zum Hafen und fragten die Fischer, ob sie wüßten was dort liegt.
Bei dieser Fragerei mußte man aufpassen mit wem man sprach. Einige
der Fischer kannten nämlich Taucher. Also hielten sie sich an Fischer
ohne Bekannte in der Taucherschaft.
Doch überlassen wir die Schilderung der weiteren Ereignisse Ton:
Einer der Fischer erzählte uns,daß er dort vor vielen Jahren
mal Teile eines Netzes verloren hatte. Das beruhigte uns immerhin insoweit,
daß wir nun davon ausgehen konnten nicht sieben Stunden auf der Nordsee
raus zu einem Punkt zu fahren, wo nichts zu finden ist.
Die Tage bis zum Sonntag waren wir etwas nervös. Den Samstag verbrachten
wir damit das Boot duchzuchecken, insbesondere das Getriebe. Außerdem
füllten wir das Motoröl auf und brachten unsere Dieselvorräte
an Bord wieder auf den vollen Bestand. Damit konnten wir im Notfall bis
England und zurück fahren.
Unsere Planung sah so aus: wir würden morgens um 3.00 Uhr früh
auslaufen und dann sechseinhalb Stunden mit einem Kurs von 298 Grad fahren,
bis wir 33 Nautische Meilen weit draußen wären. Als wir dann
losfuhren war der Himmel Pechschwarz. Nur einige wenige Sterne funkelten
klar über der offenen See. Hans und ich schlürften unter diesem
schönen Himmel selig an unseren Kaffeetassen. Währenddessen sang
unsere Maschine, eine Volvo Penta MD2B, bei 1.800 Umdrehungen pro Minute
ihr lautes aber für unsere Ohren liebliches Lied. Etwas, das ich mein
ganzes Leben lang nicht vergessen werde. 25 Pferdchen die unsere Sloop
munter über die Nordsee zogen. Unsere Sloop ist übrigens ein
ehemaliges Polyester-Boot der Lebensrettungsgesellschaft. Vorne im Bug
hat es ein Schutzdeck damit nicht jede Welle in das Boot schlägt.
Es ist außerdem mit einem Rettungsfloß für vier Personen,
zwei unabhängig voneinander operierenden Bilgepumpen und zwei separaten
Dieseltanks ausgestattet. Im Fall von Verunreinigungen des Dieselkraftstoffs
mit Seewasser kann jederzeit auf einen nichtkontaminierten Tank umgeschaltet
werden. Sollte trotz allem unsere Maschine einmal ausfallen, hatten wir
noch ein Notsegel an Bord. Solange Wind weht kommen wir also immer sicher
nach Hause. Aber bislang brauchten wir nicht auf unsere Sicherheitsreserven
zurückgreifen. Das Wetter spielte nämlich schön mit, also
hatten wir bisher eine nette Überfahrt. Zumal Hans und ich eigentlich
immer etwas haben, worüber wir uns auf solchen Fahrten unterhalten
können. Und wenn das mal nicht der Fall sein sollte, hatten wir immer
genug gute Bücher an Bord um die Zeit totzuschlagen. Trotzdem die
See rund um uns herum ruhig und leer war, gab es seltsamerweise immer wieder
etwas besonderes zu sehen, das unsere Aufmerksamkeit erregte. Meist reichte
dazu schon die Art und das Muster des Wellenschlags aus. Kaum eine Welle
gleicht der anderen und ich habe auch die See selbst von Woche zu Woche
kaum gleich erlebt. Dazu ist die Variation der Farben von Himmel und See
genauso wie die unzähligen hin- und herlaufenden Wellen zu unterschiedlich.
Mittlerweile hatten wir fast die gesamte Distanz zurückgelegt und
näherten uns der Stelle unseres Interesses. Da war es wieder. Dieses
Kribbeln. Jedes Mal wenn wir eine neue Stelle anfuhren,waren wir ein wenig
nervös. Ist da überhaupt etwas? Was ist es überhaupt? Werden
wir es auch finden? Da - das Sonar zeigte etwas an !!
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Was genau -das konnte man noch nicht erkennen.Aber irgendetwas lag da.
Das war nun sicher. Kurz nachdem das Echolot das Unterwasserhindernis angezeigt
hatte, warf Hans ein Gewicht über Bord. Daran war eine Leine befestigt
die an den Griffen zweier 25 Liter-Ölkanistern angebunden war. Sollten
wir nun nach Instrumenten fahrend die Position verlieren, würden wir
die Stelle dank der Ölfässer wiederfinden. Das Auffinden einer
Position mit dem GPS-Gerät ist nämlich nicht so einfach. Das
Gerät braucht manchmal ein bissl bis es seine Position errechnet hat.
Um so mehr, wenn man über einer Stelle kreiselt um mit dem Sonar das
Wrack oder ein Trümmerfeld genauer zu erfassen. Dabei rechnet sich
das GPS-Gerät manchmal einen Wolf,so daß sich Ungenauigkeiten
in der Position von bis zu 50m ergeben können. Liegt man aber erst
einmal vor Anker,stabilisiert sich das GPS-System und gibt eine genaue
Angabe. Wir machten nun einen zweiten Anlauf auf das Wrack zu. Ich stand
am Steuerrad,während Hans mit einem Anker am Bug bereitstand. Sobald
nun das Sonar das Wrack wieder anzeigte rief ich im zu: "Los ! Ab dafür!"
Einige Minuten später hatten wir unser Boot sicher mit dem Wrack vertäut.
Hans und ich rödelten uns nun auf. Wir waren schon sehr gespannt was
wir nun da unten sehen würden! Ich tauche zwar schon 15 Jahre in der
Nordsee und Hans 31 Jahre, aber es läßt uns immer noch nicht
los. Anderen geht es scheinbar nicht so. Seit rund sechs Jahren beobachten
wir einen Trend nach dem immer weniger Leute raus auf die Nordsee zum Tauchen
fahren - wohl nicht zuletzt weil es auch immer weniger Boote gibt die rausfahren.
Zwar hören wir immer wieder daß viele Leute gerne rausfahren
würden um an Wracks zu tauchen, aber den Teil am Nordseetauchen bei
dem sie stundenlang in einem Boot sitzen müssen bis sie endlich am
Tauchplatz sind mögen sie nicht. Für uns ist so eine Unternehmung
als ganzes immer noch ein Abenteuer und wir betrachten es als Privileg
dann immer ein ganzes Wrack für uns allein zum betauchen zu haben.
In der Regel tauchen wir in der Nordsee nie tiefer als 35m. Die Sicht an
Wracks ist von April bis Juli mit einem halben bis zwei Meter nicht selten
recht bescheiden. Das ändert sich aber je weiter man rausfährt.
Speziell ab Ende Juli kann die Sicht rund 25 Meilen weg von Land dann zwischen
13 und 25m betragen. Das einzige was man dann noch im Auge haben muß
ist die Strömung. Diese geht mit umgefähr 2 Knoten. Aus diesem
Grund tauchen wir eigentlich nur ab wenn die Strömung kurz vor Tidenruhe
schon schwächelt. Nach dem ersten Tauchgang machen wir meist eine
Oberflächenpause von 40 Minuten in der wir ein bischen futtern. Dann
gehen wir wieder tauchen. Am Ende des zweiten Tauchgangs fängt die
Strömung dann an in die andere Richtung zu laufen. Mit zwei Tauchgängen
pro Tag haben wir dann die strömungsfreie Zeit optimal genutzt. Zwar
tauchen wir gelegentlich auch während Strömung, aber da braucht
man eigentlich zu viel Kraft und Atemgas um sich in der Strömung am
Ankerseil entlang nach unten zu hangeln. Das machen wir eigentlich nur,
wenn wir ein Projekt unbedingt zu Ende führen wollen. Das war nun
aber nicht der Fall, wir befanden uns ja vor unserem ersten Tauchgang an
der neuen Wrackstelle. Und so hüpfte Hans nun über dem eben gefundenen
Unterwasserhindernis mit einem Riesensprung ins Wasser. Nicht ungefährlich
bei einem so kleinen Boot wie unserem, denn wenn man aufrecht darin steht
reicht schon eine Welle dazu aus das Gewicht zu verlieren. Und das mit
35 Kilo Ausrüstung auf dem Leib! Wären ich noch an Bord blieb,
tauchte Hans ab um eine zweite Leine unten am Sonarecho festzumachen. Hierbei
stand ich an der Bordwand und gab Seil lose nach. Sonst hätte Hans
zuviel am Seil zerren müssen. Er hatte so aber schon genug zu tun
beim Abstieg entlang der Ankerleine. Wie eben schon erwähnt muß
an solchen Hochseetauchplätzen gelegentlich mit Strömung gerechnet
werden. Dies bewahrheitete sich jetzt wieder und er mußte sich förmlich
nach unten ziehen. Bei solchen Gelegenheiten kann es auch vorkommen, daß
einem die Maske vom Kopf gerissen wird wenn man den Kopf wendet. Und das
möchte man manchmal schon,denn je nachdem von welcher Seite die Strömung
kommt, bläst sie einem unangenehm in das linke oder rechte Ohr. Hans
taucht immer mit einer Dräger-Vollgesichtsmaske. Darin befindet sich
eine Unterwasserkommunikationseinrichtung. Als er nun das zweite Seil am
Wrack festgemacht hatte, teilte er mir mit,daß ich oben das Seil
auch festmachen könne. Nebenbei verriet er,daß sich auf dem
Meeresgrund ein ziemlich seltsamer Schiffskessel befand. Das interessierte
mich sehr, war ich doch drei Jahre als Heizer auf einem kohlebefeuerten
Schlepper zur See gefahren! Ich folgte Hans nun mit einer Rolle über
die Bordwand und tauchte ab. Bald schon sah ich Hans wie er 16m über
dem Meeresgrund schwebte. Genauer gesagt über einem Kessel der ohne
Zweifel ein U-Boot, bzw. dessen Turm war!
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Auf der einen Seite war der abgerissen auf der Seite liegende Turm schon
recht bewachsen. Auf der anderen konnte man noch technische Details ausmachen.
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Hier fanden sich später auch noch einige interessante Details wzB.
dieser Peilring von der Brücke mit Gradeinteilung.
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Aber jetzt befestigte ich so schnell ich konnte meine Sicherheitsleine
an unserem zweiten Ankertau. Dieses war übrigens mit einer speziellen
Klammer am Wrack befestigt. Diese Klammer konnte mit Hilfe von daran befestigten
Leinen von der Oberfläche aus bedient werden. Hans und ich freuten
uns verständlicherweise sehr über unseren Fund. Außerdem
war es auch spannend das U-Boot mitsamt dem Trümmerfeld drumherum
zu erkunden. Leider war das Wrack stark versandet. Tauchte man vom Turm
in Richtung Bug konnte man kaum das Deck sehen. Nur die höher aus
dem Deck herausragenden Baugruppen des Bootes waren sichtbar wzB. die Bugankerwinsch.
Blickrichtung nach vorn in Richtung Bug
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Am meisten gab es aber mittschiffs zu sehen.Also tauchten wir zurück,am
Turm vorbei zum für uns wahrnehmbaren Ende des Wracks.
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Dieses Ende war jedoch nicht das Bootsheck, sondern die Abrißkante
an der das Boot nach der Detonation des deutschen Torpedos sowie der Sekundärexplosionen
in zwei Teile gebrochen war.
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Im Vordergrund gut zu sehen: das kreisrunde Schott zum Maschinenraum
im abseits liegenden Heck des Wracks.
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Der Schatten im Hintergrund ist der umgestürzte Turm.
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Begibt man sich von der Abrißkante auf der Suche nach dem Heck
weiter nach hinten und entfernt sich vom Hauptwrackteil, taucht man über
ein ausgdehntes Trümmerfeld.
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Hie und da lugt eine zu identifizierende Baugruppe aus dem Sand, wzB.
hier wieder eine Deckswinsch.
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Nach dieser ersten Inaugenscheinnahme des Wrack nahmen wir unsere Sicherheitsleinen
und maßen das Wrack von vorne bis hinten durch. Ergebnis: das
unbekannte U-Boot war so wie wir es wahrnahmen rund 65m lang. Aus unseren
Unterlagen wußten wir, daß die Doris knapp 63m lang
gewesen war. Während der nun folgenden Tauchgänge brachten wir
einige interessante Teile hinauf auf unser Boot. Das erste dieser Teile
ware eine Kupferplatte auf der folgende Worte in französischer Sprache
standen: "moteurs d`electrique" und "poste centrale". Das zweite und wichtigste
Teil war ein großes und 70kg schweres Luftventil-Gehäuse.
Das Ventilgehäuse auf dem Meeresgrund
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Das an Bord zu bekommen war gar nicht so einfach. Aber für solche
Fälle haben wir immer ausreichende Hebesäcke an Bord. Hier half
uns ein 200kg-Hebesack. Mit ihm und so einigem an Muskelschmalz schafften
wir es, diesen Metallklotz über die Bordwand zu hieven. Auf dem Weg
zurück nach Ijmuiden freuten wir uns über unseren Fund so sehr,daß
wir an Deck vor lauter Ausgelassenheit fast einen Indianertanz hingelegt
hätten. Wir fragten uns, was für eine Art von U-Boot das wohl
sein möge und ob das eine schon allgemein bekannte Untergangsposition
gewesen war. Während wir uns nun auf unserem sechseinhalbstündigen
Rückweg befanden, fingen unsere Mägen an zu knurren. Also machten
wir uns Tomatensuppe und ein paar Spiegeleier mit Nudeln. Für den
kleinen Hunger nach dem Tauchgang hatten wir uns nämlich in unserer
Schaluppe eine Miniküche mit einem kleinen Kocher eingebaut. So hatten
wir -außer bei rauher See- auch immer heißen Tee oder Kaffee
zur hand.
Zuhause angekommen suchten wir natürlich Im Internet nach unserem
U-Boot. Aber wir fanden nichs. Ein guter Bekannter und U-Bootexperte sagte
uns zu,daß er es mal versuchen würde.
Zuhause entfernte ich mit Hammer und Meißel vorsichtig die Kalkverkrustungen
an dem Ventilgehäuse. Zum Vorschein kam die Typenbezeichnung für
das Ventil und...der Schiffsname ! Es war die DORIS !
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Das war eine Neuigkeit! Ich rief sofort Hans an und teilte ihm voller
Freude mit was ich entdeckt hatte -fast schrie ich vor lauter Aufregung
den Namen des U-Bootes in den Hörer. Als ich dann meinen U-Bootbekannten
anrief und ihm den Namen mitteilte, begann er eine neue Suche. Drei Tage
später rief er mich an und verriet mir,daß die Französische
Marine ein U-Boot mit dem Namen Doris verloren hatte !!! Er schickte
mir auch ein Bild,das er von der Doris im Internet gefunden hatte.
Unsere nächste Überlegung war nun wieder rauszufahren zum
Wrack. Wir wollten zur Bestätigung daß es sich wirklich um die
Doris
handelte noch einige Wrackteile bergen. Also bereiteten wir unser Boot
so weit vor,daß wir in der Woche darauf wieder auslaufen konnten.
Wir verließen Ijmuiden dann um 03.00 Uhr morgens trotzdem das Wetter
nicht ohne war. Der Wind hatte eine Stärke von drei bis vier. Zum
Glück hatten wir ihn im Rücken, also war er erst mal kein Problem.
Die See war wieder pechschwarz. Fern am Horizont im Süden ging der
Mond auf. Nach 18 Nautischen Meilen Fahrt wurde die See rauh - Wellen von
zweieinhalb Metern Höhe schwabberten an uns vorbei. Das ist nicht
wenig für ein Boot von nur achteinhalb Metern Länge. An der Backbordseite
unseres Schiffleins konnten wir endlos tiefen Wellentäler bestaunen.
Hans und ich entschlossen uns nun zur Rückkehr. Das Wetter schien
nämlich schlechter und die Wellen noch höher zu werden. Auch
der Wind schickte sich an noch einige Stärken zuzulegen. Wir brauchten
viereinhalb Stunden um wieder zum Hafen von Ijmuiden zurückzukehren.
Um die Wellen nicht direkt von vorn abzukriegen mußten wir einen
Zickzackkurs steuern und die Geschwindikeit auf vier Knoten herabsetzen.
Den ganzen Weg über krachten uns die Wellen trotz Zickzackfahren auf
den Bug. Trotzdem wir Ölzeug anhatten kam dabei so viel See über,daß
wir triefend naß wurden. Rauhe See kann bei tiefdunkler Nacht ziemlich
gefährlich sein. Ein halbvollgelaufener Container der so eben unter
der Wasseroberfläche lauert oder eine schwere von Bord eines Containerschiffs
gespülte Palette können einem da schon ziemlich häßliche
Augenblicke bescheren. Hin und wieder schicke ich deshalb ein Stoßgebet
zum Himmel, daß die Maschine durchhalten möge. Denn bei Nacht
ein Notsegel setzen zu müssen wobei es dann auf jede Minute ankommt
ist nicht wirklich meine Lieblingsbeschäftigung. Hans und ich sicherten
uns jedenfalls für alle Fälle noch mit einem Leibgurt gegen das
Außenbordsgespültwerden.
Die sich unseren Augen bietende Szene war surrealistisch: um uns herum
die pechschwarze See, in der Ferne die Gasfackel der Stahlhütte von
Ijmuiden. Man war fast versucht zum Bug zu krabbeln und nach der Flamme
zu greifen...
Jeses Mal wenn wie bei den folgenden Ausfahrten zum Wrack den Hafen
verließen steuerten wir zum Schutz vor allzu neugierigen Zeitgenossen
einen mißweisenden Kurs und erzählten jedem daß die Doris
nach neun Stunden Fahrt in Richtung 268° zu erreichen wäre. Das
sagten wir auch absichtlich einer großen Zeitung um so nebenbei zu
dokumentieren,daß wir es waren die das Wrack der Doris gefunden
hatten.
In unseren Tauchvereinen waren uns schon die Wrackspezis auf den Fersen.
Sie lauerten auf jedes Wort das sie aus uns zur Position des Wracks herausbekommen
konnten. Jedes Mal verließen wir auch nun wieder den Hafen im Schutze
der Nacht. Zusätzlich beobachteten wir in unserem Radar was im Umkreis
von 16 Meilen um uns herum geschah. Folgte uns ein Boot, schlugen wir für
alle Fälle einen Kurs von 270° ein! Nach einigen Monaten meldeten
wir die Entdeckung der Doris auch den französischen Behörden.
Oberst Switzer von der Botschaft in Den Haag lud uns daraufhin zu einem
Lunch ein. Bei dieser Gelegenheit übergaben wir ihm eine CD-ROM mit
vielen Unterwasserbildern vom Wrack. Einige Bilder zeigten uns dabei, wir
wir eine Gedenkplatte für die Gefallenen am U-Boot anbrachten.
Photo © 2003 Hans van Leeuwen
Auf ihr standen auch unsere Namen, das Datum der Entdeckung und der
Name unseres Bootes mitsamt der Widmung "Unvergessen / Ein Schiff kehrt
heim." Oberst Switser war von dieser Geste sehr überrascht. Ich hatte
einige Wochen zuvor noch zu Hans gesagt: "Wenn Ballard das an der Titanic
kann, können wir das auch." Also fertigte ich in meiner Werkstatt
diese Gedenktafel.
Im November 2003 besuchte dann der französische Minenräumer
Cassiopée
die Wrackstelle um fünf Tage lang zu überprüfen, ob wir
mit unser Identifizierung richtig lagen. Hierzu bargen die Taucher des
Minenräumers ua. das Decksgeschütz und identifizierten es als
von der Doris stammend. Damit das Wrack den ihm zustehenden
Schutz als Kriegsgrab erhielte und zB. auf Seekarten nicht mehr als Unterwasserhindernis
geführt würde, wurden bei den zuständigen supranationalen
Behörden entsprechende Anträge gestellt. Die Taucher der Cassiopée
machten vom Wrack auch über 60 Bilder, die den Gesamtzustand der Doris
zeigten. Der Torpedo von U 9 hatte genau an der Achterkante des
Turms getroffen. Die Explosion des deutschen Gefechtskopfs hatte zur Detonation
der beiden französischen Torpedos in den schwenkbaren Zwillingsrohren
auf dem Achterdeck der Doris geführt. Die Gewalt dieser Sprengstoffexplosionen
hatte ein Abreißen des hinteren Teils der Doris an der Achterkante
Turm zur Folge. Die beiden Wrackteile liegen nun rund 25m voneinander entfernt
auf dem Meeresgrund. Die Wrackteile sind nun zT. sehr bewachsen und verkrustet
-soweit sie nicht vom Sand überspült sind. Rund um beide Rumpfteile
verstreut finden sich größere und kleinere Wrackteile die durch
die Explosionen von der Doris abgesprengt wurden. Weiter über
den Meeresgrund herausragende Wrackteile sind nicht selten in zahlreiche
alte Fischnetze und Angelleinen
Am letzten Tag ihrer Untersuchungen an der Wrackstelle vor der holländischen
Küste luden sie uns und unsere Frauen ein an Bord zu kommen. Als wir
nun über die Stelling schritten sahen wir,daß die gesamte Besatzung
in ihren guten Uniformen angetreten war und wir mit Toast sowie Kaviar
auf der Brücke empfangen wurden! Sie zeigten uns ihr ganzes Schiff.
Ich hatte einige Bilder unseres Bootes mitgebracht um es ihnen zu zeigen.
Sie waren sehr überrascht, daß wir mit einer offenen Sloop so
weit auf die Nordsee rausfuhren! In der Lounge wartete dann schon der Smutje
mit einem riesigen Festmahl. Hummer mit allem Komfort - oh mein Gott! Und
wir hatten daheim gegessen bevor wir fuhren !!
Als ich das Geschütz der Doris an Deck der Cassiopée
sah fand ich das ein bischen schade -immerhin hatten wir das Boot entdeckt-
aber....eine Bergung wäre mit unserem kleinen Boot sowieso nicht möglich
gewesen. Außerdem hat es auch die Profis von der Cassiopée
gute 15 Stunden gekostet diesen Brummer an Bord zu bekommen, nicht zuletzt
wegen der vielen Fischnetze und Seile die kreuz und quer darüberlagen.
Was wir nicht gesehen hatten wegen dem vielen Sand über dem Wrack.
Einige Monate später erkannten die Niederlande das Wrack offiziell
als französisches Kriegsgrab an und bestätigten den Eigentumstitel
Frankreichs an der Doris.
Am 16. Juli 2004 wurden wir dann von den Franzosen erneut eingeladen.
Diesmal ging es an Bord des Patrouillenbootes Pluvier. Dies lag
zu diesem Zeitpunkt im holländischen Marinehafen von Den Helder. Damit
fuhren wir nun raus zur Untergangsstelle der Doris um dort eine
Zeremonie abzuhalten. Mit an Bord war nicht nur ein Vice-amiral d’escadre
der Französischen Marine -der gleichzeitig Kommandant der FOST / force
océanique stratégique = Strategischen Hochseestreitkräfte
war, ein Militärattaché von der französischen Botschaft
in La Haye im Range eines Obersten und der Militärgeistliche der FOST-
sondern auch noch zwei britische Vizeadmiräle und ein Captain der
Royal Navy -letzterer Militärattaché an der britischen Botschaft
in Paris- weil die Doris im Krieg unter dem taktischen Kommando
der Briten gestanden hatte und weil auch drei britische Seeleute an Bord
fielen als das Boot versenkt wurde. Außerdem waren auch zwei Repräsentanten
der holländischen Marine an Bord -einer davon der kommandierende General
der holländischen Marineinfanterie und Stabschef des gemeinsamen holländisch-belgischen
Korps der Marineinfanterie- weil sich das Ganze in holländischen Hoheitsgewässern
abgespielt hatte. Schließlich hatte man auch noch den Sohn des damaligen
Kommandanten der Doris eingeladen - M. Jacques Favreul, vormals
Capitaine de vaisseau Favreul. Als wir uns dann 35 Meilen vor Den Helder
der Wrackstelle näherten, lag dort über der Doris schon
das holländische U-Boot Dolfijn um den Opfern an Bord des Kameradenboots
zu gedenken.
Photo © 2003 Ton van der Sluijs
Es wurde eine sehr emotionelle und beeindruckende Zeremonie für
uns.
Mitte: Capitaine de vaisseau Jacques Favreul
Photo © 2003 Ton van der Sluijs
Nach einer bewegenden Ansprache und einer Segnung der Gefallenen sowie
des Meeres als Grabstelle durch den Militärgeistlichen der FOST wurden
Blumen und Kränze über dem Wrack in das Meer geworfen.
Photo © 2003 Ton van der Sluijs
Hans und ich warfen ebenfalls Blumen ins Wasser und bezeugten den Gefallenen
so unseren Repekt. Es folgten einige Glockenschläge zum Gedenken an
die Gefallenen.
Photo © 2003 Ton van der Sluijs
Zum Abschluß wurden die Nationalhymnen der drei beteiligten Nationen
gespielt.
VLNR: Zwei Marineoffiziere, Capitaine de vaisseau Jacques
Favreul,
Hans van Leeuwen, Drei Matrosen unter Gewehr
Photo © 2003 Ton van der Sluijs
Danach wurden wir dann noch vom holländischen und französischen
Fernsehen sowie der Tagespresse interviewt.
Photo © 2003 Ton van der Sluijs
Einige Monate später gab es nocheinmal eine große Gedenkfeier.
Das war am 27. November. Erneut lud uns die französische Marine ein.
Diesmal nach Brest an der französischen Atlantikküste. Dort wird
jedes Jahr im Marinestützpunkt der FOST eine Gedenkfeier für
die im 2. Weltkrieg gefallenen U-Bootfahrer abgehalten.
An einem Samstagmorgen gingen wir also in Brest in die Kirche Saint-Louis.
Dort hatten sich schon 600 Menschen versammelt um den Gefallenen zu gedenken.
Photo © 2003 Gilbert Cloâtre
Während des Gottesdienstes sprachen zahlreiche Redner.
Photo © 2003 Gilbert Cloâtre
Viele von ihnen dankten uns aus vollem Herzen. Hans und ich sprechen
zwar kein Französisch, aber Liliane Sylvestre , die Urenkelin von
Maurice Le Sceller, stand zusammen
mit ihrem Mann bei uns und übersetzte uns das Gesagte. Liliane hatte
schon seit Jahren im Internet nach dem Verbleib der Doris gesucht
um herauszufinden was wohl aus ihrem verschwundenen Großvater geworden
ist. Aus irgendeinem Grund den nur Gott allein kennt fand sie dann in einer
aus dem holländischen ins französische übersetzten Zeitung
die Geschichte von unserem Abenteuer. Ihre Reaktion war ähnlich der
von der Schwester des deutschen U-Bootfahrers Horenburg von U 869
als sie erfuhr,daß ihr Bruder nicht unweit von ihrem Wohnort relativ
dicht unter der Küste sein nasses Grab gefunden hatte. Wir freuten
uns jedenfalls,daß wir ihr eine gute Nachricht hatten bringen können.
Zu diesem Zeitpunkt war sie die einzig bekannte Angehörige der U-Bootmannschaft.
Später am Tag trafen wir noch Cyrille Aubry, einen Enkel des 2.
Offiziers der Doris -von Enseigne de vaisseau Jacques de Dieuleveult. Nach
dem Kirchgang fand am Marinedenkmal noch eine große Gedenkzeremonie
statt. Viele der Teilnehmer am Gottesdienst stiegen in Busse und fuhren
deshalb auch zum Marinedenkmal. Wir wurden von Liliane und ihrem Mann im
Auto dorthin mitgenommen. Dort war "großer Bahnhof" mit einer angetretenen
Ehrenformation und Veteranen.
Photo © 2003 Liliane Sylvestre

Photos © 2003 Gilbert Cloâtre
Die Gedenkfeier vom 16. Juli war natürlich auch vom französischen
Fernsehen aufgezeichnet und dann ausgestrahlt worden. Für die 28 Familien
der Gefallenen muß
das wie ein Schock gewesen sein. Sie wurden aber nicht vergessen. Da
die Französische Marine neben der Ehrung am Marinedenkmal auch eine
Gedenkfeier mit den Angehörigen abhalten wollte, wurden von den Marinebezirken
Toulon,Brest und Cherbourg besondere Anstrengungen unternommen um möglichst
viele von ihnen zu finden. Eine entsprechende Suchanzeige wurde am 29.
September im Fernsehen ausgestrahlt, woraufhin sich viele bei der angegebenen
Kontaktperson -Capitaine de corvette Serge Soulanille- meldeten. Darunter
befanden sich auch die Angehörigen der drei britischen Seeleute. Jetzt
waren sie alle da -130 Angehörige. Als wir nun zu dem Plätzchen
kamen standen dort also die Verwandten zusammen mit rund 200 Vertretern
der Französischen Marine.
Photo © 2003 Gilbert Cloâtre
Die Flaggenabordnung der Veteranen war ebenfalls anwesend.
Photo © 2003 Gilbert Cloâtre
Unter einem Vorzelt war das 7,5cm-Decksgeschütz der Doris aufgebockt
und mit Flaggen verziert worden.
Photo © 2003 Liliane Sylvestre
Am Abend vorher war zu uns ins Hotel ein französischer Leutnant
zur See gekommen. Er hatte uns mitgeteilt,daß es für die Doris
eine besondere Zeremonie geben würde, bei der alle Angehörigen
der Gefallenen die man hätte aufspüren können anwesend wären.
Der weibliche Offizier sagte uns auch,daß dort auf dem Boden zwei
Markierungen wären. Wir sollten uns draufstellen, denn...wir sollten
mit einem Orden dekoriert werden !! Wir waren von den Socken -damit hätten
wir nicht in unseren wildesten Fantasien gerechnet! Schließlich hatten
sich alle am Ort des Geschehens versammelt und wir hatten uns auch auf
die Markierungen gestellt.
VLNR: Matrose, Hans van Leeuwen, Ton van der Sluijs
Photo © 2003 Gilbert Cloâtre
Dann rollte schließlich eine große Dienstlimousine vor.
Aus ihr stieg der Oberkommandierende der Französischen Marine: Großadmiral
Jean-Louis Battet. Er nahm vor den Vertretern der Französischen Marine
Aufstellung. Links neben ihm der britische Rear-Admiral Paul Lambert in
seiner Funktion als Befehlshaber der U-Bootwaffe der Royal Navy.
Mitte mit weißem Bart: Großadmiral Battet
Photo © 2003 Gilbert Cloâtre
M. Favreul, der Sohn des Kommandanten der Doris, hielt eine Ansprache
auf Französisch. Nachdem er diese beendet hatte, trat der Großadmiral
an das Pult und hielt ebenfalls eine Rede.
Photo © 2003 Gilbert Cloâtre
Wir verstanden zwar kein Wort, aber in diesem Moment sagten uns die
Augen mehr als genug. Nach dieser Ansprache wurden wir in die Mitte des
Platzes gebeten und dann von Großadmiral Battet mit dem Orden "Pour
le mérite" ausgezeichnet.
Photo © 2003 Gilbert Cloâtre
Danach traten wir zurück auf die Markierungen und die Flagge der
Doris
defilierte an uns vorbei.
Photo © 2003 Liliane Sylvestre
Wir wurden darüber aufgeklärt, daß wir die ersten Ausländer
wären,die von der Französischen Marine mit diesem Orden ausgezeichnet worden wären!
VLNR: Ton van der Sluijs,Liliane Sylvestre,Cyrille Aubry,Hans
van Leeuwen
Photo © 2003 Vincent Baron
Natürlich war das französische Fernsehen und die Tagespresse
wieder da und interviewte uns. Nachdem das beendet war, gingen wir mit
all den anderen Leuten in die Marinemesse um eine Kleinigkeit zu essen
und zu trinken. Als wir in die Messe kamen, trafen wir auf die Verwandten
und Marinevertreter. Dieses Treffen war sehr emotional -auch für uns.
Alte Männer ergriffen mit Tränen in den Augen unsere Hände
und dankten uns aus vollem Herzen. Ältere Damen küßten
uns auf die Wangen während ihnen selbst Tränen über die
Bäckchen kullerten. Es waren sogar sechs Witwen von Besatzungsangehörigen
anwesend!
Ich kann Euch allen nur sagen daß ich das alles wieder machen
würde wenn wir ein anderes unbekanntes Wrack finden würden!
Besatzungsliste der Doris:
Capitaine de corvette Jean Favreul - commandant, Lieutenant de vaisseau Érasme Ladonne - officier en second, Enseigne de vaisseau Jacques de Dieuleveult - officier en troisième,
Enseigne de vaisseau Lucien Roche - officier en quatrième, Premier maître timonier Émile Gaudu,
Premier maître mécanicien Maurice Le Sceller,
Maître torpilleur Francois Barvec,
Maître mécanicien Émile Le Philippe,
Maître électricien Marcel Perrachon,
Second-maître mécanicien Georges Reboute,
Second-maître mécanicien Jean Bressot,
Second-maître électricien Jean Potard,
Second-maître radio Jean Madec-Cousin,
Quartier-maître mécanicien Marcel Menguy,
Quartier-maître mécanicien René Cicchi,
Quartier-maître mécanicien Marcel Reverso,
Quartier-maître mécanicien Louis Bres,
Quartier-maître mécanicien Marcel Betaille,
Quartier-maître mécanicien Pierre Muracciole,
Quartier-maître électricien Claude Cloâtre,
Quartier-maître électricien Joseph Galineau,
Quartier-maître électricien Jean Gourtay,
Quartier-maître radio Jean Maissa,
Quartier-maître radio Robert Valette,
Quartier-maître timonier Helmut Kraemer,
Quartier-maître canonnier Jean-Marie Fitamant,
Quartier-maître fusilier Joseph Burr,
Quartier-maître torpilleur Michel Cabon,
Matelot maître d`hotel Édouard Ducrocq,
Matelot électricien Georges Bovery,
Matelot électricien René Kauffmann,
Matelot électricien Jean Hugo,
Matelot mécanicien Georges Chabaud,
Matelot mécanicien Marcel Lustig,
Matelot mécanicien Jacques Mathiot,
Matelot torpilleur Guy Azemar,
Matelot torpilleur Paul Marchois,
Matelot torpilleur Joseph André,
Matelot timonier Jean Bordet,
Matelot timonier Edmond Chevalier,
Matelot cuisinier Louis Gauthier,
Matelot sans spécialité Charles Régnier,
Lieutenant Richard Westmacott (Royal Navy),
Yeoman of signals Harry Wilson (Royal Navy),
Telegraphist Charles Sales (Royal Navy).
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