Die Ergebnisse unserer Untersuchungen der Bauteile des Motors und ihrer
Datierung verursachten Anfangs mehr Verwirrung als Klarheit. Zwischenzeitlich
wurde deshalb der Motor intern schon in "DB Wolpertinger" umbenannt. Der
Zylinderblock stammt aus einer frühen Serie der DB601-Produktion (ca.
Anfang 1941), die Zündkerzen konnten anhand ihrer Produktionskennung
exakt datiert werden: Die Älteste stammt von März 1941, die Jüngste
von April 1942.
Durch den Einbau einer modernen Einspritzpumpe von Bosch PZ12HP 110/25
wurde der Motor vermutlich 1943 "modernisiert", diese Einspritzpumpe
wurde ursprünglich im Nachfolger des DB601, dem DB605 verwendet. Als
weiteres Indiz diente die Befestigung des Laders, auch dieses Bauteil lässt
auf die Verwendung von Teilen aus der DB605-Serie schließen. Anhand
anderer technischer Details, konnten wir nun den Flugzeugtyp bestimmen:
Es handelte sich mit höchster Wahrscheinlichkeit um eine Messerschmitt
Bf 109 F4, die modernisiert wurde und im Zeitraum zwischen 1943 und Mitte
1944 im Mittelmeer verschwand.
Die Messerschmitt Bf 109 F4 des berühmten Piloten
Hauptmann Hans-Joachim Marseille
Diese nicht ganz einheitliche Ausstattung des Motors lässt darauf
schließen, daß dieser Motor mit großer Wahrscheinlichkeit nicht
aus einem relativ neuen Jagdflugzeug der Jagdgruppe 200 stammt, sondern
aus den Beständen der Ergänzungsgruppe Süd.
Diese Einheit war eine Ausbildungsgruppe für Jagdflieger, die Piloten
wurden hier aber nicht nur ausgebildet sondern auch für ihre ersten
Kampfeinsätze vorbereitet. Die Piloten wurden unter der Leitung ihrer
Ausbilder immer öfter an aktiven Kampfhandlungen beteiligt, wenn alliierte
Bomberverbände Ziele an der französischen Küste angriffen.
Bei einem dieser Einsätze wurde auch die Maschine des Ausbilders Hauptmann Hans
Fahrenberger abgeschossen, dessen Flugzeug liegt in einer Tiefe von 40m
bei der bei der Île de Planier. (Bericht) Unter den Ausbildungsmaschinen
befanden sich auch ältere Modelle wie die Messerschmitt Bf 109 F4,
die unter Verwendung verschiedenster Teile und Modifikationen "am Leben"
gehalten wurden.
Diese Ausbildungsgruppe, inzwischen umbenannt in Jagdgruppe Süd
war in Südfrankreich von November 1942 bis Juni 1944 auf den Flughäfen
Salon de Provence und Orange-Caritat stationiert. In den Archiven von Philippe
Castellano konnten wir zwei Flugzeuge vom gesuchten Typ Bf 109 F4 ausfindig
machen, die in der Umgebung der Fundstelle unseres Motors als vermisst
gemeldet sind.
Beide Maschinen wurden bei der Abwehr von Bomberverbänden der
15th USAAF im Winter 1943/1944 durch Bordschützen der Bomber
(B-17) oder deren Begleitschutz (P-38 Lightnings) abgeschossen und sind
im südöstlichen Bereich von Marseille ins Meer gestürzt.
Vorläufiges Ergebnis der Untersuchungen:
Zwischen dem bei der Île de Riou gefundenen Motor DB601 und dem Absturz
von Antoine de St. Exupéry besteht mit größter Wahrscheinlichkeit
kein Zusammenhang. Das letzte uns bekannte Flugzeug des gesuchten Typs
war nur bis Anfang Juni 1944, also fast zwei Monate vor dem Absturz von
A. de St. Exupéry, in der Gegend stationiert.
Der Nachfolger, eine Bf 109 G6, wie sie bei der JGr 200
verwendet wurde. Archiv Daimler-Chrysler
Die danach bei der Jagdgruppe 200 verwendeten Messerschmitts waren aus
der neueren Baureihe Bf 109 G6, ausgerüstet mit DB605 Motoren. 100%
Sicherheit für diese Einschätzung gibt es aber nicht, da aus
Protokollen der Alliierten von der Vernehmung deutscher Piloten in Gefangenschaft
hervorgeht, dass die bei der Jagdgruppe 200 verwendeten Maschinen in sehr
schlechtem Zustand waren und teilweise von der Jagdgruppe Süd übernommen
worden waren. Hat sich bei der Jagdgruppe 200 eine Bf 109 G6 "eingeschlichen",
die mit einem DB601 ausgerüstet war? Technisch wäre es möglich,
da die allerersten Modelle des G-Typs mit einem DB601 ausgeliefert worden
sind; die beiden Motoren waren in Form und Größe nahezu identisch.
Weiteres Vorgehen bei den Forschungen
Der Schwerpunkt der weiteren Untersuchungen richtet sich nun auf die
Jagdgruppe Süd und ihrer vermissten Flugzeuge im Zeitraum 1943-Juni
1944 aufgrund der deutlich höheren Wahrscheinlichkeit der Zugehörigkeit
des Motors zu diesem Umfeld. Sollte es uns gelingen, den DB601 eindeutig
einem dieser Flugzeuge zuzuordnen, würde das unsere Annahme zur Gewissheit
machen, dass kein Zusammenhang mit St. Exupéry besteht.
Wir konnten bereits den Verwandten von einem der beiden vermissten Piloten
ausfindig machen, und haben neue Anhaltspunkte für unsere weiteren
Forschungen bekommen.
Dieser Pilot startete im Dezember 1943 mit seiner Messerschmitt Bf 109
F4 zu seinem ersten und zugleich letzten "Feindflug" nach seiner
Ausbildung. Ein großer Bomberverband der 15th USAAF führte
an diesem Tag einen Angriff auf die Hafenanlagen von Marseille durch.
Von den zur Abwehr der Bomber gestarteten deutschen Jagdfliegern kehrten
sieben Flugzeuge nicht zurück. Darunter auch zwei Messerschmitt Bf 109
F4.
Eines dieser beiden Flugzeuge wurde später, noch während
des Krieges bei La Ciotat, ungefähr 15km entfernt von unserem Motor
geborgen und konnte einem anderen Piloten, Herrn Karl Krenkel zugeordnet
werden.
"Südlich" vor Marseille vermisster Pilot
Der andere Pilot und sein Flugzeug gelten bis heute als vermisst.
Ein deutscher Militärgeistlicher soll seinen Absturz damals von
einem Berg aus beobachtet haben, und sah, wie sein Flugzeug "südlich"
von Marseille ins Meer stürzte. Von den Bergen über Marseilles
hat man einen sehr guten Blick auf die südlich gelegene Insel Riou,
dem Fundort unseres Motors. Diese und andere Indizien deuten darauf hin,
dass es sich um den Piloten zu unserem Motor handeln könnte. Diese
Spur wird momentan intensiv in Zusammenarbeit mit den Angehörigen
weiterverfolgt.
Blick von einem Berg nahe Marseille Richtung Süden
auf die Insel Riou,
am linken Ufer der Insel lag der DB601 auf 55m Tiefe.
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