Die Verwandtschaft des Walhais überrascht und zeigt, wie verworren die
Wege der Evolution sind. Denn die Orectolobiformes – jene Ordnung,
zu der man Walhaie zählt und die sich durch zwei Rückenflossen
ohne Stacheln, sehr markante Nasengruben und in der Regel durch ein großes
Spiraculum (Spritzloch) hinter dem Auge auszeichnen (mit Ausnahme
des Walhais) – setzt sich fast ausschließlich aus bodenlebenden Haiarten
zusammen. Man denke nur an Wobbegongs (Orectolobidae), die Zebrahaie
(Stegostomatidae) oder die Tauchern gut bekannten Ammenhaie (Ginglymostomatidae).
Bei genauerem Hinsehen meint man in der Tat eine gewisse Ähnlichkeit
zwischen Walhaien und Amenhaien zu erkennen. Vielleicht liegt es daran, dass
auch Ammenhaie ein nahezu endständiges Maul haben, im Gegensatz zu den
allermeisten „typischen“ Haien mit ihrem deutlich unterständigen Maul.
Doch so klar endständig – also genau an der Kopfspitze - wie beim Walhai
ist das Maul kaum bei einer zweiten Haiart – eine Anpassung an die filtrierende
Lebensweise. Allerdings ist Vorsicht geboten: Filtrieren bedeutet nicht automatisch
nur Plankton fressen, dazu kommen wir später).
Der Walhai ist der pelagische Wanderer unter einer weitgehend benthischen
Verwandtschaft. Pelagisch ist gleichbedeutend mit einer Lebensweise im Freiwasser,
ein ozeanischer Fisch sozusagen, benthisch hingegen bedeutet Bodenbewohner
– Arten, die am Gewässergrund leben.
Der aufmerksame Beobachter wird schnell bemerken, dass bei den großen,
Plankton fressenden Rochen, genau dasselbe passiert ist. Das bei Rochen sonst
deutlich auf der Bauchseite liegende Maul hat sich bei diesen frei schwimmenden
Hochseeformen nach vorne – verlagert und verbreitert (man denke nur an Mantas).
Doch zurück zur Verwandtschaft: Weiter weniger bekannte Familien unter
den Orectolobiformes sind die Blindhaie (Brachaeluridae), die
Halsbandteppichhaie (Parascylliidae), die Langschwanzteppichhaie (Hemiscylliidae).
Die eigentliche Familie der Walhaie, die Rhincodontidae, ist als eine
der wenigen Haifamilien monotypisch, wie der Zoologe es nennt. Das bedeutet,
dass nur eine einzige Gattung und innerhalb dieser nur eine Art eine eigene
Gruppe (z.B. Familie) bildet.
Dass innerhalb der (Ordnung) Orectolobiformes das Spiraculum
ausgerechnet beim Walhai weitgehend reduziert ist, ist kein Zufall. Bei bodenlebenden
Haien dient dieses besondere „Loch“, diese Verbindung zwischen Außenmedium
und Rachenraum hinter dem Auge, als zusätzliches „Atmungsorgan“ also
eigentlich eine Kiemenöffnung (genau das sind diese Spiracula
auch stammesgeschichtlich: Reste von ehemaligen Kiemenspalten bzw. Kiementaschen,
die als Erbe der Evolution erhalten geblieben sind.). Frisches Atemwasser
kann über diese Öffnung zusätzlich zum Maul angesaugt werden
(wie es bei den Rochen gut zu sehen ist, bei denen dieses Spiraculum
besonders groß ist). Bei Weißen Haien etwa kann man oft beobachten,
wie nach einem Angriff auf Robben, bei dem der Hai Luft verschluckt hat,
diese als kleine Luftblasen aus einem kaum sichtbaren kleinen Loch hinter
dem Auge ausperlt. Bei pelagischen Haien mit einer filtrierenden Lebensweise,
einem riesigen Maul und Kiemenspalten gewaltiger Dimensionen, wie dem Walhai,
können hingegen die Spritzlöcher weitgehend oder ganz reduziert
werden.
TIPP:
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