Kunstriffbau bei Hurghada

 Geschrieben von Oli
© 2000 Oliver Meise
-Keine Gewährleistung-

Verschlafen räkelt sich Yossi Perez auf seinem Feldbett- noch halb schlafend schielt er auf seinen Wecker. Es ist sieben Uhr Morgens, Zeit sich zu Erheben und seinen Kadaver in Gang zu bringen!
An diesem 6. Februar 1970 ist von draußen her schon eine rege Geschäftigkeit zu vernehmen: Das Röhren der Triebwerke und die Schritte der hin- und her hastenden Menschen verspricht auch Yossi an diesem Tag viel Arbeit. Schnell schlüpft er in die bequeme Pilotenkombi aus feuerfestem Material und trollt sich von dannen.

Auch einige hundert Kilometer weiter südlich im noch verschlafenen ägyptischen Fischerdörfchen Gardhaga (Heute: Hurghada) beginnt sich das Leben zu regen.
An Bord eines im Hafen liegenden Schiffes steigt Mustafa der Duft frischgebrauten Kaffees in die Nase. Mit knurrendem Magen setzt er sich aufrecht in seiner Koje und fährt sich noch schläfrig durch das schwarze Haar. Mit einem halbgeschlossenen Auge schaut er durch das Bullauge. Schönes Wetter. So ein Mist! Das bedeutet, er wird wirder den ganzen Tag Rost schrapen und Farbe pönen müssen! Na denn... aber erst mal lecker Frühstück!

Mittlerweile sitzt Yossi im Briefing Room seiner Staffel und bekommt den Einsatzraum und die Angriffsziele mitgeteilt. Zu den Dingen die der Einsatzleiter bespricht gehört das übliche, schon seit Jahren bekannte: 1967 hatte Israel im Sechs-Tage-Krieg den Sinai erobert und den Suez-Kanal als wichtige Einnahmequelle für Devisen für Ägypten gesperrt. Daraufhin begann seitens Ägyptens nach Beendigung des Krieges ein politischer Feldzug gegen Israel der zum Ziel neben der Rückeroberung des Sinais auch die völlige Vernichtung des Staates Israel hatte. In diesem Zusammenhang standen denn auch die seit 1969 immer wieder stattfindenden bewaffneten  Scharmützel zwischen den beiden Parteien. Legitimes Ziel der Israelischen Luftwaffe waren-so empfand man auf Israelischer Seite- Industrienansiedelungen und Luftabwehreinrichtungen wzB. Radarstellungen und Flugabwehrwaffen.
Das heutige Briefing nannte dann auch das Primärziel des heutigen Einsatzes: Die Radarstellungen im Raume von Gardhaga sollten vernichtet werden!

Während nun Mustafa fröhlich pfeifend begann sein farbiges Tagwerk zu verrichten, stiegen Yossi und seine Kameraden in die Kampfflugzeuge der Staffel. Das waren bei der 113. Staffel Jagdbomber vom Typ Dassault M.D.450 Ouragan. Außerdem nahmen am Einsatz noch Flugzeuge einer anderen Staffel teil. Hierbei handelte es sich um Luftüberlegenheitsjäger vom Typ Dassault Mirage III CJ ('Shachak') als Begleitschutz.
Bei den Flugzeugen von Yossis Staffel handelte es sich um aus der französischen Luftwaffe ausgemusterte Flugzeuge. In Israel war man froh, nach der britischen Gloster Meteor an einigermaßen fortschrittliche Düsenflugzeuge zu kommen, war Frankreich doch auch das Land, daß als einziges bereit war, derartige Flugzeuge zu liefern. Der Erstflug dieses Musters fand schon am 28. Februar 1949 statt. Somit war der Flugzeugtyp 1970 nicht mehr taufrisch, konnte aber noch mit den ägyptischen Flugzeugen die diese ihrerseits von den Tschechen bzogen hatten, mithalten.
Bei den Flugzeugen von der 117. Staffel handelte es sich um die erfolgreichsten Flugzeugtyp in der israelischen Luftwaffe. Die einsitzigen Mirage-Abfangjäger kamen von der gleichen Fabrik wie die Ouragan-Jagdbomber und waren die Exportversion mit den zwei zusätzlichen 30mm-Bordkanonen anstelle der Boostersätze. 71 waren 1961 bestellt worden, um mit den MIG-21 der Ägypter fertig zu werden.
Yossi und seine  Kameraden rollten nun nach den üblichen Checks auf Weisung des Towers an den Start. Starterlaubnis!
Das Pfeifen und Röhren von dem Hispano Suiza Rolls-Royce Nene Mk 104B -Düsentriebwerk in Yossis Einsitzer schwoll zu einem ohrenbetäubenden Getöse an, in das Geheule der SNECMA Atar 9B der Miragejäger einfiel. Pfeilgerade schossen beide Staffeln in den blauen Morgenhimmel.
Beide Staffeln schlugen nun Kurs ein auf ihr Ziel. Kurz danach wurden die Bordwaffen auf ihre Funktion geprüft. Yossi schaute auf seinen Bombenschaltkasten: Überall grüne Lichter. Die mitgeführten 1000kg Bomben in unterschiedlicher Stückelung bzw. die 16 105mm-Raketen waren demnach einsatzbereit. Durch eine kurze Betätigung der Auslöser für die vier 20mm-Bordkanonen wurden auch diese auf ihre Funktion hin überprüft. Nach Beendigng des Waffenchecks sah sich Yossi nach seinen Kameraden um: Auch aus den Rohren der 2,2 Mach schnellen Begleitjäger stoben Feuerstöße. Also funktionierten auch hier die zwei DEFA 30 mm-Kanonen unter den Lufteinläufen. Auch die vielfältigen Aussenlasten an sieben Pylonen (Matra-Eisen- und Streubomben, AS.37 Martel, R.550 Magic, R.530, AIM-9P, AIM-4) schienen den Test bestanden zu haben.
Nach kurzer Flugzeit näherte man sich schon dem Hafenort. Doch plötzlich ertönte aus dem Äther eine Warnung eines Begleitjägers: Er hat eine größere Schiffeinheit in seinem Cyrano II/IV-Radar ausgemacht. Möglicherweise muß man also mit einem Kriegsschiff rechnen, daß auch über Flugabwehrwaffen verfügt!

In Ghardaga pinselt Mustafa lustlos vor sich hin. Wie überall auf der Welt kann sich ein Matrose sicherlich etwas schöneres vorstellen, was er statt pinseln lieber machen würde. In seine Arbeit versunken und in Gedanken bei ebenjener Lieblingsbeschäftigung runzelt Mustafa plötzlich die Stirn.
Moment amal.. wossen das fürn Geräusch... hört sich ja an... ja richtig. Düsenjäger. Na dann sind unsere MIGs mal wieder am Patrouille fliegen, hm. Mustafa blickt auf und legt die Hand zum Schutz vor den Sonnenstrahlen schützend an die Stirn. Ja! Dort kommen sie. Immer näher. Das Geräusch wird lauter und lauter..

Bei der Annäherung an den Hafen von der Seeseite fassen die israelischen Flugzeuge das 60m lange und 9m breite Kriegsschiff auf und realisieren, was sie da vor sich haben: Es ist ein ägyptischer 590tons-Minenräumer der alten sowjetischen T-43 - Klasse. Die ersten Schiffe dieses Typs liefen noch im 2. Weltkrieg von russischen Werften. Dieses Schiff hier -die Minija- lief erst 1955 vom Stapel und wurde aufgrund eines Militärabkommens während des kalten Krieges von Präsident Nasser am 24. September 1955 zusammen mit drei weiteren Schiffen gleichen Typs in Moskau für 120 Mio. US-Dollar gekauft. Der gezielte Einkauf von Minenräumern war für Ägypten lebenswichtig: So konnte sichergestellt werden, daß Ägyptens Haupteinnahmequelle an Devisen -der Suezkanal- minenfrei blieb. Daß dieses 14 Knoten schnelle Schiff mit seiner Bewaffnung von einer 37mm-Zwillingsflak und vier weiteren überschweren 14,5mm Wladimirow PKP - Zwillingsflak-MG`s (neben seiner Bewaffnung mit zwei Wasserbombenwerfern, knapp zwanzig Seeminen und der Räumausrüstung) Flugzeugen gefährlich werden kann, liegt auf der Hand. Dementsprechend entscheiden sich die Angreifer, vor der Radarstation die Gefahr die von diesem Schiff mit seiner Flakbewaffnung ausgeht, zu beseitigen.

Erst ist Mustafa sich noch nicht sicher... die Konturen der anfliegenden Maschinen kann er nicht einordnen. Doch plötzlich sieht er die blauen Davidsterne an den 13,07m x 10,74m x 4,14m großen Flugzeugrümpfen der Ouragan und der 8,22m x 15,56m x 4,50 m großen Mirages.
Alarm!
Dieser Ruf elektrisiert die ganze Mannschaft von knapp 70 Seeleuten. Manche versuchen noch hinüberzulaufen zum Heck, um an das feuerbereite Alarmgeschütz zu kommen-aber vergebens.

Die abgefeuerten Raketen und die Bordkanonen leisten ganze Arbeit. Innerhalb von Minuten sinkt die Minija ohne Gegenwehr in eine Tiefe von ca. 19-30m. Kurze Zeit später geht auch die Radarstation in Rauch auf.

Tauchgänge am Wrack beginnen nicht weit vom alten Hafen von Hurghada entfernt. Knapp 600m entfernt davon befindet sich an einer kleinen Boje ein Seil, an dem entlang man abtauchen kann.
Weil man sich hier im Hafenbereich befindet, ist natürlich die Sicht mäßig. Sowas zwischen 10-20m.
Gelegentlich macht sich auch eine leichte Strömung Richtung Süden bemerkbar. Am Wrack angekommen findet man das Schiff mit dem Bug Richtung Westen und einer Krängung von etwas mehr als 90° auf seiner Backbordseite vor.

Weitere Besonderheit ist hier das deutliche Fehlen von eigentlich zu erwartendem Bewuchs und Fischen. Möglicherweise ist dies der Nähe zum Hafen geschuldet oder den Wrackbestandteilen. Ist das Bojenseil am Achterschiff festgemacht, sieht man hier achtern das Hauptgeschütz des Schiffs auf dem niedrigen Achterdeck stehen.

Etwas in Richtung Bug,aber noch auf dem Achterdeck befindet sich noch ein Zwillingsflak-MG.

Auf dem Achterdeck befinden sich typischerweise auch die Seilwinschen die zum Fieren des Minenräumgeschirrs notwendig waren. Außerdem natürlich die Schiffsruder und Schiffsschrauben.

Letztere führen über zwei Schäfte und entsprechende Wellen direkt in den Maschinenraum zu den zwei 2.200 BPS-Dieselmaschinen. Auf deren Höhe ist auch eine deutliche Einbuchtung im Schiffsrumpf wahrzunehmen. Denkbar ist hier ein Nahtreffer einer Bombe, die den Wasserdruck Richtung Schiffswand lenkte und diesen eindellte. Taucht man in Verlängerung der Schiffsachse weiter hinter dem Heck, findet man den Hauptteil des durch die Versenkung abgerissenen Hauptmastes. Wenn man nun vom Heck aus Richtung Bug taucht, findet man auf dem Schiffsboden eine Verformung, die wie ein halbes Ei aussieht. Dies ist ein spezielles Minensonar.
Taucht man an der anderen Seite entlang der Decksseite, stößt man schon bald hinter dem Hauptgeschütz auf dem niedrigeren Achterdeck auf die Aufbauten, die auf einem höheren Deck liegen. Die zweite, obere Etage dieser Aufbauten ist aber ziemlich zerteppert und nicht mehr betauchbar. Auch sieht man überall Einschuß- und Splitterlöcher. Was man mit der entsprechenden Vorsicht (!!) betauchen kann, ist die hierunter befindliche Decksebene. Doch die herunterhängenden Kabel und Rohre bergen eine nicht zu unterschätzende Gefahr!

Im Mittschiffsbereich findet sich dann auch ein Zwillings-Flak-MG und der Schornstein.

Was überall herumliegt und mit der entsprechenden Vorsicht  und angemessenem Respekt beschaut und nicht angefasst werden sollte ist die Flakmunition. Mittschiffs liegen auch noch torpedoähnliche Gegenstände. Dies sind Spurkörper für das zu schleppende Räumgeschirr mit kurzen Schermessern zum Kappen der Ankertaue von aufgespürten Minen. Weiter vorn Richtung Bug kann man dann auch an Steuerbord in Höhe des Ankerspills die Ursache des Untergangs sehen: Riesige Teile des Bugs fehlen und sind herausgesprengt worden. Teilweise fehlt auf dem Vorschiff das Oberdeck oder auch ganze Meter vom Schiffsbug.

Außerdem reihen sich hier große Einschußlöcher nebeneinander.

Die Bilder wurden uns freundlicherweise von Herrn Ulrich Mößlang über seine Seite www.moesslang.net zur Verfügung gestellt. Dankeschön!


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