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Onlinemagazin - 68. Ausgabe - Das Rätsel eines DB 601 - Teil 2 - DB 601 - Recherche




 Geschrieben von Lena und Lino

Die ersten Untersuchungen


DB601 - Zylinderteil - Taucher.Net
Bauteilnummer des Zylinderblocks

Als erster Ansatzpunkt für unsere Forschung diente nur ein Teil des Zylinderblocks, der bei früheren Tauchgängen im Jahr 2005 zur Identifizierung geborgen wurde. Dieses Teil konnte anhand der Bauteilnummer einem DB 601 Motor zugeordnet werden.

Prüfmaßtabelle des DB601 Zylinders - Taucher.Net
Prüfmaße-Tabelle

Auf diesem Teil war auch ein SKODA Logo zu erkennen. SKODA war damals in die deutsche Rüstungsindustrie integriert und lieferte unter anderem Zylinderköpfe für die Produktion von DB601 Motoren. Aufgrund dieser Tatsache war neben meinen tschechischen Freunden vom GRID-Tech-Team auch SKODA als Sponsor bei der ersten Frankreich Tour dabei, um die Forschungen zu unterstützen.
Diese Nummer auf dem Zylinderblock gab aber keinen Rückschluss auf das zugehörige Flugzeug, da sie auf jedem Bauteil dieses Motortyps gleich ist.
Weitere Anhaltspunkte mussten also gesucht werden, die eindeutige Hinweise zur Identifikation oder Datierung des Absturzes liefern können.

Zur Vorbereitung auf die geplanten Tauchgänge und unsere damit verbundenen Aufgaben Unterwasser, bin ich mit Lena zur Quelle der DB601 Informationen gereist: Das Daimler-Chrysler-Archiv in Stuttgart.

Lena im Archiv - DB601 Geschichte
Lena im Konzern Archiv

Dort konnten wir alle relevanten Dokumente zur Produktion, Wartung, Ersatzteillisten und Änderungsanweisungen einsehen und kopieren. Anhand dieser Unterlagen entstand ein Konzept zur weiteren Untersuchung und Datierung des Motors.
Um einen Eindruck von der Lage 1944 in Frankreich zu erhalten, forschten wir zudem in dem Militärarchiv in Freiburg und versuchten Zeitzeugen ausfindig zu machen. Der inzwischen über 80jährige Pilot Hans Fahrenberger war einige Monate im Jahre 1944 als Ausbilder in Südfrankreich stationiert, und konnte uns bei einem Gespräch in München viele Details zu den Bedingungen der Jagdflieger in dieser Zeit in Frankreich erzählen.

Im Juni 2005 waren wir dann endlich alle Beteiligten der ersten Untersuchungen in Marseille versammelt.

Team - DB601 Bergung - Taucher.Net
Anne Delhaume, Luc Vanrell , Lino von Gartzen, Jindra Böhm, Jan Jirasco,
Bretislav Homolka und Marcus Müller. Nicht auf dem Photo:
Philippe Castellano, Basti Henneke und Robert Kreutzer.


Nach der freundlichen Begrüßung und dem Austausch der aktuellen Informationen haben wir die Planung für die nächsten Tage erstellt. Luc hatte neben der Bereitstellung des Bootes und der Logistik auch die zuständigen Behörden informiert.
In den ersten Tagen sollten 2 Sidescan-Systeme für den Archäologischen Einsatz getestet werden.

Sonarfahrten - DB601 - Taucher.Net
Das Sonarbild zeigt das Wrack einer JU 88 bei Marseille

Anhand bekannter Wracks wird die Darstellung der Objekte verglichen und eine maximale Einsatztiefe der Geräte ermittelt.
Es liegen mehr als 300 Wracks aus 3000 Jahren Seefahrtsgeschichte in der Bucht von Marseille, ideale Einsatzbedingungen also für unsere Versuche, und eine Möglichkeit, dass Gebiet der Absturzstelle noch einmal großflächig nach weiteren Teilen absuchen zu können.
Die Versuche mit dem ersten Sidescan waren schnell beendet, durch eine undichte Stelle ist Wasser in die Elektronik gelangt und wichtige Bauteile zerstört worden.
Leider ließ sich das Sidescan mit Bordmitteln nicht wiederbeleben. Das zweite Sidescan-Gerät hat zwar unsere Versuche überstanden und gute Resultate geliefert, er arbeitet aber nur bis in einer Tiefe von ca. 50m zufrieden stellend, und war somit für unsere Suchgebiet mit seinen Tiefen zwischen 60 und 100 Metern leider nicht geeignet.

Am folgenden Tag lagen wir an der Absturzstelle vor Anker und bereiteten uns auf den ersten Tauchgang vor.
Luc gab uns eine kurze Einweisung für den Tauchgang, die Struktur des Grundes mit den jeweiligen Tiefen, und Informationen über Gebiet, in denen er die Teile
und den Motor gefunden hatte.
Die erste Gruppe ging mit Luc ins Wasser, wir tauchten an der Ankerkette ab, neben dem Anker befestigte ich mein Reel an der Kette und folgte von dort Luc mit
meinem Seil in Richtung Motor.

Markierungsseil zum Motor - DB601 - Taucher.Net
Das Markierungsseil zum Motor

Die zweite Gruppe konnte so 15 Minuten später direkt am Seil entlang zum Motor tauchen. Der Motor lag in einer Tiefe von 55m fast vollständig vom Sand bedeckt am Fuße einer mit Gorgonien bewachsenen Steilwand.



Dass er nicht vollkommen im Sand verschwunden war, verdankt er seiner Nähe zu einer steilen Felswand. 1,5m unter dem Sand muss sich felsiger Untergrund befinden, der ein völliges Absinken verhindert hat.

DB601 - Motorbergung vor Marseille


Um das wenige, dass da noch aus dem Sand ragt, als Motor identifizieren zu können, bedarf es mehr als Phantasie.
Man braucht Erfahrung aus hunderten von Tauchgängen, einem scharfen Blick für rostiges Metall und eine Menge Glück.
Luc hatte bei der Entdeckung 2000 hier wohl etwas von allem.

Der DB601 vor Marseille


Der Motor lag auf der Seite, nur die rechte Zylinderreihe war zu sehen. Das von uns gesuchte Schild mit der Seriennummer befand sich aber auf der linken Seite, also auf der Unterseite des Motors, tief im Sand. Auch das Wartungsschild befand sich an der nicht zugänglichen Unterseite des Kurbelwellengehäuses.
Die einzige Möglichkeit in dieser Position weitere, neue Anhaltspunkte zu finden war die Bauteilnummern auf der rechte Seite des Kurbelwellengehäuses.

Luc beim DB601 - Taucher.Net
Luc legt vorsichtig die Nummer auf dem Kurbelwellengehäuse frei

Diese Stelle war gut zugänglich, und konnte vorsichtig von der dünnen Sedimentschicht befreit werden. Die Nummern wurden notiert und Details photographiert.
Weitere Untersuchungen waren zu diesem Zeitpunkt nicht möglich, da sie massive Grabungsmaßnahmen erfordern würden, und zudem auch keine Untersuchung
der Unterseite des Motors ermöglichen würden.

Bei weiteren Tauchgängen an der Absturzstelle untersuchten wir die nähere Umgebung des Motors, konnten aber keine weiteren Flugzeugteile finden. Die Umgebung wurde bereits mehrfach in den Jahren zuvor von Luc Vanrell abgetaucht, auch er konnte keine Teile von einem deutschen Jagdflugzeug finden, nur Bruchstücke der Maschine von A. de St. Exupery. Eine Identifizierung des Motors über das zugehörige Flugzeug war also nicht möglich.
Lediglich 20m oberhalb des Motors auf der steil abfallenden Felswand lagen kleine Metallteile, die evtl. mal zu einem Flugzeug gehört haben könnten.
Diese Tatsache bestärkt meine Vermutung, dass das deutsche Jagd-Flugzeug bereits in den Jahren nach dem Krieg geborgen worden sein konnte. (Die Motorhalterungen bestehen aus einem Material, dass im Salzwasser sehr schnell zerfällt, der Motor könnte also bei der Bergung vom Flugzeug abgerissen sein.)

Wieder zurück in Deutschland konnten wir die neue Bauteilnummer des Kurbelwellengehäuses mit unseren Unterlagen abgleichen und fanden die Nummer in der Teileliste des DB601 E-Modells.

Ersatzteilliste DB601
Übereinstimmung in Ersatzteilliste DB601 und Prüfmaße-Tabelle

Wir haben daraufhin die Änderungsanweisungen für dieses Modell zusammengestellt und analysiert: Wann wurde welches Bauteil durch eine anderes ersetzt, welche Bauteile waren überhaupt von Änderungen betroffen und sind sie überhaupt noch am Motor vorhanden oder zugänglich.

Um weitere Informationen zu dem Motor und seinem Schicksal zu bekommen, gab es nur einen Weg:
Der Motor muss geborgen werden!!!





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