Expeditionstauchcamp Grönland 2000

 Geschrieben von Regine Frerichs
Bereits vor einem Jahr begannen unsere Vorbereitungen für ein Tauchcamp in der arktischen Wildnis in Grönland. Ein Freund (Biologe und Forschungstaucher) und ich (Geologin und Forschungstaucherin) sind bereits mehrfach in der Arktis gewesen, und dieser Teil unserer Welt hat uns so in seinen Bann gezogen, dass wir es bevorzugen, unsere Tauchreviere zwischen dem 60sten und 80sten Breitengrad zu suchen (wenn's geht, auch noch weiter...).
So fiel unsere Wahl auf die Westküste Grönlands, genauer gesagt auf Aasiaat (Egedesminde) am südlichen Ausgang der Discobucht, nördlich des Polarkreises. Das 3.000-Seelen-Nest hat seit ein paar Jahren einen Flughafen, der nicht nur von Helikoptern, sondern auch von den Turboprobs (50 Passagiere) der Greenlandair angeflogen wird.
Die Truppe bestand aus zwölf Leuten, alle mit Erfahrung im Trockentauchen. So viel wie möglich hatten wir von Deutschland aus organisiert. Trotzdem blieben viele Punkte offen, die es vor Ort zu klären galt. Wir hatten uns für ein Tauchcamp entschieden, da in Grönland alles sehr teuer ist.

Das Equipment wurde bereits fünf Wochen vorher verschifft. Neben zwei Schlauchbooten (Zodiak und Avon) mit Außenborder (Yamaha und Mercury, wobei letzterer uns einigen Ärger bereitete...) hatten wir ein großes Mannschaftszelt (für Aufenthalt und Essen), ein kleineres Equipmentzelt, zwei Mini-Kompresssoren von Comptec (liefen ganz hervorragend), zwei Kocher, Gasflaschen (kann man vor Ort nur bedingt füllen), Lebensmittel und, was man in der Wildnis sonst noch braucht, mit.

Vorbereitungen

Vieles musste und konnte jedoch erst vor Ort entschieden und organisiert werden. So zum Beispiel die Kanister für ca. 150 Liter Benzin. Weitere Punkte waren der Campplatz und die Süßwasserversorgung. Hiervon hing in erster Linie die Wahl des Campplatzes ab.

Drei aus dem Team


Bis auf das Wetter, das uns nicht gerade freundlich empfing und uns die ersten Tage auf eine harte Probe stellte, verlief alles ganz nach Wunsch. Das Equipment wurde mit einem Gabelstapler aus einer Lagerhalle gefahren, die Schlauchboote waren schnell zusammengebaut, Benzinkanister organisiert und Benzin gekauft. Während einige von uns am Hafen blieben, fuhren die anderen mit den Booten die Küste ab - und nach einer guten Stunde war ein Lagerplatz gefunden. Nun galt es, die restliche Ausrüstung zum Camp zu bringen, was mit mehreren Fahrten bewerkstelligt wurde. Als das Camp mehr oder weniger fertig aufgebaut war, fielen wir todmüde in unsere Schlafsäcke. Immerhin waren wir mittlerweile weit über 24 Stunden auf den Beinen gewesen.

Die Hausbucht

Der Regen, der uns am nächsten Morgen mit leisem Trommeln auf die Zeltdächer weckte, sollte uns noch vier weitere Tage begleiten. Das hielt uns jedoch nicht davon ab, unsere "Hausbucht" zu erkunden und die ersten Eisberge auch unter Wasser in Augenschein zu nehmen. Da das Tauchen an Eisbergen recht gefährlich ist, kommt es auf die richtige Auswahl an!

Unter Wasser zeigen sich die Ausmaße der Eismassen, die schon über Wasser sehr imponierend sind. Riesige Eiszapfen, Höhlen und Canyons ragen weit in die Tiefe, und wenn das Eis arbeitet, knallt es wie Schüsse durch das Wasser, und die Druckwellen laufen durch den Körper. Leben gibt es unter Wasser an den Eisbergen kaum, nur ein paar Rippenquallen, manchmal ein Schwarm Krill oder Schmetterlingsschnecken.

Seestern und -igel
Seeskorpion

Auch unter dem Eis Leben: Seestern inmitten von Seeigeln (links) und Seeskorpion (rechts)

Die ersten Tage wurden weiterhin mit dem Auf- und Ausbau des Camps verbracht. Hierzu gehörte das Zusammenzimmern eines Tisches für das Mannschaftszelt. Bretter gab es in der unmittelbaren Umgebung genug: Eine bis auf die Grundmauern verfallene Hütte lieferte uns Material. Durch den "Überschuss" an Baumaterial fühlten sich einige findige Baumeister animiert, noch eine Dusche zu bauen. Welch ein Luxus! Mit Planen umspannte Bretter hielten Wetter und Blicke ab, eine alte Fischkiste diente als Wanne. Die Dusche selbst bestand aus einer Solardusche, die mit vorgeheiztem Wasser gefüllt wurde.

Nachdem wir die ersten Tage hinter uns gebracht und die Stimmung trotz des Wetters immer noch hervorragend war, wurden wir mit dem lang ersehnten arktischen Sommer belohnt. Er kündigte sich am Abend des fünften Tages an: als Silberstreif am Horizont. Die allgegenwärtige Wolkendecke, die bisher eher dicht über den Bergen gehangen hatte, stieg langsam immer höher und entwickelte phantastische Strukturen, die von der tief stehenden Sonne in blaue, rote und goldene Farben getaucht wurden. Sofort wurden die Aussichtsberge neben dem Camp erklettert, um noch mehr von dem ersten richtigen Sonnenuntergang mitzubekommen.

Sonnenuntergang
Sommerahnung

Eine Vorahnung des arktischen Sommers...

Dann am nächsten Tag begann der arktische Sommer auch für uns: Strahlend blauer Himmel, Sonnenuntergänge, die auf Postkarten gebannt kitschig genannt werden, und Nächte, in denen es nicht richtig dunkel wird. Klare Luft, die einen weit in die Ferne zu blicken erlaubt und die Ausmaße der weiten Wildnis erahnen lässt.

Einziger Wermutstropfen: Sobald der Wind nachließ, kamen auch die Mücken heraus, die von einigen unserer Truppe recht magisch angezogen wurden (zum Glück mögen sie mich nicht, habe keinen einzigen Mückenstich abbekommen...). Gegen Abend verzogen sich die Mücken aber regelmäßig größtenteils, so dass wir die Abendstunden oft vor dem Mannschaftszelt verbringen konnten.

treibendes Eis

Vorbeitreibende kleine Eisbrocken ließen uns schnell ein Boot klarmachen und die guten Stücke an Land bringen, wo sie als Eiswürfelreservoir für "Longdrinks" dienten. Wenn sie weggeschmolzen waren, machte es nichts: es gab ja genug davon!

Sommer im Eis

Nachts wurde unser Camp offenbar manchmal von einem kleinen Polarfuchs besucht, den wir allerdings nur einmal zu Gesicht bekamen.

Unsere Hausbucht bot mehr als genug für unsere Mahlzeiten: Steinbeißer, Schollen und Muscheln wurden von einigen Kochtalenten zu üppigen Mahlzeiten bereitet, die sich durchaus mit Angeboten gehobener Restaurants messen konnten. Allerdings mussten wir all diese Köstlichkeiten erst einmal selbst aus dem Meer holen. So gab es nach kurzer Zeit viele Jäger, alle wurden zu Sammlern, nur die Köche hatten ihr Talent bereits mitgebracht.

Auf dem "Markt" in Aasiaat (sprich den kleinen offenen Booten der Inuit) wurden weitere "Köstlichkeiten" der Region angeboten: Rentier, Moschusochse und Robben.

Die Boote wurden zum Erreichen neuer Tauchplätze und für die Tauchgänge an den Eisbergen ausgiebig genutzt. Dazu sei noch einmal gesagt: Tauchen an Eisbergen ist nicht mit unserem heimischen Eistauchen zu vergleichen. Eisberge können auseinanderbrechen, sich drehen, oder Überhänge fallen herab. Um hier zu tauchen, sollte man jemanden dabei haben, der sich damit auskennt!

Eisberg 1
Eisberg bei Dämmerung
Von Eis umgeben

Ein Berufstaucher vor Ort hat uns noch einige Tauchplätze nahegelegt, die wir erkundet haben. Unter anderem eine alte Walfangstation. Darunter darf man sich nichts Besonderes vorstellen. Ein paar glatte Felsen mit einer Vorrichtung, um Wale darauf zu ziehen. Unter Wasser waren die Überreste zu sehen, die einem die Ausmaße dieser Tiere vor Augen führen. Die Größe fasziniert, und die von den Sonnenreflexen beschienenen ausgebleichten Skelette lassen einen nachdenklich werden. Der industrielle Walfang ist in Grönland seit einigen Jahren verboten. So gehen nur noch die Einheimischen auf Walfang (es dürfen zwei Wale in der Saison geschossen werden), um den Eigenbedarf zu decken und sich einen Teil des Lebensunterhaltes zu verdienen.

Wirbelknochen von Walen

Wal-Wirbelknochen

Taucher über Walknochen


Das linke Bild lässt die Größenverhältnisse erahnen: Taucher über Walknochen

Ein weiterer Tauchplatz sollte ein 60-Meter-Frachter sein. Seit 20 Jahren liegt er dort und war nach einem Brand an Bord aus dem Hafen zu einer gegenüberliegenden Insel geschleppt und versenkt worden. Gefunden haben wir ihn allerdings erst beim dritten Versuch und dann ausgiebig "erkundet". So stehen bei einigen von uns heute ein paar Porzellanteller mehr im Schrank, die immerhin mit dem hübschen Emblem (einem Eisbären) der "Royal Arctic Line" verziert sind.

Auf die Bitte des Berufstauchers, für ihn einen Anker zu bergen, fuhren wir am vorletzten Tag noch in eine Bucht (genauer gesagt: zum örtlichen Schrottplatz), in der offensichtlich auch alte Schiffe und Boote versenkt werden. Neben drei übereinander gestapelten Fischkuttern fanden sich noch drei weitere Wracks auf engstem Raum. Der einzige Anker, der sich fand, wurde mittels findiger Hebetechniken geborgen.

Schrottplatz

Rechts: Am "Schrottplatz"

Tauchen in der Arktis hat einen ganz besonderen Reiz: Die allermeisten Tauchplätze wurden noch nie betaucht und werden in Zukunft auch wohl kaum wieder betaucht werden. Du siehst also Plätze auf dieser Welt, die seit Äonen unberührt daliegen und nach dir wieder ihr Dasein in der Weite der Erdgeschichte verlieren. Wunderschön und ruhig, nur besucht von den Lebewesen der Arktis, bleiben diese Plätze den Augen der Menschheit verborgen. Vielleicht ist man der einzige, der diese Schönheit jemals gesehen hat.

Wer nicht tauchen ging, konnte ausgedehnte Wanderungen in die unbesiedelte tundraähnliche Umgebung des Camps machen und die weiten Ausblicke über die Diskobucht zur Diskoinsel mit ihren riesigen Gletschern genießen.

Auf nächtlichen Bootsausfahrten haben wir Wale gesehen, die auch einmal direkt vor unserer Bucht durch den Sund gezogen sind. Am letzten Tag hatten einige noch das Privileg einen Wal aus nächster Nähe zu betrachten, der neugierig in ca. zehn Meter Entfernung um das Boot schwamm. Die anderen nutzten den Tag, um mit einem Schiff zum ca. 100 km entfernten Ilulissat zu fahren. Dort münden die Eisberge des aktivsten Gletschers der Nordhemisphäre ins Meer.

Die Tour war anstrengend, aufregend, hat riesig Spaß gemacht und wohl für fast alle völlig neue Eindrücke gebracht.

Taucher

2001 fahren wir wieder hin. Diesmal mit einem 18 Meter Zweimastsegler. Es wird von den Faröer-Inseln über Island nach Ostgrönland gehen. Sofern uns nicht Wetter und Packeisgürtel abhalten... Es sind wieder vier von uns dabei, die sich nicht von den Unbilden der arktischen Wildnis abhalten lassen, im Gegenteil: Die trostlose Ödnis kann sich in eine unglaublich schöne Weite verwandeln, Leben lässt sich auch an den unwirtlichsten Plätzen finden, und auf sich gestellt, findet man zurück zur Faszination am puren Leben. Einfach am Dasein. Über und unter Wasser. Es kann eine Leidenschaft entstehen, die dich immer wieder hierhin zieht.


Zum Schluss noch einige Fakten in Kürze:

Lufttemperatur: meist zwischen +5 und +10 °C (auf dem Rückweg in Kangerlussuaq +40 °C in der Sonne!), manchmal bis +20 °C, manchmal Nachtfrost.

Wassertemperatur: zwischen 2 °C und 4 °C.
Automaten sind nicht vereist.
Als Sicherheitsmaßnahmen gab es O2-Koffer, Medizinkoffer, Funkgeräte, GPS und Handy (D2 funktioniert, D1 nicht).
Druckkammer: nicht erreichbar.
Maximale Tauchtiefe: 30 Meter (in den Fjorden, Buchten und vor allem unter den Eisbergen im freiem Wasser ist es oft sehr viel tiefer, aus Sicherheitsgründen haben wir uns diese Grenze gesetzt).
Keine Dekotauchgänge (auch aus Sicherheitsgründen).
Bis auf einige Kleinigkeiten (Kratzer, Schrammen, nicht der Rede wert) und von der Sonne verbrannte Nasen gab es keine Verletzungen zu beklagen.


Abendrot



(C) 2001 - Bilder und Text: Regine Frerichs

Infos

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