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Onlinemagazin - 61. Ausgabe - Chalkidiki: Legenden auf den Zahn gefühlt




 Geschrieben von Volker Grundmann

Chalkidiki: Legenden auf den Zahn gefühlt

von Volker Grundmann

Krebs - Vladan Milisavljevic
Volker Grundmann setzt mit diesem Chalkidiki-Special seine Serie über Tauchmöglichkeiten in Griechenland fort, die seit über zwei Jahren in unserem Magazin läuft. Bei der Recherche zu diesem Artikel arbeitete er mit dem serbischen Unterwasserfotografen Vladan Milisavljevic zusammen.

Galerie von V.Milisavljevic

Worin Legenden wurzeln

An einem späten Juniabend mit meinem Recherchepartner, dem serbischen Unterwasserfotografen Vladan Milisavljevic, über die Hochhügelkette in das Gelände der „Sani Club“-Hotelanlage einkurvend, eröffnet sich uns ein umwerfender Ausblick über die sich silbrig kräuselnde See am Thermaischen Golf: Weit drüben am „Ipiros“, am griechischen Festlandkörper, bettet sich der letzte Rest Sonne in einen hohen Streifen intensiv glühenden Purpurlichts, lässt dunkle Umrisse massiver Berglandschaft für den Moment scheinbar abgehoben, wie gelöst von ihrem irdischen Sockel, über dem Seehorizont schweben. Eine wuchtige Bergspitze mitten drin überragt deutlich die anderen. Breit, Respekt fordernd, ja bedrohlich wirkend: Der Olymp. Heiliger Berg der antiken Götter.

Karte Chalkidiki - Tauchführer Chalkidiki
Kartenskizze Chalkidiki (Click zum Vergrössern)

Vier Wochen später, nach erfolgreicher Beendigung unserer Expedition, werden wir nur sechzig Kilometer südöstlich von hier, beim Orte Kalamitsi, das letzte Glas türkis schimmernernden Chalkidiki-Weins erheben. Und zwar in Richtung eines zweiten heiligen Berges, dessen sakral-strenge, weißgraue Flanken bei klarer Luft von hier fast zum Greifen nah erscheinen: Der Athos, Heiligort der orthodoxen Religion. Muss man diese Landschaft Chalkidiki, die so dicht zwischen zwei heilige Berge gepackt ist, nicht vielleicht gar heiliges Land nennen?

Der Heilige Berg Athos
Blick vom Tavernentisch hoch über die innere Buchtenlage von Kalamitsi
und auf den Heiligen Berg Athos


Auf das Eingeständnis, dass diese Frage neben der Ironie des Pathetisch-Überzogenen wohl doch einen Punkt der Ernsthaftigkeit schneidet, genehmige ich mir den ersten Schluck. Es ist jedenfalls manches so erhaben auf dieser riesigen Halbinsel mit ihren drei Klauenfingern, dass es solch Benennung wohl rechtfertigte: Am Mittelfinger Sithonia, beim Orte Wourwourou vielleicht, das linde Grün einer unbetretbar dichten Bergwaldzone, wie sie sich aus fast achthundert Metern rasant bis ganz hinunter schwingt, als dürste auch sie danach, sich kopfüber ins Blau der See zu stürzen und die Geheimnisse von deren Tiefen zu ergründen. Gegenüber, auf der Westseite Sithonias, die ungeheure Auswahl an teils riesigen, teils privilegiert-winzigen, in jedem Fall immer feinsandigen Stränden. Oft noch heute in kaum veränderte Naturumgebung gebettet, stellt diese Küste ein Badeparadies auch für sehr Anspruchsvolle dar.

Strandbucht nördlich Platanitsi
Strandbucht nördlich Platanitsi

Eine Auswahl weiterer Bilder zeigen wir hier.

Letztlich, diese Laune der nördlichen Ägäis, die den immer wieder wundersamen Spagat zwischen unberechenbaren Wind- und Strömungskräften in ihrem nahen nördlichen Tiefenbecken und zahmer, urlauberfreundlicher Sanftheit in den großen Buchtbereichen zwischen den „Fingern“ scheinbar mühelos durchhält. Wo in Griechenland gibt es das alles zusammen noch einmal?

Impressionen von Chalkidiki
Neben den sofort auffälligen Schönheiten der Natur gefällt die Unmenge hübscher, sehenswerter Kleinigkeiten auf Chalkidiki, die sich dem aufmerksamen Betrachter allenthalben mit Unaufdringlichkeit darbieten, seien sie architektonischer Art, sei es, dass sie etwas über die Lebensweise der Menschen zeigten oder seien es besondere Tiere, wie etwa frei laufende Schildkröten oder Springfrösche.

Wir haben hier einmal eine Auswahl dessen zusammengestellt, was uns auf unserer Recherchereise begegnete.

Link zur Bilderserie
Kurz und gut, es gab gute Gründe, dass Chalkidiki mit Beginn des modernen Fernreisetourismus ganz schnell einen legendären Ruf erlangte und schon in den siebziger und achtziger Jahren Österreicher und Süddeutsche in großen Kolonnen die fünfzehn Stunden Anfahrt zu dieser Urlaubsbadewanne durchs schwierige Jugoslawien hindurch willig absolvierten. Und es gab noch bessere Gründe, warum diese Legendenbildung besonders bei den Tauchern unter denen bald wie wild um sich griff, sich ganze Wiener oder auch Münchner Tauchklubs mit Wohnwagen, angehängten Booten und Kompressor jährlich auf den Treck nach Süden machten.
Nun sollte man mit dem Begriff der Legende vorsichtig umgehen. Damit eine solche entsteht und vor allem, damit sie Bestand hat, reicht es nicht, dass Tauchplätze schlechthin gut sind, nicht mal, dass sie herausragend gut sind. Es ist letztlich das Privileg, aus dem sich Legenden stricken: Man darf zu Legenden nicht in Massen pilgern können, denn dann sind sie bald Massenzirkus und keine Legenden mehr. Wunderbare Sachen werden eben deshalb zu solchen, weil nur wenige das Privileg besitzen, sie gesehen zu haben und auch in Zukunft nur für Privilegierte die Aussicht besteht, dass sie sie noch sehen werden. Deshalb halten auch wir die Legenden zunächst noch ein bisschen vor und widmen uns zuerst den bodenständigen Fakten des Tauchens. Denn zunächst einmal stellte sich heraus, dass das Taucherlebnis um Chalkidiki herum nicht nur allgemein als gut bezeichnet werden konnte. Die Unterwasserlandschaft hier bot mehr, als man gemeinhin vom Mittelmeer gewohnt war, wartete mit ganz Eigenem, Charakteristischem, auf. Findet man in anderen Küstenbereichen häufig relativ glatte, geschlossene Gesteinsoberflächen mit wenig Entdeckungspotential, so herrscht auf Chalkidiki ein in unregelmäßigen, dünnen Platten abgelegtes und unterschiedlich verdichtetes Konglomeratgestein vor. Dessen unterschiedliche Löslichkeit ließ die Oberflächen großflächig zu Höhlungen, Löchern und Tiefrissen vernarben, eine Struktur, die natürlich ideale Voraussetzungen für Verstecke und überhaupt für die Ansiedelung vieler Lebenformen bietet. Eine solche Oberfläche ist aufregend per se, denn sie sendet unaufhörlich das Signal, da ist was, du musst suchen, eindringen, finden.

Wir haben einmal versucht, in einigen Bildern das Typische der Chalkidiki-Oberflächen und den Reiz des Suchens dort darzustellen

Link zur Bildserie Oberflächen

Zur Häufigkeit von Steilwandbewohnern kommt ein reiches und ungewöhnlich verschiedenartiges Leben über tiefer gelegenen Flachbereichen, folglich insgesamt ein enormes Entdeckungspotential für den aufmerksam suchenden Taucher, aufregende Entdeckungen an wundersamen Tieren also auf nahezu jedem Tauchgang.
Unterwasser Impressionen Chalkidiki
Tonnenschnecke - Chalkidiki

Es würde diesen Beitrag überlasten, auch nur einen kleinen fotografischen Querschnitt der Wunderfülle zusammen zu stellen.

Als sehr häufig anzutreffende Tiere Chalkidikis haben wir hier mal exemplarisch die große Tonnenschnecke (Tonna Galea) und den gemeinen Oktopus in kleinen Porträts eingefangen.

Link zur Bildserie Tonnenschnecke - Tonna Galea und Oktopus.

Über die Gründe, warum Chalkidiki im Tierreichtum so privilegiert ist, insbesondere warum hier die Gorgonien wachsen, zu denen uns die Suche nach den Legenden später noch führt, wird viel hypothetisiert. Am wahrscheinlichsten ist wohl die Auffassung, dass der von Osten her durch die Dardanellen erfolgende Zustrom von nährstoffangereichertem Schwarzmeerwasser die gesamte Nahrungskette besonders im Bereich Chalkidiki auf ein qualitativ höheres Niveau hebt und damit alles Leben hier begünstigt.


Chalkidiki – von Österreich/Süddeutschland also relativ gut zu erreichen, vielerorts eher ungefährlicher zu betauchen als etwa der Atter- oder Bodensee – nur viel, viel mehr bietend. Wen wundert’s, dass hier schon bald österreichisch-deutscher Klubtaucher-Gusto die Tauchsitten bestimmte.
Michael Kutz - Tauchführer Chalkidiki
Ossi Preindl und Helmut Janecek - Tauchführer Chalkidiki

Und auch kein rechtes Wunder, dass einige der Ersten, die kamen, Chalkidiki bis heute die Treue hielten, jedes Jahr hier ihr Hauszelt aufstellen oder gar Eigentümer eines Urlaubsanwesens geworden sind. Drei von denen haben wir mal etwas genauer befragt, ihre Eindrücke hielten wir für anfügenswert.
Interview mit 3 "Urgesteinen"

Natürlich kamen auch die ersten kommerziellen Basenbetreiber von weiter nördlich. Man richtete sich ein und explorierte die Gegend immer umfassender – eben bis dahin, dass man am Ende neben all den guten auch die sagenhaften Tauchplätze fand.
Den Zerfall Jugoslawiens haben diese Verhältnisse eher schlecht überstanden. Die Gefahren der Durchfahrt schreckte die Mehrzahl der von Norden Anreisenden für etliche Jahre fast völlig ab. Ersetzt wurden sie durch das eigentlich natürliche Klientel dieser Küste hier, bulgarische, ungarische, rumänische Urlauber, denen die neue Zeit erstmals die Möglichkeit gab, die südlich vor ihrer Haustür liegenden Strände anzufahren. Umstände gemäß wenig Taucher unter denen, von deren Qualität, insbesondere in Hinblick auf Umweltbewusstsein, ganz zu schweigen. Und was den Anteil der Mitteleuropäer betraf, so trat jetzt vermehrt Flug/Hotel-Klientel auf den Plan. Darunter zwar auch Taucher, aber wie in dieser Kategorie üblich, solche, die normierte, durchkonfektionierte Basenverhältnisse fernab vom Klubtauch- oder gar Individualabenteuer schätzen. Griechische Basen sprangen jetzt zuhauf aus dem Boden, klar orientiert, an den Bedürfnissen solcher Kundschaft mit geringem Aufwand möglichst gut zu verdienen. Damit veränderte sich ziemlich viel im Tauchen auf Chalkidiki. Konventionalität sagte sich an, Üblichkeit bis zur Ächtung des Abenteuers, damit bis zum Totschweigen der Legenden. Viele von denen, die jetzt hier tauchten, hörten folglich nicht einmal die Mär von gewissen sagenhaften Plätzen. Die kreiste eher noch an Wiener Taucherstammtischen und nahm dort wohl auch ein bisschen eine weitere Eigenheit der Legenden in Anspruch, nämlich real gewesene Dinge wundersam ins Übertrieben-Sagenhafte, wenn nicht ins Unwahr-Fantastische zu wandeln.
Aber dass sie wachgehalten, weitergetragen wurden, niemals richtig untergingen, ist sicher gut so. Zeiten kommen bekanntlich niemals wirklich wieder und so auch nicht jene der alten Chalkidiki-Ära. Aber Verhältnisse wandeln sich zuweilen wieder zum Positiven. Und dies könnte in Bälde auch wieder den Chalkidiki-Tauchlegenden zu neuem Aufblühen verhelfen, aufs Neue den Drang erwecken, das Unterwasser-Avalon Chalkidikis zu finden. Die Gründe sind zum einen schon mal reisetechnischer Art. Weniger jene gigantische Autobahn von West- nach Ostgriechenland, die zur Zeit im Bau ist und die einmal für jene, die mit den Italien-Fähren kommen, die sieben Stunden Sepentinenweg durch das gewaltige Pindos-Gebirge verkürzen soll. Bis dieser Bau überzeugenden Zeitgewinn bringt, wird es noch lange dauern, zur Zeit spart er erst mickrige anderhalb Stunden. Nein, der interessante reisetechnische Fakt ist, dass sich die Transitreisebedingungen durch Serbien und FYROM-Skopje (Manche sagen Mazedonien dazu, aber die UNO verweigert aus gutem Grund die Anerkennung dieses Namens) zunehmend normalisieren. Die Transitstraßen hier sind nicht nur wieder weitgehend sicher, sie wurden auch generalüberholt und man braucht kein teures Visum mehr. Einer der Unentwegten, die jetzt schon fahren, hat uns hier eine Routenbeschreibung zur Verfügung gestellt.

Man spricht schon aus diesem Grund wieder zuhause im Klub über die Tour, erwägt sie. Die Jungen wollen genauer wissen, worauf sich der Ruf Chalkidikis in der Szene begründet. Vor allem aber: Was ist wirklich dran an dem Sagenhaften, was die älteren Herren vom Klub-Establishment gelegentlich beim späten Deko-Biere gucken lassen?

Aber es kommt brandaktuell eine nicht-nur-reisetechnische Botschaft dazu, ein Blockbuster, den wir an dieser Stelle und exklusiv als Erste der deutschsprachigen Tauchszene überbringen: Just vor wenigen Wochen wurde in Griechenland die gesamte Tauchgesetzgebung wieder vom Kopf auf die Füße gestellt. Das seit 1978 geltende, allgemeine Tauchverbot ist gefallen. Es ist hier nicht der Platz, in die Einzelheiten zu gehen, wir werden dies in der nächsten Ausgabe des Taucher.Net Magazins tun.
Für Chalkidiki konkret bedeutet dies, auch wenn die Mehrzahl der taucherisch interessanten Plätze schon bisher zugänglich war, an verschiedenen Stellen kommt auch hier noch neues taucherisches Entdeckungspotential hinzu. Und insgesamt dürfte klar sein:
Das Interesse am Tauchen in Griechenland generell wird in den nächsten Jahren deutlich stärker werden.


Ob dies alles Grund genug ist, Kroatien links (rechts) liegen zu lassen und noch zehn weitere Fahrstunden an die Urlaubsreise zu hängen, wird am Ende jeder selber beurteilen müssen. Aber wir wollen ein wenig dazu beitragen, dass er diese Entscheidung auch gut informiert fällen kann. Machen wir also mal eine umfassende Tauch-Rundreise, herum vor allem um die dreifach gefingerte Spitze Chalkidikis, denn nur hier konzentriert sich das lohnenswerte Tauchangebot der Region und konzentrieren sich letztlich auch die Plätze der Legenden.








Qualle - Vladan Milisavljevic


Über den Autor

Volker Grundmann vervollständigt mit diesem Beitrag seine Serie über Tauchmöglichkeiten in Griechenland, deren andere Beiträge in den Magazinen 37, 41 und 53 veröffentlicht wurden.

Griechenlandtauchen - Onlinemagazin-Nr 37
Kreta - Onlinemagazin-Nr 41
Die Ionischen Inseln - Onlinemagazin-Nr 53

Darüber hinaus ist er Verfasser der drei derzeitigen Standardwerke des Griechenland-Tauchens:
- "Tauchführer Griechenland - Westküste, Ionische Inseln Peloponnes" (BLV Verlag, München, 1998, ISBN 3-405-15413-8, vergriffen)
- "Tauchführer Griechenland - Gesamt" (auf CD-ROM im Eigenverlag 2001, über seine website www.Griechenlandtauchen.de zu bestellen).
- "Tauchabenteuer Griechenland", Selbstverlag, 2003, ISBN 3-00-011555-2, 325 Seiten, davon zweimal sechs Seiten Unterwasseraufnahmen, fest gebunden, Einband zellofaniert, ebenfalls vertrieben über die Website bzw. volkergrundmann@gmx.de.

© 2005 - Text - Volker Grundman
© 2005 - Bilder - Volker Grundman; außer speziell gekennzeichnete!




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