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Onlinemagazin - 62. Ausgabe - Ein U-Boot mit Pfeffer ! - Untergang




 Geschrieben von Oli
Am 9. Oktober bekommen die Ausgucks um 11.47 Uhr Land in Sicht. Seit etwa sieben Tagen hatte man kein Besteck mehr nehmen können. Um 12.00 Uhr, noch einige Stunden vor dem Hafen von Lorient, ruft eine Brückenwache plötzlich: "Sehrohr querab!" Der Wachoffizier auf der Brücke nimmt an, dass es sich um ein britisches U-Boot handelt und gibt den Befehl an die Maschine "AK voraus!" Mit Höchstgeschwindigkeit braust das Boot dahin. Weitere Befehle des Wachoffiziers folgen: "Ruder hart Backbord!" und "Ruder hart Steuerbord!" Dieser Zickzack-Kurs wurde einige Zeit beibehalten, um dem feindlichen U-Boot einen gezielten Torpedoschuss zu erschweren. Doch dann ging es wieder auf Marschgeschwindigkeit und direkten Kurs zum Aufnahmepunkt mit dem Geleit weiter. Nach dieser Aufregung wurde endlich die Brückenwache abgelöst - dies sollte eigentlich schon um 12.00 Uhr gemacht werden. Keine fünf Minuten später: Fliegeralarm! Da das Boot nicht taucht, flitzt die Besatzung auf ihre Überwassergefechtsstationen. Die Flakwaffen im Wintergarten und auf dem Achterdeck werden besetzt. Zum Glück war dies aber nur ein blinder Alarm gewesen. Die gesichteten Flugzeuge waren alle von den eigenen Luftstreitkräften, darunter auch eine Junkers 52/MS des "Sonderkommandos Mausi" vom Flugplatz in Vannes.
Hierbei handelte es sich um eine Spezialausführung des dreimotorigen Junkers 52 - Transportflugzeugs. Genauer gesagt hatte man an Maschinen des Typs Ju 52 g4r einen riesigen Magnetring von über 14 m Durchmesser angebaut.

Dieser war unter den Tragflächen vor dem Fahrgestell und hinten am Rumpf durch Stützen mit dem übrigen Flugzeug verbunden und bestand aus 3000 m Aluminiumdraht, der um den Ring herumgewickelt war. Das ganze wurde aus aerodynamischen Gründen dann noch mit Leichtmetallblech verkleidet. Sinn dieses kuriosen Flugzeuganbaus war die Schaffung einer wirksamen Waffe gegen Magnetminen. Die eigenen Räumboote, Minensucher und Sperrbrecher kamen nämlich mit dem Räumen speziell von Magnetminen kaum mehr nach. Die Ju 52/MS konnten aber viel schneller als Seeschiffe verdächtige Seegebiete abfliegen und Magnetminen räumen. Denn der Magnetring am Flugzeug war so eingestellt, dass seine Impulse eine Reichweite von 100 m hatten. Flog der Pilot mit seiner JU 52/MS also in 20 m Höhe, konnte er noch Minen räumen, die in 80 m Tiefe lagen. Leider war diese Methode nicht perfekt und so manche Maschine flog in die Wassersäule einer von ihr ausgelösten Magnetmine oder wurde leichte Beute feindlicher Jäger - aus Gewichtsgründen wurde nur ein MG 15 im Kaliber 7,9mm als Abwehrbewaffnung geführt.


Ju 52/MS; im Rahmen des KG 51 "Edelweiß" in Rußland eingesetzt zur
Säuberung der Zufahrten des Schwarzen Meeres bei Kertsch und dem
Bosporus; Besatzung lehnt sich z. T. gegen den Minenring

Im Boot beruhigten sich die Geister wieder und die Seelords machten schon Pläne, was sie nach dem Einlaufen alles anstellen würden. Um 13.00 Uhr konnte durch eine Landpeilung sowie durch M-Spruch -Morsespruch- mit einem Vorpostenboot wieder ein sicherer Standort bestimmt werden.
Gegen 13.30 Uhr stand das Boot dann am Punkt Lucie 2. Das war der Ort, an dem ein Geleit von eigenen Schiffen U 171 aufnehmen soll, um es sicher durch die minenverseuchten Gewässer vor Lorient zu bringen und auf dem Weg in den Hafen vor Angreifern aus der Luft zu schützen. Noch ist aber kein Geleit da.
Das heißt aber nicht, dass die Gegend wie ausgestorben ist. Die Kriegsmarine hat auch hier im Küstenvorfeld zu tun und rackert sich dort mit anderen Aufgaben ab. So z. B. auch der Sperrbrecher 4, vormals als MS Oakland als Frachtschiff in Diensten der Hamburg-Amerika Linie. Der Sperrbrecher liegt in Sichtweite zu Lucie 2 bei der Ile de Groix vor Anker und repariert den Stromerzeuger für die eigene VES-Anlage, den ebenfalls auf magnetischer Basis funktionierenden Voraus-Eigenschutz gegen Magnetminen. Auf der Brücke nimmt man das Herannahen von U 171 aus der Peilung 260 Grad zum ersten mal um 13.35 Uhr wahr. Fünf Minuten später fragt U 171 bei Sperrbrecher 4 per M-Spruch an:
" Kommandant an Kommandant Frage: Geben Sie mir Geleit ? "
Der Kommandant des Sperrbrechers reagiert darauf um 13.42 Uhr mit einem M-Spruch an den auslaufenden und zwischen Lucie 5 und Lucie 7 stehenden Sperrbrecher 134, den vormaligen Frachtdampfer SS Falke der Argo-Reederei in Bremen:
" K. an K. : U-Boot liegt bei Lucie 2 und wartet auf Sie. "
An U-Pfeffer antwortet der Kommandant von Sperrbrecher 4 um 13.45 Uhr per M-Spruch:
" K. an K.: Geleit durch Sperrbrecher unterwegs. "
Aber während noch dieser Spruch an U 171 abgeht, beobachtet der auf seinem Signaldeck stehende Kommandant von Sperrbrecher 4, wie bei U-Pfeffer eine Minendetonation erfolgt und eine hohe Wassersäule emporwächst. Der Bug von U 171 wird dabei aus dem Wasser gehoben und - versinkt mit dem Rest des Bootes...

Aus der Sicht von Oberleutnant Pfeffer stellt sich das Geschehen ab der Kommunikation mit Sperrbrecher 4 etwas anders dar:
Tauchen kam für mich (Anm. d. Red.: Wegen der geringen Wassertiefe über dem Einlaufweg) nicht mehr in Frage. Ich ließ die Brücke seeklar machen und gab Erlaubnis zum Betreten der Brücke zunächst für vier Mann, später mehr. Als ich nach Kopplung auf Lucie 2 stehen musste, entschloss ich mich, bis zur Aufnahme durch das Geleit in der Nähe auf- und abzustehen. Gegen 13.40 Uhr drehte ich nach Backbord auf 280 Grad. Kurz nachdem der Kurs anlag, erfolgte eine Detonation im Vorschiff, nachdem unmittelbar vorher die Ju 52 in geringem Abstand passiert hatte. Ich vermutete einen Minentreffer und befahl "Beide Maschinen Stopp". Ich glaubte im ersten Moment, das Boot noch halten zu können. Das Stopp-Kommando ist nicht bis in die Maschine gelangt, ich hörte die Diesel weiterlaufen. Ich befahl: "Alle Mann aus dem Boot!", und da das Boot jetzt Lastigkeit bekam, gleich hinterher: " Alle Mann außenbords! " Etwa zur gleichen Zeit sah ich, dass das Bug-Torpedoluk offen war und zwei Mann drin steckten. Ich rief darauf mehrere Male "Luk dicht!" und unterstrich dies durch Handbewegungen. Das Boot wurde schnell vorlastig, das Luk ging zu und das Boot schnitt unter. Das Turmluk wurde von mir nicht zugeworfen, da noch Leute hochkamen. Als die Vorkante Brücke unterschnitt, ging ich mit dem eindringenden Wasser Achterkante Brücke am Maschinengewehr außenbords. Das Heck war noch über Wasser, ich hörte die Diesel noch laufen. Als ich wieder an die Oberfläche kam, war vom Boot nichts mehr zu sehen. Soweit möglich, versuchte ich an die im Wasser Schwimmenden durchzugeben, dass alle zusammenbleiben sollten, um das Auffinden zu erleichtern und auf Vorschlag des I. Wachoffiziers auf die Ile de Groix zuzuschwimmen.

Da Oberleutnant Pfeffer sich mit Teilen der Mannschaft auf der Brücke befunden hatte, stellte sich das Erleben dieses Untergangs natürlich für die Besatzung im Boot anders dar. So auch für den damaligen Wachoffizierschüler auf U 171, Oberfähnrich Kurt Lau. Er berichtet wie folgt:
Da - jetzt - das Boot erdröhnte von einem urgewaltigen Schlag, der in einer hohen Wassersäule das Heck nach oben stemmte und die Nase tief eintauchte. Ja - es waren zwei Schläge, registrierte ich (der zweite war das zurückkehrende Echo gewesen). Ich stand im Offiziers-Raum. Was war los?? Die Gedanken liefen mechanisch durch. Zuerst ein Blick nach voraus und nach achtern. Keine heranwälzenden Wassermassen! Füße und Knie sind nicht verstaucht, trotz des gewaltsamen Satzes? Es ist so entsetzlich totenstill in dieser Schrecksekunde; wo ist das vertraute Dröhnen der beiden Diesel? Kein Kommando von der Brücke; auch nicht jener letzte Schrei: Alle Mann aus dem Boot! Ein Löwensatz durch das runde Kugelschott der Zentrale - mein Gott! Das hätte ich nie für möglich gehalten! Von fast allen Ventil-Handrädern waren die Kränze abgesprungen; die Speichen allein ragten hervor. Ein zentnerschweres Flutventil war durch den auf den Rohrquerschnitt wirkenden Wasserdruck auf den Kartentisch geschleudert worden. Es gab kein heiles Manometer mehr, und die fingerstarken Drähte, in denen die Sehrohre hingen, waren gebrochen.
Die Zentralegäste machten mit fliegenden Fingern, wie ich, die Tauchretter klar. Es mögen 20 Sekunden vergangen sein, keiner sprach ein Wort. Alle dachten dasselbe: Nochmal Glück gehabt !
Ich trete an das Lukensüll, atme die frische Luft und will aufwärts. In dieser Sekunde schlägt mir eine massive Wassersäule entgegen. Mir steckt ein Kloß im Hals: Also doch eingeschlossen!
Zum Verständnis des Weiteren eine kurze bootsbauliche Erklärung:
Das Boot war vom Typ IX c und besaß fünf voneinander druckfest abschottbare Abteilungen. Von hinten anfangend, der Reihe nach:
Abteilung 1 Hecktorpedoraum, Abteilung 2 Dieselraum mit Kombüse, Unteroffizierswohnraum und darunter Akkumulatorenraum. Abteilung 3 Zentrale, Mitte und Herz des Bootes; darüber der "Turm", das Gehirn, Platz des Kommandanten und des Hauptrudergängers sowie des Feuerleitpersonals. Abteilung 4 Funkräume, Offiziersmesse mit darunter befindlicher Akku-Anlage und Abteilung 5 als Mannschaftswohnraum sowie Bugtorpedoraum. Jede dieser Abteilungen hat eine eigene Sauerstoff-Anlage, einen eigenen Tiefenmesser sowie Reserve-Tauchretter und unabhängige Notlampen.
Da das Wasser wie ein Sturzbach in die Zentrale herunterrauschte, jagten wir wie gehetzte Kaninchen durch das Kugelschott in die Abteilung 4 und riegelten uns ab. Aber auch hier plätscherte es unter den Flurplatten! Die Schalttafeln im Funkraum zischten und knisterten vor lauter blendenden Kurzschluß-Lichtbögen, aber sie brannten nicht. Wenn wir bisher wie gehetzte, angespannte Tiere reagierten, so vermochten wir hier erstmalig klare Gedanken zu fassen. Also erstmal umgucken. Die Spindwände waren fast alle aufgerissen. In den Kojen lag kein Kamerad, der durch die Erschütterung bewusstlos geworden, hätte herausgeholt werden müssen.
Herausgeholt? Ja; in den vordersten Raum; in die Abteilung 5. Doch wenn die starren Augen von zerrissenen Kabel- und Rohrsträngen, die an der Decke hängend, die Abteilungen verbanden, herabwanderten zu den Löchern, die die aufgerissenen Flurplatten hinterließen, dann sahen sie nicht nur in schwarzes, feindliches, öliges Wasser, in dem Lappen, Bretter und Mützen schwammen. Nein - das Wasser schien zu kochen; und das rührte von den kleinen aufperlenden Chlorgasbläschen her, die sich aus dem Seewasser sowie der Schwefelsäure von 64 etwa meterhohen Akkuzellen entwickelte. Also Chlor! - Raus! Tauchretter auf! Und als der letzte Mann durch das hügelig gewölbte, gutstählerne Schott stieg, musste er bereits bis zu den Knien im Wasser waten. Darin schwamm in der trüben Flut gerade vor meinen Augen das mit sechs Durchschlägen mühsam getippte Kriegstagebuch, an dem ich die ganzen vier Monate hindurch herumgedoktert hatte.
Nun, der letzte also wollte das Kugelschott schließen - aber verdammt noch mal - uns bleib wohl nichts erspart - es war nicht zu schließen! Der ganze Bootskörper war so verbogen worden, dass dieses Schott klemmte. Dies also, der vorderste Raum, sollte für uns die Stätte der Entscheidung werden. Dies Bewusstsein erfüllte uns 16 mit einer grimmigen Entschlossenheit. Also eine Handbreit musste offenbleiben - trotz aller wirklich verzweifelten Bemühungen. Das Schloss federte immer wieder zurück, und bald begann es immer stärker in den Bugraum hineinzuplätschern. Im Schein der schwachen Notbeleuchtung sahen wir auch die Chlorschwaden ganz schwach in unseren Raum hineinschlieren. Nun - wir zählten erst einmal ab, und als Dienstältester blickte ich mir meine Schicksalsgenossen genau an. Wir waren 16 Soldaten - und für drei waren keine Reservetauchretter mehr aufzuspüren.
Es war gut, dass wir so viele waren. Das gab jedem einen winzigen seelischen Halt, zu wissen - Du bist nicht allein! Wie leicht hätte sich gar ein Einzelner in gleicher Situation der Resignation in die Arme geworfen! Funkmaat Helmut Nolte brummte mürrisch: "Natürlich, der Lokus funktioniert wieder nicht!" - Und damit tat er mehr für die Stimmung, als er ahnte. Was jetzt für uns zu tun war, das war uns auch ohne Kriegsrat klar, oft genug hat man es uns auf den U-Bootschulen eingetrichtert: Schnellstens Druckausgleich schaffen, d. h. den Raum vollaufen lassen, bis kein Überdruck mehr auf dem Bootskörper und den Luken lastet - und dann langsam, langsam aussteigen. So lautete die Theorie!
Das alles wusste unser Torpedo-Obermechaniker längst und suchte mit seinem Gast nach einem Schraubenschlüssel, um die Verblockung der Torpedorohrverschlüsse zu lösen. Verblockung? - Nun, es geht doch nicht ohne technische Erklärungen. Es handelte sich also hier um eine sinnreiche mechanische Sicherung die zu verhindern hat, dass etwa versehentlich beide Verschlussklappen eines Torpedorohres - die vordere sowie die am Ende des Rohres, also im Boot befindlich - geöffnet werden könnten. Was sonst also zur augenblicklichen Katastrophe - zum Vollaufen des Bootes - geführt hätte, sollte hier zu unserer Rettung geschehen.
Die Notbeleuchtung war inzwischen erloschen. Auch durch zwei kleine Taschenlampen wurde der Raum nur noch durch den fluoreszierenden Anstrich der Luken erhellt, der so seinen Zweck erfüllte. Es wurde kaum gesprochen, und wir alle verfolgten, auf Kisten und Tischen stehend, mit rapidem Atem und schwarz geweiteten Pupillen die Anstrengungen der beiden bis zur Brust im Wasser stehenden Mechaniker. Zwar gelang es ihnen, die Verblockung abzuschrauben, aber die äußeren Rohrverschlüsse klemmten völlig! So sehr wir uns in die Getriebekurbel hingen und stemmten - es war einfach nicht möglich. Die hölzerne Verschalung des Kurbelgriffes splitterte schließlich auseinander.
Aus der Höhe des Wasserstandes konnten wir etwa erkennen, dass wir bereits unter ca. 3 atü Druck standen. Der Atem ging sehr schnell; die Tauchretter hatten wir inzwischen aus Sparsamkeitsgründen wieder abgenommen. Es war mit den Chlorgasen nun nicht mehr so gefährlich, denn durch Spritzen und Plätschern erreichten wir überraschend schnell, dass sie vom Seewasser absorbiert wurden, außerdem konnten von dem Augenblick, da das Kugelschott überspült wurde, keine neuen Gase in den Bugraum mehr eindringen.
Die Stimmen der Kameraden verschwammen zu einem leisen, quakenden Ton - als Folge des weiterhin steigenden Druckes; sonst umfing uns die Totenstille jenes dunklen Riesenreiches, in dem lebende Menschen stets nur sehr kurzzeitige, oberflächliche Eindringlinge bleiben werden. Für den, der sie nicht kennt, hat diese geisterhafte Stille etwas Faszinierendes, das sich lähmend auf das Gemüt legt. Wir jedoch wussten, von welchem Dröhnen und Rollen der Atlantik unter seiner Oberfläche zuweilen bei den Feindberührungen erfüllt sein konnte; vermag man doch das hallende Dröhnen der Wasserbomben bei ruhiger See über 50 Seemeilen weit zu hören - viel weiter, als in der Luft. Kurz - diese suggestive Wirkung unserer Umgebung hemmte nicht unsere Entschlossenheit, denn noch blieb das über uns befindliche Torpedo-Übernahmeluk. Und das Fluten des Raumes konnte auch durch Öffnen der - allerdings sehr kleinen Flutventile der Torpedozellen - sowie deren Entlüftungen beschleunigt werden. Und das geschah auch, dauerte aber sehr viel länger. Eine halbe Stunde hatten wir nun schon im Keller zugebracht, das Wasser reichte bald, trotzdem wir alle auf Backen und Proviantkisten stehend warteten, bis an die Brust. Warteten auf den ersehnten Druckausgleich zwischen außen und innen. Und - mit den Köpfen zwischen Spanten und Leitungsbündeln - wanderten die Blicke der 16 Augenpaare immer wieder zur fluoreszierenden Scheibe des Tiefenmanometers, dessen Zeiger unendlich langsam der Null zustrebte. Die Reden wurden immer spärlicher ob der herannahenden Entscheidung. Beklemmung, Ermüdung und Angst kämpften schweigend mit Hoffnung und Lebenswillen.
Druckausgleich - muss das denn sein? Wenn sich nun alle gegen das Luk stemmen? - Nun, - 1 atü. eine Atmosphäre Überdruck, das bedeutet eine Wassersäule von 10 Meter; das bedeutet auf einem Luk von ca. einem halben Meter Durchmesser fast 2.000 kg Gewicht. Nein - der Zeiger muß erst auf 0 stehen - auch, wenn das Wasser dann bis über die Nasenlöcher stehen sollte.
Eher geht das Luk nicht auf. Also Tauchretter wieder um, es wird kritisch. Der Zeiger steht dicht vor 0. Der stärkste Mann, der Torpedomechaniker Sauter ans Luk. Wir bilden dahinter eine Reihe, um nacheinander aussteigen zu können. Selbstverständlicher, schweigender Gehorsam.
Der Zeiger steht auf 0. Das Wasser reicht an den Hals. Es muss jetzt etwas geschehen. Die Bewegungen werden mechanisch, eckig, und die Angstbeklemmung ist ungeheuer. Aber keiner zeigt sie! Da! Sauter reisst das Luk auf. Licht! Wasser schießt in den Raum, reisst uns durcheinander. Ein schwacher Schrei - diese gewaltigen Wirbel! Und das Luk? Herausdringende Luft reisst es auf; hereinströmendes Wasser schlägt es wieder zu - dauernd - dauernd - ich japse, als es rapide über meinen Kopf steigt. Ich sehe endlich, nachdem die letzte Luft aus dem Boot entwichen ist, den smaragdgrünen Mond über mir - das offene Luk! Der Weg zum Leben! Taste mich, schwerelos schwebend, hin, gleite - ich weiß nicht, wie - hindurch, und atme ununterbrochen aus. Wirklich, ununterbrochen, denn die in der Lunge komprimierte Luft dehnt sich ja ständig aus mit abnehmendem Wasserdruck. Atme in einem Strahl nur aus; perlend, prustend - nur aus. Und das Wasser wird heller - fast blendend hell für meine Augen. Kaum dass man die Geschwindigkeit des Aufstieges mit den Händen bremst - obgleich man es tun sollte, da der rasche Druckabfall das Blut zum Schäumen bringen könnte - ähnlich einer geöffneten Brauseflasche. Nein - aufwärts, zur Helligkeit! - Um dann - endlich, beglückt - wie ein Sektkorken durch die Wasseroberfläche zu brechen. Ja - da lagen bereits drei Vorpostenboote um die Unfallstelle herum und hatten ihre Kutter ausgesetzt. Mundstück vom Tauchretter raus! Und da schwammen schon die meisten Kameraden, wurden in die Kutter und Jollen gezerrt. Da - eine Jolle nahm, in der leicht bewegten Biskaya-See dümpelnd, genau Kurs auf mich. Ein Bootsgast schwang, breitbeinig auf der Back stehend, wie ein Cowboy einen dicken Tampen und ließ ihn in meine Richtung fliegen. Ich griff zu - und war gerettet!

Ergänzend erzählt Fritz Müller, Matrosenhauptgefreiter auf U 171:
Da Seegang herrschte, wollte ich mich für eine Stunde in die Hängematte schwingen, in der Koje war es doch zur Zeit unbequem durch die Schlingerei.
Es kam aber nicht dazu. Plötzlich gab es eine riesige Detonation, die uns von den Beinen riß. Die Leiter zum Bugtorpedoluk, die während der Fahrt hochgezogen und befestigt ist, krachte herunter. Es waren wohl nur Zentimeter und ich hätte diese Eisenleiter auf dem Kopf gehabt denn diese hätte mir die Schädeldecke eingeschlagen. So streifte sie gerade noch mein Kreuz und riß das Tropenhemd in zwei Teile. Auf dem Rücken hatte ich einen Riss, der noch lange Jahre zu sehen war. Zur gleichen Zeit war das Bugtorpedoluk, das durch eiserne Klammern befestigt war, aufgesprungen und sogar die Flurplatten sind hochgeflogen. Wir alle wussten nicht, war es ein Bomben- oder Torpedotreffer, mit einer Mine hatte keiner gerechnet. Da das Luk auf war, stieg mein Kamerad Paul Ziska aus Hamburg die Leiter hoch, ich hinter ihm her. Ich sah ihn noch in Richtung Turm über das Oberdeck laufen, zögerte einen Moment und sah zur Brücke. Ich sah nur den Kommandanten und den Brückenmaat, wie sie mit den Armen irgendeine Bewegung vollführten, aus der ich nicht klug wurde. Plötzlich schnitt das Boot unter und ich bekam die erste Wasserwucht über mich. So warf ich doch das Luk wieder zu und drehte es fest. Hier hatte mir der Mixermaat Scholz geholfen, der wohl hinter mir auf der Leiter stand ,um auch auszusteigen. Das Boot sackte vorlastig ab, wir hatten im Bug- und U-Raum starke Wassereinbrüche. Wir wussten nicht einmal, sind wir getaucht oder saufen wir wirklich ab. Meine Gefechtsstation befand sich im U-Raum, die ich auch einnahm. Die ganzen Räume waren leer, ich konnte durch den Oberfeldwebel-Raum, die Kombüse und den Offiziers-Raum bis zum Luk, das zur Zentrale führt, sehen. Dieses Luk war geschlossen. Da der U-Raum voll Wasser lief, begab ich mich in den Bugraum und wir schlossen das Luk zum U-Raum.
Dass wir abgesoffen waren und nicht getaucht, hatten wir bereits, seitdem wir auf Grund aufgekracht waren, festgestellt. Wir waren wohl ungefähr 14 Mann, die sich im Bugraum zusammengefunden hatten. Das Wasser stieg sehr schnell, wir mussten schon auf den oberen Kojen sitzen und die Beine ins Wasser baumeln lassen. Es war totenstill im Raum, als das Wasser durch die Luft im oberen Teil des Bugraums zum Stillstand kam. Der Druck auf die Ohren hatte sich unheimlich verstärkt, aber was sind Schmerzen wenn man weiß, es geht zu Ende. Wir wussten ja nicht einmal, wie tief wir lagen, da das Tiefenmanometer im Bugraum ausgefallen war. Der Torpedomaat stellte nach seinem Manometer fest, es müsste bei 60 m sein. Hier muss ich mit Stolz sagen, es gab keinen der durchdrehte oder wie Buchheim in seinem Buch schreibt, "die Hosen gestrichen voll waren." Wir hatten alle einen gewissen Stolz, keiner bemerkte beim Kameraden, wie es drinnen aussah. Man denkt unwillkürlich an seine Lieben zu Hause, die wir ja in einigen Tagen besucht hätten. Es kam sogar etwas Galgenhumor auf, als die Teekanne, die auf dem Wasser schwamm, von Mann zu Mann weitergeplätschert wurde. Ich musste an unser so oft gesungenes Lied denken: "...so Manchen sahen wir sterben, doch keiner von uns hat geweint". Es war wirklich so, wir bissen die Zähne zusammen und hatten die Hoffnung hoch zu kommen. In Ruhe, ohne Aufregung, besprachen wir, wie wir es anstellen, aus dieser Hölle zu entrinnen. Es kam zu folgendem Plan. Wir mussten versuchen, durch das Bugtorpedoluk, nachdem wir den Bugraum geflutet haben, auszusteigen. Wir hatten inzwischen, bis auf den Oberfähnrich, alle unsere Tauchretter angelegt. Der Oberfähnrich hatte seinen im Offiziers-Raum gelassen in der Hektik. Ich wusste, unter den Kojen befanden sich einige Reserve-Tauchretter. So tauchte ich von der obersten Koje und fand einen. Er war ganz glücklich, was ich mir denken konnte. Der erste Versuch wurde gestartet. Wir nahmen das Mundstück fest in die Zähne, gaben Sauerstoff und machten die ersten Atmungsversuche. Leider stellte unser Torpedo-Hauptgefreite Karl Sauter fest, daß sein Tauchretter nicht in Ordnung ist und der Sauerstoff alle war. Er war ein alter Hase und bereits bei Lemp gefahren. Da er das Luk zum Fluten des Raumes öffnen wollte, sollte er mit der Luftblase aussteigen. Auch hier hatten wir nicht gleich Glück. Der Wasserdruck von außen war noch zu stark. Das Luk ließ sich nicht aufreißen. Hierbei muss ich noch erwähnen, dass als wir auf den Kojen saßen und Totenstille herrschte, das Telefon schnurrte, es war unheimlich. Einer schwamm zu den Torpedorohren wo sich das Telefon befand. Es war eine freudige Überraschung als sich ein Zentraleheizer meldete und uns mitteilte, sie wären 6 Mann in der Zentrale. Sie wollten versuchen anzublasen. Es wäre schön gewesen, aber leider verschlug sich unsere Hoffnung. Beim Anblasen legte sich das Boot noch mehr auf die Steuerbordseite, sofort bliesen sie fest, sonst wäre es ganz aus gewesen. Um das Luk im Bugraum zu öffnen, musste ein Druckausgleich geschaffen werden. Dieses erreichten wir durch Fluten, durch Öffnen der Torpedozelle. Alle konzentrierten sich aufs Äußerste. Neben mir saß mein Kamerad aus dem Saargebiet. Er war Nichtschwimmer und war während der Detonation auf der Brücke und beim Sinken des Bootes nicht über Bord gesprungen, sondern hat sich zum Bugraum durchgeschlagen. Wir drückten uns nochmal die Hand, es sollte, wie wir glaubten, ein Abschied für immer werden. Wir kamen beide durch.
Es war so weit, unser Charlie Sauter rief "Null !", riss das Luk auf und dann glaubten wir die Hölle ist los. Es gab einen riesigen Knall und ganz kurzes Rauschen. Dann donnerte das Wasser durch das Luk und riss uns von den Kojen. Ich konnte mich nur noch am Kojenstander festhalten, sonst wäre ich nach den Torpedorohren getrieben. Beim Reinstürzen des Wassers hörte ich noch einige gurgelnde Schreie, dann war es ruhig, der Bugraum war vollgeflutet. Ich riss die Augen auf, es brannte zwar fürchterlich, aber es war auszuhalten. Es wurde ein grausiger Anblick. 4 Kameraden, denen der Wasserdruck wahrscheinlich die Mundstücke aus dem Mund gerissen hatte, schwebten wie Schatten vorbei in Richtung Torpedorohre. Leider gab es keine Möglichkeiten ihnen in irgendeiner Form zu helfen. Durch das geöffnete Bugtorpedorohr war ein heller Strahl zu sehen, es sah aus wie in einem Wald, wenn morgens durch den Nebel die Sonne durch die Bäume schimmert. Einige Schatten bewegten sich wie die Kosmonauten zum Luk. Ich sah, wie sie nach oben schwebten. Auch ich ließ mich langsam von der Koje nach unten schweben und bewegte mich in Richtung Luk. Kurz vor der Leiter die nach oben führt, hatte ein Voreiliger, der es scheinbar nicht erwarten konnte nach oben zu kommen, mir einen Rempler verpasst, sodaß mir die Nasenklemme wegrutschte. Ich war gezwungen für einen Moment in Deckung zu gehen, hielt mir die Nase zu und versuchte weiter zu atmen. Wo ich die Ruhe und die Kraft hernahm die Nasenklemme wieder aufzusetzen, weiß ich heute nicht mehr. Es klappte und ich konnte wieder richtig atmen, wobei ich die Hände wieder frei hatte.
Da die Luft etwas heiß wurde, gab ich immer etwas Sauerstoff zu. Es ging wieder einigermaßen. Als ich mich langsam an der Leiter nach oben zog und durch das Bugtorpedoluk schlängelte, sah ich den graugrünen Schatten unseres Bootes. Es lag auf der Steuerbordseite. Das Rohr der 10,5 zeigte nach oben. Mit dem Kopf stieß ich gegen den Netzabweiser und sackte wieder etwas nach unten. Es ging aufwärts und ich hatte die Hoffnung, jetzt hast du es geschafft. Es gab aber doch noch einige Schwierigkeiten. Je höher ich kam, desto schwerer wurde mein Atmen. Durch Nachlassen des Wasserdruckes schwoll auch der Tauchretter an. Gut, dass ich auf der Schule die Tauchretterlehrgänge mit durchgeführt hatte. Ich ließ die Luft an beiden Seiten des Mundstücks ab. So konnte ich wieder normal atmen. Dabei hatte ich Seewasser in den Mund bekommen. Ich wusste, das musst Du schlucken, sonst kommt das Wasser über den Schlauch in die Kalipatrone und beim Einatmen kommt Kalilauge in den Mund und Hals. Dieses wirkt sich in irgendeiner Form tödlich aus.
Ein Kamerad, der aus der Zentrale ausgestiegen war, hatte gleiche Probleme, sie aber nicht beachtet. Er ist eine halbe Stunde nach seinem Auftauchen verstorben. Ich kann nicht einmal sagen, wie lange ich gebraucht habe, um hochzukommen. Plötzlich war ich oben und vor Freude den Himmel wiederzusehen, vergaß ich das Mundstück zu schließen, sodaß die Luft sofort aus dem Tauchretter entwich.

Über die Kameraden in den Maschinenabteilungen berichtete der am Dieselfahrstand eingesetzte Heizer Emil Heber. Er war der einzige Überlebende aus dem Achterschiff. Direkt nach der Minendetonation stürmte er durch die restliche Maschinenabteilung und warf sich mit einem olympiaverdächtigen Sprung durch das Schott in die Zentrale. Dicht hinter ihm wurde schon von unbekannter Hand das Schott zugeschlagen. Gut möglich, daß der Luftzug der beiden immer noch laufenden Diesel - sie zogen, als das Boot unterschnitt, die Luft für den Verbrennungsvorgang aus dem Boot - das Luk zugeschlagen hatte. Heber hechtete weiter durch die Zentrale, lief am Funkraum vorbei und rief dem dort Dienst tuenden Funkmaaten Jakob May zu " Wir saufen ab!" und sprintete weiter nach vorne in Richtung Bugraum. Funkmaat May bemerkte jetzt, dass er schon bis zu den Knien im Wasser stand, griff seinen Tauchretter und folgte dem Dieselheizer auf dem Fuße. Beide erlebten dann das Gleiche, was Kurt Lau und Fritz Müller erzählt hatten. Nur, dass Jakob May einer der vier Schemen war, die nach der Erzählung von Fritz Müller nach der Öffnung des Torpedoübernahmeluks ohnmächtig in Richtung Bugtorpedorohre schwebten. Der Wasserschwall hatte Jakob May den Atemschlauch aus dem Mund gerissen und ihn zwischen die Torpedorohre gedrückt. Dort war er ohnmächtig geworden. Später hatte ihn der Schwall wieder zurück zum Ausstiegsluk geschwemmt. Dort war er wieder zu sich gekommen und verließ als letzter Lebender das Boot. Aus dem Bugraum schaffen es alle Eingeschlossenen - bis auf den Funkmaat Helmut Nolte, welcher sich noch nicht vor allzu kurzer Zeit über den Lokus beschwert hatte. Ein weiteres Opfer unter den Ausgestiegenen aus dem Bugraum fordert der Aufstieg. Hierbei ertrinkt nämlich der Matrose Kurt Kunze.
In der Zentrale versuchen seine Kameraden den Matrosenobergefreiten Erich Ströhlein zum Ausstieg zu überreden. Doch der Nichtschwimmer weigert sich. Seine Kameraden müssen zum Ausschleusen das Luk zwischen Turm und Zentrale schließen. Vorher verabschieden sie sich von Ströhlein. Im Turm stellen die Fünf den Druckausgleich her, öffnen das Turmluk und schweben zur Wasseroberfläche empor. Sie kommen alle dort oben an. Beim Aufstieg hat sich jedoch der Maschinengefreite Erwin Klein eine Kalilaugenverätzung der Lunge durch den Tauchretter zugezogen. Wie Fritz Müller schon berichtete, verstarb er dann kurze Zeit später.

Während die im Boot eingeschlossenen Männer dort um ihr Überleben kämpfen, laufen über Wasser die Rettungsaktionen an. An Bord des Sperrbrechers 4 wird sofort die Untergangsposition mit 47° 39,6` N / 03° 33,0` W festgestellt und das Motorboot ausgesetzt, um zur Untergangsstelle entsandt zu werden. Außerdem gibt Sperrbrecher 4 folgende M-Sprüche ab:

1.) An das in der Nähe von Sperrbrecher 4 ankernde Vp.-Boot 1421:
" K. an K. Sofort Anker auf und dem Motor-Boot folgen."

2.) An Sperrbrecher 134:
" K. an K. Einlaufendes U-Boot gesunken."

3.) An die 14. U-Jagdflottille (Einsatzleiter):
"Einlaufendes U-Boot zwischen Lucie 2 und Lucie 4 auf Mine gelaufen und gesunken. Sperrbrecher 134, Vp.-Boot 1421 und eigenes Motorboot sind beschleunigt an Unfallstelle geschickt."

Um 14.30 Uhr erreichte das Motorboot von Sperrbrecher 4 als erstes die von dem Minenräum-Flugzeug umkreiste Untergangsstelle und konnte dort den Kommandanten und sechs Mann lebend bergen. Sie wurden mit dem Schiffsarzt von Sperrbrecher 4, Marineoberassistenzarzt Dr. Tantzen, an den dann eintreffenden Sperrbrecher 134 abgegeben. Als das Motorboot dann zur Untergangsstelle zurückkam, schwammen diverse Schiffbrüchige mit ihrem Tauchretter auf. Das Motorboot von Sperrbrecher 4 barg weitere sieben Personen und gab sie erneut an Sperrbrecher 134 ab. Mittlerweile hatte der Sperrbrecher 134 Motorboote ausgesetzt. Auch das Vp.-Boot 1421 hatte sein Ruderboot zu Wasser gelassen und sich auf die Suche nach Schiffbrüchigen begeben. Beide konnte so noch eine Anzahl von Seeleuten bergen.
Nachdem über längere Zeit keine Schiffbrüchigen mehr aufschwammen, wurde das Vp.-Boot 1421 gegen 16.00 Uhr von dem Kommandanten des Sperrbrechers 4 angewiesen, eine Bezeichnungsboje über dem Wrack von U 171 zu werfen und bis zum Dunkelwerden an der Unfallstelle zu bleiben.

Zu der Rettungsaktion über Wasser erzählte Fritz Müller noch weiter:
Es war ein seltsames Bild. Es waren inzwischen ein Sperrbrecher und zwei M-Boote zur Stelle, die bereits vor einer Stunde die Überbordspringer aufgefischt hatten und wohl gerade ihre Kutter hochziehen wollten. Sie ruderten auf uns zu und zogen uns ins Boot. Es war schon ein Gefühl, wieder den Himmel über uns zu haben. Wir kletterten an der Jakobsleiter hoch, ein paar Kameraden mussten hochgehievt werden. Sie wurden von Besatzungsmitgliedern des Sperrbrechers in Empfang genommen. Wir wussten im Moment nicht, was uns nun geschah. In der Offiziers-Messe bekamen wir sofort heiße Getränke, warme Kleidung und Wolldecken. Jetzt erst erfuhren wir, was sich ereignet hatte. Das Boot war auf eine Mine gelaufen und ist in kurzer Zeit gesunken. Die Besatzung der Ju 52 hatte dies beobachtet und sofort einen Funkspruch abgesetzt. Das Geleit, das schon unterwegs war uns abzuholen, lief mit AK auf die Unglücksstätte zu. Alle Kameraden die sich auf der Brücke befanden, sprangen über Bord. Da das Boot sofort unterschnitt und der Diesel noch lief, sog er die Luft aus dem Dieselraum, der E-Maschine und dem Heckraum. Diese Kameraden waren wohl sofort tot. Ein Zentrale-Heizer hat es wohl die Zu- und Abluftklappe vom Achterschiff geschlossen, sonst wären wir wahrscheinlich vom Vorschiff auch nicht mehr unter den Lebenden.
Aus dem Bugraum sind 5 Mann und aus dem Zentrale-Turm 2 Mann nicht mehr hochgekommen. Davon ist, wie ich bereits beschrieben habe, ein Heizer nach oben gekommen, starb aber innerhalb von 30 Minuten auf dem Sperrbrecher an Kalivergiftung der Patrone im Tauchretter. Insgesamt waren 22 Tote zu verzeichnen.
In Lorient war ein Empfang vorbereitet, aus dem nun nichts mehr wurde. Wir liefen mit dem Sperrbrecher in einen alten Kohlehafen ein. Hier wartete bereits ein Leichenwagen. Ein Omnibus und Krankenwagen, die uns sofort ins Marine-Lazarett brachten, wo wir gründlich untersucht wurden, waren auch zur Stelle. Als wir auf der Pier angetreten waren, gab es noch einen unvergesslichen, traurigen Augenblick. Vom Sperrbrecher kam das Kommando "Front nach Steuerbord!", die Bootsmannsmaatenpfeife ertönte mit einer Seite für unseren toten Kameraden Erwin Klein, der von Bord getragen wurde. Bisher hatten wir tapfer die Zähne zusammengebissen, aber jetzt war es aus. Wir mussten flennen wie die kleinen Kinder. Ich glaube, das werden wohl viele nicht begreifen. Wir waren eine kleine verschworene Gemeinschaft. Da merkte man jeden Verlust besonders stark.

Der Kommandant des Sperrbrechers 4 merkte in seinem Geheimbericht über den Untergang von U 171 an:
Ob die Mine durch das dort arbeitende Minenräum-Flugzeug zur Detonation gebracht worden war, lässt sich von hier aus nicht beurteilen. Es wird aber bei der Gelegenheit beanstandet, dass Sperrbrecher 4 auf seinen Fahrten von dem Flugzeug wiederholt in bedenklicher Nähe passiert wurde.
War also die Ju 52/MS an dem Untergang von U 171 mitschuldig?
Schon Ende 1940 wurde englischerseits in die Magnetminen ein Zählwerk eingebaut. Man konnte bei diesem Werk einstellen, beim wievielten Überlaufen der Mine durch das Magnetfeld eines Schiffs die Explosion erfolgen sollte. Möglich waren bis zu 24 Zählschritte. Da die Ju 52/MS U-Pfeffer laut Bericht des Kommandanten einige Male im Abstand von etwa 50 m passiert hatte, könnte es also schon sein, dass die Ju 52/MS einige "harmlose" Zählschritte ausgelöst hatte, so dass U 171 in eine durch die Ju 52/MS geschärfte Mine hineinlief. Sollte es sich bei der U-Pfeffer versenkenden Mine um eine 1942 massenhaft von Wellingtons und Stirlings der 3rd RAF-Bomb Group in die Hafenzufahrten der Biskaya gelegten britischen Grundminen mit Doppelkontakt gehandelt haben, so dürfte der Einsatz der Ju 52/MS keine Rolle gespielt haben. Denn bei dieser Mine schärfte der erste Kontakt mit dem Magnetfeld eines Schiffes die Mine und der zweite Kontakt mit entgegengesetzter Polarität brachte diese dann zu Explosion. Einmal in der Nähe der Mine, hätte der schon vor vier Monaten entmagnetisierte Rumpf von U 171 in jedem Fall beide Kontakte ausgelöst und die Mine gezündet. Und da die Ju 52/MS keine Impulse mit entgegengesetzter Polarität abgeben konnte, hatte diese Minenart auch nicht von dem Minenräum-Flugzeug beseitigt werden können.

Die Überlebenden von U-Pfeffer hatten anderes im Kopf, als mit dem Schicksal und den Piloten der Ju 52 zu hadern. Denn der Befehlshaber der Unterseeboote, Großadmiral Karl Dönitz, kam zu ihnen, um sie aufzumuntern.


VLNR: Admiral Karl Dönitz, Olt. Pfeffer, Olt. Dingeldein, Lt. Kneip
Bild: Stiftung Traditionsarchiv Unterseeboote

Er versprach ihnen ein neues Boot. Nach einem längeren Urlaub kamen sie im Marineerholungsheim Krummhübel wieder zusammen und entwarfen bei ausgedehnten Skiwanderungen durch das Riesengebirge bis hoch zur Schneekoppe das Bootsabzeichen für das neue Boot: einen Skihasen. Scheinbar hatte die Mannschaft die Zeit in Krummhübel genossen :-) Am 19. Januar 1943 stellte sie mit einigen Neuzugängen das IX C/40-Boot U 170 in Dienst. Das Boot überlebte den Krieg, wurde britische Kriegsbeute und in der Operation Deadlight am 30. November 1945 um 15.15 Uhr durch Artilleriefeuer von HMS Onslaught sowie ORP Piorun auf der Position 55° 44 `N / 07° 53`W im Planquadrat AM 5381 nördlich bzw. nordwestlich von Nordirland versenkt.





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