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Onlinemagazin - 68. Ausgabe - My House is my Castle - Rachel die Biberin




 Geschrieben von Dr. Robert Hofrichter

1000 und eine Nacht mit Rachel


Dies ist die Geschichte von Tomás (27) und Rachel (10). Tomás Hulík ist ein junger Mann, Rachel eine ältere Biberin.

Rachel die Biberin - Taucher.Net In “Hulík und die Biber“ hat eine ORF-Dokumentation aus der Reihe “Universum“ diese ungewöhnliche Freundschaft in einem schönen Naturfilm verewigt, dessen sensationellste Aufnahmen Tomás selbst drehte. Er durfte – wahrscheinlich näher als je ein Mensch vor ihm – mit der großen Kamera Gast in einer Biberburg sein. Er konnte an Rachels ungewöhnlichem Singleleben teilhaben, denn sie ist in der Terminologie der modernen menschlichen Gesellschaft allein erziehende Mutter.
Die Geschichte dieser Freundschaft geht von Ende der 1990er Jahre bis Anfang des neuen Jahrtausends; der Ort des Geschehens liegt etwa acht Kilometer nördlich der Burgruine Devín im Norden Bratislavas (Pressburg). Die Erinnerungen des Biberforschers Tomás beginnen am 2. März 1997: “Wir haben mit meinem Freund Fedor Spuren eines Bibers entdeckt. Als angehende junge Biologen und ambitionierte Naturfotografen träumten wir von schönen Tieraufnahmen. Ich konnte damals noch nicht ahnen, dass ich es einige Jahre später bis zum Kameramann eines Universum-Filmes schaffen würde.

Viele Tage und Nächte verbrachten wir im Auwald und an der March, bis wir im August 1997 erstmalig einer Biberin bis auf drei oder vier Meter Entfernung nahe kommen konnten. Wir tauften sie Rachel. Der Name hat nichts mit der biblischen Rachel zu tun; vielmehr haben wir den Namen vom slowakischen Wort für Krach machen - rachotit, rachot - abgeleitet. Unsere Biberin machte in der Tat viel Krach, wenn sie sich durch ihr Königreich im Schilfgürtel oder die dicht bewachsene Uferböschung schleppte.

Rachel und Thomas Hulik - 

Taucher.Net
Der Biberforscher Tomas Hulik aus Preßburg, ein Freund von Robert Hofrichter,
und “seine” Biberin Rachel. Zwischenzeitlich ist Rachel nach einem erfüllten
Biberleben gestorben.

Eines Sommertages im Jahre 1998 durfte ich den ersten und für mich kaum fassbaren Kontakt zu Rachel erleben. Ich hatte ausgerechnet in jenem denkwürdigen Augenblick nur noch zwei Aufnahmen in der Kamera. Fotografen kennen dieses Missgeschick … Ich versuchte, sie zu berühren und Unglaublicherweise zeigte sie keine Scheu. Der unmittelbare Kontakt zum wilden, frei lebenden Tier war prägend und etwas ganz Besonderes für mich. Nach den ungezählten Nächten in der feuchten, windigen Kälte und den Tagen schwüler Hitze mit endlosen Mückenattacken war diese Berührung der Beweis, dass sie mir vertraute.
Ein Jahr später, im Mai 1999 führte die March Hochwasser. Wir fragten uns, wie Rachel mit der Naturgewalt zurechtkommen würde. Wir fanden sie schließlich in einer alten, hohlen Weide. Da hockte sie mit vier kleinen Jungen in einer geräumigen Wohnung. Das leitete zwei glückliche Jahre ein, denn wir erhielten zum ersten Mal Anschluss an ihre Familie. Zugegeben, es handelte sich um eine ungewöhnliche Biberfamilie, denn Rachel war solo und offenbar Alleinerzieherin aus Überzeugung. Überraschenderweise durften wir die Jungtiere sogar in die Hand nehmen. Unsicher, ob das die Mutter stören oder ob sie die Kleinen deswegen sogar verstoßen würde, gingen wir dabei natürlich äußerst behutsam vor. Damals fehlte uns einfach noch die Erfahrung, wie die Biberin reagieren würde, aber Rachel akzeptierte uns als vertrauenswürdige Familienmitglieder.

Vier Junge sind für eine Bibermutter ein großer Wurf. Rachel musste daher ständig fressen, um ihre Energiereserven als säugende Mutter aufzufüllen. Wieder einmal stieg das Wasser der March an und zwang Rachel mit ihren Kindern dazu, aus der komfortablen Baumhöhle in einen provisorischen Bau auszuweichen. Sie hatte Mühe genug saftiges Gras zu finden, doch sie schaffte es, sich sowohl vor dem Hochwasser retten als auch ihre Kinder durchzubringen.
Wir besuchten unsere Biberfamilie täglich. Wie kleine Kinder glaubten die Jungen, dass sie nicht gesehen werden, wenn sie nur ihre Köpfe unter Wasser steckten. Ihr Pelz war besonders struppig und dicht. Die Tierchen benahmen sich recht tollpatschig und unternahmen in einem kleinen, geschützten Becken die ersten Schwimmversuche. Wir konnten mit ihnen tun was wir wollten, und – verständlich genug – von diesem Spiel nicht genug kriegen. Sie hingegen kletterten gern auf unseren Kameras und der Ausrüstung herum.

Rachel, Biberin - 

Taucher.Net
Rachel "bei der Arbeit"

Eines Tages hatte Rachel eine ihrer bevorzugten Pappeln gefällt, um sich über einen saftigen Zweig herzumachen und die Rinde zu vernaschen. Da schlich eines der Jungtiere heran und versuchte der Mutter etwas Fressbares abzuluchsen. Rachel wurde so zornig, wie ich es vorher noch nie gesehen hatte. Sie ohrfeigte den Nachwuchs regelrecht. Es sah nicht anders aus als bei uns Menschen, bei der pädagogisch fragwürdigen gesunden Watschen. Mit den Vorderpfoten schlug sie auf das Junge ein, woraufhin sich dieses schwer beleidigt davonmachte. Mit seinem platten Schwänzchen auf die Wasseroberfläche schlagend, schwamm es quer über den ganzen See davon, möglichst weit weg von der Mutter. Dabei gab es ununterbrochen wilde Laute von sich. Nicht vom saftigen Zweig fressen zu dürfen, frustrierte das Kleine ganz offensichtlich. Für mich war sowohl die nonverbale als auch die verbale Kommunikation eindeutig. Das Jungtier war sehr erregt und zornig und hat zweifellos in Bibersprache geflucht.

Nach zwei Jahren müssen die Jungen ihr Elternhaus normalerweise verlassen, und bei unseren inzwischen ausgewachsenen Freunden war es nicht anders. Nach Bibermanier zogen sie in die Welt, haben stromab- oder aufwärts ein neues Revier gegründet. Vielleicht sind sie auch bis an die Donau oder nach Österreich in die Gegend von Marchegg abgewandert.

In den Wintermonaten begab sich Rachel auf Partnersuche und wir hatten immer den Eindruck, dass sie es war, die sich ein Männchen suchte, anstatt umgekehrt. Wo und wie genau sie schließlich ihre Partner fand, die sie begatteten und für Nachwuchs sorgten, blieb uns verborgen. Das bleibt ihr Bibergeheimnis. Tatsache ist, dass sie nach ihren winterlichen Wanderungen jedes Mal trächtig in ihr Revier zurückkehrte.
Ich sorge mich um die Zukunft: Rachels Reich – die zu den wichtigsten Auland-Refugialräumen Mitteleuropas zählenden Marchauen – ist bedroht. Österreich plant gemeinsam mit der Slowakei den Bau einer Autobahn durch dieses Gebiet. Das kleine Naturparadies unter der alten Eisenbahnbrücke, deren Bahnstrecke aus Marchegg nach Devínska Nová Ves führt, würde dem Projekt zum Opfer fallen. Ich versuche daher mit viel Einsatz die Öffentlichkeit und die Medien auf Rachels kleines Reich aufmerksam zu machen."





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