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Onlinemagazin - 68. Ausgabe - Das Rätsel eines DB 601 - Teil 2 - DB 601 - Bergung




 Geschrieben von Lena und Lino

Die Bergung des Motors


Ein Konzept zur weiteren Untersuchung des Motors wurde erstellt:
Über den Modifikationsstand des Motors und die verwendeten Bauteile soll der Zeitraum des Absturzes des deutschen Flugzeugs eingegrenzt werden. Auf diese Weise könnte evtl. ein „passendes“ Flugzeug aus Verlustlisten der Luftwaffe ermittelt werden und ein möglicher Zusammenhang mit dem Absturz von Antoine de St. Exupery ausgeschlossen oder bestätigt werden.

Unser Konzept wurde den zuständigen französischen Behörden, dem Kulturministerium, dem deutschen Auswärtigen Amt sowie der Bundesfinanzdirektion als Eigentümer des Motors vorgelegt.

Die Genehmigung zur Bergung wurde unter folgenden Auflagen erteilt:
A. Die Bergung muss von Berufstauchern durchgeführt werden.
B. Der Motor muss einer anerkannten, öffentlichen Organisation/Museum übergeben werden.
C. Eine Veräußerung des Motors/Teile ist nicht erlaubt.
D. Der endgültige Verbleib des Motors muss noch im Zusammenhang mit dem Ergebnis der Untersuchungen geklärt werden.

Phillippe bei der Planung - DB 601
Phillippe bei der Planung der zu untersuchenden Teile

Für die Bergung hatten wir im März einen Zeitraum von 8 Tage eingeplant:
3 Tage zum Freilegen des Motorblocks, 1 Tag zum Befestigen der Gurte,
1 Tag zur Bergung mit dem Hebesack und 1 Tag zum Schleppen in den Hafen. Somit hatten wir noch 2 Tag als Reserve.

An der Bergung und den Vorbereitungen waren beteiligt:
Luc Vanrell (IMMADRAS), Anne Delhomme (IMMADRAS), Phillippe Castellano (AERO Re. L.I.C.), JB Pouillard, Lino von Gartzen (Abtauchen.com, BGfU), Sebastian Hennecke (BGfU) und Marcus Thier (BGfU).

Ein konstanter Wind aus Südost mit Windstärken von 5-8 verhinderte die ersten drei Tage die geplanten Arbeits-Tauchgänge am Motor. An unserem Tauchplatz herrschte zu hoher Seegang und Strömung, die Bedingungen schienen sogar den sonst eher schmerzfreien Marseiller Tauchern als zu ungemütlich für längere Dekotauchgänge.

Marseille mit seinen vielen Wracks bietet aber bei jeder Windrichtung eine Möglichkeit, geschützt hinter einer Insel ein rostiges Relikt aus früherer Zeit zu betauchen. Wir haben also die Auszeit sinnvoll nutzen können und waren bei der "Liban" und dem Wrack einer "Ju88".

Am 4. Tag ging es dann endlich los, der Wind hatte sich gelegt, und wir hatten nach Wetterbericht ein Zeitfenster von 3 Tagen mit weniger Wind, danach sollte wieder starker Mistral einsetzten.

Bergung des DB601 - Unser Boot


Um 11 Uhr waren wir an unserem Tauchplatz, der Wind hatte tatsächlich nachgelassen und es war nur noch ein leichter Seegang von den stürmischen Tagen zuvor zurückgeblieben.

Wir sind in 3 Gruppen um 30 Minuten versetzt an der Absturzstelle abgetaucht. Geplant waren die Tauchgänge auf 55m Tiefe und mit einer Grundzeit von 15-20 min. Die Gesamtdauer eines Tauchgangs inkl. der Dekompression mit Sauerstoff würde so unter einer Stunde liegen. Das war wichtig, da jederzeit wieder ein starker Wind einsetzen konnte und unser Ankerplatz völlig ungeschützt lag.

Die Tauchgänge

Tauchgänge zur Bergung des DB601
JB, Wilke und Lino

Ziel der ersten Tauchgänge war es, den Motor für seine Bergung vorzubereiten.
Wir waren uns nicht sicher, ob die originalen Aufhängepunkte am Motor nach 60 Jahren im Salzwasser noch stabil genug sind, um das Gewicht von immerhin ca. 650 Kilo noch halten zu können. Deshalb entschieden wir uns, den komplizierten, aber sichereren Weg zu gehen:

Um das Gewicht und die Kräfte bei der Bergung gleichmassig zu verteilen und so den Motor zu schonen, sollten um den Motor herum Gurte gelegt werden.
Dazu musste der Motor auf 55m Tiefe an seinen beiden Enden möglichst großflächig freigelegt werden.
Das bedeutete für uns, zwei große Löcher mit einer Tiefe von 70cm direkt neben dem Motor in den Sand zu graben.
Danach sollten die Enden des Motors um jeweils ca. 40cm untergraben werden, um dort, unter dem Motor durch, die Gurte für die Bergung anbringen zu können.

Luc führte die erste Gruppe schnell zu unserem Motor und ein Seil für unsere Markierungsboje wurde an einem nahen Fels befestigt.
Diese Boje sollte der nächsten Gruppe und für alle folgenden Tauchgänge helfen, viel wertvolle Grundzeit zu sparen.
Ein kleiner Scooter wurde mit einem ca. 1m langen Seil am Motor festgebunden. Sein Vortrieb war auf diese Weise unter Kontrolle und man konnte mit leichten Korrektur-Bewegungen ohne großen Kraftaufwand den Strahl des Scooters nutzen, feines Sediment und Sand wegzublasen.

Luc beim


Luc beim
Luc beim „scootern“ am Motor

Freigelegter Motor - DB601
Ergebnis nach 2 Tauchgängen, langsam ist die Form des Motors zu erkennen.

Wenn die Sicht wieder auf Null zurückgegangen war, konnte man entweder 2-3 Minuten warten, bis die leichte Strömung wieder für klarere Sicht gesorgt hatte, oder seinem Tastsinn folgend mit den Händen weiter graben.
So haben wir 2 weitere Tage den Motor „bescootert“ und frei gegraben. Nach Ablauf der Grundzeit traf man beim seinem Aufstieg die nächste Schicht beim Abstieg.
Über eine Schreibtafel, die an der Aufstiegsleine auf 6m Tiefe angebracht war, konnten Anweisungen und Infos mit der nächsten Gruppe ausgetauscht werden.
Die erste Gruppe nahm immer den Scooter mit hoch, der Akku wurde an Bord gewechselt und der 3 Gruppe wieder mitgegeben.
Am vierten Tag konnten wir zum ersten Mal die Hebegurte anlegen. Luc hatte vorher an einem selbst angefertigten Holzmodell das Verhalten und die Ausrichtung des Motors in den Gurten simuliert und die beste Position ermittelt.
Fast alle Gurte konnten entsprechend angebracht werden, lediglich an 2 Stellen waren wir nicht zufrieden. Wir waren dort mit unseren Gurten nicht so tief wie geplant unter den Motor gekommen. Hartes Sediment und von den Seiten nachrutschender Sand erschwerten hier die Arbeit.
Zudem arbeitete jeder Taucher an dieser Stelle unter dem Motor besonders vorsichtig. Letztendlich hat man seine Hände tief in einem engen Spalt unter einen 650 Kilo Motorblock gesteckt, und gräbt ihm den Boden (in diesem Falle den Sand) unter den Füssen weg.

Das Gewicht des Motors war die größte Gefahr bei dieser Bergungsaktion. Sollte bei der Grabung der Motor im Sand plötzlich weiter einsinken und die Hand eines grabenden Tauchers einklemmen, wäre aufgrund der Tiefe eine Rettungsaktion mehr als problematisch.

Auch am nächsten Tag, und den für uns letzten Tag vor der Abreise nach Deutschland, konnten wir eine letzte Stelle unter dem Motor nicht weit genug freilegen.
Der Gurt war zwar schon fast an der richtigen Stelle, es hatte sich aber in der Zwischenzeit bei der Frage um die Positionierung der Gurte ein Perfektionismus entwickelt, dass diese Position von uns als noch nicht annehmbar erachtet wurde.
Obwohl ich schon seit Tagen damit gerechnet hatte, ohne den Motor zurück nach Deutschland zu fahren, fiel der Abschied dennoch schwer.

Die Arbeiten am Motor mussten möglichst ohne längere Unterbrechungen fortgesetzt werden, ansonsten würden der Sand und die Strömung unsere ganze Arbeit wieder rückgängig machen. Alles was wir in 12 Tauchgängen frei gegraben hatten, wäre sicher innerhalb von 2 Wochen wieder so geworden, als hätte es uns nie gegeben.
Luc setzte deshalb seine Arbeiten in den folgenden Tagen mit der Unterstützung von Anne und GB im "kleinem Team" fort.

Nach einer längeren Pause wegen schlechtem Wetter gab es die ersten guten Nachrichten: Nach weiteren 3 Tauchgängen war der Gurt an der gewünschten Stelle, und eine Bergung mit dem Hebesack war in greifbare Nähe gerückt.
Das nächste was ich von Luc hörte:
Der Motor ist im Hafen in Marseille, ich kann kommen und ihn abholen.

Luc’s Bericht vom Tauchgang

In einem letzten Tauchgang von nur 14min wurde der sperrige, große 2t Hebesack zum Motor transportiert und an den Gurten befestigt.
Die Druckluft aus 2 mitgeführten 15 Liter Flaschen strömte nacheinander in den Hebesack. Ungefähr 4000 Liter Luft waren nötig, den Motor auf 55m Tiefe in einen schwerelosen Zustand zu bekommen. Das entspricht in dieser Tiefe ungefähr 615 Kilo an erzeugter Auftriebskraft.
Aus Sicherheitsgründen sollte der Aufstieg des Motors am Hebesack ohne Begleitung eines Tauchers erfolgen.
Sollte sich der Motor auf dem Weg zur Oberfläche in seiner Vergurtung drehen oder gar herausrutschen, könnten die begleitenden Taucher stark gefährdet werden. Nachteil bei dieser Methode war, dass der Motor unkontrolliert und mit hoher Geschwindigkeit aufsteigt.

Werden der Hebesack und die Vergurtung diese Kräfte aushalten?
Luc gab dem schwerelosen Motor einen kleinen Schubs in Richtung Tageslicht und tauchte so schnell wie möglich gegen die Strömung weg, um sich aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich zu bringen.
Der Motor stieg mit der Strömung immer schneller werdend der Oberfläche entgegen. Leider war ich in dem Moment nicht vor Ort, indem der Motor die Wasseroberfläche durchschlug. Laut Anne schoss als erstes der Hebesack aus dem Wasser, knapp verfolgt vom guten Motor, der sich für einen kurzen Moment wieder fliegend über das Wasser erhob.

Das Gespann überlebte auch den Wiedereintritt ins nasse Element und der Motor hing immer noch stabil an seinen Gurten, jetzt aber endlich 55m über dem Grund.
Luc ursprünglicher Plan sah vor, den Motor direkt an einer flacheren Stelle wieder abzulegen und die Gurte zu kontrollieren.

Er sollte dann in den Tagen darauf bei Windstille in den 9 sm entfernten Hafen geschleppt werden. An der flachen Stelle angekommen, dachte sich Luc, man könnte ihn vielleicht gleich windgeschützt hinter die nahe Insel legen, dort angekommen ging es weiter: Warum nicht gleich zum Festland? Und weil das Wetter jetzt so schön geworden ist, gleich noch ums Kap rum. So wurden die Etappen spontan immer mehr erweitert, bis der Motor 6 Stunden später im Heimathafen der "IMMADRAS 10" in Marseille angekommen war.

Unter dem Bootsliegeplatz im Hafen wurde der Motor dann in 5 m Tiefe erneut abgelegt. Dort sollte er Unterwasser auf seine endgültige Bergung warten, geschützt vor den schädlichen Einflüssen an der Oberfläche betreffend der schnellen Korrosion.

Freitag 28.04.2006
Um 3 Uhr morgens treffen sich 4 müde Taucher, Marcus Thier, Basti Henneke, Lino von Gartzen und Robert Kreutzer in München und starten mit dem Auto in Richtung DB601 nach Marseille.
10 Stunden später, nach 1000 Kilometern treffen wir dann um 13:00 pünktlich in Marseille ein.

DB 601 - Die Bergung


Der offizielle Teil der Bergung war für 14:00 im Hafen geplant. Wir konnten also noch in Ruhe einige Zeit mit dem Motor auf 5 m Tiefe verbringen und einige Detailphotos machen. Der Hebesack wurde anschließend wieder angebracht und der Motor schwebte zur Oberfläche.

DB601 - am Hebesack


Endlich konnten wir den Motor in seiner vollen Größe und von allen Seiten betrachten.
Leider wich die erste Euphorie schnell einer Ernüchterung: Auf der vorher im Sand liegende unzugängliche Seite des Motors, von deren Details wir uns soviel erhofften,
war kein Typenschild, keine Wartungsplakette und zudem keine Teile des Laders zu finden. Auch die Stelle, an der die Seriennummer des Motors zu finden war, war zu stark durch Korrosion beschädigt.

DB601 - am Hebesack


Luc's Vergurtung des Motors war meisterhaft. Es war eine wahre Freude das notdürftig unter erschwerten Bedingungen angebrachte System aus Gurten und Leinen zu analysieren und seine Funktion zu verstehen. Luc war noch einmal weit über die geplante Vergurtung hinausgegangen, um doppelt auf der sicheren Seite zu sein.

DB601 - Bergung - Ankunft im Hafen


Erwartet von der lokalen Presse wurde der Motor dann stolz quer durch den Hafen zu einem Bootskran geschleppt. Philippe reitet auf dem "DB601" vorbei an der Comex.

Der Bootskran ist ein überdimensionaler Gabelstapler. Die Gurte des Motors werden mit Seilen an seinen Gabeln befestigt, dann wird der Motor vorsichtig angehoben.

DB601 - Bergung


Nach über 60 Jahren kommt der deutsche Flugzeugmotor erstmals wieder aus dem Wasser (abgesehen von seinem kurzen Flug bei der Bergung). So in der Luft hängend, wurde er ausgiebig von allen Anwesenden betrachtet photographiert und gefilmt.

Verschiedenste Bewohner des Motors, vom Seestern bis Gamba, wurden gesammelt und wieder ins Meer zurückgebracht.
Etwas Kopfzerbrechen bereitete später die Positionierung und Fixierung im Hänger für die Fahrt nach Deutschland.
Das Problem wurde mit einigen massiven Balken aus der Werft gelöst; der Motor landete um 17:00 stabil auf unserem Hänger und wurde fachmännisch verzurrt.

DB601 - fertig verladen


Auf dem Gelände von Luc Tauchbasis wurde der Motor nach einem langen Tag noch mit Süßwasser gespült, und anschließend möglichst eng in flexible Folie eingewickelt, um den Kontakt mit Sauerstoff zu reduzieren. Der ursprüngliche Plan, den Motor mit einem speziellen Öl zur Konservierung zu behandeln, wurde Aufgrund der starken Verkrustungen und Bewuchs fallengelassen. Der Verzicht auf das Öl hat sich besonders später bei der weiteren Arbeit und der Reinigung am Motor erleichternd ausgewirkt.

Nach einer kurzen Nacht im Hotel ging es dann früh am nächsten Morgen wieder zurück nach Deutschland, mit dem DB601 auf dem Anhänger.
Am Mittwoch den 03.05.2006 wurde der Motor Mitarbeitern des „Werftvereins“ bei der alten Flugwerft in Oberschleißheim übergeben.
In der Werkstatt des Werftvereins hat der Motor seinen eigenen kleinen Raum bekommen. Das war sinnvoll wegen des deftigen Mittelmeer-Aromas, das der Motor in den nächsten 2 Wochen verbreitete. Die weiteren Untersuchungen konnten nun beginnen.





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