Marine Arts 2007

 Geschrieben von BIO-Uli

Fotokunst:
David Hettichs Kalender "Marine Arts 2007"

von Uli Erfurth

In Windeseile naht ein neues Jahr und der großformatige Kalender des jungen, aber inzwischen kaum mehr unbekannten UW-Fotografen David Hettich wird - wie üblich - schnell vergriffen sein. Grund? 13 spektakuläre und farbstrotzende Schüsse aus indonesischen Korallenriffen. Wegen der überwältigenden Detailfülle kommt manch eine Aufnahme nicht ohne Erklärung aus. Ergebnis: tolle Kalenderfotos plus spannende BIO-Texte - so kann Weihnachten ruhig kommen!

Ausströmöffnung einer Riesenmuschel


Riesenmuscheln ernähren sich von Mikroplankton und filtern über ihre Kiemen je nach Größe hundert bis mehrere Tausend Liter Wasser am Tag. Das Foto zeigt die schlotförmige Ausströmöffnung von Tridacna squamosa, die vom individuell gefärbten Mantel gebildet wird. Hier züchtet die Muschel Millionen von einzelligen Algen und verdaut den Überschuss. Um die überlebenswichtigen Untermieter mit Licht zu versorgen, lebt die Muschel ausschließlich im sonnigen Flachwasser, hat ihre Organe anatomisch dem Licht zugedreht und spannt den Mantel bei Tag weit über ihre Schalen auf.
Die Art Tridacna gigas ist mit maximal 240 kg Gewicht und 1,4 m Länge die größte Muschel der Welt!

Gorgonien-Zwerggrundel auf Weichkoralle


Gorgonien-Zwerggrundeln (Bryaninops amplus), die im gesamten Indopazifik außer dem Roten Meer verbreitet sind, werden gerade einmal 4 cm groß. Sie leben meist zu mehreren bevorzugt auf Fächer-, aber auch auf diversen Weichkorallenarten. Farblich stets perfekt angepasst, sind sie im Gewimmel der Polypen-Ärmchen nur schwer zu entdecken. Alle Zwerggrundeln sind Folgezwitter. Sie kommen als Weibchen auf die Welt und enden ab einer bestimmten Größe als Männchen.
Hier hat sich ein Fisch eine Bäumchenkoralle (Dendronephthya sp.) als Heimat ausgesucht. Spitze Kalknadeln im Stammgewebe bilden ein streifenförmiges Muster und dienen der Koralle als Stützelemente und Fraßschutz.

Neonsternschnecke auf Schwamm


Nacktschnecken tragen kein schützendes Kalkgehäuse. In der Gruppe der Nudibranchia reichen die Verteidigungsmechanismen ersatzweise von aus Beutetieren stammenden Nesselkapseln über Säureschutz bis hin zu Giften, die sie ihrer Nahrung entnehmen und in eigenen Körperzellen speichern. Hier kriecht eine Neonsternschnecke (Nembrotha lineolata) am helllichten Tage über einen roten Schwamm. Mit Hilfe der beiden Kopfanhänge, in denen Tausende von Geruchsrezeptoren konzentriert sind, sucht sie ihre bevorzugte Nahrung - Seescheiden. Kurz hinter der Körpermitte befindet sich der sternförmige Kiemenkranz..

Juveniler Imperator-Kaiserfisch


Imperator-Kaiserfische (Pomacanthus imperator) leben im gesamten Indopazifik, vom Roten Meer bis Hawaii. Die Jungtiere, wie hier, zeigen ein gänzlich anderes Farbkleid als die gelb-blau-längsgestreiften Erwachsenen, die zudem eine schwarze Augenmaske tragen. Durch ihr anderes Äußeres können sich die kleineren Exemplare bis zu vier Jahre lang ungehindert in den Territorien der Alten bewegen, ohne als artgleiche Nahrungskonkurrenten erkannt zu werden. Dann jedoch gleichen sich Muster und Färbung den Erwachsenen an - innerhalb von wenigen Wochen.
Anders als die meisten anderen Kaiserfische ernährt sich diese Art nicht vegetarisch. Sie frisst Korallenpolypen, Schwämme, Würmer, kleine Krebse und Schnecken.

Hohkreuzgarnelen auf Blasenkoralle


Hohlkreuzgarnelen (Thor amboinensis) leben fakultativ in Symbiose mit vielen Seeanemonen- und Korallenarten. Man findet die kleinen Krebse auf ihren Wirten oder in deren unmittelbarer Nähe, meist in sandigen Lagunen oder im Rückriff. Als Markenzeichen halten die Garnelen ihren Hinterleib senkrecht in die Höhe und schwenken ihn hin und her. Meist leben sie in Paaren, wobei das Weibchen deutlich größer als sein Partner wird. Blasenkorallen wie Plerogyra sinuosa pumpen Vesikel an der Basis der Tentakeln zu großen Blasen auf. In ihnen züchten sie - wie alle riffbildenden Steinkorallen - Symbiosealgen, und verdauen deren Stoffwechselprodukte. Nachts werden diese „Sonnenkollektoren“ eingezogen und die Korallen strecken stattdessen Tentakel zum Planktonfang aus.

Geisterpfeifenfische in Haarstern


Geisterpfeifenfische (Solenostomus paradoxus) bewegen sich kopfüber und in Zeitlupe vorwiegend in Bodennähe. Durch fetzenähnliche Hautanhängsel und farbliche Anpassung verschmelzen diese skurrilen Seepferdchen-Verwandten fast vollkommen mit dem Hintergrund. Beliebte Aufenthaltsorte sind Fächer-, Weich- und Schwarze Korallen, oder - wie hier - die Arme eines Haarsterns.
Die Tiere leben in kleinen Gruppen oder als monogame Paare. Die deutlich größeren Weibchen legen bis zu 350 Eier in eine Bruttasche aus Brustflossen. Das Exemplar im Vordergrund ist hochträchtig. Nach zehn bis 20 Tagen schlüpfen die Jungen. Wie die Alten ernähren sie sich überwiegend von Krebschen, die sie mit ihrem langen Röhrenmaul wie mit einer Pipette einsaugen.

Orange-Ringel-Anemonenfisch


Clownfische wie der Orange-Ringel-Anemonenfisch Amphiprion ocellaris leben in enger Symbiose mit stark nesselnden Seeanemonen, hier die Prachtanemone Heteractis magnifica. Sie kuscheln sich in die Fangarme, um den Selbsterkennungsstoff des Riesenpolypen zu übernehmen. Nur so erkennt der Wirt die Fische als Teil von sich selbst. Als Gegenleistung verteidigen ihn die "Nemos" gegen spezialisierte Fressfeinde. In einer Anemone leben meist ein großes, dominantes Weibchen mit einem kleineren Paarmännchen, sowie mehrere sexuell unterdrückte Reservemänner.
Das auffällige Grün der Tentakel ist durch Millionen von lichtaktiven Symbiosealgen bedingt.

Pygmäenseepferdchen


Pygmäenseepferdchen (Hippocampus denise) leben im westlichen Pazifik in Tiefen von 20 bis 90 m, auf drei Arten von Fächerkorallen. Die Tiere werden nicht größer als 2 cm und sind durch Färbung und Hautknoten meisterhaft getarnt. Kein Wunder, dass sie erst 2003 entdeckt und beschrieben wurden.Seepferdchen sind die einzigen Tiere, bei denen die Männchen schwanger werden. Man beachte den geschwollenen Bauch des Exemplars hier! Die meisten Arten leben monogam, wobei sich das Paar jeden Morgen und Abend mit einem Paartanz begrüßt. Die Stunden dazwischen verbringt es getrennt, auf der Jagd nach Planktonkrebschen - in diesem Fall auf einer Fläche nicht größer als 1 m².

Prachtsternschnecke Chromodoris coi


Wenn die Prachtsternschnecke Chromodoris coi übers Riff kriecht, hebt sie die Ränder des Mantels wellenförmig auf und ab. Die meisten Nacktschnecken weisen neben diesem mehr oder weniger bunten Deckgewebe paarige Riechorgane in Kopfnähe und einen Kiemenkranz oder Kiemenbüschel am anderen Ende auf. Bei den Sternschnecken können diese Körperanhänge bei Gefahr in das schützende Mantelgewebe zurückgezogen werden. Der Kopf mit den übrigen Sinnesorganen und der muskulöse Kriechfuß sind stets vom Mantel bedeckt.
Nacktschnecken ernähren sich räuberisch von festsitzenden Tieren wie Hydroiden, Moostierchen, Seescheiden und Schwämmen.

Knotiger Netzfächer


In den Kanälen zwischen den indonesischen Inseln wachsen an Steilhängen Gorgonien in großer Artenzahl, wie hier ein Netzfächer (Melithaea sp.). Die Fächer wachsen immer senkrecht zur vorherrschenden Strömung, um maximalen Wasserdurchsatz und Filtrationsraten zu erzielen. Dabei scheiden die Korallen eine Mischung aus Kalk und Horn ab, und erzeugen so eine mehr oder weniger flexible Basis, die sich bald weit ins Freiwasser hinaus erstreckt. Die winzigen, hier weißen Polypen bleiben dabei untereinander über lebendes, hier rotes Gewebe verbunden.
Alle Koloniemitglieder sind Klone eines schon längst verschwundenen Gründungstiers.
Gorgonien können je nach Art ein Alter von mehreren Hundert Jahren und Durchmesser von drei Metern erreichen.

Putzernachahmer in Wurmröhre


Ein Putzernachahmer (Aspidontus taeniatus) lugt aus einer verlassenen Wurmröhre, die von einem roten Schwamm überwuchert ist. Mittels eines täuschend echt aussehenden Aufforderungstanzes und durch ihre "Putzeruniform" getarnt, schaffen es Jungtiere dieser Art immer wieder, sich unerfahrenen Rifffischen zu nähern. Doch anstatt - wie von der vertrauensvoll stillhaltenden Kundschaft erwartet - als Haut- und Parasitenpfleger tätig zu werden, schießen die falschen Putzerfische heran und reißen ihrer überraschten Beute kleine Flossen- und Fleischstückchen aus dem Leib! Natürlich vertreiben echte Putzerfische solch einen Geschäftsschädling energisch aus ihrem Revier.
Mit zunehmender Größe jedoch werden die Betrüger etwas zahmer: wie andere Säbelzahnschleimfische auch ernähren sie sich dann - bis auf ein paar Fischeier - fast ausschließlich von Wirbellosen.

Eischnecke auf Bäumchen-Weichkoralle


Es bedarf eines geschulten Auges, um in den Auswüchsen einer Bäumchen-Weichkoralle eine Eischnecke (Globovula cavangahi) zu entdecken. Dieser entfernt mit Kauris verwandte Nahrungsspezialist ernährt sich ausschließlich vom Gewebe seines Wirts.
Während die Schnecke (auf ihrem gestreiften Fuß) langsam über die Koralle kriecht tarnt sie sich gegenüber potentiellen Fressfeinden wie Kugelfischen, indem sie ihr Mantelgewebe über das eiförmige Gehäuse ausbreitet. Die hellen Auswüchse simulieren dabei perfekt die Kalknadeln der Koralle.
Dass die Schnecke "kopflos" vom Fotografen weg kriecht, zeigt nur, wie gut die Maskerade funktioniert.

Zebrakrabbe auf Feuerseeigel


Im Stachelwald des giftigen Feuerseeigels Asthenosoma varium lebt die Zebrakrabbe Zebrida adamsii. Der maximal 3 cm große Krebs lebt einzeln oder in Paaren auf verschiedenen Seeigeln. Die letzten Beinsegmente sind wie Haken geformt, um sich damit an den Stacheln fest zu halten.
Während die Krabbe von einem deutlich gesteigerten Fraßschutz profitiert, hat der Seeigel kaum etwas von dem Zusammenleben. In gewisser Weise "putzt" Zebrida ihren Wirt, indem sie organische Sinkstoffe (Detritus) aus dem Stachelwald frisst. Dieser "Meeresstaub" bildet ihre Hauptnahrung, größere Planktonorganismen sind die Ausnahme.

Die 13 Hochglanz-Werke können im Format 50 x 70 cm, mit dem Kalenderium 2007 und dt./engl. Erklärungen, für 29,95 € zzgl. Versand bezogen werden über: David Hettich | abenteuer-ozean.de

© Bilder: David Hettich, Text: Uli Erfurth / BIONAUT

P.S. Wer kennt das nicht: Tolles Foto geschossen, aber keine Ahnung, was genau abgelichtet wurde! Lösung: Kombinierte Foto-BIO-Seminare am Meer oder Fotoquiz-Veranstaltungen für Tauchschulen/Clubs! Motto: "Zeigt her eure Fotos, BIO-Experten erzählen was dazu!" Buchung: BIONAUT




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