Tod durch Stachelrochen

 Geschrieben von Bio-Uli

Ernsthafte Sticheleien

von Dipl. Biol. Uli Erfurth und Axel Eisele

Als im September dieses Jahres der australische Tierfilmer Steve Irvin - einem Millionen-Publikum besser bekannt unter seinem TV-Serien-Namen "Crocodile Hunter" - bei Filmaufnahmen im Great Barrier Reef von einem Stachelrochen in die Brust gestochen wurde und innerhalb von einer Minute starb, ging diese Schlagzeile durch die Weltpresse. Entsetzen über den Tod eines "Tierfilmers" und ein heimtückisch meuchelndes Monster waren eine Reaktion. Bei Riff-erfahrenen Lesern kam die Meldung nicht ohne einen leise gemurmelten - oder auf TN und Internetplattformen verewigten Kommentar aus. Sprüche wie "Das kommt davon!" waren dabei noch die harmlosesten. Irvins Methoden der Tierpräsentation durch spektakuläre Aktionen waren umstritten.


Aussie 07-11: Croc Hunter Steve killed by a fish!


Uneingeschränktes Medieninteresse erzeugte auch der Unfall in Florida kurz danach, bei dem ein älterer Mann auf dem Boot ebenfalls von einem Stechrochen lebensgefährlich verletzt wurde.
Was sind das nun für Tierchen, die uns und selbst hölzerne Bootswände zu durchlöchern trachten?


Da nützte auch der Füßling nix!
Stachelrochen-Stachel durchschlagen auch Holz, wenn's sein muss!


Diese Urlaubserinnerung könnte heftig werden!
Auch an Menschen gewöhnte, zutrauliche Exemplare sind wehrfährig.

Rochen sind Knorpelfische und ihre nächsten Verwandten sind die Haie. Ihre gemeinsamen fossilen Spuren reichen etwa 400 Millionen Jahre zurück, und alle diese Chondrichtyes wiesen schon damals ein Skelett aus kalzifiziertem Knorpel, paarige Kopulationsorgane, knöcherne Hautschuppen und lebenslangen Zahnersatz (!) aus. Man kennt fast 700 rezente Rochenarten.
Unter "Stachel- oder Stechrochen" werden dabei verschiedene Rochen-Familien zusammengefasst, deren Mitglieder auf der Schwanzoberseite einen oder mehrere Stacheln tragen: Peitschenschwanz-Stechrochen (Dasyatidae), Rundrochen (Urolophidae), Schmetterlingsrochen (Gymnuridae), Adlerrochen (Myliobatidae) und Kuhnasenrochen (Rhinopteridae). All diese Tiere sind hinsichtlich ihres Körperbaus bestens an das Leben auf oder dicht über dem Meeresgrund angepasst.
In Südamerika sind die Süßwasserstachelrochen (Potamotrygonidae) gefürchtete Flussbewohner, weitere Arten kommen in Afrika und Asien vor.
Die meisten Spezies ernähren sich von Würmern, Garnelen, Schnecken und Muscheln, die sie mit ihrem kräftigen Malmgebiss knacken. Aber auch vor bodenlebenden Fischen wird nicht Halt gemacht.


Manche Stachelrochen verlieren ihre(n) Stachel auch und/oder ersetzen ihn.

Der namensgebende Stachel (siehe Foto unten) ist flach, zugespitzt, mit Widerhaken an den Rändern versehen und kann je nach Art bis zu 30 cm lang werden. Er besteht aus knochenähnlichem Material (Vasodentin) und weist auf der Unterseite 2 Längsrinnen auf, in denen sich die Giftdrüsen als schwammartiges Gewebe befinden. Dieses knöcherne Giftschwert ist von einer dünnen Hautschicht umkleidet und steckt in ein-, zwei-, ganz selten vierfacher Ausführung muskulär verankert auf der Oberseite des Schwanzes. Bei den "echten" Stachelrochen (Dasyatidae, Urolophidae) meist in Nähe des Schwanzendes.

Unmotivierte Attacken von Rochen auf Menschen sind nicht bekannt. Zur Verteidigung aber kann der Rochen den Schwanz über den Rücken oder seitlich nach dem Angreifer peitschen. Dabei spreizt er den der Stachel ab, der so tiefe oder lange Wunden schlagen kann. Durch das Zurückziehen des Stachels werden durch die Sägeränder die Wunden vergrößert und weiter aufgerissen. Da dabei auf jeden Fall Drüsengewebe eingerissen oder abgestriffen wird, gelangt zusätzlich Gift in der Wunde.
Die Zusammensetzung des Toxins auf Proteinbasis ist je nach Art unterschiedlich, und bei den meisten Arten sogar noch völlig unklar: Bei wenigstens einer Art scheint das Gift das Herz-Kreislauf-System zu beinträchtigen, und hat - eventuell - sogar eine direkte Wirkung auf den Herzmuskel. Antidots sind nicht bekannt.

Häufig bricht der Stachel auch ab (wie im Falle von Steve Irvin) und verbleibt, ganz oder in Teilen, in der Wunde. Abgebrochene Stacheln werden wieder neu aufgebaut.
Die meisten Verletzungen bluten stark, und ereignen sich oft im Fuß- und Unterschenkelbereich, besonders wenn Menschen auf das Tier im seichten Wasser treten.


Stechrochen meets/"sticht" Unterschenkel

Kurz nach dem "Stich" tritt ein stechender Schmerz auf, der sich steigert und mehrere Stunden anhalten kann. Eine Verfärbung der Wundränder von grau nach blau mit finaler Rötung, Schwellungen sowie Übelkeit, Durchfall, Erbrechen, Schweißausbrüche und Blutdruckabfall mit Kollaps sind die üblichen Begleiterscheinungen. Als schwer ist eine Verletzung bzw. Vergiftung dann einzustufen, wenn der Stachel in den Bauch- oder Brustraum eingedrungen ist. Steve Irvin wurde in die Brust getroffen. Und- er zog den Stachel vor laufender Kamera wieder aus dem Körper. Irvin starb Sekunden später, digital verewigt.

Paul Munzinger schreibt in seinem empfehlenswerten und vor allem leicht lesbaren Übersichtswerk "Achtung gefährlich!" über die "Sekundenpeitsche" eines Blaupunktrochens (Taeniura lymna, Bild oben):

"Dieses gerade im Roten Meer beliebte Fotoobjekt versteckt sich oft unter Tischkorallen, liegt getarnt im Sand oder ist auch in kleinern Höhlen anzutreffen. Und zwar leider meist so, dass man nur sein Hinterteil sieht. Das wiederum verleitet einige übereifrige Tauchguides teilweise dazu, seine unvorteilhafte Position für uns zu verändern. Klar sollte man das gefälligst nicht tun, doch wer hält sich schon immer an alle Regeln im Leben? Tatsächlich erlebt habe ich folgende Situation im Roten Meer: Ein ägyptischer Obermacho als Tauchführer musste sich mal wieder vor seinen weiblichen Gästen beweisen und konnte es einfach nicht lassen. Er wedelte mit der Hand und wollte den schönen Blaugepunkteten aus dem Schlafversteck treiben, damit ihn alle sehen konnten. In Sekundenschnelle aber peitschte das Tier in seiner Notsituation über den eigenen Körper hinweg, genau in die Hand des Tauchmeisters, denn der Rochen hatte keine Fluchtmöglichkeit nach vorne. Und so schnell, wie das Tier seinen Schwanz als Peitsche benutzt, kann fast niemand ausweichen, selbst unser ägyptischer Macho nicht! Unser Tauchguide hatte eine schlimme Stichverletzung, verbunden mit einem stechenden, permanenten Schmerz. Die Hand schwoll auf das Doppelte an, und dies drei volle Tage lang. ..."


Den kennen wir ja nun schon ...


Wie leistet man nun Erste Hilfe? Es gilt gegebenenfalls den Stachel zu entfernen, aber nur wenn er nicht zu tief eingedrungen ist und dies ohne Komplikationen möglich ist. Alternativ: Stachel umpolstern. Weiter: Blutungen stoppen (Gliedmaße hochhalten, Druckverband, bei Arterienverletzung: Abdrücken), Schocklagerung und Patient möglichst wenig bewegen. Anschließend ist die Wunde mit Seewasser zu spülen.
Die professionelle Desinfektion, vor allem Schmerzbehandlung (1% Lidocain, Pentazocin i.v. oder i.m.), Wundsondierung und Stachelreste-Suche auf dem Röntgenbild sowie ihre chirurgische Entfernung besorgt der Arzt. Sind Brust oder Bauch betroffen, muss der Patient auf eine Intensivstation verlegt werden, um alle diagnostischen Möglichkeiten (Laparoskopie etc.) ausschöpfen zu können und um auf alle Komplikationen (innere Blutungen etc.) vorbereitet zu sein. Nekrosen treten selbst bei behandelten Wunden fast immer auf.
Wichtig für übereifrige Ersthelfer: Eine Staubinde ist ebenso wenig empfohlen wie die in älteren Büchern propagierte "Heißwasser-Therapie" oder das Aufschneiden und Aussaugen der Wunde nach Wild-West-Manier! Man schadet dem Betroffenen bzw. sich erheblich mehr, als dass man richtige Hilfe leistet!


Das hätte auch ins Auge gehen können!

Noch ein paar Tipps zum Umgang mit Rochen - so geht's: Im Flachwasser zeigen schlurfende Schritte einem Rochen frühzeitig Gefahr und lassen ihn flüchten! Schnorchler sind ebenfalls gefährdet, wenn sie ein im Sand eingegrabenes Tier überschwimmen, von dem i.d.R. nur die Augen und Atemöffnungen sichtbar ist. Das Schweben über ihm wird von manch einem Individuum (Irvin's Exemplar) als Bedrohung empfunden. Also: Sicherheitsabstand vom Boden halten!
Liegt der Rochen im Unterstand oder einer Höhle, hat er oft nur einen Ausweg - diesen auf keinen Fall versperren! Von Tauchern und anderen agents provocateurs bedrängte Tiere können b l i t z artig mit dem Stachelschwanz zuschlagen!

Tatsache ist, dass Verletzungen selten so dramatisch wie beim "Croc Hunter" ausgehen. Statistisch aber werden pro Jahr allein in den USA etwa 750 Menschen von Stachelrochen verletzt. Ein anderer Autor spricht von einigen tausend Fällen pro Jahr allein in Kolumbien. In einem kleinen Urwaldhospital sollen in fünf Jahren 8 Todesfälle, 23 Amputationen und 114 schwere Verletzungen als Folge von Stechrochenstichen registriert worden sein! Damit schließt schon allein dieses kleine Hort der medizinischen Versorgung fast exakt die statistische Lücke zu allen Hai-Zwischenfällen weltweit pro Jahr.
Sicher darf man aber behaupten, dass die meisten Unfälle im Süßwasser, durch Sekundärinfektionen in entlegenen Dschungelgebieten Südamerikas, Afrikas und Asiens auftreten. Daher gilt vor dem Falle eines Falles: Tetanus-Schutz vor dem Erlebnis-Urlaub auffrischen lassen, und ... man vermeide während seiner Exkursion unangenehme Schlagzeilen in den Medien!


"Horrido!"
Qelle dieses schon erlegten Süßwasser-Stechrochens: anglingthailand.com

Mehr Infos zu Verletzungen durch Meerestiere / Erste Hilfe in jedem BIONAUT-Kurs mit dem Titel "Achtung gefährlich!", oder im Rahmen der Medizin-Fortbildungs-Tour "Tauchunfälle - verstehen, erkennen, verhindern!" (zusammen mit den bekannten Taucherärzten Dr. Claus-Martin Muth, Dr. Holger Göbel oder Dr. Tim Piepho). Die nächsten Events: 16.12.06 München, 28.1.07 Rheinbach/Köln, und wenigstens zwei weitere in 2007: Details.

Literatur:

- Munzinger, Paul; Odewald, Lutz: Achtung gefährlich! Alles, was im Meer beißt, nesselt, brennt und sticht, 1. Auflage, UW-Media, Freiburg, 2004 - 36,90 €

- Mebs, Dietrich: Gifttiere - Ein Handbuch für Biologen, Toxikologen, Ärzte und Apotheker, 2. neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart, 2000 - 75,60 €

Versand der beiden Bücher ohne Versandkosten über BIONAUT

- Bartmann, Hubertus; Muth, Claus-Martin: Notfallmanager Tauchunfall, 2. Auflage, Ecomed Verlagsgesellschaft AG & Co. KG, Landsberg/Lech, 2003

- Hennemann, Ralf M.: Haie & Rochen weltweit, 1. Auflage, Jahr Verlag GmbH & Co., Hamburg, 2001


© Text: Uli Erfurth, Axel Eisele / BIONAUT


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