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Bereits
vor einem Jahr begannen unsere Vorbereitungen für ein Tauchcamp in
der arktischen Wildnis in Grönland. Ein Freund (Biologe und Forschungstaucher)
und ich (Geologin und Forschungstaucherin) sind bereits mehrfach in der
Arktis gewesen, und dieser Teil unserer Welt hat uns so in seinen Bann
gezogen, dass wir es bevorzugen, unsere Tauchreviere zwischen dem 60sten
und 80sten Breitengrad zu suchen (wenn's geht, auch noch weiter...).
So
fiel unsere Wahl auf die Westküste Grönlands, genauer gesagt
auf Aasiaat (Egedesminde) am südlichen Ausgang der Discobucht, nördlich
des Polarkreises. Das 3.000-Seelen-Nest hat seit ein paar Jahren einen
Flughafen, der nicht nur von Helikoptern, sondern auch von den Turboprobs
(50 Passagiere) der Greenlandair angeflogen wird.
Die
Truppe bestand aus zwölf Leuten, alle mit Erfahrung im Trockentauchen.
So viel wie möglich hatten wir von Deutschland aus organisiert. Trotzdem
blieben viele Punkte offen, die es vor Ort zu klären galt. Wir hatten
uns für ein Tauchcamp entschieden, da in Grönland alles sehr
teuer ist.
Das
Equipment wurde bereits fünf Wochen vorher verschifft. Neben zwei
Schlauchbooten (Zodiak und Avon) mit Außenborder (Yamaha und Mercury,
wobei letzterer uns einigen Ärger bereitete...) hatten wir ein großes
Mannschaftszelt (für Aufenthalt und Essen), ein kleineres Equipmentzelt,
zwei Mini-Kompresssoren von Comptec (liefen ganz hervorragend), zwei Kocher,
Gasflaschen (kann man vor Ort nur bedingt füllen), Lebensmittel und,
was man in der Wildnis sonst noch braucht, mit.

Vieles
musste und konnte jedoch erst vor Ort entschieden und organisiert werden.
So zum Beispiel die Kanister für ca. 150 Liter Benzin. Weitere Punkte
waren der Campplatz und die Süßwasserversorgung. Hiervon hing
in erster Linie die Wahl des Campplatzes ab.

Bis
auf das Wetter, das uns nicht gerade freundlich empfing und uns die ersten
Tage auf eine harte Probe stellte, verlief alles ganz nach Wunsch. Das
Equipment wurde mit einem Gabelstapler aus einer Lagerhalle gefahren, die
Schlauchboote waren schnell zusammengebaut, Benzinkanister organisiert
und Benzin gekauft. Während einige von uns am Hafen blieben, fuhren
die anderen mit den Booten die Küste ab - und nach einer guten Stunde
war ein Lagerplatz gefunden. Nun galt es, die restliche Ausrüstung
zum Camp zu bringen, was mit mehreren Fahrten bewerkstelligt wurde. Als
das Camp mehr oder weniger fertig aufgebaut war, fielen wir todmüde
in unsere Schlafsäcke. Immerhin waren wir mittlerweile weit über
24 Stunden auf den Beinen gewesen.

Der
Regen, der uns am nächsten Morgen mit leisem Trommeln auf die Zeltdächer
weckte, sollte uns noch vier weitere Tage begleiten. Das hielt uns jedoch
nicht davon ab, unsere "Hausbucht" zu erkunden und die ersten Eisberge
auch unter Wasser in Augenschein zu nehmen. Da das Tauchen an Eisbergen
recht gefährlich ist, kommt es auf die richtige Auswahl an!
Unter
Wasser zeigen sich die Ausmaße der Eismassen, die schon über
Wasser sehr imponierend sind. Riesige Eiszapfen, Höhlen und Canyons
ragen weit in die Tiefe, und wenn das Eis arbeitet, knallt es wie Schüsse
durch das Wasser, und die Druckwellen laufen durch den Körper. Leben
gibt es unter Wasser an den Eisbergen kaum, nur ein paar Rippenquallen,
manchmal ein Schwarm Krill oder Schmetterlingsschnecken.


Auch unter dem Eis Leben: Seestern inmitten von Seeigeln
(links) und Seeskorpion (rechts)
Die
ersten Tage wurden weiterhin mit dem Auf- und Ausbau des Camps verbracht.
Hierzu gehörte das Zusammenzimmern eines Tisches für das Mannschaftszelt.
Bretter gab es in der unmittelbaren Umgebung genug: Eine bis auf die Grundmauern
verfallene Hütte lieferte uns Material. Durch den "Überschuss"
an Baumaterial fühlten sich einige findige Baumeister animiert, noch
eine Dusche zu bauen. Welch ein Luxus! Mit Planen umspannte Bretter hielten
Wetter und Blicke ab, eine alte Fischkiste diente als Wanne. Die Dusche
selbst bestand aus einer Solardusche, die mit vorgeheiztem Wasser gefüllt
wurde.
Nachdem
wir die ersten Tage hinter uns gebracht und die Stimmung trotz des Wetters
immer noch hervorragend war, wurden wir mit dem lang ersehnten arktischen
Sommer belohnt. Er kündigte sich am Abend des fünften Tages an:
als Silberstreif am Horizont. Die allgegenwärtige Wolkendecke, die
bisher eher dicht über den Bergen gehangen hatte, stieg langsam immer
höher und entwickelte phantastische Strukturen, die von der tief stehenden
Sonne in blaue, rote und goldene Farben getaucht wurden. Sofort wurden
die Aussichtsberge neben dem Camp erklettert, um noch mehr von dem ersten
richtigen Sonnenuntergang mitzubekommen.
Eine Vorahnung des arktischen Sommers...
Dann
am nächsten Tag begann der arktische Sommer auch für uns: Strahlend
blauer Himmel, Sonnenuntergänge, die auf Postkarten gebannt kitschig
genannt werden, und Nächte, in denen es nicht richtig dunkel wird.
Klare Luft, die einen weit in die Ferne zu blicken erlaubt und die Ausmaße
der weiten Wildnis erahnen lässt.
Einziger
Wermutstropfen: Sobald der Wind nachließ, kamen auch die Mücken
heraus, die von einigen unserer Truppe recht magisch angezogen wurden (zum
Glück mögen sie mich nicht, habe keinen einzigen Mückenstich
abbekommen...). Gegen Abend verzogen sich die Mücken aber regelmäßig
größtenteils, so dass wir die Abendstunden oft vor dem Mannschaftszelt
verbringen konnten.

Vorbeitreibende
kleine Eisbrocken ließen uns schnell ein Boot klarmachen und die
guten Stücke an Land bringen, wo sie als Eiswürfelreservoir für
"Longdrinks" dienten. Wenn sie weggeschmolzen waren, machte es nichts:
es gab ja genug davon!

Nachts
wurde unser Camp offenbar manchmal von einem kleinen Polarfuchs besucht,
den wir allerdings nur einmal zu Gesicht bekamen.
Unsere
Hausbucht bot mehr als genug für unsere Mahlzeiten: Steinbeißer,
Schollen und Muscheln wurden von einigen Kochtalenten zu üppigen Mahlzeiten
bereitet, die sich durchaus mit Angeboten gehobener Restaurants messen
konnten. Allerdings mussten wir all diese Köstlichkeiten erst einmal
selbst aus dem Meer holen. So gab es nach kurzer Zeit viele Jäger,
alle wurden zu Sammlern, nur die Köche hatten ihr Talent bereits mitgebracht.
Auf
dem "Markt" in Aasiaat (sprich den kleinen offenen Booten der Inuit) wurden
weitere "Köstlichkeiten" der Region angeboten: Rentier, Moschusochse
und Robben.
Die
Boote wurden zum Erreichen neuer Tauchplätze und für die Tauchgänge
an den Eisbergen ausgiebig genutzt. Dazu sei noch einmal gesagt: Tauchen
an Eisbergen ist nicht mit unserem heimischen Eistauchen zu vergleichen.
Eisberge können auseinanderbrechen, sich drehen, oder Überhänge
fallen herab. Um hier zu tauchen, sollte man jemanden dabei haben, der
sich damit auskennt!

Ein
Berufstaucher vor Ort hat uns noch einige Tauchplätze nahegelegt,
die wir erkundet haben. Unter anderem eine alte Walfangstation. Darunter
darf man sich nichts Besonderes vorstellen. Ein paar glatte Felsen mit
einer Vorrichtung, um Wale darauf zu ziehen. Unter Wasser waren die Überreste
zu sehen, die einem die Ausmaße dieser Tiere vor Augen führen.
Die Größe fasziniert, und die von den Sonnenreflexen beschienenen
ausgebleichten Skelette lassen einen nachdenklich werden. Der industrielle
Walfang ist in Grönland seit einigen Jahren verboten. So gehen nur
noch die Einheimischen auf Walfang (es dürfen zwei Wale in der Saison
geschossen werden), um den Eigenbedarf zu decken und sich einen Teil des
Lebensunterhaltes zu verdienen.
Wirbelknochen von Walen
Das linke Bild lässt die Größenverhältnisse
erahnen: Taucher über Walknochen
Ein
weiterer Tauchplatz sollte ein 60-Meter-Frachter sein. Seit 20 Jahren liegt
er dort und war nach einem Brand an Bord aus dem Hafen zu einer gegenüberliegenden
Insel geschleppt und versenkt worden. Gefunden haben wir ihn allerdings
erst beim dritten Versuch und dann ausgiebig "erkundet". So stehen bei
einigen von uns heute ein paar Porzellanteller mehr im Schrank, die immerhin
mit dem hübschen Emblem (einem Eisbären) der "Royal Arctic Line"
verziert sind.
Auf
die Bitte des Berufstauchers, für ihn einen Anker zu bergen, fuhren
wir am vorletzten Tag noch in eine Bucht (genauer gesagt: zum örtlichen
Schrottplatz), in der offensichtlich auch alte Schiffe und Boote versenkt
werden. Neben drei übereinander gestapelten Fischkuttern fanden sich
noch drei weitere Wracks auf engstem Raum. Der einzige Anker, der sich
fand, wurde mittels findiger Hebetechniken geborgen.
Rechts: Am "Schrottplatz"
Tauchen
in der Arktis hat einen ganz besonderen Reiz: Die allermeisten Tauchplätze
wurden noch nie betaucht und werden in Zukunft auch wohl kaum wieder betaucht
werden. Du siehst also Plätze auf dieser Welt, die seit Äonen
unberührt daliegen und nach dir wieder ihr Dasein in der Weite der
Erdgeschichte verlieren. Wunderschön und ruhig, nur besucht von den
Lebewesen der Arktis, bleiben diese Plätze den Augen der Menschheit
verborgen. Vielleicht ist man der einzige, der diese Schönheit jemals
gesehen hat.
Wer
nicht tauchen ging, konnte ausgedehnte Wanderungen in die unbesiedelte
tundraähnliche Umgebung des Camps machen und die weiten Ausblicke
über die Diskobucht zur Diskoinsel mit ihren riesigen Gletschern genießen.
Auf
nächtlichen Bootsausfahrten haben wir Wale gesehen, die auch einmal
direkt vor unserer Bucht durch den Sund gezogen sind. Am letzten Tag hatten
einige noch das Privileg einen Wal aus nächster Nähe zu betrachten,
der neugierig in ca. zehn Meter Entfernung um das Boot schwamm. Die anderen
nutzten den Tag, um mit einem Schiff zum ca. 100 km entfernten Ilulissat
zu fahren. Dort münden die Eisberge des aktivsten Gletschers der Nordhemisphäre
ins Meer.
Die
Tour war anstrengend, aufregend, hat riesig Spaß gemacht und wohl
für fast alle völlig neue Eindrücke gebracht.

2001
fahren wir wieder hin. Diesmal mit einem 18 Meter Zweimastsegler. Es wird
von den Faröer-Inseln über Island nach Ostgrönland gehen.
Sofern uns nicht Wetter und Packeisgürtel abhalten... Es sind wieder
vier von uns dabei, die sich nicht von den Unbilden der arktischen Wildnis
abhalten lassen, im Gegenteil: Die trostlose Ödnis kann sich in eine
unglaublich schöne Weite verwandeln, Leben lässt sich auch an
den unwirtlichsten Plätzen finden, und auf sich gestellt, findet man
zurück zur Faszination am puren Leben. Einfach am Dasein. Über
und unter Wasser. Es kann eine Leidenschaft entstehen, die dich immer wieder
hierhin zieht.
Zum
Schluss noch einige Fakten in Kürze:
Lufttemperatur:
meist zwischen +5 und +10 °C (auf dem Rückweg in Kangerlussuaq
+40 °C in der Sonne!), manchmal bis +20 °C, manchmal Nachtfrost.
Wassertemperatur:
zwischen 2 °C und 4 °C.
Automaten
sind nicht vereist.
Als
Sicherheitsmaßnahmen
gab es O2-Koffer, Medizinkoffer, Funkgeräte, GPS und Handy (D2 funktioniert,
D1 nicht).
Druckkammer:
nicht erreichbar.
Maximale
Tauchtiefe: 30 Meter (in den Fjorden, Buchten und vor allem unter den
Eisbergen im freiem Wasser ist es oft sehr viel tiefer, aus Sicherheitsgründen
haben wir uns diese Grenze gesetzt).
Keine
Dekotauchgänge (auch aus Sicherheitsgründen).
Bis
auf einige Kleinigkeiten (Kratzer, Schrammen, nicht der Rede wert) und
von der Sonne verbrannte Nasen gab es keine Verletzungen zu beklagen.

(C) 2001 - Bilder und Text: Regine Frerichs |