Delfintherapie

 Geschrieben von Ralf

Delfintherapie - Lebende Medizin

von Ralf Dänzer

1. Einführung

Der schlanke Bug des Segelschiffes pflügt gleichmäßig durch die Wellen des Ozeans. Aus der Bugwelle lösen sich kleine Gischtexplosionen, die im Licht des Abends wie glitzernde Edelsteine wirken. Plötzlich tauchen rechts und links des Bugs dunkle Schatten knapp unter der Wasseroberfläche auf. Wie auf ein Kommando durchbrechen die Rücken von 8 Delphinen gleichzeitig die Meeresoberfläche um danach sofort wieder darunter zu verschwinden. Mit Leichtigkeit und unvergleichlicher Anmut folgen die Delphine dem Schiff – scheinbar ohne jede Anstrengung.

So oder so ähnlich könnten in Zukunft Beipackzettel für Medikamente beginnen. Wie? Was hat die Beschreibung von Delphinen und Medizin denn gemeinsam. Auf den ersten Blick relativ wenig, bei genauerer Betrachtung aber sehr viel.

Um was es nüchtern betrachtet geht, ist die so genannte Delfintherapie. Seit Jahren wird diese Methode bei bestimmten Behinderungsformen, wie beispielsweise bei autistischen Kindern, mit großem Erfolg eingesetzt. Doch nicht nur mit behinderten Menschen zeigt die Delfintherapie überraschende Erfolge. Nein, auch bei hyperaktiven Kindern wirkt sich die Arbeit zwischen Patienten und Meeressäugern sehr positiv aus.

Delfintherapie - Taucher.Net Magazin
Delfintherapie in der Praxis
(© Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Universität Würzburg Prof. Dr. Breitenbach)


2. Historie

Doch zu Beginn wollen wir uns erst einmal mit der Geschichte und den Ursprüngen der Delfintherapie beschäftigen. Woher kommt einer derart außergewöhnliche Therapieform und bei welchen Erkrankungen kann sie zu einer Verbesserung des Krankheitsverlaufes beitragen.

Die Geschichte der Delfintherapie beginnt in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten von Amerika. Zu dieser Zeit kam es zu Veränderungen in der Psychologie und Psychiatrie. Unter anderem wurde mit der Tiertherapie begonnen. Der New Yorker Psychiater Dr. Boris Levinson  konnte feststellen, dass sich die Anwesenheit von Haustieren bei den therapeutischen Sitzungen positiv auf den Verlauf auswirkte. So öffneten sich Patienten z.B. bei der Anwesenheit bestimmter Tiere stärker, da die Patienten ruhiger waren als ohne Anwesenheit des Haustieres.

Im Folgenden wurden mit verschiedensten Tierarten Versuche unternommen, um diese in die therapeutische Praxis einzubeziehen. Zu Beginn der 70er Jahre führte auch Dr. Betsy Smith erstmals Versuche mit Delphinen durch. Das Projekt stand unter dem Namen „The Dolphin Project“ und wurde in Florida abgehalten. Die Versuche zu dieser Zeit bezogen sich auf die Arbeit mit Autisten (Glossar Autismus) – eine psychische Behinderung bei der auch heute noch sehr positive Ergebnisse mit der Delfintherapie erzielt werden.

1978 begann dann der Neurologe und Verhaltensforscher David E. Nathanson die Auswirkungen von Delphinen auf behinderte Kinder näher zu erforschen. „Ocean World“ in Fort Lauderdale, Florida wurde zu einem wichtigen Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen von Professor Nathanson. Besonders für behinderte Kinder mit Down-Syndrom waren die Delphine Lehrer und Therapeuten. Die von Professor Nathanson entwickelte delfingestütze Therapie wurde von ihm forthin als „Dolphin Human Therapy“ (DHT) bezeichnet. Die Erfolge der Therapie waren beachtlich. Es zeigte sich, dass die Kinder mit Hilfe der tierischen Therapeuten viermal so schnell lernten, als ohne die Delphine. Hinzu kam, dass die Kinder das neu hinzugelernte deutlich besser behalten konnten.
Die Aufsehen erregenden Ergebnisse präsentierte Dr. Nathanson 1980 auf verschiedenen Kongressen.

1988 wurde eine sechsmonatige Studie von Dr. Nathanson am „Dolphin Research Center“ (DRC) durchgeführt. Bei den Teilnehmern der Studie handelte es sich um sechs Kinder, im Alter zwischen zwei und zehn Jahren. Die Patienten litten an Hydrocephalie („Wasserkopf“), oder litten unter Sprach- und Gedächtnisstörungen. Einmal pro Woche besuchten die Patienten, zusammen mit Dr. Nathanson das Dolphin Research Center. Die Studie bestätigte die Feststellungen seiner Ergebnisse aus dem Jahre 1978. Die Kinder konnten sich beim Spiel mit den tierischen Therapeuten deutlich besser konzentrieren und entspannen. Darüber hinaus wirkte sich die „Zusammenarbeit“ mit den Delphinen auch positiv auf das Immunsystem der kleinen Patienten aus und ihre Aufnahmefähigkeit wurde ebenfalls gesteigert.

Im weiteren Verlauf wurde 1993 wiederum eine ähnliche Studie durchgeführt, welche mit der Studie von 1988 als Basis für die Entwicklung eines grundlegenden Behandlungsprogramms im Dolphin Research Center diente.

Während der Jahre 1989 und 1994 konnten in mehr als fünftausend Therapiestunden fünfhundert Kinder und Erwachsenen aus allen Teilen der Welt an der Dolphin Human Therapie teilnehmen.

Der Erfolg der Therapie führte dazu, dass 1994 die Wartezeit für eine Therapie auf sieben Jahre angewachsen war. Diese Erfolg führte zu einem Umzug der DHT ins „Dolphin Plus“ in Key Largo, Florida. Das neu konstruierte Vollzeitprogramm wurde nun auch auf eine wachsende Anzahl an Behinderungen ausgedehnt.

Seit dem Jahre 1998 arbeitet die DHT im „Dolphin Cove“ in Key Largo. Pro Jahr werden in Florida jährlich 400 Kinder von den dort lebenden Delphinen „betreut“.

3. Therapiekonzept

Wie funktioniert aber die Delfintherapie genau? In diesem Zusammenhang ist es wichtig vorab zu erwähnen, dass es „die“ Delfintherapie nicht gibt, da der Begriff nicht genormt ist und somit ein breites Spektrum an Therapieformen unter diesem Begriff verstanden werden können. Das gemeinsam verbindende Element ist die Arbeit mit Delfinen. Als die bekannteste Delfintherapie, gilt die Delfintherapie von Dr. Nathanson.

Das Therapiekonzept hinter Dr. Nathansons „Dolphin Human Therapy“ (DHT) besteht darin die Aufmerksamkeit der Patienten zu wecken und dieses Verhalten dann zu verstärken, bzw. zu belohnen. Das Mittel zur Weckung der Aufmerksamkeit ist hierbei der Delfin.

Der Grundgedanke besteht darin, die geringe Aufmerksamkeitsspanne der meist behinderten Patienten zu verändern. Aufgrund der geringen Aufmerksamkeitsspanne können die Patienten die entsprechenden Informationen nicht oder nur schlecht verarbeiten, weil diese nicht im Gehirn für lange Zeit gespeichert werden.

Klinische Erfahrungen nennen drei Stimulanzien, welche die Aufmerksamkeit beeinflussen

-    Musik
-    Warmes Wasser und
-    Tiere

Bei der DHT werden warmes Wasser und Tiere als Stimulanzien verwendet. Allerdings sollte erwähnt werden, dass das warme Wasser in Florida zwangsläufig vorhanden ist und die Geschichte der DHT schon immer in Florida angesiedelt war.

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Delfintherapie der Universität Würzburg
 in Verbindung mit dem Tiergarten Nürnberg
(© Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Universität Würzburg Prof. Dr. Breitenbach)


Die DHT konzentriert sich im Rahmen der Therapie auf die Förderung der vorhandenen Stärken des Patienten, betrachtet diesen aber gesamtheitlich.

Für eine Betrachtung des Therapiekonzeptes ist ein kleiner Exkurs in die Medizin, speziell in die Hirnforschung, notwendig.
Das Gehirn teilt sich grundsätzlich in eine rechte und eine linke Gehirnhälfte. Die rechte Hirnhälfte übernimmt hierbei die Steuerung der Körperfunktionen der linken Körperhälfte und umgekehrt. Darüber hinaus erzeugt die rechte Gehirnhälfte Emotionen, Vorstellungen sowie die Kreativität eines Menschen. Die linke Hälfte übernimmt eher den Part des „Verstandes“, sprich kontrolliert das Lesen, die Wahrnehmung und die Sprache.

Das Problem der behinderten Patienten besteht nun darin, dass die beiden Gehirnhälften nicht richtig zusammenarbeiten.

Ziel der DHT ist es die rechte Gehirnhälfte wieder stärker „ins Spiel zu bringen“. Manche Leser kennen eventuell auch den Begriff der Edukinestetik, bei der versucht wird mit „Überkreuzbewegungen“ (linker Arm, rechtes Bein) ein verbessertes Zusammenspiel der beiden Gehirnhälften und damit auch eine verbesserte Koordination zu erzielen.
Im Rahmen der DHT werden für die Anregung der rechten Gehirnhälfte hierbei die Gefühle der Patienten genutzt. Mit Hilfe der Delfine wird die rechte Gehirnhälfte aufgrund der Emotionen angesprochen und aktiviert. Im Verlaufe der Therapie wird somit das Zusammenarbeiten von linker und rechter Gehirnhälfte „trainiert“ und es ergeben sich positive Effekte auf das Verhalten, sowie auf körperliche Funktionen, wie beispielsweise den Bewegungsapparat und den Bewegungsablauf.

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(© Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Universität Würzburg Prof. Dr. Breitenbach)

Bei der Therapie wird mit dem Therapeuten an Land zusammengearbeitet. Wenn die therapeutische Arbeit an Land abgeschlossen ist, darf der Patient zur Belohnung mit den Delfinen ins Wasser. Von den 40 Minuten einer therapeutischen Sitzung wird nur ein ca. ein Drittel der Zeit mit dem Delfin im Wasser verbracht.

Die Zielsetzung der DHT richtet sich auf die Verbesserung der Sprache, der Grob- und Feinmotorik, der Kommunikation sowie dem Aufbau von Selbstvertrauen.

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Patient und „Therapeut“ Delfin in ihrem Element
(© Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Universität Würzburg Prof. Dr. Breitenbach)


4. Einsatzgebiete

Die Delfintherapie richtet sich unter anderem an die folgenden Krankheiten und Behinderungen
-    Autismus (Link zu Autismus)
-    Trisomie 21 („Down-Syndrom“)
-    Lernbehinderungen
-    Hyperaktivität
-    Konzentrations- und Sprachstörungen

Die Delfintherapie wird individuell auf den Patienten abgestimmt und ergänzt sehr oft traditionelle Behandlungen.

5. Kritische Betrachtung der Delfintherapie

Es liegen zwar, wie bereits beschrieben, verschiedenen Studien vor, allerdings muss trotzdem fest gehalten werden, dass unabhängige Studien und Ergebnisse aus Langzeitstudien noch fehlen. In Deutschland läuft gerade ein entsprechendes Projekt der Universität Würzburg in Verbindung mit dem Tiergarten Nürnberg.

Des Weiteren ist fest zuhalten, dass man bei Betrachtung der Einsatzgebiete auch Heilerfolge bei Krankheiten erzielt, die nicht auf den ersten Blick einen Zusammenhang mit den beschriebenen Konzentrations- und Wahrnehmungsaspekten aufweisen. So z.B. AIDS oder Krebs. Aus Sicht des Autors sind Erfolge in diesen Bereichen auch darauf zurückzuführen, dass es sich einfach um einen „neuen Versuch“ handelt, welchen der Patient im Sinne einer selbst erfüllenden Prophezeiung dann auch als erfolgreich wahrnimmt.

Grundsätzlich muss man beachten, dass Erfolge der Delfintherapie nicht von der Hand zu weisen sind und die Therapie vielen Patienten bereits geholfen hat. Man sollte aber nicht darauf hoffen, dass die Delfintherapie Wunder vollbringen kann und damit für alle Krankheitsbilder anwendbar ist.

Darüber hinaus existieren auch Ansätze Delfintherapien ohne Delphine selbst, sondern nur mit den Lauten der Delphine, welche über einen Unterwasserlautsprecher in ein Schwimmbecken abgegeben werden. Viele Wissenschaftler zweifeln jedoch an der Wirksamkeit dieser Therapie.  
Neben den oft sehr positiven Berichten findet man aber im Netz auch eine Vielzahl an sehr kritischen Betrachtungen. So weisen einige Reiseteilnehmer auf sehr schlechte hygienische Verhältnisse in einer Delfineinrichtung hin, was sowohl für die Delphine als auch die Patienten und deren Angehörige nicht besonders erfreulich sein dürfte.

Grundsätzlich ist damit die Delfintherapie kein wundersames Allheilmittel und die Teilnahme sollte sowohl aus medizinischer und therapeutischer Sicht genau geprüft werden. Ausserdem sollte man sich über die Anbieter der Delfintherapie genau erkundigen, denn es scheint, dass das Geschäft mit den „heilenden Meeressäugern“ auch „schwarze Schafe“ anzieht.

6. Kosten und Kostenübernahme

In Bezug auf die finanziellen Aspekte muss festgestellt werden, dass die Delfintherapie von keiner gesetzlichen Krankenkasse bezahlt wird. Die Kosten der Therapie bestehen dabei aus
-    Therapie
-    An- und Abreise
-    Unterkunft des Patienten und seiner Begleiter
-    Ausgaben vor Ort (Essen, Mietwagen, etc.)
-    Sonstige Kosten (Versicherung für Begleiter, etc.)

Alle Aspekte zusammengerechnet liegen die Aufwendungen für eine durchschnittliche Delfintherapie mit einer Dauer von 2 Wochen zwischen rund 6.000 bis zu 13.000 € . Diese Kosten müssen vom gesetzlich Versicherten selbst aufgebracht werden. Für viele Patienten und deren Familien ist dies ein enormer finanzieller Aufwand und bedarf daher einer genauen Planung und einer Vielzahl an „privaten Opfern“.

Ein gutes Beispiel einer Kostenaufstellung für eine Delfintherapie in Deutschland gibt das Institut für Sozialpädagogik an der Universität Würzburg. Dort läuft bereits seit mehreren Jahren eine Studie zur Wirksamkeit der Delfintherapie. Auf den Internetseiten werden als Kostenblöcke die von den Eltern getragen werden müssen genannt

–    Kosten für die Unterbringung und Kinderbetreuung
–    Kosten für die Therapiewoche mit rund € 200 pro Familienmitglied. Darüber hinaus entstehen keine weiteren Kosten.
 

7. Übersicht der Delfintherapiezentren

Aufgrund der Vielzahl an Einrichtungen, die weltweit Angebote rund um die Delfintherapie bieten, ist eine entsprechende komplette Übersicht nicht möglich. Das Institut für Sozialpädagogik an der Universität Würzburg hat auf seiner Internetseite eine sehr gute Übersicht. An dieser Stelle möchten wir daher auf eine umfassende Aufstellung verzichten. Natürlich kann diese Liste auch nur einen groben Überblick über einige bekannte Therapieeinrichtungen geben. Nähere Informationen finden sich direkt auf den Webseiten der Einrichtungen.

Info-Blatt (pdf)
.
(Copyright Lehrstuhl für Sozialpädagogik
der Universität Würzburg Prof. Dr. Breitenbach)


8. Fazit

Abschließend muss man festhalten, dass die Faszination Delfintherapie sicherlich gegeben ist. Es finden sich unzählige Berichte im Internet über erfolgreiche Therapien, die den großen oder kleinen Patienten eine neues, besseres Leben ermöglicht haben.
Allerdings muss auch erwähnt werden, dass es durchaus eine Kehrseite der Medaille gibt. So liegen Stand heute noch keine ausreichenden wissenschaftlichen Studienergebnisse über den Erfolg und die Wirksamkeit der Therapieform vor.

Dies ist auch ein Grund, warum die Delfintherapie nicht von den gesetzlichen Krankenkassen finanziell übernommen wird. Die Teilnehmer an einer Therapie müssen daher alle Kosten selbst tragen. Je nach Therapieeinrichtung sind das dann leicht einmal bis zu € 10.000. Kosten, die für viele untragbar sind, oder nur über langes Sparen aufgebracht werden können.

Einen negativen Aspekt erzeugen einige Anbieter, die sich eher für den schnellen Profit als die wirkliche Heilung der Patienten zu interessieren scheinen. Dies erfordert von den Interessenten einer Delfintherapie ein genaues Studium der Anbieter und eine sehr genaue Auswahl.

Quellen

Institut für Sozialpädagogik an der Universität Würzburg
www.wikipedia.org
http://www.wdr.de/

Hinweise

An dieser Stelle möchten wir uns für die Unterstützung von Herrn Prof Dr. Breitenbach für die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Liste für Therapiezentren sowie des Fotomatrials ganz herzlich bedanken. Alle Fotos unterliegen dem Copyright von Herrn Prof Dr. Breitenbach der Universität Würzburg.


© 2005, Ralf Dänzer, alle Angaben ohne Gewähr
© auf alles Fotomaterial, Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Universität Würzburg, Herr Prof. Dr. Breitenbach



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