Als auf Chalkidiki die erste Stunde des Sporttauchens schlug:
Chalkidiki-Tauchpionier Michael Kutz hat sich von hier
nie wieder trennen können
Michael Kutz, Anfang der siebziger Jahre mit seiner Transmares GmbH Pionier
bei der Organisation von Chalkidiki-Tauchreisen, plauderte mit uns:
Michael, du bist vermutlich der erste Ausländer der hier auf Chalkidiki
jemals Tauchreisen für Touristen organisierte. Das muss doch eine spannende
Geschichte gewesen sein, damals in den siebzigern, wie bist du auf diese,
doch wohl ziemlich abenteuerliche Idee gekommen?
Ich will es ja gar nicht verleugnen, dass ich zu jener besessenen Generation
in den 60-er Jahren gehörte, die hartnäckig daran glaubte, dass
einem alles gelinge könne, was man anpackt, man müsse nur Fun dabei
haben. Carneby Street, Hippies, Blumenkinder –das Echo diese Zeit in Schlagworten,
was jeder auch darunter verstehen mag. Wir glaubten einfach, die Welt liege
uns zu Füßen. Und wenn man bei so einer Einstellung plötzlich
über Möglichkeiten und Ideen stolperte, da war man im Handumdrehn
auch schon dabei, sie umzusetzen.
Und diese Ideen kamen dir hier auf Chalkidiki?
Ursprünglich nicht ganz, wir wollten uns damals eigentlich nur die Insel
Thasos im Urlaub mal so ganz locker und unbeschwert reinziehen. Dabei lernten
wir aber ganz schnell zwei Dinge, nämlich erstens, dass es hier in der
Nordägäis fantastisch schöne, im Gegensatz etwa zu Italien
noch völlig unbekannte Plätze und Dinge gab. Und zweitens, dass
dieses, gerade mal aus der damaligen Obristendiktatur erwachende Griechenland
noch nicht viel von der Moderne und auch kaum etwas von seinen Möglichkeiten
im Tourismus wusste. Ich war damals schon Binnenseetaucher und Sportlehrerstudent,
und steckte natürlich gleich mal den Kopf mit der Taucherbrille unter
Wasser. Wer vorher nur im deutschen See getaucht hatte, der war, von dem
was er hier vorfand, förmlich erschlagen. Für mich assozierte das
Erlebnis sofort den Gedanken, mein Gott, Tauchen müsste hier eine Zukunft
haben. Noch mehr, ich meinte, Reisetourismus und Tauchen müsse sich
schnell und einfach zusammenführen lassen und man könne dort für
sich ein persönliches Geschäftsfeld eröffnen. Darauf stellte
ich mich ein, drängte an der FU Berlin darauf, Tauchen in den Ausbildungsplan
aufzunehmen, das geschah auch. Und für viele von denjenigen, die diese
Kurse belegten, schuf ich die ersten großen Mittelmeer-Erlebnisse.
Und das klappte tatsächlich alles so einfach?
Aus solch sonniger Grundeinstellung schöpft man dann auch die Kraft,
mit einer Unternehmung, die einem in den Sinn kommt, einfach mal los zu legen.Na,
ja, aber das Leben wusste auch damals schon, Dinge zu korrigieren. Wir brauchten
ein geeignetes Boot und das war letztlich nicht auf Thasos, nur in Neos Marmaras
auf Chalkidiki anzumieten. Wir charterten hier also dort erst den Segler
„Panagia“, später die „Jenny“, rührten unter den Studenten und
bei Berliner Tauchklubs die Werbetrommel, und schon ging‘s los.
Wie genau verliefen denn die Reisen so?
Ja, weißt du, das Unternehmen entsprach natürlich dem damaligen
studentischen Zeitgeist. Jeder Menge Romantik, die damals wieder erwachenden
Verbundenheit mit Natur, mit dem Ursprünglichen. Ausrüstung brauchten
wir nur das Notwendigste, ich glaube, am Anfang tauchten wir gar ohne Anzüge
und Tariermittel. Wir kannten sie noch, die ursprüngliche, wohl Cousteau’sche
Begeisterung des Tauchens, den Rausch der Schwerelosigkeit. „Octopus Garden“von
den Beatles galt als unsere Unternehmenshymne, wir summten sie noch mit dem
Regler schon im Mund. Die „Panagia“ war eigentlich ein primitives Schiff,
aber es ging bei uns wunderbar studentisch, ohne jegliche Konvention zu,
in manchen Dingen sicher ein bisschen arg frei. Ich wills nicht verleugnen,
die Träume der Blumenkinder, unserer Hippie-Generation, waren mit uns
auf diesen Touren. Wir schipperten Chalkidikis Küsten auf und ab und
es blieb neben Tauchen genug Zeit für all das, was wir damals als Spaß
empfanden.
Zum Beispiel?
Hmm, weiter in die Einzelheiten zu gehen, könnte mancher als unpassend
empfinden, ich verweise auf das einschlägige Credo dieser, meiner Generation.
Freiheit war damals ein unendlich dehnbarer Begriff und nichts war mehr "mega-out"
als Konvention und Spießers Sitte.
Und taucherisch? Was habt ihr damals gesehen, was hat euch am meisten
beeindruckt?
Da wir die Malediven noch nicht kannten, waren für uns zu meisten Plätze,
die wir hier betauchten, umwerfend. So umwerfend, dass wir selten weit zu
fahren brauchten. Eine besondere Entdeckung für uns war Kelyfos. Der
dortige Fischreichtum, die Hummerngründe, der Wechsel von kompromissloser
Steilwand in sanfte Areale, die Tierwelt. Kurz, die Tauchgänge dort
es rissen die Teilnehmer regelmäßig zu Begeisterungsausbrüchen
hin. Damals gab es dort sogar noch Schildkröten.
Wie und weshalb endete diesen schöne Freiheit?
Nun, es ging schon ein ganz paar Jahre, an Interessenten an diesen Reisen
mangelte es nie, zeitweilig hatten sie unter den Eingeweihten in Berlin einen
richtig legendären Ruf und wir verdienten fast nebenbei schön Geld
damit. Aber irgendwann wechselte der Zeitgeist und griffen die Realitäten
nach uns. So spät wie das Sporttauchen in Griechenland ankam, so schnell
geriet es auch in das bekannte Spannungsfeld. Die griechischen Behörden
fingen an, sich für unsere Reisen zu interessieren, rumzukontrollieren,
Auflagen zu erteilen, die Quälereien der Bürokratie begannen. Und
schließlich, irgendwann, kriegte die Frau unseres Kapetanio zufällig
auch mit, was da so in unseren gemischten Gruppen an Bord unter den Augen
ihres Mannes ablief. Irgendwie war sie dann dagegen, dass er weiter für
uns fuhr... Aber im Ernst, mein Studium ging irgendwann doch zu Ende, ich
kam in den Schuldienst, der Spagat zwischen Lehrer und Reiseveranstalter
erwies sich als nicht praktikabel. Eine recht schwere Erkrankung stellte
sich ein und es kam zu Spannungen zwischen mir und meinen Unternehmenspartnern.
Kurz und gut, die Verhältnisse legten uns nahe, das Unternehmen einzustellen.
Du bist aber trotzdem noch hier, und sogar, wenn man so sagen kann, auf eigener
Ranch säßhaft?
Na, ja, wen diese Gegend hier packt, den lässt sie so schnell nicht
wieder los. Land konnte man damals extrem günstig hier kaufen. Und zu
einem ordentlichen Hippie-Traum vom Leben, da gehörte natürlich
auch ein Stück Land, ein Pferd und der sonnige Süden...
Zwei, die die Legenden nach Österreich trugen
Ossi Preinl und Helmut Janecek (hier vor der bisherigen Kalamitsi-Basis)
halten Chalkidiki seit vielen Jahren die Treue
Auf dem Zeltplatz Porto, Kalamitsi, trafen wir zwei jener Unentwegten,
die zu Chalkidiki auch in den schweren Jahren hielten. Ossi Preinl, 66,
Sektionsleiter Tauchen des SV Bäder und Vorstandsmitglied beim ASB,
Wien, vielen bekanntes Urgestein der Wiener Tauchszene, kommt seit zwanzig
Jahren nach Sithonia. Helmut Janecek, 44, ist seit Anfang der Neunziger dabei.
Ossi, zwanzig Jahre Urlaub auf Chalkidiki, hat das nicht ein bisschen
den Anstrich von Genügsamkeit und Selbstkasteiung? Wieso bist du denn
überhaupt Chalkidiki verfallen?
Ossi: Bei uns wurde Mitte der 80-er ein Zivi eingestellt, ein ziemlich
verrückter Tauchfreak, der aus familiären Gründen oft auf
Chalkidiki weilte und vom Tauchen hier gar wundersame Dinge erzählte
(Anmerkung des Autors: Es handelte sich um den im Text erwähnten Georg
Sauer-Salasidis). Als wir ihm das nicht so recht glauben wollten, lud er
uns ein, ihn im Sommer mal hier zu besuchen...
Und, fandest du die wundersamen Sachen bestätigt?
Ossi: Für jemanden, der mal als Berufstaucher nach Schrott in
der Donau tauchte, dann als Sporttaucher fast ausschließlich Kaltwasser
in Österreich, da stellte sich zunächst sogar das Hausriff von
Kalamitsi als kleines Wunder dar. Damals wurden diese Tauchgebiete hier zum
Glück eben offiziell freigegeben und wir profitierten enorm davon. Alles
das, was man dann etwas weiter draußen und um die Ecke erleben kann,
na, das kennst du ja selbst... Ich möchte aber hervorheben, dass alle
diejenigen, die regelmäßig hier her kamen, mit den Jahren eine
wunderbare Truppe wurden, Basenchef Kostas ein richtiger Freund von uns allen,
wir bedauern es sehr, dass er nun geht.
Und du, Helmut, was hat dich hierher gebracht?
Helmut: Mich schleppte ein Schwager hierher, der schon von der Chalkidiki-Tauchseuche
infiziert war. Ich sollte nur mal den Kopf unter Wasser stecken... Nach den
ersten Schulungungen nahmen sie mich dann gleich zum Wrack mit. Hinterher
wusste ich, das wird mein Lebenshobby. Ich wurde richtig süchtig danach,
unter Wasser zu entdecken, alles was ich da sah, einzuordnen und zu verstehen,
las und lese auch jetzt noch jede Menge über Mittelmeerbiologie. Und
da wir stets das eigene Schlauchboot mitbringen, kann ich das Gelesene hier
in aller Ruhe praktisch vertiefen. Kalamitsi ist für mich eine Droge.
Obwohl ich zwischendurch auch woanders, etwa in Ägypten, tauche, komme
ich hierher immer wieder mit größter Freude zurück, jedesmal
mit neuer Spannung, was ich in diesem Urlaub erleben werde. Und die Erwartung
wird eigentlich nie enttäuscht.
Gibt es etwas, was ihr besonders hervorheben würdet, was Chalkidiki
auszeichnet?
Ossi: Neben den immer wieder faszinierenden Tauchplätzen ist
für mich ist klar das Individualtauchen unter Mittelmeer-Bedingungen
hier der Kick. Diese Selbstbestimmung über den Tauchgang, diese nahezu
unbegrenzte Freiheit der Wahl nach Gusto.
Helmut: Das geht mir auch so, darum schleppe ich auch mein Boot mit.
Wie schätzt ihr denn die Umweltsituation im Meer hier allgemein ein?
Ossi: Die Gewässergüte und damit die Sicht ist hier einfach
exzellent, es gibt ja auch weit und breit keine Verschmutzer. Was den Artenreichtum
und größere Fische betraf, so hatte ich in den Achtzigern den
Eindruck, die Dinge verschlechterten sich. Vor allem wurde damals noch viel
harpuniert. Aber mir scheint, seit Mitte der Neunziger geht es aufwärts.
Ich glaube, die Anwesenheit von immer mehr Gerätetauchern hat dazu beigetragen,
das Fischejagen sicher nicht zu ächten, aber zurück zu drängen.
Und wahrscheinlich wirken sich langsam auch die schärferen EU-Bestimmungen
für die Fischerei aus. Auf alle Fälle sieht man heute hier deutlich
mehr größere Fische als etwa vor zehn Jahren.
Helmut: Ja, Anfangs bekamen wir sogar noch Fälle von Dynamitfischerei
mit. Aber jetzt scheint das wohl schon einige Jahre ganz ausgerottet.
Kann man heute wirklich wieder über Jugoslawien anreisen?
Helmut: Also, man konnte es eigentlich immer, aber in diesem Krieg
Mitte der Neunziger und etwas danach, da war es, zugegeben, nicht einfach
und auch ein bisschen waghalsig und folglich, wie wir sagen, "ka Sau da".
Aber jetzt – kein Problem, es sind 1423 km von Wien, in 15 Stunden bist du
hier. Und wenn du alle Geschwindigkeitsbegrenzungen einhältst, dann hast
du auch keine Probleme mit der Polizei unterwegs. Die Autobahnen und Straßen
sind fast durchweg saniert.
Ihr seid hier im Moment gerade mal eine Hand voll vom alten Stamm. Glaubt
ihr, dass noch andere wiederkommen?
Ossi: Wir haben Juni, warte mal den Juli - August ab, dann werden
es wohl schon mehr als zwei Hände voll sein. Und wie du sicher gemerkt
hast, es sind etliche ganz Neue hier, nicht nur Österreicher: Heinis
Tauchschule aus München mit wohl fünfzehn Leuten, aber auch drei
Ehepaare aus Berlin oder Ostdeutschland. Sollte mich wundern, wenn wir die
in den nächsten Jahren hier nicht wiedertreffen. Ich bin mir ziemlich
sicher, Kalamitsi wird sich als besonderer Szene-Platz, und nicht nur der
österreichischen Taucher, weiter entwickeln. Übrigens, zu viele
sollten es auch nicht werden, auch damit haben wir Erfahrung. Es kommen dann
diejenigen mit, die die Auszeichnung, hier zu tauchen, eigentlich nicht verdienen,
wir hatten früher schon welche dabei, die sich weder als Taucher noch
als Mensch hier richtig zu benehmen wussten. Mit denen gibt es schon zu Hause
an unseren Seen genug Probleme, die möchte ich nicht hier her exportieren.
Helmut: Na, ja, du hast Recht, Volker, verglichen mit früher
ist das hier im Moment doch noch ein Stück Stagnation. Aber die Tour
wird bei uns zu Hause wieder erörtert, in Erwägung gezogen, und
das wird in den nächsten Jahren Folgen haben. Was die Taucher betrifft,
so teile ich Ossis Meinung, möchte aber hinzufügen, nicht nur anständige
Taucher sollen es sein, die hier her kommen, vor allem auch erfahrene oder
zumindest solche, die ihre Fähigkeiten richtig einordnen können
und konsequent lernwillig sind. Natürlich gibt es hier auch für
Anfänger Highlights, aber den richtigen Gewinn aus Kalamitsis Möglichkeiten,
den ziehen Taucher mit Anspruch an ihre Leistung und Fotografen, die das
Mittelmeer lieben.
TIPP:
Berichte über alles mögliche rund um den Tauchsport findest Du hier.
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