Planet Meer

 Geschrieben von Oli

Ein außergewöhnliches Bilderbuch vom Meer

Buchrezension von Oliver Meise

Planet Meer Dieser 384 Seiten starke Fotoband mit 420 Photos über den blauen Teil unserer schönen Welt entstand aus den Arbeiten von Laurent Ballestra und Pierre Descamp. Schon früh trieben sich beide im Mittelmeer herum, woraus eine Leidenschaft für die Unterwasserwelt wurde. Kein Wunder, dass der Wunsch nach einem Leben mit dem Meer sich auch in der Berufswahl niederschlug.

Ab 1993 drückten Laurent und Pierre die Schulbank in der Universität Montpellier. Das waren harte Zeiten! Tödliche Theorie - von den Abenteuern eines Cousteau oder der Fahrt der HMS Beagle weit entfernt! Doch diese Jahre gingen vorüber und der Dienst für das Vaterland wurde in Form eines Aufenthalts auf Mayotte im Indischen Ozean für das Amt für Fischerei und Meeresumwelt einerseits und dem Atoll von Rangiroa für die Verwaltung der Meeresressourcen Französisch-Polynesiens andererseits abgeleistet. Zu dieser Zeit begann Laurent auch mit der Unterwasserfotografie und schleppte dann auch einige Koffer mit Dias nach Hause. Expeditionen nach Ushuaia, Papua-Neuguinea, Polynesien, Madagaskar, Sibirien, Kanada, den Galapagos-Inseln, der Mongolei, Malaysia, dem Sudan, der Arktis, Australien und der Antarktis folgten.

Die Umsetzung dieser Streifzüge durch die Welt in Fotos wurde 2000, 2002 und 2004 beim Internationalen Festival des Unterwasserbildes in Antibes mit drei goldenen Palmen belohnt. Dieses dreifache Gold ist voll gerechtfertigt, denn auf den auch in diesem Band enthaltenen Wettbewerbsbildern sind Meeresbewohner dabei zu sehen, wie sie recht ungewöhnliche Haltungen einnehmen -ganz so als ob sie von den Fotografen dressiert worden wären oder selbsttätig Kunststücke vorführen wollten.

Süßlippen
Ein Strauß Diagonal-Süßlippen bei Port Moresby, Papua-Neuguinea
© 2006 Laurent Ballesta / Pierre Descamp


Aber auch jenseits der gezeigten Kunststücke gelingt es Laurent und Pierre das Meer in vielen Facetten zu beschreiben. Die systematische Ordnung innerhalb des Buches beschäftigt sich zunächst mit dem Kapitel "Das Meer, die große Unbekannte". Hier wird bildlich die Beziehung zwischen Mensch und der See reflektiert.

Der Begleittext von Carl Gustav Lundin sowie Paul Marshall befasst sich mit den leider nicht immer positiven Einwirkungen des Menschen auf das Meer.
Es folgt der Abschnitt "Die Wiesen unter dem Meeresspiegel", in dem auf die Bedeutung der Weiden unter Wasser eingegangen wird als Kinderstube für neues Leben einerseits...

Seepferde
Seepferdchen, Frankreich
© 2006 Laurent Ballesta / Pierre Descamp


...Nahrungsquelle, Sauerstofferzeuger und Klärwerk andererseits. Jenseits davon belustigen die zahlreichen Bewohner auch noch uns Taucher. Wer von uns hat sich nicht schon über unterseeische Spazierstockfabriken gewundert, die innerhalb eines Wimpernschlages unsichtbar wurden?

Röhrenaale
Röhrenaale auf Seegraswiese, Jordanien
© 2006 Laurent Ballesta / Pierre Descamp


Begleitet wurde dieser Abschnitt mit Texten von Despina Symons Pirovolidou über nachhaltige Fischerei und Courtney Hough über die Aquakultur der Zukunft.
Hieran schließt sich das Kapitel über "Die Polarmeere" an und zeigt gleich zu Beginn einen toll photographierten Eishai in der kanadischen Arktis.

Eishai
© 2006 Laurent Ballesta / Pierre Descamp

Weitere Bilder und die Begleittexte von Hein Rune Skjoldal sowie John Croxall zeigen die Anpassungsfähigkeit der Lebewesen und geben Auskunft über die Einzigartigkeit der Ökosysteme in Arktis und Antarktis.
Dann wird`s schlammig! Das Kapitel "Die Ebenen unter dem Meeresspiegel" beschäftigt sich mit allem, was da im Meeresboden kreucht und fleucht. Möglicherweise nicht für jeden interessant, aber gut photographiert und mit interessanten Begleittexten versehen.
Nicht nur die Seegraswiesen haben unter Wasser ihre Bedeutung, sondern auch die im nächsten Abschnitt behandelten "Wälder unter Wasser" aus Tang. Sie dienen ebenfalls so mancher Spezies als Kindergarten, Jagdrevier ...

Fetzenfisch
45cm langer Australischer Fetzenfisch
© 2006 Laurent Ballesta / Pierre Descamp


...und Sauerstofftankstelle. Hierauf gehen auch die Begleittexte über Meeresschutzgebiete von Graeme Kelleher, Chedly Rais und Dr. Henning von Nordheim ein.
Sozialer Wohnungsbau oder ein Platz für alle? So oder so ähnlich könnte man das nächste Kapitel "Die Hügel unter Wasser" auch nennen. Denn an den Unterwasserhügeln ist das Leben besonders reichhaltig und es wimmelt vor Tieren. Auch wenn man sie nicht als solche erkennt - Gorgonien, Schwämme und Seeanemonen drängeln sich mit den "üblichen Verdächtigen" an den natürlichen wie auch künstlichen Unterwasserhügeln zuhauf und sind nicht selten eine Augenweide für uns Menschen. Skurrilerweise beschäftigen sich hier die Begleittexte im Anschluss mit Meeresschildkröten statt Hügeln unter Wasser.
Das Kapitel "Die Oasen auf hoher See" beschäftigt sich mit den nährstoffreicheren Schichten des Meeres und dem darin vorkommenden Leben, wzB. den jungen Stachelmakrelen, die über einer hungigen Spiegeleiqualle herumtollen...

Qualle
© 2006 Laurent Ballesta / Pierre Descamp

...einer phosphoresierenden Kornblumenqualle, die sich durch die Tiefsee pulst und mit ihren Fangarmen Nahrung fängt...

Meduse
© 2006 Laurent Ballesta / Pierre Descamp

... einem Riesenmaulhai, der sich vor Großbritannien Ohrenquallen munden läßt...

Riesenhai
© 2006 Laurent Ballesta / Pierre Descamp

... und ein gerade geschlüpfter Antennen-Feuerfisch in den Gewässern von Französisch-Polynesien, der niemandes Beute ist.

Anemonen-Feuerfisch
© 2006 Laurent Ballesta / Pierre Descamp

Begleitet wird dieser Reigen schöner Bilder von einem Text zu Hochseeschutz und Seerecht von Lee A. Kimball und Kristina Gjerde, mitsamt einem Ausblick auf die Zukunft.
Es folgt ein Abschitt, mit dem wir Taucher meistenteils gut vertraut sind -"Die Korallenriffe".

Juwelenfahnenbarsche
Juwelenfahnenbarsche brillieren am Riff, Straße von Mosambik
© 2006 Laurent Ballesta / Pierre Descamp


Entstehung, Leben und Vergehen an diesem fragilen Ökosystem werden in Bild und Text beschrieben, letzterer setzt seinen Schwerpunkt auf die Gefährdung der Riffe und ein kluges Management zur Rettung.
Im Kapitel "Das Gesetz des Stärkeren" wird sehr schön das Thema "Fressen und Gefressenwerden" gezeigt - im Begleittext von Sarah Fowler und Fabrizio Serena wird dabei im Schwerpunkt auf den Hai abgestellt.
Es folgt "Sich anpassen an die Umwelt". Dabei werden schöne Bilder gezeigt, die verdeutlichen wie sich die Meereslebewesen durch Zeichnung oder Körperbau zu Tarnen vermögen um nicht gefressen zu werden. Paradoxerweise handelt der Begleittext vom Tourismus und seinem Einfluß auf die Artenvielfalt des Meeres.
"Das Liebesleben der Meerestiere" ist Gegenstand des Folgekapitels. Wer wissen möchte wie Haie oder Kraken die Sache angehen, kommt hier auf seine Kosten. Man bekommt hier aber auch interessant photographierte juvenile Fische, Schulen von gefleckten Adlerrochen ...

Rochenschule
© 2006 Laurent Ballesta / Pierre Descamp

... und junge Wale zu sehen. Mit Walen befaßt sich auch der Begleittext von Giuseppe Notarbartolo di Sciara.
Mit Symbiosen befaßt sich der nächste Abschnitt "Miteinander Leben: die Symbiosen". Witziger Einfall: Taucher sucht Putzerstation in malaysischen Gewässern auf und lässt sich dort von einer Weißbandputzergarnelen den Zahnbürstenjob machen. Ähnliche Symbiosen wzB. der Transport an einem größeren Kumpel oder der Schutz eines Clownsfisches in seiner Anemone werden mit schönen Bildern gezeigt. Der Begleittext von Cato ten Hallers-Tjabbes handelt bizarrerweise von Schifffahrt und Artenvielfalt.
Das letzte Kapitel "Die Meere sind unersetzlich" weist nochmals auf die Bedeutung der Meere nicht nur für die Meeresbewohner, sondern ganz unmittelbar für uns Menschen hin. Nicht nur in Bezug auf die Regulierung des Klimas, der Produktion von Sauerstoff oder als Quelle zukünftiger Medikamente sondern auch als Nahrungsquelle für Abermillionen von Menschen.

Fischtunnel
© 2006 Laurent Ballesta / Pierre Descamp

Begleitet wird diese Fotostrecke wie üblich mit Texten am Ende des Kapitels. Thema von Alex Rogers und Francisco Sarda hier: Die Tiefsee: eine unbekannte Welt.

Es folgt ein kurzer, bebilderter Epilog und der Anhang mit der Vorstellung von Laurent Ballesta, Pierre Descamp und dem Team welches an der Produktion dieses Buches beteiligt war.

Unterm Strich ein qualitativ hochwertiges Photobuch der eher ungewöhnlichen Art mit interessanten Einzeltexten. Ich hätte mir gewünscht, dass die Texte durchgehend thematisch verwandt sind mit dem jeweiligen Kapitel, aber das ist letztlich Geschmackssache. Wer sich für gute Photos interessiert und noch ein wenig Platz für das 28 x 33 cm große Buch in seinem Regal hat, bekommt es beim Verlag von National Geographic, im Shop von National Geographic Deutschland selbst oder im Buchhandel mit der ISBN 3937606890. Kostenpunkt: 49,95 Euro.

Wer sich einen Vorgeschmack darauf holen möchte, kann sich die Online-Präsentation auf der Spezialseite "Planet Meer" von National Geographic oder unter www.planetmeer.de ansehen.

Text © 2006 Oliver Meise
Photos © 2006 Laurent Ballesta / Pierre Descamp



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