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Onlinemagazin - 67. Ausgabe - Das Rätsel eines DB 601




 Geschrieben von Lena und Lino

Der DB 601 der Ile de Riou

von Lena u. Lino von Gartzen

Taucher auf den Spuren des Antoine de Saint Exupéry.
Bringt der Fund eines Flugzeugmotors Licht in die zahlreichen Spekulationen um den Absturz des berühmten Schriftstellers und Piloten? Taucher.Net startet in Zusammenarbeit mit Lena und Lino von Gartzen mit diesem Artikel einen Dreiteiler über die Bergung eines Flugzeugmotors der bei der nachfolgenden Recherche eine hochinteressante Geschichte zu erzählen hat.

Teil 1-Vorgeschichte
Antoine de Saint Exupery
Der letzte Flug des Antoine de St. Exupéry
Das Armband
Das Wrack der P-38
Der Fund des Motors

Teil 2- Bergung des Motors
Die ersten Untersuchungen
Die Bergung des Motors
DB601 Übersicht/Geschichte
Der Weltrekord(-motor)

Teil 3- Untersuchung des Motors
Die Untersuchung de
Die Recherchen
Die ersten Ergebnisse
Das Forschungsteam und Quellen

Teil 2 und Teil 3 werden jeweils in den kommenden Ausgaben des Onlinemagazins veröffentlicht.



Antoine de Saint Exupery
Antoine de Saint Exupéry

Eine kurzer Rückblick auf das Leben des berühmten Piloten und Schriftstellers Saint Exupéry ist hier zu finden.

Der letzte Flug

der letzte Flug - Saint Exupery - Taucher.Net


Am 31. Juli 1944 um 8.45 Uhr startet Antoine de Saint Exupéry im Alter von 44 Jahren vom Flughafen Borgo auf  Korsika zu seinem letzen Flug. Sein Auftrag lautet:
Die militärische Aufklärung der Region um Grenoble.

Flughafen von Borgo - Saint Exupery - Taucher.Net
© Harry Oakley CO of the 23rd PRS.
Dominique Taddei author of the "USS Corsica" l'île Porte Avion

Das Bild zeigt den Flughafen Borgo, unten Links ist eine P-38 zu erkennen.
Als Maschine eines „Aufklärungsfliegers“ unter amerikanischem Kommando war das Flugzeug vom Typ P-38 F-5B mit Fotokameras anstatt des sonst für dieses Modell üblichen  Waffensystems ausgestattet. Der Autor des kleinen Prinzen flog also völlig unbewaffnet über ein Gebiet, in dem der deutsche Feind – konkret die Jagdgruppe 200 -  stationiert war. Von Aix en Provence starten die deutschen Flieger mit ihren BF-109s zu Übungs- und Kampfeinsätzen entlang der französischen Küste.

Karte Südfrankreich - Absturzstelle Saint Exupery - Taucher.Net


Ist es möglich, dass der französische Flieger von seinen deutschen  Gegnern abgeschossen wurde? Oder hat er den bewaffneten Feind am Vormittag des 31. Julis 1944 vor der Küste Südfrankreichs gar gerammt und sich damit selbstlos geopfert mit dem Ziel, den Feind mit in den Tod zu reißen?

Die erste Phase der Untersuchungen über den Verbleib des französischen Schriftstellers und leidenschaftlichen Piloten sind geprägt durch zahlreiche Spekulationen und Legenden und wurden erschwert durch die Wirren der Invasion: Den Einmarsch der alliierten Truppen in Südfrankreich und dementsprechend den unerwartet plötzlichen Rückzug der deutschen Gegner.

Seitens der Alliierten, die wie ihrerseits keine Informationen über den Verbleib ihres Aufklärungsfliegers hatten, standen Anfang August 1944 die Vorbereitungen für die sog. „Operation Dragoon“ die Invasion der Westalliierten an der Côte d’Azur zwischen Toulon und Cannes im Vordergrund, die ab dem 15. August 1944, also zwei nur zwei Wochen nach dem Verschwinden St. Exupérys,  begann.  
Aufgrund des einsetzenden Rückzugs der deutschen Truppen, das bereits erwähnte Jagdgeschwader 200 hat seinen Standort in der ersten Augustwoche bereits von Aix en Provence nach Djon und Metz verlagert,  und befand sich – wie alle weiteren in Südfrankreich stationierten deutschen Streitkräfte - spätestens seit der Landung der Westalliierten regelrecht auf der Flucht vor den nahenden Gegnern in Richtung Norden. Die Flucht der Deutschen aus Südfrankreich war sehr verlustreich, viele Soldaten und Piloten verloren bei Luftangriffen oder in den Gefechten mit den Invasionstruppen und Résistance – Anhängern ihr Leben.  Es ist nahe liegend und auch unsere Untersuchungen in den Archiven haben bestätigt, dass die sonst so sorgfältige Aufzeichnung und Dokumentation militärischer Ereignisse durch die Deutschen unter dieser Situation nur eingeschränkt funktionierte. Des Weiteren wurden zahlreiche vorhandene Unterlagen von den deutschen Truppen zurückgelassen oder vernichtet. Das Fehlen wichtiger Teile der ab Mitte Juli entstandenen  deutschen Berichte und Unterlagen erschwert die Untersuchungen zum Verbleib Saint Exupérys.

Bereits zu Lebzeiten genoss der Autor des „kleinen Prinzen“ in Frankreich aber auch über dessen Landesgrenzen hinaus einen hohen Bekanntheitsgrad. Dementsprechend groß war das Interesse an Hinweisen und Informationen zum Verbleib des französischen Nationalhelden. Nicht nur französische sondern auch deutsche Historiker beteiligten sich an der Suche nach den Spuren Saint Exupérys. Zahlreiche Zeitzeugen aus der Luftwaffe und Luftnachrichtendienst tauschten ihr Wissen und ihre Unterlagen zu diesem Zwecke aus. Schnell entstanden unzählige Spekulationen, deren Spannbreite sich  von Selbstmordgerüchten über mysteriöse Geheimaufträge zur Befreiung italienischer Partisanen erstreckte. Auch vom Abschuss des begabten Piloten durch deutsche Jäger war die Rede. So existiert z.B. die Geschichte eines deutschen Jagdfliegers, der auf dem Rückzug im August 1944 bei einem Tieffliegerangriff umkam aber vor seinem Ableben in einem Brief an einen befreundeten Piloten Angaben zum Abschuss einer P – 38 am 31. Juni 1944, also am Tag des Verschwindens Saint Exupérys, machte. Aufgrund einiger Unstimmigkeiten in seinen Angaben zum Abschuss der P – 38 hält diese Theorie keiner wissenschaftlichen Untersuchung stand. Weitere Nachforschungen blieben im Sande stecken.

Wehrpass Pilot des JG200 - Saint Exupery - Taucher.Net
Wehrpass eines Piloten des JG200

Die Möglichkeit einer Beteiligung deutscher Jagdflieger am Verschwinden von St. Exupéry ist aber durchaus denkbar, am 31.07.1944 um 11.00 Uhr meldete die westlich von Lyon gelegene deutsche Radarstation „Falter“ einen Einzelflug und allarmierte die Piloten der Jagdgruppe 200 in Aix en Provence. Abschussberichte dieser Einheit sind ab Juni 1944 aber nicht mehr vorhanden.
Neben der schlechten Quellenlage lag das größte Problem für alle Untersuchungen, die sich mit dem Verschwinden von Antoine Saint Exupéry befassen, fünf Jahrzehnte lang in der Tatsache, dass die genaue Absturzstelle des Schriftstellers nicht bekannt war. Doch das sollte sich nach 54 Jahren ändern.

Das Armband

Am 7. September 1998 ereignete sich vor der Hafenstadt Marseille eine Geschichte, die mehr mit schicksalhafter Bestimmung als mit reinem Zufall zu tun hat:

Der ortsansässige Fischer Jean – Claude Bianco fährt mit seinem Boot am Morgen zu seinem üblichen Fischgrund südöstlich vor Marseille. Beim Einholen des Fangs reinigt er wie üblich seine Netze. Ein kleiner, verkrusteter Gegenstand hat sich inmitten des üblichen Beifangs in seinem Netz verfangen. Statt das Gebilde ungeachtet über Bord zu werfen, hat der Fischer es zur Seite gelegt und an Bord gereinigt. Was unter dem Bewuchs glitzernd zum Vorschein kam, sollte der Forschung eine völlig neue Richtung weisen:
Ein silbernes Armband mit dem Namen seines einstigen Besitzers:

Webseite von Luc Vanrell
ANTOINE DE SAINT-Exupéry (CONSUELO)
c/o REYNAL AND HITCHCOCK INC.
386 4TH AVE. N.Y.C. U.S.A.

*Consuelo ist der Vorname der Frau von A. St.Ex

Ein Bild des Armbandes gibt auf der Internetseite von Luc (www.immadras.com - Bereich Archeologie)
 
Auf den ersten Blick erschien durch diesen Fund nun endlich ein erster, handfester Hinweis auf die Absturzstelle des französischen Fliegers gefunden. Allerdings sah sich der glückliche Finder mit ständig wachsenden Zweifeln an der Echtheit seines Fundes konfrontiert. Nur wenige glaubten an den „Wink des Schicksals“, der das Armband Saint Exupérys nach 54 Jahren am Grund des Mittelmeers an die Oberfläche zurück brachte.

Das Flugzeugwrack Exupérys

Einer dieser wenigen, die dem Fischer seine wundersame Geschichte glaubten, war der Marseiller Taucher und Unterwasserforscher Luc Vanrell.
Es wohl niemanden, der die zahlreichen Wracks und Unterwassergründe vor Marseille besser kennt und öfter betaucht hat als Luc Vanrell. Seine Tauchleidenschaft hat er von seinem Vater geerbt, der  ihm bereits vor dem Fund des besagten Armbandes von vereinzelten Trümmerteilen eines Flugzeugs in dem Gebiet der Fischereigründe Jean Claude Biancos erzählt hat. Doch beflügelt durch den Fund des Armbandes begann Luc Vanrell das Gebiet rund um die Fundstelle systematisch abzutauchen und zu untersuchen. Des Weiteren begann er sich intensiv mit den Informationen zur Konstruktion und Technik der P – 38 auseinanderzusetzen.

P38

Luc Vanrell


Mit Hilfe des Historikers und Flugzeugspezialisten Phillipe Castellano wurden aussagekräftige Unterscheidungsmerkmale herausgearbeitet, die weitere Hinweise auf das Flugzeug geben, das in Form von unzähligen Bruchstücken am Grund des Meeres verteilt lag. In Tiefen zwischen 50m und 80m waren verteilt auf eine Fläche von ca. 1000m x 300m Wrackteile eines Flugzeugs. Die gefundenen Objekte wurde Unterwasser fotografiert sowie die hinsichtlich ihrer genauen Lage und Fundstelle dokumentiert. Am 25. Mai 2000 wurde der Fund den zuständigen Behörden gemeldet. Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass es sich bei dem Flugzeug um ein spätes P-38 Modell handelt, wie es auch Saint Exupéry auf seinem
letzten Flug geflogen hat. In den Gewässern von Südfrankreich liegen jedoch über 40 Flugzeuge des Typs P-38, deshalb reichten die Daten zu einer 100% Identifikation des Flugzeugs noch nicht aus. Mit entsprechender Genehmigung der zuständigen Behörden  wurden Teile des Flugzeugswracks geborgen, um sie einer näheren Untersuchung zu unterziehen.

Luc Vanrell bei der Bergung eines Flugzeugmotors (Saint Exupery)

Luc Vanrell bei der Bergung von Saint Exuperys Maschine

Luc Vanrell bei der Bergung von Saint Exuperys Maschine


Und tatsächlich, im Oktober 2003 wurde offiziell bekannt gegeben: Bei den gefundenen Flugzeugteilen handelt es sich zweifelsfrei um die Maschine des französischen Nationalhelden.

Seriennummer der Maschine von Saint Exupery


Anhand der gefundenen Seriennummer „2734“ auf einem Bauteil konnte Phillipe Castellano dieses Teil eindeutig dem  Flugzeug, das Saint Exupéry am Tag seines Verschwindens flog, zugeordnet werden.

Phillipe Castellano
Phillippe in seinem Büro - © Philippe Castellano


Antoine de Saint Exupérys letzter Flug endete also südöstlich von Marseille nahe der Insel Riou.

Kranzniederlegung an der Absturzstelle von Saint Exupery
31.07.2004 Genau 60 Jahre nach dem verschwinden des A. de St. Exupéry
wird bei der Ile de ein Kranz an der Absturzstelle ins Meer gelegt.


Das Rätsel um den Verbleib von St. Ex konnte nach fast 60 Jahren endlich gelöst werden. Eine wichtige Frage blieb jedoch weiterhin offen:

Warum stürzte der Schriftsteller südöstlich von Marseille ab? War es ein Unfall, technisches Versagen, Selbstmord oder ein Absturz aufgrund von Feindeinwirkung?
Die wenigen, geborgenen Teile der P-38 konnten diese wichtige Frage nicht beantworten.

Ein deutscher Flugzeugmotor DB 601

Bei der Suche nach den Trümmerteilen der P-38 im Jahr 2000 wurde zwischen den verschiedenen Bruchstücken ein deutscher Flugzeugmotor gefunden.

In etwa 55m Tiefe bemerkte Luc Vanrell bei einem seiner zahlreichen Tauchgänge in dem Gebiet eine Gorgonie, die sich aus dem sandigen Meeresboden erstreckt. Als erfahrener Taucher erweckte sie sofort Lucs Interesse. Da Gorgonien nicht auf dem Sand wachsen können, muss sich am Fuße der Gorgonie etwas Hartes befinden, ein Fels oder ein Wrackteil. Vorsichtig begann Luc, den Fuß der Gorgonie freizulegen.

Flugzeugmotor DB601 - Luc Vanrell - Taucher.Net


Nach kurzem Graben wurde ein Motorblock mit 6 Zylindern sichtbar. Der erste Gedanke: Es handelt sich um einen alten 6-Zylinder Bootsmotor.  Nach weiterem Freilegen des Motors erschien jedoch eine zweite Reihe mit 6 Zylindern.

Luc Vanrell beim Fundort des DB-601 Motors


Es war also ein V12 Motor, wie er häufig im Weltkrieg-II sowohl von den Alliierten wie auch von der deutschen Luftwaffe in Flugzeugen verwendet wurde. Die nahe liegende Vermutung, es handelt sich um einen der beiden V12 Motoren der P-38 von St. Exupéry, wurde anhand der Prüfung  der Bauteilnummer des Zylinderblocks und einem sich dort befindenden Skoda Symbol schnell wieder umgestoßen und musste einer anderen Gewissheit weichen:

Es handelt sich um einen Motor eines deutschen Jagdflugzeugs, ein Daimler-Benz V12:

DB601 - Daimler-Benz V12
Der DB601 - © Daimler Chrysler Corporate Archive

Skodalogo auf dem DB601
Skoda Logo auf dem Zylinderblock

Zylinderblock des DB601 - Produktion bei Skoda
Zylinderblock des DB601 in der Produktion bei Skoda 1941/42

Außer dem Motor wurden keine weiteren Teile eines deutschen Flugzeugs in dem Gebiet gefunden, darum stellte sich Luc Vanrell folgende Fragen:

Warum liegt der deutsche Motor zwischen den Teilen der amerikanischen P-38?
Aus welchem Flugzeug stammt der Motor und was ist mit diesem Flugzeug passiert?
Und schließlich:
Steht dieser Motor möglicherweise im Zusammenhang mit dem Absturz von A. St. Exupéry?

Lucs Fragen sollten in nicht allzu ferner Zukunft auch uns beschäftigen. Nachdem wir Luc Vanrell im Frühjahr 2005 in Marseille besucht und kennen gelernt hatten, haben wir beschlossen, uns gemeinsam der weiteren Untersuchung des DB 601 zu widmen, die schließlich zur Bergung des DB 601 Flugzeugmotors führte.

Luc Vanrell und Lino von Gartzen
Luc (re.) und Lino (li.) beim Abgleichen von Unterlagen

Fortsetzung des Artikels im Onlinemagazin, Ausgabe Nr. 68, ab 9.Juli 2006.


© Text Lena und Lino von Gartzen



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