Walhai - bei diesem Wort bekommt fast jeder Taucher große Augen. Begegnungen
mit dem größten Fisch der Erde werden zwar für Taucher immer
häufiger, weil spezielle Reiseangebote die Beobachtung dieser friedlichen
Riesen möglich machen und wir durch genauere Erkenntnisse seiner Lebensweise
genauere Voraussagen über den Aufenthaltsort von Walhaien machen können.
Doch der Schein trügt, denn zugleich werden Walhaie immer seltener –
und immer kleiner. Grund genug, sich mit diesem Riesen zu beschäftigen.
In seinem Namen ist sowohl seine Verwandtschaft (er ist ein Hai) als auch
seine Ernährungsweise (er ernährt sich wie die großen Bartenwale
filtrierend, nicht nur von Plankton, sondern auch von größeren
Organismen und Fischen) enthalten.
Einige Daten und Fakten
Der Walhai ist der größte Fisch der Welt, mit etwa zwei
Metern Abstand „dicht“ gefolgt vom Riesenhai (Cetorhinus maximus), der in
etwa 12 m Länge erreicht! Doch wie so oft – bei der Größe
wird gern übertrieben (trifft auf alle Haie zu – und nicht nur diese).
Die beim Walhai oft auftauchende Größenangabe von 18 Metern ist
sicher eine Übertreibung (allerdings kann man nicht ausschließen,
dass es früher, bevor der Mensch das Weltmeer so intensiv geplündert
hat, mehr große Exemplare gegeben hat). Zuverlässige Angaben aus
seriösen Quellen über sicher vermessene Exemplare sprechen von
etwa 14 Metern, aber das ist immer noch sehr viel!
Sehr auffallend bei diesen Tieren ist das sehr breite, horizontale Maul,
das – anders als bei typischen Haien – nicht unterhalb der Schnauze (unterständig)
auf der Bauchseite (ventral) liegt, sondern sich genau am vorderen Ende (endständig)
befindet. Dies steht in Zusammenhang mit der Ernährung, ebenso wie die
großen Kiemenspalten. Ebenso typisch ist die eckige Kopfform bei ausgewachsenen
Exemplaren, was ebenfalls mit dem Maul und der Ernährungsweise zusammenhängt.
Die allermeisten Haie haben eine eher zugespitzte oder zumindest abgerundete
Kopfform.
Die Grundfärbung ist grau, bläulich oder bräunlich, mit vertikalen,
hellen Streifen und weißen Punkten bzw. Tupfen, die über den gesamten
Körper verteilt sind. Die Bedeutung dieser charakteristischen Musterung
ist nicht definitiv geklärt, denn eine Tarnung hat ein Fisch dieser
Größe wohl kaum nötig.
Der Walhai besitzt zwei Rückenflossen und eine Analflosse sowie fünf
Kiemenspalten (das trifft auf die allermeisten Haiarten zu – mit nur wenigen
Ausnahmen: In der Gruppe der Kammzähnerhaie (Hexanchiformes)
kommen drei Arten mit sechs oder sieben Kiemenspalten vor (Gattungen Hexanchus,
Notorhynchus und Heptranchias).
Realistische Aussagen über den weltweiten Bestand sind praktisch unmöglich!
Sicher ist nur, dass die Walhaie ebenfalls dem barbarischen Brauch des Finnings
zum Opfer fallen, dass sie einem immer stärkeren Raubbau unterliegen,
immer seltener werden und vom Aussterben bedroht sind.
Oktober 2003
Ein Aussenriff im Süd-Ari-Atoll auf den Malediven. Unsere Freundin Florence springt ins Wasser, um nach Walhaien zu suchen.
Doch sie verliert ihre Maske und sieht den Walhai im Meer voller Luftblasen
gar nicht. Fotograf Robert hat diesen Augenblick mit der Kamera eingefangen,
bei dem der Walhai direkt unter der ambitionierten Beobachterin durchschwimmt,
ohne dass es diese merkt… 15 Minuten lang begleiteten wir schließlich
dieses Riesenkind (“nur” maximal fünf Meter lang und damit ein juveniles Tier).
Wir waren glücklich und zugleich besorgt, denn
uns war es wohl bewusst, dass es auf dieser Welt zu viele skrupellose Menschen
gibt, denen es um den augenblicklichen Profit geht und denen Schlagworte
wie “Artenschutz” völlig gleichgültig sind.
Der Mensch liebt Sensationen. Oft sind es rekordverdächtige Größen
und Leistungen, die es ihm angetan haben. Das größte, das kleinste,
das schnellste, das langlebigste Tier… die höchste Steigerung einer
Möglichkeit fesselt immer unsere Aufmerksamkeit. Rekorde faszinieren
uns. Diese triviale Erkenntnis macht sich auch die Werbung zunutze, wen sie
etwa für Duplo den Slogan kreiert: Die wahrscheinlich längste Praline
der Welt.
Taucher sind auch nur Menschen und in dieser Hinsicht sicher keine Ausnahme.
Die Rekorde der Unterwasserwelt fesseln sie. Dass dabei der größte
Fisch eine besondere Rolle spielt, überrascht kaum. Und dass dieser
größte Fisch noch dazu ein Hai ist, macht den Riesen umso
interessanter. Dass der große Hai schließlich auch noch ein friedlicher
und harmloser Riese ist – kein Raubfisch, sondern ein Filtrierer, dem man
sich bis auf einige Zentimeter nähern kann, ohne dass er uns seine Aufmerksamkeit
schenkt – macht dieses Tier geradezu sensationell. Und seine Gewohnheit erst,
zu bestimmten Zeiten an bestimmten Stellen des Weltmeeres in großer
Zahl aufzutauchen, wodurch seine Auffindung und Beobachtung wesentlich erleichtert
wird, macht ihn für Taucher, Schnorchler und alle Liebhaber des Meeres
zu einer der größten „Geschenken“ der Natur.
Der Riese weckt mit Recht unsere Neugierde: Wo und wie lebt er genau, offensichtlich
wandert er im Ozean hin und her – einem reichlichen Nahrungsangebot hinterher,
doch woher er kommt und wohin er schwimmt, bleibt unklar. Und wie orientiert
er sich dabei? Wie ist das soziale Leben der Walhaie untereinander, wo paaren
sie sich, wo bringen die Weibchen ihre Jungen zur Welt ...und vieles mehr.
Oft überrascht es uns bei genauerem Hinsehen, dass wir eigentlich fast
nichts wissen. Der Riese ist doch so auffällig, nicht zu übersehen.
Und doch relativiert sich das in den Weiten des Ozeans.
Außer, dass es den Riesenfisch gibt (immer wieder hört man die
These, dass Haie keine Fische sind, aber das darf man nicht so ernst nehmen...),
wusste die Welt über ihn lange Zeit herzlich wenig... Erst die modernste
Technik und ihr Einsatz bei Projekten der letzten Jahrzehnte ermöglichen
uns allmählich Einblicke in das Leben der Walhaie. Dennoch gilt nach
wie vor, dass wir über ihn fast nichts wissen – und das, obwohl heute
viele Menschen die Möglichkeit haben, sie tauchend oder schnorchelnd
zu erleben. Doch das sind nur Momentaufnahmen, Sekunden in ihrem Leben –
meistens in Zeiten, wo sie sich aufgrund des erhöhten Nahrungsangebots
an bestimmten Stellen aufhalten.
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