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Das Wrack der SS Tabarka
Von Harald Mathä und Oliver Meise
Die Sounds, das sind die Sunde bzw. Lücken zwischen den Inseln von
Orkney bei Scapa Flow, sind für ihre extremen Gezeitenströmungen
bekannt. Dort befinden sich aber auch einige schöne und interessante
Wracks, die in den Weltkriegen gegen eindringende, feindliche U-Boote versenkt
wurden. Das für mich Schönste, das auch aus biologischer Sicht
sehr interessant ist, möchte ich hier vorstellen.
Scapa Flow: Im Burra Sound zwischen den Inseln Graemsay und Hoy liegen auf
engstem Raum die Wracks der SS Ronda, SS Budrie, SS Umstone Grange, SS
Rotherfield, SS Tabarka, Inverlane, SS Doyle und SS Gobernador Bories,
die hier in den beiden Weltkriegen versenkt wurden, um feindlichen U-Booten
das Eindringen in den Haupthafen der britischen Nordatlantikkriegsflotte,
Scapa Flow zu erschweren.
Welches das hier schönste Wrack ist, darüber gehen die Meinungen
auseinander: Manche schwärmen für die Gobernador Bories- mein Favorit
ist aber die „Tabarka“.
"Must see": Die berühmten Antriebsgestänge der Tabarka
Die Geschichte des Wracks
Die SS Tabarka war ein Dampfschiff mit 2.624 BRT Verdrängung, das 1909
auf der Werft von van Rijkee & Co, NV Werf in Rotterdam gebaut worden
war.
Ursprüngliche Länge: 100 Meter (Das heutige Wrack erscheint kürzer zu sein- wurde vor der ersten oder zweiten Versenkung ein Teil aus dem Wrack
herausgeschnitten und wiederverwertet?)
Breite: 13,5 Meter.
Sie wurde von einer einzelnen Schiffsschraube angetrieben und wurde nach
dem Stapellauf unter dem Namen SS Pollux in Rouen/Frankreich registriert.
Zuletzt für die Reederei G. Heyn & Sons Ltd. in Belfast mit dem Unterscheidungssignal
GMNG fahrend, wurde das Schiff 1940 in Falmouth von der Royal Navy beschlagnahmt
und danach nach Scapa Flow gebracht.
Das Schiff wurde hier mit zehn anderen Schiffen im Kirk Sound im Osten von
Scapa Flow versenkt.
Aber Halt!
Die SS Tabarka liegt doch im Burra Sound im Westen von Scapa Flow
-wird jetzt mancher aufmerksame Leser oder Scapa Flow Taucher einwenden!
Stimmt! 1941 wurde das Schiff zunächst im Kirk Sound versenkt und später wieder
gehoben- doch dazu später!
Apropos Kirk Sound:
Elf Blockschiffe waren hier endgültig versenkt worden und lagen knapp
nebeneinander auf Grund im 8 bis 15 Meter tiefen Sound. Die Lücke zwischen
Lamb Holm und Orkney Mainland erschien so recht gut gegen das Eindringen feindlicher
U-Boote gesichert.
Blick auf den Kirk Sound und die Churchill Barrier No.1
Dennoch gelang genau dies in der Nacht von 13. auf 14. Oktober 1939 Kapitänleutnant
Günther Prien.
Mit seiner U
47 schaffte er es in einer unmöglich geglaubten Fahrt zwischen den versenkten Schiffen
des Kirk Sound in den Scapa Flow zu gelangen.
Der Rest ist jedenfalls Geschichte:
In der Folge versenkte er das, in der Scapa Bay vor Anker liegende Schlachtschiff
HMS Royal Oak. Ein Erfolg für die einen, eine unfassbare
Tragödie, die 833 Menschen das Leben kostete, für die anderen. Ferner
beschädigte er ein weiteres großes Kriegsschiff, wahrscheinlich
die HMS Iron Duke oder HMS Repulse, was weniger bekannt ist
und auch in Kriegszeiten stets geleugnet wurde. Nach der Rückkehr in
die Heimat wurde Prien und seiner Besatzung medienwirksam ein triumphaler
Empfang bereitet. Deutschland hatte in diesem erst kurz andauernden Krieg
seine ersten Helden, was in der Presse natürlich groß dargestellt
wurde. Aus der Hand Hitlers erhielt Prien in Berlin die damals höchste
deutsche Auszeichnung: das Ritterkreuz.
Bei den britischen Militärs, Politikern und natürlich auch bei
der Bevölkerung saß der Schock sehr, sehr tief. In Windeseile wurden
weitere Schiffe, so auch die SS Tabarka, im darauf folgenden Jahr
in den Sounds versenkt und die Sicherungsmaßnahmen noch weiter verbessert.
In der Folge sollte es keinem feindlichen U-Boot jemals mehr gelingen, nach
Scapa Flow einzudringen.
In der Hauptsache war dies so, weil einige tausend in Nordafrika "erbeutete"
italienische Kriegsgefangene dazu eingesetzt wurden, die so genannten "Churchill
Barriers" zu bauen. Dies war nichts anderes, als die Herstellung einer Landverbindung
von Insel zu Insel zwischen den Sounds. Die Sunde wurden durch Dämme
aus tausenden von Betonblöcken durchschnitten, so dass eine Seeverbindung
von außerhalb Scapa Flows nach innen durch die Sunde nicht mehr existierte. (siehe Bild oben!)
So wurden die an diesen Stellen bisher liegenden Blockschiffe überflüssig.
Also wurden sie gehoben und in Lücken an anderer Stelle wieder versenkt.
Im Wrack
Nach vier Jahren am Meeresgrund wurde die SS Tabarka also am 27.
Juli 1944 wieder gehoben. In der Folge wurde das notdürftig geflickte
Wrack quer durch den Scapa Flow geschleppt, wo sie dann an der Stelle im
Burra Sound wieder versenkt wurde, an der sie heute noch liegt.
Die Betauchung der SS Tabarka
GPS: 58°92`67“ N/ 03°31`30“ W
Die Betauchung der Wracks in den Sunden ist durch die extremen Strömungen
nur in der sehr, sehr kurzen Pause zwischen den Gezeiten möglich. Ein
guter Skipper kennt diese und setzt die Taucher dabei während langsamer
Fahrt knapp vor- oder direkt über - dem Wrack ab. Flottes Abtauchen auf
Grund ist hier sehr wichtig!
Das Wrack liegt heute kieloben auf dem etwa 16 Meter tiefen Meeresgrund
im Burra Sound und ragt unvermittelt einige Meter hoch aus den Kelpwäldern
wie eine Mauer empor.
Am Wrack befinden sich mindestens drei Löcher, durch die man als Taucher
relativ "bequem" ein- und aussteigen kann.
Kleinere Öffnungen nach draussen
Eines der Löcher im Schiff befindet sich im Bugbereich, eines etwa
in der Schiffsmitte und mindestens eines am Heck.
Sie wurden durch die Sprengungen zur Versenkung sowie durch Korrosion geschaffen
und durch die Gewalten der hier zwischen den Inseln durchpreschenden Gezeiten
kontinuierlich erweitert.
Einmal im Wrack gibt es aber trotzdem keinen rasch zu erreichenden Fluchtweg
nach draußen!
Dies ist ein Tauchgang, der durch die geringe Tiefe eigentlich recht
unbedenklich ist. Ein Eindringen in das Wrack sollte aber erfahrenen Tauchern
mit entsprechender Wrack-Erfahrung vorbehalten bleiben!
Durch das Loch in der Backbordseite des Bugs, das ist die östliche
Seite des Wracks, gelangt man in einen großen Laderaum. Taucht man
an dieser Stelle nach links weiter zum Bug, so kann man hier heute noch die
Felsbrocken erkennen, mit denen das Schiff beladen wurde, um rascher auf
der geplanten Position zu sinken und nicht unerwünscht abzutreiben.
Ballast der letzten Versenkung
Nach rechts hingegen gelangt man nach einer Engstelle in den Kesselraum
mit den beiden riesigen Kesseln. Die Kessel wurden irgendwann aus ihren Verankerungen
gerissen und fielen nach unten auf den Boden. Boden? Nein, es ist die die
Decke! Das Schiff liegt ja umgedreht auf dem Meeresgrund. Der scheinbare Boden
ist die damalige Decke bzw. das Deck! Verkehrte Welt!
Ein Kessel der SS Tabarka
Taucht man über den Kesseln weiter, gelangt man in den Maschinenraum,
wo die mächtige Dreifach-Expansionsdampfmaschine und ihre Antriebsgestänge
auch heute noch beeindrucken. Weiter gelangt man zum Heck- hier werden die
Löcher und Durchbrüche im Schiff immer zahlreicher. Hier bestehen
dann auch wieder Ausstiegsmöglichkeiten. An der "Decke" verläuft
die Antriebswelle. Durch die vielen kleinen und größeren Löcher
im Rumpf dringt hier besonders viel Tageslicht ein und verschafft so eine
beeindruckende, ja mystische Stimmung.
Durch eine der größeren Lücken in diesem verrosteten Bereich
kann man recht gut wieder aus dem Wrack gelangen, oder man taucht wieder dorthin
zurück, wo man penetriert hat.
Dass die sehr kurze Gezeitenpause während dem Aufenthalt im Wrack längst
abgelaufen ist, wird man allerspätestens beim Ausstieg die stetig wachsenden
Strömung wieder deutlich spüren, da man speziell im stärker
durchlöcherten Heckbereich dann schon ganz schön gegensteuern muss,
um den gewollten Kurs einzuhalten!
Lederkorallen
Bei Flut hat man die Möglichkeit, sich zum Wrack der MS Inverlane,
dieses befindet sich nur etwa 200 Meter westnordwestlich, und eventuell sogar
weiter zur SS Gobenerador Bories spülen zu lassen. Drei Wracks
also in nur einem Tauchgang!
Gute Ortskenntnis, ein Guide oder ganz einfach Glück sind dafür
aber nötig! Ich habe es auch nur einmal bis zur MS Inverlane geschafft,
dann wurde es mir zu blöd...
Bei Ebbe lässt man sich einfach in Richtung - oder in den - Atlantik
treiben, wo man dann vom Tauchboot wieder aufgesammelt wird.
ACHTUNG! Bei derartigen, heftigen Strömungstauchgängen
nicht die SMB bzw. die Boje schießen, sondern ggf. erst an der Oberfläche
aufblasen!
Durch die vorkommenden Vertikalströmungen könnte die Boje sonst
unter den Taucher gedrückt werden und so gefährliche Situationen
verursachen!
Ein Tauchgang an der SS Tabarka ist übrigens nie eine Garantie,
auch wirklich auf das Wrack zu treffen. Setzt einen der Skipper nicht ganz
exakt ab und taucht man nicht unverzüglich auf Grund ab oder verbläst
einen die noch oder schon wieder vorhandene Gezeitenströmung, so ist es leicht
möglich, dass man das Wrack nicht findet oder verpasst.
Die Sichtweiten sind hier übrigens sehr gut und liegen so zwischen
10 und 20 Metern.
Einsetzende Gezeitenströmung - Kelp
Am Wrack selbst besteht auf der Strömungsseite übrigens die Gefahr,
durch eine der vielen Lücken unkontrolliert in dieses hinein gedrückt
zu werden! Das ist kein Tauchermärchen, sondern wäre mir bei meinem
ersten Tauchgang dort 2001 fast passiert. Die Strömung war damals so
stark, dass es mir beim raschen Abtauchen in der leider eben noch NICHT abgeklungenen
Strömung direkt über dem Wrack sogar eine Flosse ausgezogen hat...
Warten auf das Abklingen der Gezeiten: Blick auf Moness/Hoy
Biologie am Wrack
Aus biologischer Sicht ist das Wrack übrigens besonders interessant.
Begeistern draußen die beeindruckenden Kelpwälder mit ihren Bewohnern,
so ist das Wrack innen über und über mit knallgelben sowie -orangen
Schwämmen bewachsen. Gleichermaßen begeistern die hier vorkommenden
wunderschönen Seenelken der Art Metridium senile und die Totmannshand
der Art Alcyonium digitatum. Auch so mancher bunter(!) Lippfisch lässt
sich am Wrack, das längst zu einem künstlichen Riff geworden ist,
beobachten.
Unschlagbar gelb: Die Totmannshand
Mit etwas Glück lugt auch irgendwo am Wrack ein Leng, ein dorschartiger
Fisch, aus seiner künstlichen Höhle heraus.
Auch allerhand Seeigel, Seesterne, Krabben, und, und, und... sind hier zu
finden.
Eine Freude für jeden Fotografen oder biologisch begeisterten Taucher!
Fazit
Ein "kleineres", aber wunderschönes Wrack für den zweiten Tauchgang!
Respekt und Vorsicht sind hier aber ebenso wichtig wie bei den großen,
tiefen Wracks im Scapa Flow selbst!
Interessante Links
Scapa Flow 2005
Oli´s
Scapa Führer
Scapa Flow Museal
Wrack UB 116
© 2006 by Harald Mathä mit Unterstützung von Oliver
Meise
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