Volker Grundmann setzt mit
diesem Chalkidiki-Special seine Serie über Tauchmöglichkeiten in
Griechenland fort, die seit über zwei Jahren in unserem Magazin läuft.
Bei der Recherche zu diesem Artikel arbeitete er mit dem serbischen Unterwasserfotografen
Vladan Milisavljevic zusammen.
An einem späten Juniabend mit meinem Recherchepartner, dem serbischen
Unterwasserfotografen Vladan Milisavljevic, über die Hochhügelkette
in das Gelände der „Sani Club“-Hotelanlage einkurvend, eröffnet
sich uns ein umwerfender Ausblick über die sich silbrig kräuselnde
See am Thermaischen Golf: Weit drüben am „Ipiros“, am griechischen Festlandkörper,
bettet sich der letzte Rest Sonne in einen hohen Streifen intensiv glühenden
Purpurlichts, lässt dunkle Umrisse massiver Berglandschaft für
den Moment scheinbar abgehoben, wie gelöst von ihrem irdischen Sockel,
über dem Seehorizont schweben. Eine wuchtige Bergspitze mitten drin
überragt deutlich die anderen. Breit, Respekt fordernd, ja bedrohlich
wirkend: Der Olymp. Heiliger Berg der antiken Götter.
Kartenskizze Chalkidiki (Click zum Vergrössern)
Vier Wochen später, nach erfolgreicher Beendigung unserer Expedition,
werden wir nur sechzig Kilometer südöstlich von hier, beim Orte
Kalamitsi, das letzte Glas türkis schimmernernden Chalkidiki-Weins erheben.
Und zwar in Richtung eines zweiten heiligen Berges, dessen sakral-strenge,
weißgraue Flanken bei klarer Luft von hier fast zum Greifen nah erscheinen:
Der Athos, Heiligort der orthodoxen Religion. Muss man diese Landschaft Chalkidiki,
die so dicht zwischen zwei heilige Berge gepackt ist, nicht vielleicht gar
heiliges Land nennen?
Blick vom Tavernentisch hoch über die innere Buchtenlage von
Kalamitsi und auf den Heiligen Berg Athos
Auf das Eingeständnis, dass diese Frage neben der Ironie des Pathetisch-Überzogenen
wohl doch einen Punkt der Ernsthaftigkeit schneidet, genehmige ich mir den
ersten Schluck. Es ist jedenfalls manches so erhaben auf dieser riesigen
Halbinsel mit ihren drei Klauenfingern, dass es solch Benennung wohl rechtfertigte:
Am Mittelfinger Sithonia, beim Orte Wourwourou vielleicht, das linde Grün
einer unbetretbar dichten Bergwaldzone, wie sie sich aus fast achthundert
Metern rasant bis ganz hinunter schwingt, als dürste auch sie danach,
sich kopfüber ins Blau der See zu stürzen und die Geheimnisse von
deren Tiefen zu ergründen. Gegenüber, auf der Westseite Sithonias,
die ungeheure Auswahl an teils riesigen, teils privilegiert-winzigen, in
jedem Fall immer feinsandigen Stränden. Oft noch heute in kaum veränderte
Naturumgebung gebettet, stellt diese Küste ein Badeparadies auch für
sehr Anspruchsvolle dar.
Letztlich, diese Laune der nördlichen Ägäis, die den immer
wieder wundersamen Spagat zwischen unberechenbaren Wind- und Strömungskräften
in ihrem nahen nördlichen Tiefenbecken und zahmer, urlauberfreundlicher
Sanftheit in den großen Buchtbereichen zwischen den „Fingern“ scheinbar
mühelos durchhält. Wo in Griechenland gibt es das alles zusammen
noch einmal?
Neben den sofort auffälligen Schönheiten
der Natur gefällt die Unmenge hübscher, sehenswerter Kleinigkeiten
auf Chalkidiki, die sich dem aufmerksamen Betrachter allenthalben mit Unaufdringlichkeit
darbieten, seien sie architektonischer Art, sei es, dass sie etwas über
die Lebensweise der Menschen zeigten oder seien es besondere Tiere, wie etwa
frei laufende Schildkröten oder Springfrösche.
Wir haben hier einmal eine Auswahl dessen zusammengestellt, was uns auf unserer
Recherchereise begegnete.
Kurz und gut, es gab gute Gründe, dass Chalkidiki mit Beginn des modernen
Fernreisetourismus ganz schnell einen legendären Ruf erlangte und schon
in den siebziger und achtziger Jahren Österreicher und Süddeutsche
in großen Kolonnen die fünfzehn Stunden Anfahrt zu dieser Urlaubsbadewanne
durchs schwierige Jugoslawien hindurch willig absolvierten. Und es gab noch
bessere Gründe, warum diese Legendenbildung besonders bei den Tauchern
unter denen bald wie wild um sich griff, sich ganze Wiener oder auch Münchner
Tauchklubs mit Wohnwagen, angehängten Booten und Kompressor jährlich
auf den Treck nach Süden machten.
Nun sollte man mit dem Begriff der Legende vorsichtig umgehen. Damit eine
solche entsteht und vor allem, damit sie Bestand hat, reicht es nicht, dass
Tauchplätze schlechthin gut sind, nicht mal, dass sie herausragend gut
sind. Es ist letztlich das Privileg, aus dem sich Legenden stricken: Man
darf zu Legenden nicht in Massen pilgern können, denn dann sind sie
bald Massenzirkus und keine Legenden mehr. Wunderbare Sachen werden eben
deshalb zu solchen, weil nur wenige das Privileg besitzen, sie gesehen zu
haben und auch in Zukunft nur für Privilegierte die Aussicht besteht,
dass sie sie noch sehen werden. Deshalb halten auch wir die Legenden zunächst
noch ein bisschen vor und widmen uns zuerst den bodenständigen Fakten
des Tauchens. Denn zunächst einmal stellte sich heraus, dass das Taucherlebnis
um Chalkidiki herum nicht nur allgemein als gut bezeichnet werden konnte.
Die Unterwasserlandschaft hier bot mehr, als man gemeinhin vom Mittelmeer
gewohnt war, wartete mit ganz Eigenem, Charakteristischem, auf. Findet man
in anderen Küstenbereichen häufig relativ glatte, geschlossene
Gesteinsoberflächen mit wenig Entdeckungspotential, so herrscht auf
Chalkidiki ein in unregelmäßigen, dünnen Platten abgelegtes
und unterschiedlich verdichtetes Konglomeratgestein vor. Dessen
unterschiedliche Löslichkeit ließ die Oberflächen großflächig zu
Höhlungen, Löchern und Tiefrissen vernarben, eine Struktur, die
natürlich ideale Voraussetzungen für Verstecke und überhaupt
für die Ansiedelung vieler Lebenformen bietet. Eine solche Oberfläche
ist aufregend per se, denn sie sendet unaufhörlich das Signal, da ist
was, du musst suchen, eindringen, finden.
Wir haben einmal versucht, in einigen Bildern das
Typische der Chalkidiki-Oberflächen und den Reiz des Suchens dort darzustellen
Zur Häufigkeit von Steilwandbewohnern kommt ein reiches und ungewöhnlich
verschiedenartiges Leben über tiefer gelegenen Flachbereichen, folglich
insgesamt ein enormes Entdeckungspotential für den aufmerksam suchenden
Taucher, aufregende Entdeckungen an wundersamen Tieren also auf nahezu jedem
Tauchgang.
Es würde diesen Beitrag überlasten, auch nur einen kleinen fotografischen
Querschnitt der Wunderfülle zusammen zu stellen.
Als sehr häufig anzutreffende Tiere Chalkidikis haben wir hier mal
exemplarisch die große Tonnenschnecke (Tonna Galea) und den gemeinen
Oktopus in kleinen Porträts eingefangen.
Chalkidiki – von Österreich/Süddeutschland
also relativ gut zu erreichen, vielerorts eher ungefährlicher zu betauchen
als etwa der Atter- oder Bodensee – nur viel, viel mehr bietend. Wen wundert’s,
dass hier schon bald österreichisch-deutscher Klubtaucher-Gusto die
Tauchsitten bestimmte.
Und auch kein rechtes Wunder, dass einige der Ersten,
die kamen, Chalkidiki bis heute die Treue hielten, jedes Jahr hier ihr Hauszelt
aufstellen oder gar Eigentümer eines Urlaubsanwesens geworden sind.
Drei von denen haben wir mal etwas genauer befragt, ihre Eindrücke hielten
wir für anfügenswert.
Natürlich kamen auch die ersten kommerziellen Basenbetreiber von weiter
nördlich. Man richtete sich ein und explorierte die Gegend immer umfassender
– eben bis dahin, dass man am Ende neben all den guten auch die sagenhaften
Tauchplätze fand.
Den Zerfall Jugoslawiens haben diese Verhältnisse eher schlecht überstanden.
Die Gefahren der Durchfahrt schreckte die Mehrzahl der von Norden Anreisenden
für etliche Jahre fast völlig ab. Ersetzt wurden sie durch das
eigentlich natürliche Klientel dieser Küste hier, bulgarische, ungarische,
rumänische Urlauber, denen die neue Zeit erstmals die Möglichkeit
gab, die südlich vor ihrer Haustür liegenden Strände anzufahren.
Umstände gemäß wenig Taucher unter denen, von deren Qualität,
insbesondere in Hinblick auf Umweltbewusstsein, ganz zu schweigen. Und was
den Anteil der Mitteleuropäer betraf, so trat jetzt vermehrt Flug/Hotel-Klientel
auf den Plan. Darunter zwar auch Taucher, aber wie in dieser Kategorie üblich,
solche, die normierte, durchkonfektionierte Basenverhältnisse fernab
vom Klubtauch- oder gar Individualabenteuer schätzen. Griechische Basen
sprangen jetzt zuhauf aus dem Boden, klar orientiert, an den Bedürfnissen
solcher Kundschaft mit geringem Aufwand möglichst gut zu verdienen. Damit
veränderte sich ziemlich viel im Tauchen auf Chalkidiki. Konventionalität
sagte sich an, Üblichkeit bis zur Ächtung des Abenteuers, damit
bis zum Totschweigen der Legenden. Viele von denen, die jetzt hier tauchten,
hörten folglich nicht einmal die Mär von gewissen sagenhaften Plätzen.
Die kreiste eher noch an Wiener Taucherstammtischen und nahm dort wohl auch
ein bisschen eine weitere Eigenheit der Legenden in Anspruch, nämlich
real gewesene Dinge wundersam ins Übertrieben-Sagenhafte, wenn nicht
ins Unwahr-Fantastische zu wandeln. Aber dass sie wachgehalten, weitergetragen wurden, niemals richtig untergingen,
ist sicher gut so. Zeiten kommen bekanntlich niemals wirklich wieder und so
auch nicht jene der alten Chalkidiki-Ära. Aber Verhältnisse wandeln
sich zuweilen wieder zum Positiven. Und dies könnte in Bälde auch
wieder den Chalkidiki-Tauchlegenden zu neuem Aufblühen verhelfen, aufs
Neue den Drang erwecken, das Unterwasser-Avalon Chalkidikis zu finden. Die
Gründe sind zum einen schon mal reisetechnischer Art. Weniger jene gigantische
Autobahn von West- nach Ostgriechenland, die zur Zeit im Bau ist und die
einmal für jene, die mit den Italien-Fähren kommen, die sieben
Stunden Sepentinenweg durch das gewaltige Pindos-Gebirge verkürzen soll.
Bis dieser Bau überzeugenden Zeitgewinn bringt, wird es noch lange dauern,
zur Zeit spart er erst mickrige anderhalb Stunden. Nein, der interessante
reisetechnische Fakt ist, dass sich die Transitreisebedingungen durch Serbien
und FYROM-Skopje (Manche sagen Mazedonien dazu, aber die UNO verweigert aus
gutem Grund die Anerkennung dieses Namens) zunehmend normalisieren. Die Transitstraßen
hier sind nicht nur wieder weitgehend sicher, sie wurden auch generalüberholt
und man braucht kein teures Visum mehr. Einer der Unentwegten, die jetzt schon fahren, hat uns hier
eine Routenbeschreibung zur Verfügung gestellt.
Man spricht schon aus diesem Grund wieder zuhause im Klub über die Tour,
erwägt sie. Die Jungen wollen genauer wissen, worauf sich der Ruf Chalkidikis
in der Szene begründet. Vor allem aber: Was ist wirklich dran an dem
Sagenhaften, was die älteren Herren vom Klub-Establishment gelegentlich
beim späten Deko-Biere gucken lassen?
Aber es kommt brandaktuell eine nicht-nur-reisetechnische Botschaft dazu,
ein Blockbuster, den wir an dieser Stelle und exklusiv als Erste der
deutschsprachigen Tauchszene überbringen: Just vor wenigen Wochen wurde in Griechenland
die gesamte Tauchgesetzgebung wieder vom Kopf auf die Füße gestellt.
Das seit 1978 geltende, allgemeine Tauchverbot ist gefallen. Es ist hier
nicht der Platz, in die Einzelheiten zu gehen, wir werden dies in der nächsten
Ausgabe des Taucher.Net Magazins tun.
Für Chalkidiki konkret bedeutet
dies, auch wenn die Mehrzahl der taucherisch interessanten Plätze schon
bisher zugänglich war, an verschiedenen Stellen kommt auch hier noch
neues taucherisches Entdeckungspotential hinzu. Und insgesamt dürfte
klar sein:
Das Interesse am Tauchen in Griechenland generell wird in den nächsten
Jahren deutlich stärker werden.
Ob dies alles Grund genug ist, Kroatien links (rechts) liegen zu lassen und
noch zehn weitere Fahrstunden an die Urlaubsreise zu hängen, wird am
Ende jeder selber beurteilen müssen. Aber wir wollen ein wenig dazu
beitragen, dass er diese Entscheidung auch gut informiert fällen kann.
Machen wir also mal eine umfassende Tauch-Rundreise, herum vor allem um die
dreifach gefingerte Spitze Chalkidikis, denn nur hier konzentriert sich das
lohnenswerte Tauchangebot der Region und konzentrieren sich letztlich auch
die Plätze der Legenden.
Über den Autor
Volker Grundmann vervollständigt mit diesem Beitrag seine Serie über
Tauchmöglichkeiten in Griechenland, deren andere Beiträge in den
Magazinen 37, 41 und 53 veröffentlicht wurden.
Darüber hinaus ist er Verfasser der drei derzeitigen Standardwerke des
Griechenland-Tauchens:
- "Tauchführer Griechenland - Westküste, Ionische Inseln Peloponnes"
(BLV Verlag, München, 1998, ISBN 3-405-15413-8, vergriffen)
- "Tauchführer Griechenland - Gesamt" (auf CD-ROM im Eigenverlag 2001,
über seine website www.Griechenlandtauchen.de zu bestellen).
- "Tauchabenteuer Griechenland", Selbstverlag, 2003, ISBN 3-00-011555-2,
325 Seiten, davon zweimal sechs Seiten Unterwasseraufnahmen, fest gebunden,
Einband zellofaniert, ebenfalls vertrieben über die Website bzw.
volkergrundmann@gmx.de.
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