Felix Graf Luckner, geboren am 9. Juni 1881 in Dresden,
entdeckte schon früh seinen Bezug zur See, sowie seinen Hang zum Abenteurertum.
Nachdem er mit 15 Jahren von zu Hause ausgerissen war, verdingte er sich
als Schiffsjunge auf der unter russischer Fahne laufenden "NIOBE".
1904 erwarb er in Lübeck dann das Steuermannspatent, dem vier Jahre
später auch das Kapitänspatent folgte. Ab 1911 und später im 1. Weltkrieg, diente er bereits als Oberleutnant zur See zunächst auf der SMS
"PANTHER" und dann auf der SMS "KRONPRINZ".
Hier nahm er als Artillerieoffizier an der berühmten Skagerrak-Schlacht
teil, bevor er zu seinem ersten eigenen Kommando kam, welches ihn gleich
weltberühmt werden ließ: Kapitänleutnant der "SMS SEEADLER"!
Die "SEEADLER" war als Dreimaster eines der letzten Segelschiffe, die im
ersten Weltkrieg zum Einsatz kamen. 1878 in Schottland erbaut, befand sich
das 74,67 Meter lange und zu der Zeit auf "Pass of Balmaha" getaufte
Vollschiff gerade im Ärmelkanal, als es am 21.07.1915 von dem deutschen
U-Boot U-36 aufgebracht wurde.
SMS Seeadler
Streng genommen handelte es sich bei der SMS Seeadler nicht um ein Segelschiff,
sondern um ein MS mit Vollschiff-Takelung. Es hatte eine Carels-Freres 4zylinder-Zweitakt-Dieselmaschine
an Bord, die auf eine Dreiflügel-Schiffsschraube von 1,48m Durchmesser
wirkte. Der Bordvorrat von 2.100t Öl ermöglichte eine Reichweite
von 40.000 Seemeilen bei 9 Knoten Fahrt. Das reicht für mehr als einmal
rum um den Erdball. Allein unter Motor!
Auf der Werft J.C. Tecklenborg AG in Geestemünde wurde die "Pass of Balmaha" zum Hilfskreuzer umgerüstet, mit dem man trotz Kohlemangels im
Reich, Handelskrieg in entlegenen Gebieten führen wollte. Zu diesem
Zweck wurden diverse Umbaumaßnahmen vorgenommen: Eine Diesel-Hilfsmaschine
wurde eingebaut, versteckte Lade- und Aufenthaltsräume wurden eingerichtet und
es zusätzliche Quartiere für Besatzung und gefangene Seeleute
geschaffen. Als Bewaffnung standen lediglich zwei 10,5 cm Kanonen und zwei
schweren Maschinengewehre zur Verfügung, die getarnt unter einer aufklappbaren
Ladung an Deck montiert wurden.
Am 21. Dezember 1916 ging die SEEADLER, getarnt als norwegischer Holzsegler
IRMA, von Deutschland aus auf große Fahrt. Als sie einige Tage später
bei Island von einem englischen Kreuzer gestellt und durchsucht wurde, gelang
es der Besatzung, das britische Durchsuchungskommando zu täuschen. Die
englischen Blockadelinien waren hiermit durchbrochen, die Tarnung perfekt
- sogar die Bilder an den Wänden der SEEADLER, die von der Mannschaft
getragene Kleidung und die Briefe auf den Tischen entstammten allesamt norwegischer
Herkunft!
Pass of Balmaha - die spätere SEEADLER
Anschließend machten Graf Luckner und seine Besatzung ein halbes Jahr
lang erfolgreich Jagd auf alliierte Handelsschiffe und versenkten dabei 14
Schiffe, darunter sogar drei Dampfer, die gemäß dem ursprünglichen
Auftrag gar nicht hätten angegriffen werden sollen. Der "Pirat des Kaisers" und seine Mannschaft näherten sich den gegnerischen
Schiffen dabei stets getarnt, um dann im letzten Augenblick die Reichskriegsflagge
zu hissen und die Deckung von den Bordkanonen zu reißen. So zwang die
SEEADLER das feindliche Schiff zum Anhalten, dann kontrollierte ein Prisenkommando
die Ladung, nahm die Mannschaft fest, brachte sie von Bord und versenkte erst
dann das nun menschenleere Schiff.
Die Seeadler unter vollen Segeln
So unglaublich es klingen mag: Bei allen Angriffen verlor nur ein einziger
Mensch sein Leben - ein Granatentreffer sorgte für ein Leck in einer Dampfleitung,
wobei sich der Seemann Douglas Page so stark verbrannte, dass er später
an den Folgen der Verletzung verstarb.
Auch die gefangenen Seeleute wurden stets ritterlich behandelt: Man servierte
ihnen, was die Kombüse nur hergab, Kapitäne und Offiziere der Alliierten
saßen mit Graf Luckner am selben Tisch und als einmal der Proviant der
SEEADLER zur Neige ging, übergab man die Gefangenen einem vorbeifahrenden
französischen Schiff, damit dieses sich um sie kümmern konnte -
auch auf die Gefahr hin, dass dadurch die eigene Tarnung verloren ging.
Die Insel Mopelia
Ermüdet von gut acht Monaten auf See erreichte die Mannschaft der SEEADLER
mit reichlich Kapergut an Bord am 29. Juli 1917 die Insel Mopelia; ein Südseetraum,
ca. 140 Meilen von Bora-Bora entfernt. "Die Insel begrüßte uns
mit ihren hohen Palmen und Gummibäumen wie ein Paradies", so erinnert
sich Luckner später.
Auch wenn der "Pirat seiner Majestät" später behauptete, dass eine Flutwelle, ausgelöst durch ein Seebeben, die unbewachte SEEADLER
vier Tage später gegen das Riff warf, wo sie von der eigenen Besatzung
dann in Brand gesetzt wurde... In Wirklichkeit war es eher die Folge einer
Unaufmerksamkeit beim Ankern - und die "Seebeben-Legende" dürfte eine Schutzbehauptung des zuständigen Wachoffiziers gewesen sein.
Keiner der 64 Mann Besatzung sowie der 40 Gefangenen kam zu Schaden,
die Insel wurde schnell zur deutschen Kolonie erklärt und auf den Namen
"Cäcilieninsel" getauft. Vier Wochen lang ließ man es sich gut gehen,
baute aus dem Holz der SEEADLER drei winzige Dörfer, eine Strandpromenade
und genoss den auf der Kaperfahrt erbeuteten französischen Champagner. Dann machte sich Luckner sich mit fünf Besatzungsmitgliedern im
reparierten Beiboot
der SEEADLER auf den Weg, um damit ein Schiff zur Rettung zu kapern.
Aber auch die übrigen Besatzungsmitglieder blieben nicht untätig,
sondern bemächtigten sich des kleinen französischen Schoners LUTECE, der am 05.09.1917 dicht an der Insel vorbeikam und mit dem sie später das
neutrale Chile erreichten. Die 40 Gefangenen wurden notgedrungen wegen Platzmangels
zurückgelassen - aber nicht, ohne sie mit Proviant für zwei Monate
zu versorgen. Auch sie wurden kurze Zeit später gerettet.
Luckner und seine fünf Getreuen dagegen landeten schließlich auf den Fidschi-Inseln,
wurden von Engländern gefangen genommen und nach Neuseeland gebracht.
Hier gelang ihnen - wieder per Schiff - bald die Flucht, bevor sie ein zweites
und bis Kriegsende letztes Mal gefangen genommen wurden.
Die Seeteufel - das letzte Schiff des Graf von Luckner
Zwischen den Kriegen kaufte Graf von Luckner einen Schoner namens VATERLAND,
den er dann in MOPELIA umbenannte. 1935 brannte der Schoner in Bremerhaven vollständig aus. 1937 ging Luckner mit der ein Jahr zuvor
erstandenen SEETEUFEL für zwei Jahre
auf große Weltreise, segelte vom Mittelmeer nach Tahiti, von den
Cocos-Inseln nach Australien.
Bedeutend ist dann nochmals seine Rolle in
den letzten Tagen des 2. Weltkrieges, für die er von Hitler in Abwesenheit zum Tode
verurteilt wurde: Er rettete die Stadt Halle im April 1945 vor der vollständigen
Zerstörung durch die Alliierten!
Als Vermittler zwischen den Deutschen in Halle und der 104.
Infanteriedivision "Timberwolf" machte sich Graf Luckner unter Lebensgefahr auf den Weg hinter die feindlichen Linien, wo er auf Al
Newman traf, einen "Newsweek"-Kriegsberichterstatter. Newman und Luckner
kannten sich zufällig - und dank seines "ritterlichen Rufes" bekam
Graf von Luckner Zutritt in das alliierte Hauptquartier. Colonel Leo Hoegh,
der dem Stab der Timberwölfe angehörte und General Allen direkt
unterstellt war, wohnte den Verhandlungen bei und erinnert sich:
"Wir nahmen genauestes Kartenmaterial zu Hilfe. Die
Bedeutung des Grafen in unserem Hauptquartier bewerte ich als sehr groß.
Beeindruckt war ich von seiner Dynamik, der Sachkenntnis sowie der Vertrauenswürdigkeit.
Während des Gespräches mit Graf Luckner wurden die präzisen
Bedingungen festgelegt, unter denen die spätere Verschonung überhaupt
möglich war."
Ein kleines Denkmal in Halle erinnert heute noch an das damalige Geschehen,
für das Felix Graf von Luckner im Jahre 1953 das Große Bundesverdienstkreuz
am Bande verliehen bekam. Er starb, 85-jährig, 1966 in Malmö/Schweden
und wurde in seiner Familiengrabstätte auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf
beigesetzt.
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