Taucher auf den Spuren des Antoine de Saint Exupéry.
Bringt der Fund eines Flugzeugmotors Licht in die zahlreichen Spekulationen
um den Absturz des berühmten Schriftstellers und Piloten? Taucher.Net
startet in Zusammenarbeit mit Lena und Lino von Gartzen mit diesem Artikel
einen Dreiteiler über die Bergung eines Flugzeugmotors der bei der nachfolgenden
Recherche eine hochinteressante Geschichte zu erzählen hat.
Teil 1-Vorgeschichte
Antoine de Saint Exupery
Der letzte Flug des Antoine de St. Exupéry
Das Armband
Das Wrack der P-38
Der Fund des Motors
Teil 2- Bergung des Motors
Die ersten Untersuchungen
Die Bergung des Motors
DB601 Übersicht/Geschichte
Der Weltrekord(-motor)
Teil 3- Untersuchung des Motors
Die Untersuchung de
Die Recherchen
Die ersten Ergebnisse
Das Forschungsteam und Quellen
Teil 2 und Teil 3 werden jeweils in den kommenden Ausgaben des Onlinemagazins
veröffentlicht.
Antoine de Saint Exupéry
Eine kurzer Rückblick auf das Leben des berühmten Piloten und Schriftstellers
Saint Exupéry ist hier zu finden.
Der letzte Flug
Am 31. Juli 1944 um 8.45 Uhr startet Antoine de Saint Exupéry im Alter
von 44 Jahren vom Flughafen Borgo auf Korsika zu seinem letzen Flug.
Sein Auftrag lautet:
Die militärische Aufklärung der Region um Grenoble.
Das Bild zeigt den Flughafen Borgo, unten Links ist eine P-38 zu erkennen.
Als Maschine eines „Aufklärungsfliegers“ unter amerikanischem Kommando
war das Flugzeug vom Typ P-38 F-5B mit Fotokameras anstatt des sonst für
dieses Modell üblichen Waffensystems ausgestattet. Der Autor des
kleinen Prinzen flog also völlig unbewaffnet über ein Gebiet, in
dem der deutsche Feind – konkret die Jagdgruppe 200 - stationiert war.
Von Aix en Provence starten die deutschen Flieger mit ihren BF-109s zu Übungs-
und Kampfeinsätzen entlang der französischen Küste.
Ist es möglich, dass der französische Flieger von seinen deutschen
Gegnern abgeschossen wurde? Oder hat er den bewaffneten Feind am Vormittag
des 31. Julis 1944 vor der Küste Südfrankreichs gar gerammt und
sich damit selbstlos geopfert mit dem Ziel, den Feind mit in den Tod zu reißen?
Die erste Phase der Untersuchungen über den Verbleib des französischen
Schriftstellers und leidenschaftlichen Piloten sind geprägt durch zahlreiche
Spekulationen und Legenden und wurden erschwert durch die Wirren der Invasion:
Den Einmarsch der alliierten Truppen in Südfrankreich und dementsprechend
den unerwartet plötzlichen Rückzug der deutschen Gegner.
Seitens der Alliierten, die wie ihrerseits keine Informationen über
den Verbleib ihres Aufklärungsfliegers hatten, standen Anfang August
1944 die Vorbereitungen für die sog. „Operation Dragoon“ die
Invasion der Westalliierten an der Côte d’Azur zwischen Toulon und
Cannes im Vordergrund, die ab dem 15. August 1944, also zwei nur zwei Wochen
nach dem Verschwinden St. Exupérys, begann.
Aufgrund des einsetzenden Rückzugs der deutschen Truppen, das bereits
erwähnte Jagdgeschwader 200 hat seinen Standort in der ersten Augustwoche
bereits von Aix en Provence nach Djon und Metz verlagert, und befand
sich – wie alle weiteren in Südfrankreich stationierten deutschen Streitkräfte
- spätestens seit der Landung der Westalliierten regelrecht auf der
Flucht vor den nahenden Gegnern in Richtung Norden. Die Flucht der Deutschen
aus Südfrankreich war sehr verlustreich, viele Soldaten und Piloten
verloren bei Luftangriffen oder in den Gefechten mit den Invasionstruppen
und Résistance – Anhängern ihr Leben. Es ist nahe liegend
und auch unsere Untersuchungen in den Archiven haben bestätigt, dass
die sonst so sorgfältige Aufzeichnung und Dokumentation militärischer
Ereignisse durch die Deutschen unter dieser Situation nur eingeschränkt
funktionierte. Des Weiteren wurden zahlreiche vorhandene Unterlagen von den
deutschen Truppen zurückgelassen oder vernichtet. Das Fehlen wichtiger
Teile der ab Mitte Juli entstandenen deutschen Berichte und Unterlagen
erschwert die Untersuchungen zum Verbleib Saint Exupérys.
Bereits zu Lebzeiten genoss der Autor des „kleinen Prinzen“ in Frankreich
aber auch über dessen Landesgrenzen hinaus einen hohen Bekanntheitsgrad.
Dementsprechend groß war das Interesse an Hinweisen und Informationen
zum Verbleib des französischen Nationalhelden. Nicht nur französische
sondern auch deutsche Historiker beteiligten sich an der Suche nach den Spuren
Saint Exupérys. Zahlreiche Zeitzeugen aus der Luftwaffe und Luftnachrichtendienst
tauschten ihr Wissen und ihre Unterlagen zu diesem Zwecke aus. Schnell entstanden
unzählige Spekulationen, deren Spannbreite sich von Selbstmordgerüchten
über mysteriöse Geheimaufträge zur Befreiung italienischer
Partisanen erstreckte. Auch vom Abschuss des begabten Piloten durch deutsche
Jäger war die Rede. So existiert z.B. die Geschichte eines deutschen
Jagdfliegers, der auf dem Rückzug im August 1944 bei einem Tieffliegerangriff
umkam aber vor seinem Ableben in einem Brief an einen befreundeten Piloten
Angaben zum Abschuss einer P – 38 am 31. Juni 1944, also am Tag des Verschwindens
Saint Exupérys, machte. Aufgrund einiger Unstimmigkeiten in seinen
Angaben zum Abschuss der P – 38 hält diese Theorie keiner wissenschaftlichen
Untersuchung stand. Weitere Nachforschungen blieben im Sande stecken.
Wehrpass eines Piloten des JG200
Die Möglichkeit einer Beteiligung deutscher Jagdflieger am Verschwinden
von St. Exupéry ist aber durchaus denkbar, am 31.07.1944 um 11.00
Uhr meldete die westlich von Lyon gelegene deutsche Radarstation „Falter“
einen Einzelflug und allarmierte die Piloten der Jagdgruppe 200 in Aix en
Provence. Abschussberichte dieser Einheit sind ab Juni 1944 aber nicht mehr
vorhanden.
Neben der schlechten Quellenlage lag das größte Problem für
alle Untersuchungen, die sich mit dem Verschwinden von Antoine Saint Exupéry
befassen, fünf Jahrzehnte lang in der Tatsache, dass die genaue Absturzstelle
des Schriftstellers nicht bekannt war. Doch das sollte sich nach 54 Jahren
ändern.
Das Armband
Am 7. September 1998 ereignete sich vor der Hafenstadt Marseille eine Geschichte,
die mehr mit schicksalhafter Bestimmung als mit reinem Zufall zu tun hat:
Der ortsansässige Fischer Jean – Claude Bianco fährt mit seinem
Boot am Morgen zu seinem üblichen Fischgrund südöstlich vor
Marseille. Beim Einholen des Fangs reinigt er wie üblich seine Netze.
Ein kleiner, verkrusteter Gegenstand hat sich inmitten des üblichen
Beifangs in seinem Netz verfangen. Statt das Gebilde ungeachtet über
Bord zu werfen, hat der Fischer es zur Seite gelegt und an Bord gereinigt.
Was unter dem Bewuchs glitzernd zum Vorschein kam, sollte der Forschung eine
völlig neue Richtung weisen:
Ein silbernes Armband mit dem Namen seines einstigen Besitzers:
ANTOINE DE SAINT-Exupéry (CONSUELO)
c/o REYNAL AND HITCHCOCK INC.
386 4TH AVE. N.Y.C. U.S.A.
*Consuelo ist der Vorname der Frau von A. St.Ex
Ein Bild des Armbandes gibt auf der Internetseite
von Luc (www.immadras.com
- Bereich Archeologie)
Auf den ersten Blick erschien durch diesen Fund nun endlich ein erster,
handfester Hinweis auf die Absturzstelle des französischen Fliegers
gefunden. Allerdings sah sich der glückliche Finder mit ständig
wachsenden Zweifeln an der Echtheit seines Fundes konfrontiert. Nur wenige
glaubten an den „Wink des Schicksals“, der das Armband Saint Exupérys
nach 54 Jahren am Grund des Mittelmeers an die Oberfläche zurück
brachte.
Das Flugzeugwrack Exupérys
Einer dieser wenigen, die dem Fischer seine wundersame Geschichte glaubten,
war der Marseiller Taucher und Unterwasserforscher Luc Vanrell.
Es wohl niemanden, der die zahlreichen Wracks und Unterwassergründe
vor Marseille besser kennt und öfter betaucht hat als Luc Vanrell. Seine
Tauchleidenschaft hat er von seinem Vater geerbt, der ihm bereits vor
dem Fund des besagten Armbandes von vereinzelten Trümmerteilen eines
Flugzeugs in dem Gebiet der Fischereigründe Jean Claude Biancos erzählt
hat. Doch beflügelt durch den Fund des Armbandes begann Luc Vanrell
das Gebiet rund um die Fundstelle systematisch abzutauchen und zu untersuchen.
Des Weiteren begann er sich intensiv mit den Informationen zur Konstruktion
und Technik der P – 38 auseinanderzusetzen.
Mit Hilfe des Historikers und Flugzeugspezialisten Phillipe Castellano wurden
aussagekräftige Unterscheidungsmerkmale herausgearbeitet, die weitere
Hinweise auf das Flugzeug geben, das in Form von unzähligen Bruchstücken
am Grund des Meeres verteilt lag. In Tiefen zwischen 50m und 80m waren verteilt
auf eine Fläche von ca. 1000m x 300m Wrackteile eines Flugzeugs. Die
gefundenen Objekte wurde Unterwasser fotografiert sowie die hinsichtlich
ihrer genauen Lage und Fundstelle dokumentiert. Am 25. Mai 2000 wurde der
Fund den zuständigen Behörden gemeldet. Zu diesem Zeitpunkt war
bereits klar, dass es sich bei dem Flugzeug um ein spätes P-38 Modell
handelt, wie es auch Saint Exupéry auf seinem
letzten Flug geflogen hat. In den Gewässern von Südfrankreich liegen
jedoch über 40 Flugzeuge des Typs P-38, deshalb reichten die Daten zu
einer 100% Identifikation des Flugzeugs noch nicht aus. Mit entsprechender
Genehmigung der zuständigen Behörden wurden Teile des Flugzeugswracks
geborgen, um sie einer näheren Untersuchung zu unterziehen.
Und tatsächlich, im Oktober 2003 wurde offiziell bekannt gegeben: Bei
den gefundenen Flugzeugteilen handelt es sich zweifelsfrei um die Maschine
des französischen Nationalhelden.
Anhand der gefundenen Seriennummer „2734“ auf einem Bauteil konnte Phillipe
Castellano dieses Teil eindeutig dem Flugzeug, das Saint Exupéry
am Tag seines Verschwindens flog, zugeordnet werden.
Antoine de Saint Exupérys letzter Flug endete also südöstlich
von Marseille nahe der Insel Riou.
31.07.2004 Genau 60 Jahre nach dem verschwinden des A. de St. Exupéry
wird bei der Ile de ein Kranz an der Absturzstelle ins Meer gelegt.
Das Rätsel um den Verbleib von St. Ex konnte nach fast 60 Jahren endlich
gelöst werden. Eine wichtige Frage blieb jedoch weiterhin offen:
Warum stürzte der Schriftsteller südöstlich von Marseille
ab? War es ein Unfall, technisches Versagen, Selbstmord oder ein Absturz
aufgrund von Feindeinwirkung?
Die wenigen, geborgenen Teile der P-38 konnten diese wichtige Frage nicht
beantworten.
Ein deutscher Flugzeugmotor DB 601
Bei der Suche nach den Trümmerteilen der P-38 im Jahr 2000 wurde zwischen
den verschiedenen Bruchstücken ein deutscher Flugzeugmotor gefunden.
In etwa 55m Tiefe bemerkte Luc Vanrell bei einem seiner zahlreichen Tauchgänge
in dem Gebiet eine Gorgonie, die sich aus dem sandigen Meeresboden erstreckt.
Als erfahrener Taucher erweckte sie sofort Lucs Interesse. Da Gorgonien nicht
auf dem Sand wachsen können, muss sich am Fuße der Gorgonie etwas
Hartes befinden, ein Fels oder ein Wrackteil. Vorsichtig begann Luc, den
Fuß der Gorgonie freizulegen.
Nach kurzem Graben wurde ein Motorblock mit 6 Zylindern sichtbar. Der erste
Gedanke: Es handelt sich um einen alten 6-Zylinder Bootsmotor. Nach
weiterem Freilegen des Motors erschien jedoch eine zweite Reihe mit 6 Zylindern.
Es war also ein V12 Motor, wie er häufig im Weltkrieg-II sowohl von
den Alliierten wie auch von der deutschen Luftwaffe in Flugzeugen verwendet
wurde. Die nahe liegende Vermutung, es handelt sich um einen der beiden V12
Motoren der P-38 von St. Exupéry, wurde anhand der Prüfung
der Bauteilnummer des Zylinderblocks und einem sich dort befindenden Skoda
Symbol schnell wieder umgestoßen und musste einer anderen Gewissheit
weichen:
Es handelt sich um einen Motor eines deutschen Jagdflugzeugs, ein Daimler-Benz
V12:
Zylinderblock des DB601 in der Produktion bei Skoda 1941/42
Außer dem Motor wurden keine weiteren Teile eines deutschen Flugzeugs
in dem Gebiet gefunden, darum stellte sich Luc Vanrell folgende Fragen:
Warum liegt der deutsche Motor zwischen den Teilen der amerikanischen P-38?
Aus welchem Flugzeug stammt der Motor und was ist mit diesem Flugzeug passiert?
Und schließlich:
Steht dieser Motor möglicherweise im Zusammenhang mit dem Absturz von
A. St. Exupéry?
Lucs Fragen sollten in nicht allzu ferner Zukunft auch uns beschäftigen.
Nachdem wir Luc Vanrell im Frühjahr 2005 in Marseille besucht und kennen
gelernt hatten, haben wir beschlossen, uns gemeinsam der weiteren Untersuchung
des DB 601 zu widmen, die schließlich zur Bergung des DB 601 Flugzeugmotors
führte.
Luc (re.) und Lino (li.) beim Abgleichen von Unterlagen
Fortsetzung des Artikels im Onlinemagazin, Ausgabe Nr. 68, ab 9.Juli 2006.
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