Die Nagetiere (Rodentia), die in der Erdgeschichte erstmalig vor etwa 60 Millionen Jahren aufgetreten sind und zu denen der Biber zählt, sind eine Säugetierordnung der Superlative. Eine neuere Zählung ergab, dass gegenwärtig 4.630 Arten von Säugetieren wissenschaftlich beschrieben sind, wovon 1.750 Spezies, also 38 Prozent, Nager sind.
Das namengebende Merkmal der Nager sind die Schneidezähne mit Dauerwachstum und einer harten Schmelzschicht auf der Vorderseite – je ein Paar im Ober- und Unterkiefer – sowie eine dazu passende Ausbildung jener Kopfmuskeln, durch die Ober- und Unterkiefer verbunden sind. Auf dieser Kiefermuskulatur und den damit zusammenhängenden Merkmalen des Schädels basiert überwiegend die heute gültige Systematik der Nagetiere. Biber und Hörnchen werden aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten in eine gemeinsame Verwandtschaftsgruppe,
die Sciuromorpha, gestellt.
Das Eichhörnchen in der Baumkrone eines Auwaldriesen ist somit relativ nahe mit dem Biber verwandt, der an der Uferböschung eben diesen Baum anknabbert. Dieses Bild veranschaulicht sogar die angenommene Stammesgeschichte der Nagetiere: Experten glauben nämlich, dass die meisten Nager ursprünglich baumbewohnend und tagaktiv waren. Einen direkten wirtschaftlichen Nutzen bringen die Nagetiere heute dem Menschen trotz ihrer extremen Individuendichte
nur regional – und auch dort nur begrenzt.
Eine Möglichkeit für ihre wirtschaftliche Nutzung liegt in den teilweise recht wertvollen Fellen, die mit ein entscheidender Grund waren, dass der Biber fast ausgerottet wurde. Auch Chinchillas, Bisams, Nutrias und sogar Feldhamster wurden wegen der Felle gejagt.
Die ältesten Biberformen entwickelten sich schon vor mehr als 30 Millionen Jahren. Darunter waren auch Riesenformen von bis zu 300 kg Gewicht; Biber, die größer waren als unsere heutigen europäischen Braunbären. Sie starben erst nach der letzten Eiszeit aus. Funde vom Castor reichen
weit ins Miozän (24 – 5 Mio. Jahre) hinein, die Gattung dürfte etwa 20 Millionen Jahre alt sein. Die beiden heute noch lebenden Biberarten, der Europäische oder Eurasische (Castor fiber) und der Kanadische oder Amerikanische Biber (Castor canadensis), sind innerhalb der Nagetiere die letzten Vertreter einer einst artenreichen Gruppe. Der europäische Biber war als Art schon im Pliozän (Beginn vor 5,3 Mio. Jahren) ausgebildet.
Er musste mit den Eiszeiten zurechtkommen und sich immer wieder vor der Vereisung großer Landstriche Eurasiens in klimatisch begünstigte Regionen zurückziehen.
Die Verwandtschaft in Kanada
– die Parasiten sind die gleichen geblieben
Als um 1860 der europäische Biber nahezu ausgerottet war und sich die Schweden und Finnen daran machten, die ersten Wiederansiedelungsversuche zu starten, waren kaum noch ausreichend Besatztiere aufzutreiben. Der südnorwegische Bestand erholte sich nur langsam, die Schweden mussten lange auf eine gefestigte Population warten. Die Finnen zeigten sich ungeduldig und holten sich Biber aus Kanada (C. canadensis).
Beide Formen sehen einander recht ähnlich, in den meisten Fällen sind sie äußerlich kaum zu unterscheiden. Ob nun so ähnliche Tiere einer oder zwei Arten zuzurechnen sind oder ob sie nur Unterarten einer Spezies sind, ließ sich früher nicht eindeutig beantworten. Beim Biber glaubte man lange, dass es sich um nur eine Art, nämlich Castor fiber handelt, was anatomische Befunde noch in den 1960er
Jahren eindeutig zu bestätigen schienen. Und noch ein Merkmal unterstützte die Eine-Art-Hypothese: Sowohl beim eurasischen als auch beim amerikanischen Biber kommen die selben Parasiten, wie Biberkäfer und Bibermilben,
vor.
Erst Ende der 1970er Jahre lieferten Forscher den genetischen – und damit wohl definitiven – Gegenbeweis zu Gunsten von zwei Arten: Es stellte sich heraus, dass der eurasische Biber in seinen Zellkernen 48 Chromosomen besitzt, der kanadische hingegen nur 40. Damit handelt es sich um zwei Arten – und zwei verschiedene Arten können (in der Regel) gemeinsam keine fruchtbaren Nachkommen zeugen.
Vermutlich ist C. fiber die ältere Art, aus der sich durch geographische Isolation in der Neuen Welt – nachdem er in Perioden eines tiefer liegenden
Meeresspiegels eine Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska überquerte – C. canadensis entwickelte. Die Parasiten der Biber haben aber die Veränderungen der Chromosomenzahl ihrer Wirte nicht zum Anlass genommen,
ebenfalls neue Arten hervorzubringen, und blieben unverändert.
Für den Artenschutz war die Klärung der Artfrage von großer Bedeutung. In der Zwischenzeit hat sich der Europäische Biber in den meisten Regionen soweit vermehrt, dass die nicht ursprüngliche Art fast überall durch die autochthone ersetzt werden konnte. Kein ernsthafter Naturschützer würde heute auf die Idee kommen, den Kanadischen Biber, der mehr Jungtiere pro Wurf bringt und der den europäischen Vetter
so theoretisch zurückdrängen könnte, in unserer Natur auszusetzen. Jene zwölf bis 15 Kanadischen Biber, die einst in Österreich freigelassen worden waren, waren während einer Studie aus dem Jahr 1999 nicht mehr auffindbar.
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