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Erzherzog Ludwig Salvator und sein Mallorca
(Die Informationen stammen größtenteils von Dr. Wolfgang Löhnert
und seiner Ludwig-Salvator-Gesellschaft)
Er war der Ahnvater moderner Aussteiger, Reisender, Seemann, Wissenschaftler,
Künstler, Quer- und Vordenker, Visionär, Pazifist und zugleich
Traditionalist, Naturschützer, Schriftsteller, Liebender und einer der
interessantesten und unkonventionellsten Sprosse des Hauses Habsburg: Erzherzog
Ludwig Salvator alias „Luigi“.
Eine besondere Seelenverwandtschaft verband den königlichen Vagabunden
mit Kaiserin Elisabeth, besser bekannt als Sissi, die den hoch gebildeten
und skurrilen Erzherzog sehr schätzte. Sie besuchte ihn zweimal mit
ihrer Jacht Miramar auf Mallorca. Besonderes Getuschel am Wiener Hof erregte
ihre Abwesenheit am Heiligen Abend des Jahres 1892, ihrem 55. Geburtstag,
den sie statt mit ihrem asketischen Mann mit ihrem wohlbeleibten Cousin auf
Mallorca verbrachte. „Ich hoffe, dass der dicke Luigi für Dein Wohlergehen
sorgt“, telegrafierte der besorgte Kaisergemahl leicht indigniert.
Glücklich auf Mallorca
Der Erzherzog hatte sich auf Mallorca ein regelrechtes Paradies geschaffen
und im Laufe von 30 Jahren sukzessive einen ganzen Küstenstrich, 16
Kilometer lang und bis zu 10 Kilometer tief, zwischen den Orten Valldemossa
und Deià erworben. Und wie agierte dieser unwiderstehlich sympathische
Urahn des Naturschutzes und der Hippiebewegung in einer Person? Auf dem großzügigen
Gelände durfte kein einziger Baum gefällt, kein Haus errichtet
werden, und alle Tiere, die nicht zu Nahrungszwecken gehalten wurden, konnten
hier bis zu ihrem natürlichen Tode ein ungestörtes, herrliches
Leben genießen.
Für die Touristen jener Tage, die diesen einzigartigen Küstenstrich
erleben wollten, ließ Ludwig Salvator eigens die Hospederia „Ca
Madó Pilla“ einrichten, ein Gästehaus, in dem Reisende drei
Tage gratis Logis erhielten. Lediglich der „Mundproviant“ war mitzubringen.
Doch er dachte auch schon an den Tourismus. Er legte ein rund 12 Kilometer
langes Wegenetz bis in die Berge der Sierra del Teix an, das sich noch heute
einfühlsam in die Landschaft schmiegt. An den schönsten Aussichtspunkten
ließ er so genannte Miradores errichten, kleine Mäuerchen mit
Sitzbänken, von denen aus man die Schönheit der Küste und
den Sonnenuntergang bewundern konnte.
Mein erstes selbstverdientes Geld oder Kleider machen keine Leute
Auf Mallorca ranken sich unzählige Legenden und Histörchen um den
noch in heutiger Zeit hoch verehrten „Archiduque“, den ungekrönten König
der Balearen. Ludwig Salvators besonderes Markenzeichen war seine äußerst
nachlässige Kleidung, wiederum ein sympathischer Wesenszug in Anbetracht
seines Ranges. Er bewegte sich lieber in der Gesellschaft einfacher Menschen,
„von denen man oft mehr lernen könne, als von so manchem Gelehrten“,
und legte auf sein Äußeres keinen besonderen Wert. Er trug abgewetzte
Anzüge oder einfachste Gewänder, hatte die Manschetten mit Spagat
zusammengebunden und wurde gelegentlich, zu seiner eigenen Belustigung, für
einen Schweinehirten, Matrosen, Koch oder Landarbeiter gehalten.
Einmal erhielt er von einem mallorquinischen Bauern, dem er half, einen festgefahrenen
Karren aus dem Morast zu ziehen, ein Trinkgeld spendiert. „Mein erstes
selbstverdientes Geld“, wie er später voller Stolz erzählte.
Am Wiener Hof galt er als gelehrter Sonderling und verkappter Kommunist,
und man amüsierte sich sehr über seine einzige Uniform, die mit
den Jahren aus allen Nähten platzte. Auf das Gespött ob seines
Knitter-Looks meinte der Erzherzog jedoch gelassen: „Lieber vielfältig
als einfältig!“
Viele Geschichten beschäftigen sich auch mit dem ungewöhnlichen
Liebesleben des Erzherzogs, der, niemals verheiratet, den Reizen beider Geschlechter
und insbesondere der Schönheit der Mallorquinerinnen "rettungslos" erlegen
war. Einen besonderen Stellenwert in diesem amourösen Kaleidoskop nimmt
die Tischlerstochter Catalina Homar ein, die unter den Fittichen ihres Mentors
eine exzellente Ausbildung genoss, mehrere Sprachen erlernte und zur Verwalterin
seiner Weingüter avancierte. Zentrum ihres Lebens war das von Ludwig
Salvator nach einem Vorbild auf den Liparischen Inseln selbst geplante kleine
Landhaus S'Estaca. Auf den angrenzenden Ländereien reiften unter anderem
auch Malvasier-Trauben, für deren Weine der Erzherzog und seine Winzerin
eine Vielzahl von Preisen bei internationalen Ausstellungen, sogar in Amerika,
einheimsten.
Heute wird das Haus von Hollywood-Star Michael Douglas bewohnt, der ein großer
Fan des „Archidux“ ist und jüngst in Valldemossa das interessante Infozentrum
„Costa Nord“ initiiert hat. Mit dem Weinbau hat er allerdings kein Glück,
wie man hört. Wahrscheinlich fehlt ihm die entsprechende Winzerin.
Sehnsucht nach dem Meer oder „Wer war Ludwig Salvator“
Deutliche Missbilligung sprach aus dem Telegramm des Grafen Crenneville,
das am 8. November 1900, nach dem Einlaufen der Dampfsegeljacht Nixe in den
Hafen von Korfu, den Grafen Gotuchowski in Wien erreichte: „Seine K.u.K.
Hoheit bewahrte während seines Aufenthaltes in Corfu das strengste Incognito,
welches auch von den Lokalbehörden respectirt wurde und beehrte nur
meine Frau mit Höchstseinem Besuche. Nicht unterlassen kann ich zu berichten,
dass die aus zwei Damen, einem jungen Mädchen und einer jugendlichen
Persönlichkeit, deren Geschlecht trotz männlicher Kleidung zu Tage
tretenden weiblichen Formen und wallendem Haupthaare nicht gut definirbar
erschien, bestehende Reisegesellschaft Sr. K.u.K. Hoheit bei ihren Spaziergängen
in der Stadt nicht unbedeutendes Aufsehen erregte.“
Kaiser Franz Joseph hatte es zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben,
sich das schüttere Haar über den ganz und gar unhabsburgischen
Lebenswandel seines Cousins „Luigi“ zu raufen.
Ludwig Salvator wurde am 4. August 1847 als Sohn des regierenden Großherzogs
der Toskana, Leopold II., und seiner Gemahlin Maria Antonietta von Sizilien
geboren. Als Spross des toskanischen Zweiges des Hauses Habsburg-Lothringen
genoss er eine ungewöhnlich liberale Erziehung. Gefragt waren Bescheidenheit,
Fleiß und Geist; Tugenden, die sein weiteres Leben entscheidend prägen
sollten. Statt mit höfischer Etikette beschäftigte sich der junge
Erzherzog lieber mit dem Studium der Natur, allerlei Sprachen und seinem
Schimpansen „Gorilla“.
Als die Familie 1859 aufgrund der revolutionären Entwicklung Florenz
verlassen musste und sich auf Schloss Brandeis bei Prag niederließ,
sah es zunächst so aus, als ob der bildungshungrige Ludwig auf höhere
politische Weihen vorbereitet werden sollte. Doch bald erkannte der aufgeweckte
junge Mann, dass er nicht zu einer Beamtenlaufbahn oder Militärkarriere
berufen war. Zahlreiche Reisen in seiner Jugend hatten in ihm die Sehnsucht
nach dem Meer und südlichen Gestaden erweckt. Also „beurlaubte“ ihn
der Kaiser, und 1867 begab sich Salvator erstmals unter dem Pseudonym „Ludwig
Graf Neudorf“ zwecks "Vornahme naturwissenschaftlicher Studien" auf die Reise
zu den Balearischen Inseln.
Die wilde Schönheit der Hauptinsel Mallorca und die Liebenswürdigkeit
ihrer Bewohner beeindruckten ihn so sehr, dass er drei Jahre später
dieses Eiland zu seiner Wahlheimat erkor. Als stolzer Besitzer des „Kapitänspatentes
der langen Fahrt“ erwarb er die 51 Meter lange Nixe, die – wie er selbst
befand – fürderhin sein eigentliches Zuhause war.
„Der Wandertrieb ist dem Menschen angeboren. Nur die so genannte
Zivilisation, die vielen Pflichten, die sich der Mensch auferlegt, brachten
ihn zum sesshaften Leben und auf keine Weise kann man diesem natürlichen
Instinkt so nachgehen, wie mit Hilfe der Jacht. Man kann die eigene Arbeit,
sei sie literarischer, sei sie künstlerischer, sei sie wissenschaftlicher
Art, an Bord haben, mit allen hiezu erforderlichen Hilfsmitteln sich derselben
tätigst widmen und dabei doch von Zeit zu Zeit das Auge mit neuen Bildern
ergötzen, ich möchte sagen zugleich auch den Geist damit erfrischen.
Durch neue Spaziergänge, durch neue Ausfahrten wird ein Mittel zum Ausruhen
während der Arbeit geschaffen, was man bei einem festen Wohnsitz vergeblich
suchen würde.“
Der Mallorcaliebhaber auf Entdeckungsfahrt
Mit der geliebten Nixe bereiste der Erzherzog jahrzehntelang das Mittelmeer,
meist in Begleitung einer Entourage von etwa 20 Personen, Hunden, Katzen,
Vögeln, Affen und allerlei anderem Getier, sodass Zeitgenossen das Schiff
als „Arche Noah“ bezeichneten. Verständlicherweise erregte die bunt
zusammen gewürfelte Reisegesellschaft des Erzherzogs in den Häfen
stets großes Aufsehen. Neben der Schifffahrt galt sein besonderes Interesse
der wissenschaftlichen Erforschung unbeachteter Inseln und Küstenstriche.
Zu diesem Zweck hatte er eigens einen etwa 100 Seiten umfassenden Fragebogen
mit der Bezeichnung „Tabulae Ludovicinae“ entworfen, den er bei der Ankunft
im jeweiligen Zielgebiet gebildeten ortsansässigen Personen, etwa dem
Bürgermeister, Arzt, Lehrer, Richter und Pfarrer, übergab, mit
der Bitte, möglichst viele und genaue Daten über ihre Arbeits-
und Wissensgebiete zu sammeln, die er danach gemeinsam mit seinen Mitarbeitern
auswertete
.
Ludwig Salvator begab sich in Begleitung seines mallorquinischen Sekretärs
Don Antoni Vives und ortskundiger Führer oft auf ausgedehnte Wanderungen,
wobei er die Landschaft, Flora, Fauna, Bevölkerung und Kultur seiner
Aufenthaltsorte in allen Details beschrieb. Mit dabei hatte er stets ein
kleines Tuschefässchen in der Form eines Globus, Feder und Papier. Auf
diese Art entstand eine Fülle von meisterhaften Zeichnungen, die seine
Beschreibungen ergänzten. Aus all diesen Daten stellte Ludwig Salvator
umfangreiche Manuskripte zusammen, die er auf eigene Kosten beim Prager Verleger
Mercy in Form aufwendigst gestalteter Bücher drucken ließ. Meist
nur in einer Auflage von 500 Stück gefertigt, verschenkte der Erzherzog
diese bibliophilen Raritäten dann an Freunde, Mitarbeiter und sonstige
an seiner Arbeit interessierte Personen und Institutionen. Durch den bekannten
Berliner Reiseverleger Leo Woerl gelangten einige seiner Arbeiten auch in
den Buchhandel. Salvators wissenschaftlichen Werke fanden rasch internationale
Anerkennung. Er wurde mit Diplomen und Ehrenmitgliedschaften diverser Akademien
und Institutionen förmlich überhäuft.
Das Monumentalwerk „Die Balearen. In Wort und Bild geschildert“
Seinem engen Freund Jules Verne diente er als Vorlage für den Helden
des Romans „Matthias Sandorf“. Dem „größten Chronisten des Mittelmeeres“
war es ein großes Anliegen, das Interesse der Öffentlichkeit für
Landschaften zu wecken, die, wie er fand, zu Unrecht wenig bekannt waren
und kaum bereist wurden. Seine Aufmerksamkeit galt weniger den klassischen
Kulturzentren, sondern kleinen, unentdeckten Regionen, etwa den Inseln Paxos
und Antipaxos, Ithaka, Levkas und Zante (Zakynthos) im Ionischen Meer sowie
den Liparischen Inseln im Norden Siziliens, den kleinen Inseln Giglio, Ustica
und Alboran und insbesondere den damals, man kann's sich heute kaum noch
vorstellen, weitgehend unbekannten balearischen Inseln Mallorca, Menorca,
Eivissa (Ibiza) und Formentera.
Bereits im Jahr 1869 erschien der erste, Kaiser Franz Joseph gewidmete Band
seines aus sieben Einzel- und zwei Doppelbänden bestehenden, etwa 6.000
Seiten umfassenden Monumentalwerkes „Die Balearen. In Wort und Bild geschildert“,
für das er auf der Pariser Weltausstellung 1878 die Goldmedaille erhielt.
Vom winzigsten Käfer und von sonstigem Getier, allen Pflanzenarten über
Meteorologie, Geschichte, Volkskunde, Architektur, Landschaftsbeschreibungen
bis hin zur detailreichen Beschreibung der Bevölkerung, ihrer Gebräuche,
Lieder, Gedichte ist in dieser berühmten und bis zum heutigen Tag in
ihrer Vielfalt unerreichten Monographie nahezu alles dargestellt.
Das Ende eines Lebenstraumes, das Ende eines erfüllten Lebens
Als im Jahr 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, neigte sich ein langes, intensiv
genossenes und schaffensreiches Leben voller Unangepasstheit, Freiheit und
Liebe dem Ende zu.
Auf allerhöchsten kaiserlichen Befehl musste Ludwig Salvator auf das
Schloss Brandeis bei Prag zurückkehren. Während der Krieg tobte
und unfassbares Leid über die beteiligten Völker brachte, gab der
bereits sterbenskranke Erzherzog, wie aus stillem Protest, sein letztes,
anrührendes Werk „Zärtlichkeitsausdrücke und Koseworte in
der friulanischen Sprache“ heraus („Magari un pagnut in dìe vuarê-si
ben, benedete!“ – „Ein Stück Brot täglich ist auch genug, wenn
man nur einander liebt, mein Schatz!“).
Am 12. Oktober 1915 starb Ludwig Salvator in Brandeis bei Prag. Anstatt auf
seinem über alles geliebten Landgut Miramar, „wo die Sonne mit ihrem
goldenen Licht seinen Grabhügel überflutet“ hätte, ruht
der „Diogenes aus fürstlichem Geschlecht“, wie der spanische
Dichter Unamuno ihn einmal genannt hatte, nun eingemauert in einer Nische
der Kapuzinergruft in Wien.
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09.07.2008 10:46 Taucher Online : 202 Heute 5170, ges. 27409223 Besucher
 
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