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Onlinemagazin - 74. Ausgabe - Hallmed 2006




 Geschrieben von Gunther

Hall-Med 2006 - für Taucher und Mediziner

von Gunther Maassen

Logo Hallmed Zum 1. Advent öffnete in Halle die Hall-Med ihre Pforten für tauchmedizinisch interessierte Taucher und Mediziner. Wie auch bei den letzten beiden Veranstaltungen konnte das diesjährige Seminar wieder durch eine gute Besetzung und interessante Vorträge punkten. Dies wird umso wichtiger, da der Markt der tauchmedizinischen Seminare in den letzten Jahren stetig gestiegen ist.


Hallmed 2006 - Leipzig

160 Teilnehmer waren erschienen, um in 15 Vorträgen möglichst viel Informationen für die Seminargebühr von 90,00 Euro zu erhalten - und als Bonbon am Samstag einen entspannten Abend zu genießen.

Hall-Med 2006 - Musik von den Saxofuns
Die Saxofuns als musikalischer Hintergrund für einen gelungenen Abend.

Hallmed 2006 - Leipzig

Im Foyer wurden während des Seminars Kreislaufgeräte durch die RAB vorgestellt und erklärt. Der VDST offerierte umfangreiche Literatur zum Thema Tauchen.

Die einzelnen Vorträge werden im Folgenden nur sehr kurz angerissen, die kompletten Inhalte stehen in Kürze als CD beim VDST zur Verfügung und können dort gegen ein geringes Entgelt bezogen werden.

Die Veranstaltung

Pünktlich um 10:00 Uhr wurde das Programm von B. Braunroth und Dr Hanjo Roggenbach eröffnet.

Hallmed 2006 - B.Braunroth und Dr. Hanjo Roggenbach


Der Einstiegsvortrag vom Organisator B. Braunroth:
- Biomechanische Aspekte der Wirbelsäule unter Alltags- und Tauchsport spezifischen Belastungen
Die Ausführungen überraschten sichtlich einige Teilnehmer. Unter anderem wurde erläutert, dass das Tragen von z.B. 2 10l Flaschen eine Belastung von 26 kg und beim tragen nur einer Flasche eine Belastung von 43 kg auf die Wirbelsäule drückt. Der nicht ganz ernst gemeinte Lösungsvorschlag lag in der Weitergabe der Einzelflasche an seinen Buddy, der somit dann tatsächlich 17 kg weniger Belastung erfährt. Das Stichwort zum Thema sind die Hebelkräfte - eine gleichseitige Belastung der Wirbelsäule ist weniger belastend als einseitige Kräfte.

Der zweite + dritte Vortrag waren eine gelungene Kombination über:
- die Kältewirkung beim Tauchen aus medizinischer/physiologischer Sicht von
von Dr. Tim Piepho
sowie:
- Kälteschutz beim Tauchen
von Dr. rer. Nat. Dietmar Berndt

Dr. Piepho erläuterte die Einteilung – Symptome und Auswirkungen einer Hypothermie und konnte unter anderem anhand einer Versuchsreihe mit Ratten deutlich machen, dass das Absinken der Körpertemperatur um nur 3 Grad Celsius eine Halbierung der Leistungsfähigkeit bedeutet.
Die alte, von jedem Taucher gelernte Aussage, dass der Taucher 40% der Wärme über den Kopf abgibt, wurde durch Berechnungen und Versuchsreihen zumindest stark relativiert. Einig waren sich aber alle Anwesenden, dass eine Kopfhaube auch in der Zukunft ein wichtiger Ausrüstungsbestandteil sein wird.

Dr. Berndt stellte eine Untersuchung von verschiedenen Neoprensorten vor. Die Differenz zwischen gleich dicken Anzügen betrug bis zu 43%! Die neue CE-Kennzeichnungspflicht dagegen ist für den Verbraucher eine interessante Bezugsgröße, um die Isolierungsfähigkeit eines Anzuges zu beurteilen.

Hallmed 2006 - Leipzig


Ganz nebenbei räumte Dr. Berndt, unter großem Interesse der Teilnehmer, mit einigen Werbeaussagen der Industrie auf. Unter anderem ging es den Titan-Beschichtungen ans Metall, die sich als Marketing-Gag entpuppten.


Peter Bredebusch stellte :
- Tauchen im Alter
vor. Es war ein Plädoyer an die Tauchschulen und Ausbilder, sich dem Segment der über 60-Jährigen stärker zu widmen.

Hallmed 2006


Es handelt sich hierbei nicht nur um eine attraktive Zielgruppe für Kurse und Veranstaltungen, sondern sie bilden auch eine sehr stabile Mitgliedergruppe innerhalb der Vereine. Jedoch muss eine dem Alter entsprechende Ausbildungsform gefunden und umgesetzt werden. Hier stehen die Verbände noch am Anfang und die Entwicklung bleibt abzuwarten.

Dr. C. Klingmann referierte über:
- Macht Tauchen wirklich Taub?
Spätestens bei den sehr informativen und anschaulichen Fotos und Filmsequenzen aus dem Ohr waren alle Teilnehmer begeistert. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass nach der 1. Heidelberger Studie kein signifikanter Zusammenhang dargestellt werden konnte. Eine 2. Studie ist in Vorbereitung, um weitere Details genauer zu beleuchten.


Dr. Weslau stellte als Präsident der GTÜM
- die Leitlinien Tauchunfall
vor. Diese Leitlinien bieten eine allgemein anerkannte Richtschnur für die Behandlung von Tauchunfällen. Sie können unter www.gtuem.org abgerufen werden. Jeder engagierte Taucher sollte sich mit diesen Leitlinien eingehend befassen.


Immer Ärger mit den Blasen

Eine Übersicht zur Dekompressionsphysiologie und zu den Dekompressionsmodellen.
Hans Rennings versprach, dass seinen Vortrag auch ohne höhere Mathematik zu verstehen sei. Es folgte eine Einführung in die Mikroblasen- und Deep-Stop-Theorie, mit praktischen Hinweisen zur deren Umsetzung.

Hallmed 2006


Maike Münster wurde kurzfristig engagiert, um über:
- Apnoetauchen – aktuelle Aspekte
zu referieren, wobei sie aus Ihrer Erfahrung als Apnoe-TL und auch als ehemalige Leistungssportlerin im Apnoetauchen sprechen konnte. Im Vordergrund stand die Aussage, dass Apnoe-Tauchen eine Fun-Sportart und die Jagd nach Rekorden im Breitensportangebot des VDST nicht verankert ist. So liegt für Freitauchtiefen die Grenze beim VDST im Tieftauchen bei 25 Meter und ist weit entfernt von derzeitigen Rekorden deutlich unterhalb von 100 Metern.

Eine gemeinsame Yoga-Atemübung, die sog. Yoga-Vollatmung, war eine willkommene Abwechselung und verschaffte einen ersten Eindruck über die Wirkung von Entspannung und Konzentration.

Party Hallmed
Party am Abend

Der zweite Tag begann bei schönem Wetter und guter Laune, nach der gelungenen Party des Vorabends.

Erster Referent an diesem Tag war Dr. Hendrik Liedtke:
- Beinahe-Ertrinken
Durch einige Statistiken wurde belegt, wie groß die Zahl der Verunfallten im Wasser weltweit ist:

z.B. 1990:
504.000 Personen Ertrunken
312.000 Personen gestorben durch HIV
502.000 Personen gestorben durch Kriegseinwirkung

2003 in Europa: 37.500 Tote durch Ertrinken
2003 in Deutschland: 644 Tote durch Ertrinken +50% innerhalb von 5 Jahren

Ertrinken ist die häufigste Todesursache von Kleinkindern unter 4 Jahre.

Diesen Zahlen folgten einige außerordentliche Beispiele, wie lange eine Reanimation sinnvoll sein kann. Der längste bekannte Fall ist:

Körpertemperatur: 13,7°C
Zeit unter Wasser: 60 Minuten
Reanimationsdauer: 390 Minuten
Der Patient überlebte ohne gravierende neurologische Einschränkungen!

Hier gilt die Aussage:
Niemand ist tot, bis er warm und tot ist!
Nach diesen Grundaussagen folgten zwei weitere gelungene Beiträge zum Thema Reanimation und Einsatz von AEDs.

Den Anfang machte Prof. Konrad Meyer, ein rheinländisches Original aus Bonn mit dem Thema
Physiologische Grundlagen der Automatischen Externen Defibrillation

Nach einer Einführung über den Aufbau, Funktion und Störungen des Herzens wurden Einsatzmöglichkeiten und Wirkungsweisen von AEDs erläutert. Wobei hier umfangreiche und plastische Filme zum Teil aus dem lebenden Herzen erfolgten. Eine Filmsequenz zeigte ein Herz beim Kammerflimmern und einer Defibrillation von innen mittels endoskopischer Aufnahme.

Hallmed 2006
Prof Meyer (li.) mit Hanjo Roggenbach und einer
der vielen guten Geister dieser Veranstaltung


Sehr interessant waren einige Details zu möglichen Einsatzzahlen von AEDs im Tauchsport. Ca. 25 % aller tödlichen Tauchunfälle gehen mit einem Herzstillstand einher, davon haben ca. 80% ein Kammerflimmern. Da die Überlebungsrate proportional abhängig ist von der Schnelligkeit, mit der defibrilliert wird, ist eine flächendeckende Ausbildung an den Geräten - sowie eine weite Verbreitung der Geräte ein wichtiges Ziel innerhalb des VDST.

Nun folgte eine Erläuterung der neuen ERC-Richtlinien zur Reanimation, von Dr. Konrad Meyer:
- Die neue HLW

Hallmed 2006 - HLW
Die HLW wird gestartet mit 30 Thoraxkompessionen gefolgt von 2 Beatmungen.

Vorgestellt wurde die neue Richtlinie des ERC zum Thema HLW. Der neue Algorithmus lautet 30:2 und nicht wie früher oft gelehrt 2:15. Auch wird von Laienhelfern und Ersthelfern keine Pulskontrolle durchgeführt, da in Versuchen nachgewiesen werden konnte, das im Stressfall kaum ein Helfer innerhalb eines annehmbaren Zeitfensters den Puls korrekt finden konnte.

Abschließend referierte ein Urgestein der deutschen Tauchmedizin, Dr. Hanjo Roggenbach
über
- Die tauchsportärztliche Untersuchung
Ergänzt mit vielen Beispielen aus der Praxis wurden einige Grenzfälle der Tauchtauglichkeit erläutert.

Nach der offiziellen Vortragsreihe gab es noch die Möglichkeit, an zwei geführten Touren durch die Stadt teilzunehmen. Einmal einen Spaziergang durch die historische Altstadt und zum anderen eine Spezialführung durch die „Kunst- und Naturalienkammer“ der Fraenkeschen Stiftung.

Dem Besucher wurde eine gelungene Veranstaltung mit hochkarätigen Vorträgen geboten. Auch im Jahr 2007 ist wieder eine Vortragsreihe geplant, die wir dem interessierten Sporttaucher gerne empfehlen.

© 2006 - Gunther Maassen



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